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Wortsinn © Matthias Mala

„Seltsam“, meinte er nach einer Weile, als wir uns zufällig in der fremden Stadt über den Weg gelaufen waren, „es ist alles so sinnlos. Warum treffen wir uns hier und nicht woanders? In unserer Stadt haben wir uns nur dreimal zufällig getroffen, sonst mussten wir uns dort immer verabreden. Und hier in diesem Moloch am anderen Ende der Welt laufen wir uns in die Arme.“

„Seltsam, wie wahr. Aber warum ist es sinnlos?“, entgegnete der Freund. „Es macht doch schon soweit für sich Sinn, als dass wir uns jetzt in der Fremde nicht mehr so fremd fühlen.“

„Und wenn wir uns trennen, sind wir schon wieder Fremde in der Fremde. Das ist doch erst recht sinnlos. Wir hätten uns gar nicht treffen dürfen“, gab er zurück. „Das war von der Vorsehung gar nicht so vorgesehen. Zehn Sekunden zeitversetzt und wir wären dieser Begegnung entgangen und hätten unseren Seelenfrieden behalten …“. Er lächelte versonnen vor sich hin.

Der Freund schwieg eine Weile, sah seinen Freund mit leerem Blick an, nickte ebenfalls lächelnd. Dann belebte sich sein Blick wieder, und er sagte leise: „Es war Vorsehung!“

„Vorsehung? Die Begegnung hier mit dir? Oder die Begegnung mit der Sinnlosigkeit?“

„Nein, dein Genöle über die Sinnlosigkeit. Es macht so viel Sinn. So unglaublich viel Sinn, dass ich jetzt den Sinn der Sinnlosigkeit erfasse“, sagte der Freund und lächelte glückselig. Offensichtlich hatte er in diesem Augenblick eine besondere Eingebung.

Ich wurde einmal zum Zeugen einer solchen Eingebung. Ein Freund erfasste ebenso den Sinn der Sinnlosigkeit und stammelte daraufhin, wie sinnlos und wie sinnig der Sinn des Lebens sei. Alles hätte Sinn, nur weil es sinnlos sei. Da er zudem erkennbar verwirrt war, begleiteten wir ihn in eine psychiatrische Ambulanz. Dort diagnostizierte man eine akute psychotische Störung. Nach vierzehn Tagen war sie gänzlich abgeklungen. Der Freund hatte auch nie wieder eine solche Erscheinung. Allerdings blieb ihm auch nichts von der Erkenntnis seiner Erkenntnis der sinnhaften Sinnlosigkeit. Der psychotische Blick ins Transzendente blieb eine in jeder Hinsicht folgenlose Episode. Womit sie wohl in sich in vollkommener Sinnlosigkeit von vollendeter Sinnhaftigkeit war.

Was ich damit sagen möchte: die Einsicht in die Sinnlosigkeit des Seins kann sinnstiftend sein. Sie kann aber ebenso tödlich sein. Ist sie tödlich, mag sie letzte seinserfüllende Erkenntnis gewesen sein. Spannender, weil fordernder, ist derlei Einsicht, solange sie im und am Leben bleibt und nicht mit einem psychotischen Schub versiegt. Denn dann macht das Leben erst richtig Sinn, wenn man für jeden Moment um seine Sinnlosigkeit weiß. Schließlich kann man dann nichts mehr verlieren und somit freudig alles fahren lassen. Gibt es noch einen besseren Sinn für die Sinnlosigkeit allen Seins? Denn, wer nichts mehr hält, hält alles und nichts. – Glückselig, wer da noch durchblickt …

Verworten

© Matthias Mala

Einen Stein ins Wasser werfen
Und die schlagenden Wellen spotten.

Der Stein war gefunden,
Die Wellen zuvor stiller Spiegel.

Der Werfer brüstet sich
Ob seiner Schöpfung.

Der Stein versinkt,
Der Spiegel glättet sich.

Wartend auf den Wind,
Der mit den Wellen tanzt.

Trump trifft Esoterik

Spirale von Ruth Mala © Matthias Mala

Spirale von Ruth Mala © Matthias Mala

Byron Katie hat aus ihrer Psychotherapieerfahrenheit eine eigene Methode – „The Work“ – für den Psychomarkt entwickelt. Die Methode mutet mich recht esoterisch an. Sie ist sehr reduziert. Es geht immer wieder um Selbstreflexion und Perspektivwechsel in einem selbst. Ein Thema, das bei mir in letzter Zeit häufiger zum Frühstück um den Tisch kreist. Anlass sind meist Gedanken über den Echoraum, von dem sich so mancher Geist beschallen lässt, und dessen Echowellen ihn gleich Betonrüttlern den Beton in seiner Wesenheit verdichten, bis er starr und steinern in sich ruht. Ein solcher Mensch ist gut und glücklich, denn er irrt sich nie! – Ich hingegen bemitleide diese „Glücklichen“.

Doch zurück zu Byron Katie. Ihre Methode mutet mich weiters wie gelungener Solipsimus an. Demnach ist die Welt in meinem Kopf, und sie ändert sich, sobald sich der Inhalt im Kopf verändert. Wobei auch die Anstöße zur Änderung nur in mir entstehen. Das ist der totale Echoraum. Und in ihm kann geschehen, was in noch vernetzten Echoräumen nicht entstehen kann, Starr und Stein gerät durch die Eigenbeschallung ins bröseln und reduziert sich letztlich bis zum Nirwana. Denn auch das eigene Echo wird als Maya, als große Täuschung, erkannt, das uns von der letzten Erlösung, dem Nichtsein im Allsein und umgekehrt usw. usf. blabla, abhalten soll.

Somit gibt es keinen Trump und keine Welt mehr, alles ist reduziert, wie ein fein gerechter Zengarten: Kieslinien mit nur einer Macke! Und diese Macke ist man selbst. Okay … Es stimmt ebenso, wie es Blödsinn ist!

Doch erneut zurück zu Byron Katie, hier ein Link auf ein Video eines Works mit ihr, auf das ich zufällig stieß, und das die Behandlung der kollektiven Irritation hinsichtlich Trump zeigt. Es ist amüsant und hoffentlich ein Anstoß, der vielleicht die Türe eines Echoraumes aufstößt, auf dass die Magie der Widersprüchlichkeit mal wieder in einer Person Fahrt aufnimmt.

Schwarm © Matthias Mala

Schwarm © Matthias Mala

Wer schwärmt hat einen Schwarm. Junge Menschen, so ein alltagstaugliches Vorurteil, schwärmen für ihr Idol, mal ist’s ein Schlagersänger, mal der Papst, seltener ein Politiker. Aber auch ältere Menschen schwärmen, hier darf es dann neben einem Volkssänger auch einmal ein Politiker sein. Wer schwärmt, folgt seinem Schwarm. Der Schwarm ist sakrosankt, fehlerfrei und immer großartig. Offenbart er im Lauf der Zeit dennoch Makel, löst man sich mit Weh und Ach von ihm oder folgt ihm getreu bis in den Untergang. Zu schwärmen macht den Schwärmenden zudem taumelig, ihm schwirren Augen und Ohren, weswegen man ihn ob solcher Desorientierung auch gerne als Schwarmgeist abtut.

Das Wort Schwarm bedeutete einst Bienenschwarm. Heute, in Zeiten, das man über Schwarmintelligenz nachdenkt, gewinnt diese Konnotation wieder Bedeutung. Schließlich gelten Bienenvölker aufgrund ihrer perfekten Organisation in ihrer Gesamtheit als intelligente Superorganismen. Dementsprechend vermutet man eine ähnliche Hyperintelligenz nicht nur hinter anderen sozial organisierten Gattungen, sondern auch in den Myriaden Verknüpfungen des Internets.

Schöne, heile Welt des Großen, Ganzen

Also fragen wir uns: Sind Ameisenhaufen oder Bienenstöcke intelligent? Lenkt ein Hyperbewusstsein die Sardinen- und Vogelschwärme? Gibt es menschliche Schwarmintelligenz im Internet? Die Vorstellung, dass es ein Gattungsbewusstsein gibt, das über das einzelne Individuum hinausreicht, ja, dem sich das individuelle Bewusstsein gar unbewusst unterordnet, wird jedenfalls in Science-Fiction wie Esoterik immer wieder gerne aufgegriffen, um sich Unerklärliches zu erklären. Menschliche Schwarmintelligenz erscheint deswegen als naheliegend, weil sie das Wechselspiel von chaotischen und emergenten Abläufen erklärt, die wir bei Schwärmen beobachten. (»Emergent« nennt man komplexe Abläufe dann, wenn sie sich nicht auf ihre einfachen Bestandteile reduzieren lassen.) Und da Erklärtes auch die ihm zugrundeliegende Nachdenklichkeit beendet, brechen wir mit dieser Erklärung forsch zu weiteren Spekulationen auf, die uns als Überbau eine weithin unüberschaubare Welt deuten helfen sollen. Da wölbt sich dann ein morphogenetisches Feld als sich beständig erweiterndes und vernetzendes Hyperbewusstsein über die Spezies und formt mit anderen Feldern ein Hyperfeld, bis wir schließlich im allgegenwärtigen Geist oder in Gottes Schoß versinken. Mal sehen, ob wir mit diesem Essay auch dorthin gelangen! Weiterlesen »

Wahnsinns Hausse © Matthias Mala

Wahnsinns Hausse © Matthias Mala

Auf meinen Neujahrsgruß, antwortete mir dieser Tage ein befreundetes Kollegenpaar. Ihre Antwort entrückte mich soweit, dass ich mich wieder an ein Ereignis am Ende meines Vorlebens erinnerte. Doch hier zunächst der Brief meiner Freunde.

 

Liebe Ruth, lieber Matthias,

wir haben uns noch nicht für Euren schönen, poetischen Neujahrsgruß bedankt und bitten um Nachsicht. Natürlich haben wir alle guten Wünsche gelesen, mussten diese dann aber zur Seite legen, damit wir über die Feiertage die neue Folge produzieren konnten. Am Montag haben wir „Die Zweite Natur“ versandt, das hat also geklappt.

Und nun beantworten wir eben verspätet die Neujahrsgrüße – für Euch mit einem ebenfalls pflanzenreichen Gedicht, welches in der neuen Folge aus guten assoziativen Gründen zitiert wird. Es ist von dem phänomenalen expressionistischen Dichter Ferdinand Hardekopf, eine subtile Variante eines Gedichtes von Hermann von Gilm, welches so beginnt: „Stell auf den Tisch die duftenden Reseden, / Die letzten roten Astern trag herbei / Und lass uns wieder von der Liebe reden / Wie einst im Mai.“ Vertont hat es Richard Strauss. Also nun Ferdinand Hardekopf für Euch: Weiterlesen »

Neujahrsgruß

Viola alba © Matthias Mala

Viola alba © Matthias Mala

Manche Dinge kreieren sich vermutlich selbst. Sie gebären sich aus einem Nukleus unverbrauchtem Etwas. Einem Irgendetwas, das nicht gelebt, das übersehen, das nicht gesagt wurde oder keinen Ausdruck fand. Es ist dann nur noch eine kleine Bewegung, auf dass das die ungedachte Kreatur Form annimmt.

Einmal entdeckte ich während eines österlichen Schneeschauers weiß blühende Veilchen neben klassisch violetten am Straßengraben. Sie fielen mir ins Auge und in die Seele. Seitdem blühen sie in ihr fort, im Graupelbett, das hell wie Hagelzucker ihr zartes Cremeweiß unterstrich. Fortan wirkt ihr Bild in mir als ein sich beständig erneuernder und wandelnder assoziativer Impuls gleich einer mystischen Kreation, die nur für sich oszillierend gleichwohl in mir einen Reigen wundersamer Zeichen begleitet.

Freilich waren es weder die Veilchen noch ich selbst, die diese Wirklichkeit stifteten, sondern es war ein schöpferischer Moment, der hinfort für sich selbst neben mir, mit mir, bei mir und für Meins schwingt, egal ob ich darauf blicke oder nicht. Dieser Augenblick ist zu einer Melodie geworden, die mich wiegt. Es ist der Kammerton, der mein konzertantes Sein trägt.

Was soll dagegen anklingen? Nichts! – Nur was selbst rein aus sich schöpft und dennoch mitschwingt, mag mit dieser mich tragenden Weise schwingen.
Letztlich bleibt darum so vieles unerhört und unbeachtet, weil es der Leichtigkeit entbehrt, die meine Seele wiegt.

Ein gesegnetes neues Jahr, himmlische Fügung und Glück, Gesundheit und Harmonie wünsche ich all meinen Lesern und Begleitern.

Weil’s eine recht bodenständige Ansicht zu meinen manchmal etwas luftig mystischen Kontemplationen ist, reblogge ich die nachstehenden Gedanken, die den meinen Bodenhaftung verleihen. Danke Gerd Buurmann, vom Blog „Tapfer im Nirgendwo“.

Tapfer im Nirgendwo

Rede nie mit einem selbsternannten Friedensaktivisten! Es ist eine Falle! Wer sich nämlich so nennt, macht Dich zu einem Kriegsaktivisten, sobald Du es auch nur wagst zu widersprechen! Du kannst nur verlieren!

Sei vorsichtig mit einem Mann, der sagt, er sei links, denn wenn Du ihm widersprichst, bist Du sofort ein rechtsradikaler Populist. Sei auch vorsichtig mit einer Frau, die sagt, sie sei rechts, denn wenn Du ihr widerprichst, bist Du gleich ein links-grün versiffter Gutmensch.

Wer glaubt, die Gegner der Demokratie stünden nur links, ist selbst zu rechts und wer glaubt, sie stünden nur rechts, ist zu links. Die eigene Position bestimmt, was man sieht. Wer sagt, jemand sei links oder rechts, sagt damit viel mehr über seine eigene Position aus. Die Zuschreibungen „links“ und „rechts“ sind nichts weiter als Beleidigungen des politischen Gegners. „Links“ und „Rechts“ sind Synoyme. Sie bedeuten: „Eine andere Meinung, die mir nicht passt!“

Vor…

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