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Trump trifft Esoterik

Spirale von Ruth Mala © Matthias Mala

Spirale von Ruth Mala © Matthias Mala

Byron Katie hat aus ihrer Psychotherapieerfahrenheit eine eigene Methode – „The Work“ – für den Psychomarkt entwickelt. Die Methode mutet mich recht esoterisch an. Sie ist sehr reduziert. Es geht immer wieder um Selbstreflexion und Perspektivwechsel in einem selbst. Ein Thema, das bei mir in letzter Zeit häufiger zum Frühstück um den Tisch kreist. Anlass sind meist Gedanken über den Echoraum, von dem sich so mancher Geist beschallen lässt, und dessen Echowellen ihn gleich Betonrüttlern den Beton in seiner Wesenheit verdichten, bis er starr und steinern in sich ruht. Ein solcher Mensch ist gut und glücklich, denn er irrt sich nie! – Ich hingegen bemitleide diese „Glücklichen“.

Doch zurück zu Byron Katie. Ihre Methode mutet mich weiters wie gelungener Solipsimus an. Demnach ist die Welt in meinem Kopf, und sie ändert sich, sobald sich der Inhalt im Kopf verändert. Wobei auch die Anstöße zur Änderung nur in mir entstehen. Das ist der totale Echoraum. Und in ihm kann geschehen, was in noch vernetzten Echoräumen nicht entstehen kann, Starr und Stein gerät durch die Eigenbeschallung ins bröseln und reduziert sich letztlich bis zum Nirwana. Denn auch das eigene Echo wird als Maya, als große Täuschung, erkannt, das uns von der letzten Erlösung, dem Nichtsein im Allsein und umgekehrt usw. usf. blabla, abhalten soll.

Somit gibt es keinen Trump und keine Welt mehr, alles ist reduziert, wie ein fein gerechter Zengarten: Kieslinien mit nur einer Macke! Und diese Macke ist man selbst. Okay … Es stimmt ebenso, wie es Blödsinn ist!

Doch erneut zurück zu Byron Katie, hier ein Link auf ein Video eines Works mit ihr, auf das ich zufällig stieß, und das die Behandlung der kollektiven Irritation hinsichtlich Trump zeigt. Es ist amüsant und hoffentlich ein Anstoß, der vielleicht die Türe eines Echoraumes aufstößt, auf dass die Magie der Widersprüchlichkeit mal wieder in einer Person Fahrt aufnimmt.

Schwarm © Matthias Mala

Schwarm © Matthias Mala

Wer schwärmt hat einen Schwarm. Junge Menschen, so ein alltagstaugliches Vorurteil, schwärmen für ihr Idol, mal ist’s ein Schlagersänger, mal der Papst, seltener ein Politiker. Aber auch ältere Menschen schwärmen, hier darf es dann neben einem Volkssänger auch einmal ein Politiker sein. Wer schwärmt, folgt seinem Schwarm. Der Schwarm ist sakrosankt, fehlerfrei und immer großartig. Offenbart er im Lauf der Zeit dennoch Makel, löst man sich mit Weh und Ach von ihm oder folgt ihm getreu bis in den Untergang. Zu schwärmen macht den Schwärmenden zudem taumelig, ihm schwirren Augen und Ohren, weswegen man ihn ob solcher Desorientierung auch gerne als Schwarmgeist abtut.

Das Wort Schwarm bedeutete einst Bienenschwarm. Heute, in Zeiten, das man über Schwarmintelligenz nachdenkt, gewinnt diese Konnotation wieder Bedeutung. Schließlich gelten Bienenvölker aufgrund ihrer perfekten Organisation in ihrer Gesamtheit als intelligente Superorganismen. Dementsprechend vermutet man eine ähnliche Hyperintelligenz nicht nur hinter anderen sozial organisierten Gattungen, sondern auch in den Myriaden Verknüpfungen des Internets.

Schöne, heile Welt des Großen, Ganzen

Also fragen wir uns: Sind Ameisenhaufen oder Bienenstöcke intelligent? Lenkt ein Hyperbewusstsein die Sardinen- und Vogelschwärme? Gibt es menschliche Schwarmintelligenz im Internet? Die Vorstellung, dass es ein Gattungsbewusstsein gibt, das über das einzelne Individuum hinausreicht, ja, dem sich das individuelle Bewusstsein gar unbewusst unterordnet, wird jedenfalls in Science-Fiction wie Esoterik immer wieder gerne aufgegriffen, um sich Unerklärliches zu erklären. Menschliche Schwarmintelligenz erscheint deswegen als naheliegend, weil sie das Wechselspiel von chaotischen und emergenten Abläufen erklärt, die wir bei Schwärmen beobachten. (»Emergent« nennt man komplexe Abläufe dann, wenn sie sich nicht auf ihre einfachen Bestandteile reduzieren lassen.) Und da Erklärtes auch die ihm zugrundeliegende Nachdenklichkeit beendet, brechen wir mit dieser Erklärung forsch zu weiteren Spekulationen auf, die uns als Überbau eine weithin unüberschaubare Welt deuten helfen sollen. Da wölbt sich dann ein morphogenetisches Feld als sich beständig erweiterndes und vernetzendes Hyperbewusstsein über die Spezies und formt mit anderen Feldern ein Hyperfeld, bis wir schließlich im allgegenwärtigen Geist oder in Gottes Schoß versinken. Mal sehen, ob wir mit diesem Essay auch dorthin gelangen!

Der Mensch als Teil des großen Ganzen, diese Vorstellung fügt sich zum Besten aller wie eine Ameise in den Lauf der Dinge und der Welt. So eingegliedert bewahrt er sich und andere vor egoistischer Destruktion, ohne dabei seine persönliche Einzigartigkeit aufgeben zu müssen. Schöne heile Welt, mag ich da nur sagen. Dabei ist es ein Grundprinzip aller chaotischen Zustände, dass sie vorübergehend emergente Strukturen entwickeln, die dann aber wieder in Chaos übergehen. Das heißt, ein Schwarm formt sich, löst sich wieder auf und findet sich dann wieder zu einem neuen Schwarm. Die Schwarmbildung, sprich die fortwährende Kreation einer emergenten Struktur, scheint demnach Sinn und Zweck allen Schwärmens zu sein. Wer Vogelschwärme beobachtet, mag dieser Behauptung leichthin zustimmen. Bei Mückenschwärmen fällt dies jedoch schon schwerer, scheinen sie doch chaotische Formationen zu sein, die jeder inneren Struktur entbehren.

Doch wollen wir Brauchbares über Schwärme erfahren, sollten wir unseren Blick besser auf humane Schwärme richten, anstatt Behauptungen über animalische Schwärme aufzustellen, um von diesen wieder auf unsere Schwarmfähigkeit zu schließen. Hierzu benötigen wir auch keine Spekulationen über ein morphogenetisches Feld oder ein Akasha-Bewusstsein, es genügt, dass wir uns an erkennbare Schwarmgebilde menschlicher Natur halten.

Der Staat als Schwarm

Eine Art menschlichen Schwärmens ist unser Hang zur Staatenbildung. Selbst zu Zeiten als Ludwig XIV (1638-1715) sagen konnte »Der Staat bin ich«, war ein Staat ein Gebilde von vielen Köpfen, die etwas zusammentrugen, das ohne Zweifel mehr war als die Summe aller Beteiligten. Allerdings zeigt uns jedes Staatsgebilde, dass es in ihm weit her ist vom Ideal brüderlicher Gleichheit und Freiheit. Vielmehr ist ein Staat ein fein austariertes und deswegen äußert fragiles Gespinst von Hierarchien, die ihn beleben und erhalten. Der menschliche Schwarm schwärmt auch nicht wie eine Wolke von Staren oder Sardinen durch den Himmel oder den Ozean, sondern wird gelenkt von Interessen, Meinungen, Stimmungen und dem Willen Einzelner und den Intrigen mächtiger Seilschaften. Am wenigsten wird er dabei von der Masse der Schwärmenden, dem Fußvolk, geformt. Wenn überhaupt, so sind es auf dieser Ebene wiederum »die Aktiven«, die etwas bewegen: Das sind die Wenigen, die ihren Mund aufmachen und sich anmaßen, für die anderen, vermeintlich Unmündigen zu sprechen. Diese Impulse nennt man dann »Volkes Stimme« oder »Lufthoheit über den Stammtischen«.

Dass ein Staat grundsätzlich eine intelligentere Einheit als die eines seiner Individuen ist, darf bezweifelt werden. Schließlich potenzieren sich in ihm Dummheit wie Klugheit, Gier wie Hilfsbereitschaft und alle anderen bi- wie monopolaren Eigenschaften seiner Bürger; das macht ihn zwar effektiver als den Einzelnen, es macht ihn aber nicht besser und erhebt ihn auch nicht über den Einzelnen. Ja, jeder Einzelne mag in seinem Charakter weit edler sein als der Staat als Ganzes. Darin liegt übrigens der rationale Grund, warum die Todesstrafe niemals zu rechtfertigen ist. Ein Staat darf nicht über das Leben seiner Bürger verfügen, vielmehr ist es Aufgabe der Bürger über den Staat zu verfügen. Hierin liegt auch ein weiterer Grundsatz modernen Staatsverständnisses, nämlich die Pflicht des Bürgers, sich gegen seinen Staat zu stellen, sobald dieser wider seine Grundsätze und die Menschenrechte agiert. Dass das nicht in allen Staaten so ist, offenbart nur, dass praktiziertes Schwarmverhalten per se stets unterhalb seinem idealisierten Niveau abläuft. Vielleicht entspricht dies dem jeden Schwarm implizierten Moment der Selbstauflösung. Denn eins sollten wir nicht vergessen: Staaten sind auf längere Sicht ebenso flüchtig wie Vogelschwärme.

Der Mensch als Schwärmer

Der Mensch als soziales Wesen, der sich erst in und durch Gemeinschaft entfaltet und vollendet, wird sich stets schwarmbewusst orientieren. Derartiges Schwarmbewusstsein basiert auf den Affekten von Anziehung und Abstoßung. Wir sehen dies deutlich am Rudelverhalten Jugendlicher, die sich zwar uniformieren, sich aber gleichzeitig von ihren Gefährten absetzen wollen. Diese Ambivalenz stabilisiert das Gruppenbild, setzt aber auch Impulse zu seiner Veränderung. Auch hier erkennen wir wieder das dynamische Moment, das jedem Schwarm offenbar eigen ist. Für den einzelnen Jugendlichen bietet die Gruppe einerseits Halt und Orientierung, andererseits aber auch Projektionsfläche für seine angestrebte Individuation, bis er schließlich das Rudel verlässt und fortan als Erwachsener seine Eigenarten pflegt. Dennoch werden auch wir Erwachsene uns immer wieder zu Gruppen, sprich Schwärmen, zusammenfinden, uns ihnen zugehörig fühlen und uns an ihnen orientieren. Auch bei altersgemäß zunehmender Eigenbrötelei verhalten wir uns lebenslang schwarmbezogen. Dass uns dieses Verhalten allerdings bewusst ist, bezweifele ich; wie wären sonst die vielen kollektiven Erregungen, gute wie schlechte, zu erklären? Denn für sich gesehen ist es durchaus lächerlich, den wechselnden Moden in Geschmack, Unterhaltung und Gesinnung zu folgen.

Wann hast du zuletzt eine Meinung vertreten, die im Prinzip nicht deine, sondern die des Schwarms beziehungsweise die einer situativen Mehrheit war? Oft genug orientieren wir uns an der Meinung des Schwarms, um uns ihr gegenüber selbst eine vertretbare Meinung zu bilden. Bemerken wir dies, verstehen wir auch, warum es so ist, dass wir dem Schwarm nicht nur folgen, sondern uns von ihm mitziehen lassen, denn im Schwarm verblassen unsere Eigenarten, wir empfinden uns verstanden und spürbar kräftiger. Konform zu gehen, ist eben doch ein gutes Gefühl.

Euphorische Momente

Möglicherweise ist hierfür ein ähnlicher Effekt wie bei den Wanderheuschrecken verantwortlich. Die Wanderheuschrecke ist, anders als der Mensch, eigentlich ein Eremit. Sie mag ihre Artgenossen möglichst nicht sehen. Wird jedoch durch Trockenheit das Futter knapp, finden sich immer mehr Heuschrecken auf dem verbliebenen Grün ein. Dort herrscht alsbald ein Gedrängel, dessen Dichte vielfältige Reize birgt. Die Heuschrecke riecht und sieht die anderen, doch was noch wichtiger ist, sie spürt sie. Sie berühren sich und streifen dabei die Sporen ihrer Sprungbeine, was sie vermutlich erregt. Jedenfalls produzieren die Tiere dabei vermehrt Serotonin, die körpereigene Wohlfühldroge. Hierdurch verkehren sie ihr Wesen und wandeln sich vom Einzelgänger zum Schwarmtier.

Während das Schwarmverhalten der Wanderheuschrecke erforscht ist, wissen wir von uns selbst noch nicht, ob eine vermehrte Serotoninausschüttung dafür verantwortlich ist, dass sich Menschenmassen im Stechschritt bewegen oder zum Public Viewing zusammenrotten. Jedenfalls sind Augenblicke gemeinschaftlichen Handelns auch euphorische Momente. Denken wir zum Beispiel nur an die Kriegsbegeisterung beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914. In aller Herren Länder rotteten sich die Menschen zusammen, standen am Straßenrand und an den Bahnhöfen, um den ausrückenden Soldaten zuzujubeln und Blumen in ihre Flintenläufe zu stecken. So versüßte man sich apriori das kommende Schlachten und beschwor zugleich mit Glockengeläut auf beiden Seiten der Fronten denselben Gott. Vielleicht ist es ja in der Tat so, dass wir uns in der Masse wie Vögel im Schwarm nur an den nächsten sieben Artgenossen orientieren, wie das Forschungen an Vogelschwärmen ergeben haben. Löst sich dieser »Wohlfühlkreis« um uns auf, suchen wir sofort eine neue Anbindung, um die angenehme Stimulans gemeinsamen Erlebens aufrecht zu erhalten. Wir schaffen uns so in der anonymen Masse einen überschaubaren Kreis, gewissermaßen ein Stückchen Heimat im Pulk. Vorauseilender Gehorsam oder servile Anpassung sind im äußersten Fall der Tribut für derlei Hochgefühle. Das Leben im Schwarm verlangt eben nicht nur Selbstverneinung, sondern auch unbedingte Loyalität. Der Lohn ist die Harmonie innerhalb der Gruppe. Und Geltung: Als Teilnehmer der Gruppe »ist man wer«, denn die Gemeinschaft ist größer und mächtiger als der einzelne; in ihr geborgen fühlt er sich so groß und mächtig wie die Gemeinschaft. Wer sich ihren Regeln nicht fügt, verliert seine Begleiter und wird ausgestoßen.

Intelligenz

Weit bedeutender als derlei erkennbar eingeborenes Bewegungsverhalten des Menschen im Schwarm scheint uns die Annahme einer Schwarmintelligenz zu sein. Entstand die Vorstellung von einem Weltgedächtnis, einem spiritus mundi, der zugleich auch Weltbewusstsein sei, einst auf einer religionsphilosophischen Grundlage, wurde sie zuletzt vor allem von New-Age-Esoterikern ventiliert; sehr verbreitet ist dabei die Behauptung eines morphogenetischen Feldes. Allerdings rücken diese Vorstellungen zunehmend in den Hintergrund, da mittlerweile das Internet als Wirklichkeit gewordene Hyperintelligenz angesehen wird. Der einzelne Mensch ist im Gegensatz zum lebendigen und sich stetig vermehrenden und myriadenfach vernetzten Hort des Wissens im Internet nur ein geistiger Gnom. Mit einer gewissen Berechtigung hätte sich diese Behauptung auch schon angesichts eines Konversationslexikons aus dem vorletzten Jahrhundert aufstellen lassen. Nur kam damals niemand auf die Idee, einem Konversationslexikon oder einer Bibliothek eigenständige Intelligenz zuzusprechen. Und nur weil die Inhalte im Internet minütlich fortgeschrieben werden, entsteht aus diesem Konvolut ja noch keine eigenständige Intelligenz. Es braucht die eigenständige Intelligenz des Nutzers, um aus dem Unüberschaubaren eine für ihn relevante Information zu filtern. Allerdings stand vor dieser Aufgabe jeder Nutzer von archiviertem Wissen seit der Antike. Intelligenz entsteht nicht durch Ansammlung von Wissen. Es gibt bekanntlich jede Menge studierter Menschen, die strohdumm geblieben sind, weil es ihnen von Anfang an an Intelligenz mangelte, nämlich an der Fähigkeit, situationsgerecht und umsichtig zu handeln.

Wertvoller Guano

Die behauptete kollektive Intelligenz im Internet ist dagegen eher eine Ansammlung von Halbwissen und Gerüchten. Es überwiegen einfältige und angepasste Verhaltensweisen im vermeintlichen Schwarm kollektiver Intelligenz. Sie begünstigen hierarchische Hackordnungen und dünkelhafte Nachstellungen. Es ist ein zähes und eitles Wirken, zumindest aus der Perspektive des Beobachters. Wer zum Beispiel die Diskussionsseiten von Wikipedia zu einzelnen Stichwörtern beachtet, erlebt diese lähmende Atmosphäre, den Mehltau des Schwarms, immer wieder unmittelbar. Gleichzeitig findet er aber gerade dort auch oft jene Information, die ihm der eigentliche Artikel vorenthält; was mich wiederum an das Bild der Vogelklippe erinnert, auf der die Vogelschwärme meterhohen, wertvollen Guano zurücklassen.

Andererseits kann die Beteiligung an einfältigen und unnützen Massenbelustigungen dem einzelnen eine Steigerung seines Wohlbefindens verschaffen. Sonst würden sich ja nicht so unglaublich viele geradezu zwanghaft an verschiedenen Massenphänomenen im Internet beteiligen: am Sammeln von »Freunden« im Social Web, an den verschiedensten Umfragen oder am Verfolgen fragwürdiger Hits bei youtube.

Auch der Zweck des elektronischen Schwarms besteht letztlich vor allem darin, dicht zusammenzurücken, die virtuellen Hinterteile aneinander zu reiben und hierdurch die Serotoninausschüttung anzuregen. Gruppenzwang und Anpassungsdruck sind auch hier die Instrumente, die den einzelnen in den Schwarm integrieren. Er wird »harmonisiert«, wie man in China dazu sagt, wo Außenseiter und Querdenker seit je »harmonisiert« werden, notfalls mit Gewalt. Dominiert wird der Schwarm von der Mehrheit, entsprechend unterdurchschnittlich ist sein Niveau.

Das Schwärmen bringt für den besonderen Menschen nur dann etwas, wenn er seine Besonderheit vorübergehend verlieren möchte. Oder aber, er schließt sich einem besonderen Schwarm an: einem besonderen Club, Zirkel oder Verein, einer Akademie für die Transzendenz des dummen Schwarmverhaltens. Und findet dann auch dort das Schwärmen in der Weise, wie ich es bereits skizziert habe. Ist das dann ein Schwärmen auf höherem Niveau? Mag sein. Andererseits hat jeder Schwarm, auch der kleinste und niederträchtigste, immer ein gewisses Selbstbewusstsein seiner Besonderheit, zumindest das: für dich zum jetzigen Zeitpunkt genau der richtige Schwarm zu sein.

Der spontane Schwarm

Aber es gibt noch eine Dimension, die ich in meiner Betrachtung bislang unerwähnt ließ: der spontane Schwarm. Ich meine damit Gruppen, die sich aus Wahlverwandten zusammensetzen. Goethe skizzierte so etwas in seinem Roman »Die Wahlverwandtschaften«. In ihm kamen zwei Paare zusammen, die zueinander quere Affinitäten entwickelten und hierdurch anfangs in einem besonders angeregten Zustand verweilten. Diese Anspannung entlud sich schließlich in dem Moment, da die Paare ihrer Affinität nachgaben und sich aus ihren zuvor konstanten Verbindungen lösen wollten. Dies bedingte zugleich die Auflösung der harmonischen Gemeinschaft und endet mit dem Tod des einen Paares.

Nun sind zwei Paare nicht wirklich ein Schwarm, doch den wahlverwandtschaftlichen Effekt, dass es Menschen zueinander zieht, die sich gegenseitig ergänzen und gleichzeitig durch Gemeinsamkeiten harmonisieren, kann man alltäglich nicht nur in Gruppen, sondern auch an (entstehenden) Paaren beobachten. Man sieht und spricht sich, ist sich dabei noch fremd, findet alsbald ein Thema, das alle Beteiligten berührt und entflammt. Mit einem Male beflügeln sich die Gedanken, Leidenschaft wird spürbar. Dabei entsteht ein besonderer Geist, der die Gruppe beziehungsweise das Paar umgibt. Es ist, als würde man gemeinsam unter die Flügel eines Engels schlüpfen. Ich meine damit gewiss nicht die Situation eines Brainstormings, bei dem bekanntermaßen weit weniger differenzierte Ergebnisse erzielt werden als beim getrennten Zusammentragen einzelner Einfälle und ihrer nachträglichen Sichtung – was wiederum die Unzulänglichkeit von Schwärmen belegt. Nein, die Form wahlverwandtschaftlicher Verbundenheit, die ich hier meine, hat in der Art, wie sie uns aus einer geistigen oder gesellschaftlichen Bindung in magischer Weise löst, etwas Religiöses im Sinne von Rückgebundenheit in sich. Dies verrät auch die Bezauberung, die die Beteiligten dabei sichtlich erfasst. Überspitzt könnte man sagen: So »umengelt« entsteht ein Schwarm von Engeln. Doch leider gilt das Gesagte auch in seiner Verkehrung, womit man sich dann entsprechend »umteufelt« in einen Schwarm von Teufeln verwandelt.

Neue Schwärme lösen Altes auf

Doch bleiben wir beim Positiven, dem engelhaften Modell, und betrachten nun eine Komponente, die wir so explizit noch nicht beachtet haben, nämlich den Fakt, dass eine Voraussetzung zum Schwärmen darin besteht, sich aus bekannten Strukturen zu lösen. War man zuvor autonom und selbstbezogen, findet man sich schwärmend als Teil eines größeren Ganzen wieder. Die Bezogenheit gilt nun mehr dem Schwarm und weniger dem Selbst.

Dieser Wechsel des Bezugssystems bedingt immer eine mehr oder weniger gravierende Veränderung der Lebensumstände. Empfinden und Denken orientiert sich im Schwarm am Kollektiv und nicht mehr vorrangig am individuellen Wollen. Selbst die eigenen Wünsche werden im Schwarm so eingebunden und nach gemeinschaftlichen Perspektiven formuliert, dass sie andere werden. Eine Vorstellung, die heute nur ungern akzeptiert wird, da heutzutage die Individualisierung allgemein als das Non plus ultra erachtet wird. Doch wer sich nicht aus altgewohnten Zusammenhängen löst, kann sich nicht in neuen Zusammenhängen wiederfinden. Auch dieses Gesetz bedingt die Struktur eines Schwarms. Ein Schwarm, in dem die Schwärmenden ihre alten Bindungen erhalten wollen, wird sich rasch wieder auflösen. In ihm formt sich nicht dauerhaft ein gemeinsamer Geist.

Allerdings motiviert die Vorstellung, sich aus gewohnten Zusammenhängen zu lösen, um sich einem durchschnittlichen Schwarm anzuschließen, nur mäßig. Vor allem da sich ein Schwarm nach seinen eigenen Gesetzen bewegt und sich vom Einzelnen nicht steuern lässt. Stimmt die Richtung für einen nicht mehr, kann man dann nur den Schwarm verlassen, ändern kann man ihn in aller Regel nicht. In irdischen Sphären zu schwärmen, bleibt folglich immer ungenügend.

Die überirdische Art zu schwärmen

Also frage ich mich an dieser Stelle, ob es vielleicht eine überirdische Art zu schwärmen gibt? – Vorsicht, nun schwärmt der Mystiker! – Gibt es eine Art des Schwärmens, in der himmlische Harmonie den Schwarm bewegt und wir uns dabei mit Engeln reiben und im Zustand unermesslicher Seligkeit einzig die pure Freude an der Bewegung leben? Einer Bewegung ohne Zweck und Ziel? Einfach nur ein anmutiges Wogen, so wie wir es in einem Vogelschwarm sehen, der in seiner Leichtigkeit noch unsere schönste Vorstellung übertrifft?

Ja, ich sage ja! Es gibt sie. Es gibt sie zwar nicht in dieser Welt, schließlich bleibt das Überirdische eine jenseitige Sphäre. Doch in einer Zwischenwelt gibt es einen Raum, der uns eine Art zu schwärmen ermöglicht, die all das mystisch Erahnte in sich birgt, was mit dem Sinnen nach himmlischer Harmonie in uns anklingt. Es ist kein Schwarm aus und von Menschen, und es ist kein Schwarm unserer Phantasie, der sich hier formt und der uns aufnimmt. Es ist vielmehr ein Erleben, das eintritt, sobald wir uns geistig aus allen Zusammenhängen lösen, die uns mit irgendeiner Kausalität verknüpfen. Ursachenlos, als wären wir noch Ungeborene, blicken wir in die Welt. Oder, um hier das Unvorstellbare, Akausale in ein Bild zu fassen: Wir werden zu einem Photon in einer Wolke chaotischen Lichts. Chaotisch deswegen, weil es aus keiner Quelle heraus strahlt, sondern aus sich selbst heraus leuchtet, weil Licht seine Natur ist. Es ist ein fluktuierendes Scheinen, in dem jeder einzelne Lichtfunke die Gesamtheit aller Bewegung in sich birgt.

In diesen Zustand können wir nur übertreten, wenn wir so losgelöst sind wie ein von seinem Lichtstrahl entbundener Funke; was physikalisch allenfalls als Schöpfungsmoment vorstellbar ist, wird hier in spiritueller Weise erfahrbar, sobald wir der Schwerkraft der mentalen Konditionierung enthoben sind. Dann sind wir frei, um uns himmlisch zu bewegen. Damit meine ich nun nicht, dass du fortan nackt wie ein Sadhu durch die Welt laufen sollst, denn eine solche enthaltsame Ungebundenheit bindet den Asketen an die Askese und macht ihn folglich nicht frei. Nein, ich meine hier eine geistige Freiheit, in der geistiges Loslassen die Folge unmittelbarer Wahrnehmung aus gegenwärtiger Achtsamkeit ist.

Sind wir so frei, dann schließen wir uns – obgleich weiterhin irdisch eingebunden – der schöpferischen Bewegung an. Dann erfasst uns Sein himmlischer Atem und trägt uns wie eine Feder im Wind durch die Welt. Dann leben wir im Schwarm vollkommener Intelligenz. Dann sind wir wahrhaft unbeschwert. Lassen wir also ab, um Es zuzulassen …

Wahnsinns Hausse © Matthias Mala

Wahnsinns Hausse © Matthias Mala

Auf meinen Neujahrsgruß, antwortete mir dieser Tage ein befreundetes Kollegenpaar. Ihre Antwort entrückte mich soweit, dass ich mich wieder an ein Ereignis am Ende meines Vorlebens erinnerte. Doch hier zunächst der Brief meiner Freunde.

 

Liebe Ruth, lieber Matthias,

wir haben uns noch nicht für Euren schönen, poetischen Neujahrsgruß bedankt und bitten um Nachsicht. Natürlich haben wir alle guten Wünsche gelesen, mussten diese dann aber zur Seite legen, damit wir über die Feiertage die neue Folge produzieren konnten. Am Montag haben wir „Die Zweite Natur“ versandt, das hat also geklappt.

Und nun beantworten wir eben verspätet die Neujahrsgrüße – für Euch mit einem ebenfalls pflanzenreichen Gedicht, welches in der neuen Folge aus guten assoziativen Gründen zitiert wird. Es ist von dem phänomenalen expressionistischen Dichter Ferdinand Hardekopf, eine subtile Variante eines Gedichtes von Hermann von Gilm, welches so beginnt: „Stell auf den Tisch die duftenden Reseden, / Die letzten roten Astern trag herbei / Und lass uns wieder von der Liebe reden / Wie einst im Mai.“ Vertont hat es Richard Strauss. Also nun Ferdinand Hardekopf für Euch: Weiterlesen »

Neujahrsgruß

Viola alba © Matthias Mala

Viola alba © Matthias Mala

Manche Dinge kreieren sich vermutlich selbst. Sie gebären sich aus einem Nukleus unverbrauchtem Etwas. Einem Irgendetwas, das nicht gelebt, das übersehen, das nicht gesagt wurde oder keinen Ausdruck fand. Es ist dann nur noch eine kleine Bewegung, auf dass das die ungedachte Kreatur Form annimmt.

Einmal entdeckte ich während eines österlichen Schneeschauers weiß blühende Veilchen neben klassisch violetten am Straßengraben. Sie fielen mir ins Auge und in die Seele. Seitdem blühen sie in ihr fort, im Graupelbett, das hell wie Hagelzucker ihr zartes Cremeweiß unterstrich. Fortan wirkt ihr Bild in mir als ein sich beständig erneuernder und wandelnder assoziativer Impuls gleich einer mystischen Kreation, die nur für sich oszillierend gleichwohl in mir einen Reigen wundersamer Zeichen begleitet.

Freilich waren es weder die Veilchen noch ich selbst, die diese Wirklichkeit stifteten, sondern es war ein schöpferischer Moment, der hinfort für sich selbst neben mir, mit mir, bei mir und für Meins schwingt, egal ob ich darauf blicke oder nicht. Dieser Augenblick ist zu einer Melodie geworden, die mich wiegt. Es ist der Kammerton, der mein konzertantes Sein trägt.

Was soll dagegen anklingen? Nichts! – Nur was selbst rein aus sich schöpft und dennoch mitschwingt, mag mit dieser mich tragenden Weise schwingen.
Letztlich bleibt darum so vieles unerhört und unbeachtet, weil es der Leichtigkeit entbehrt, die meine Seele wiegt.

Ein gesegnetes neues Jahr, himmlische Fügung und Glück, Gesundheit und Harmonie wünsche ich all meinen Lesern und Begleitern.

Weil’s eine recht bodenständige Ansicht zu meinen manchmal etwas luftig mystischen Kontemplationen ist, reblogge ich die nachstehenden Gedanken, die den meinen Bodenhaftung verleihen. Danke Gerd Buurmann, vom Blog „Tapfer im Nirgendwo“.

Tapfer im Nirgendwo

Rede nie mit einem selbsternannten Friedensaktivisten! Es ist eine Falle! Wer sich nämlich so nennt, macht Dich zu einem Kriegsaktivisten, sobald Du es auch nur wagst zu widersprechen! Du kannst nur verlieren!

Sei vorsichtig mit einem Mann, der sagt, er sei links, denn wenn Du ihm widersprichst, bist Du sofort ein rechtsradikaler Populist. Sei auch vorsichtig mit einer Frau, die sagt, sie sei rechts, denn wenn Du ihr widerprichst, bist Du gleich ein links-grün versiffter Gutmensch.

Wer glaubt, die Gegner der Demokratie stünden nur links, ist selbst zu rechts und wer glaubt, sie stünden nur rechts, ist zu links. Die eigene Position bestimmt, was man sieht. Wer sagt, jemand sei links oder rechts, sagt damit viel mehr über seine eigene Position aus. Die Zuschreibungen „links“ und „rechts“ sind nichts weiter als Beleidigungen des politischen Gegners. „Links“ und „Rechts“ sind Synoyme. Sie bedeuten: „Eine andere Meinung, die mir nicht passt!“

Vor…

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Sehen bis Nichts © Matthias Mala

Sehen bis Nichts © Matthias Mala

Jetzt, wo die Tage immer kürzer werden und die Finsternis immer tiefer wird, erinnere ich mir das 70. Lied des Stundenbuches der weißen Magie. Es fügt sich angemessen in die dunkle Zeit, nicht als Keim einer Hoffnung – das wäre banal -, sondern als erleuchtendes Moment, um die Finsternis mit all ihren Schatten anzunehmen und seinzulassen, was sie ist, nämlich notwendiger Gegensatz zu dem was ist. Oder um es anders auszudrücken, jegliches Wissen steht im Schatten des Nichtwissens, so wie jede Erkenntnis im Schatten der Erkenntnislosigkeit steht.

Losung

Die Welt, die die Welt trägt, ist der Welt ein Gegensatz. Doch der Geist, der diese Welten samt ihres Gegensatzes trägt, steht zu nichts im Gegensatz. Er ist von der Kraft ursprünglichen Seins, die beiden Welten ihren Odem spendet.

Versenkung

Ein Jüngling führte einen Blinden. Der Blinde fragte ihn, was er sehe. Der Jüngling beschrieb ihm die Dinge auf ihrem Weg. Doch der Blinde war darüber unzufrieden: „Du erzählst mir nicht mehr, als ich ertaste. Kannst du denn nicht die Seele der Dinge mit deinen Augen sehen?“ „Wie sollte ich das?“, entgegnete der Jüngling. „Du musst die Welt mit anderen Augen sehen“, meinte der Blinde. „Wie soll ich die Welt mit anderen Augen schauen? Ich habe nur diese“, klagte sein Führer. „Dann sieh sie mit meinen Augen“, riet ihm der Blinde. „Wie soll ich sie mit deinen Augen sehen, wo du die Welt durch meine Augen siehst?“, lachte der Jüngling. „Sieh mit deinem Herzen“, antwortete der Blinde. Der Jüngling schwieg darauf und sah. Nach einer Weile seufzte der Blinde dankbar und sagte: „Ja, so schön ist die Welt, erzähl mir mehr davon.“ Sein Führer betrachtete weiter schweigend die Welt. Und beide wandelten auf dem Pfad und wer sie sah, vermochte nicht zu sagen, welcher der beiden Sehenden der Blinde sein sollte.

Will ich den Grund hinter meinen Empfindungen sehen? Und will ich auch hinter diesen Grund blicken?

 Stimmung

Mit Leichtigkeit führe ich den Stab von der Einheit zur Zweiheit; hebe ihn zur Dreiheit, um ihn in der Vierheit zu senken. Springt die Kraft über, sehe ich das Kristall des Fünfsterns. Sehe, wie es sich in sich beständig wechselnd verkehrt und die Kraft kaskadengleich befördert. Ich bitte um die Einsicht, die Einsicht in mir wirken zu lassen.

Das Stundenbuch der weißen Magie können Sie hier beziehen, es kommt, sofern Sie es bis Ende der Woche bestellen, noch vor Weihnachten bei Ihnen an.

Im September schrieb mir meine Kollegin Miriam Magall, dass ihr jüngster Roman erschienen sei, in dem sie sich mit dem Leid der Vertreibung der Juden aus den arabischen Ländern auseinandersetzte. Die Vertreibung der Juden aus diesen Ländern und aus dem Iran war ein Unglück – genauer gesagt ein rachsüchtiges Verbrechen – das mit der Gründung des Staates Israel begann und sein Ende im arabischen Frühling 2010/2011 fand, wo die letzten verbliebenen Juden aus den arabischen Ländern vertrieben wurden. Seitdem ist ganz Arabien nach über 3000 Jahren jüdischem Leben auf seinem Boden judenfrei. – Hier ist eine Auflistung der noch verbliebenen Juden in Arabien und dem Maghreb vor dem arabischen Frühling.

Farhud bezieht sich auf das Pogrom 1941 in Bagdad, bei dem 175 Juden ermordet und über 1000 verletzt wurden. Der Begriff ist auch zum Synonym für die Vertreibung der Juden aus Arabien geworden. Hierzu ein Artikel in der Jerusalem Post und einen Aufsatz zum ersten Gedenktag der Vertreibung am 30. November 2014 im israelnetz.

Meine Kollegin Miriam Magal schrieb mir dazu folgendes: Weiterlesen »

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