Selbstsuche

Kotz
Selbstentdeckung © Matthias Mala

Eines Tages begann er oder sie zu suchen. Sie suchten nichts spezielles, ja sie wussten eigentlich nicht, was sie suchten, somit fanden sie zwar einiges, aber nicht das, was sie meinten, zu suchen; weshalb sie ihre Suche, selbst wenn gar Goldadern darunter waren, nicht befriedigte. Also hielten sie inne und überlegten, was denn das Objekt ihrer Suche sein könnte. Manche meinten, man solle Gott suchen. Doch der sei ja schon da, wussten andere, glaubhaft zu versichern. Wieder andere meinten, dass man nach Gott gar nicht suchen könne, weil sich dieser offenbaren würde. Und ehe daraus ein fürchterlicher Streit entbrannte, an dessen Ende man sich die Köpfe einschlagen würde – denn das so etwas geschähe, dafür genügte ein Blick in die Geschichte – hing man die ganze Suche ein wenig tiefer und begann, sich selbst zu suchen.

Zwar wusste niemand, der sich selbst zu suchen begann, was denn sein Selbst sei, doch hatte jeder so sein Selbstverständnis davon, was es denn sein könnte. Einige setzten sich vor Spiegel und fragten ihr Spiegelbild tagelang „Wer bist du?“ und wurden darüber verrückt. Die, die nicht verrückt wurden, fanden ihr Selbst zwar auch nicht, doch sie glaubten es gefunden zu haben, just nachdem sie gemeinsam mit ihrem Spiegelbild einschliefen und meinten fortan, erleuchtet zu sein. Andere machten andere verrückte Dinge, sie hatten Sex oder nahmen Drogen bis sie delirierten, andere schufteten 16 Stunden am Tag, wieder andere gründeten Familien oder gingen in die Politik, allesamt fanden sie ihr Selbst und bewahrten es. In Wahrheit aber sperrten sie sich selbst in den Käfig ihrer eigenen Vorurteile von sich selbst. Jedoch die meisten von ihnen waren damit glücklich. Gelegentliche Zweifel überwanden sie, indem sie andere darüber belehrten, wie man zu sich selbst finden konnte. Letztlich starb ihr Selbst mit ihnen selbstzufrieden.

Was also konnte daran falsch sein? Sie alle hatten nicht gefunden, was sie suchten, doch sie waren zufrieden mit dem, was sie fanden. Nur wenige wandten sich davon ab und sahen hinter ihren Wunsch, etwas zu finden, was sie nicht kannten. Denn das ist das eigentliche Problem der Suche, die schließlich vom Motiv des Suchenden gelenkt wird. Solange ich um mein wahres Selbst nicht weiß, werde ich es nicht finden. Sobald ich aber darum weiß, werde ich es nicht suchen.

Ich kenne die Lösung für dieses Spiel nicht. Wohl weil ich auch noch nie eine Lösung, sprich mein Selbst gesucht habe. Warum auch? Ich bin mein Selbst und ein Teil desselben, von daher habe ich nie den Blickwinkel, um mich und mein Selbst ganz zu erfassen. Allein dadurch, dass ich mich in mich und mein Selbst trenne, beschreibe ich etwas, was nur die wenigsten Menschen für sich selbst verstehen. Denn die meisten sind ihr Selbst. Ich und Selbst ist für sie eins, und es ist für sie ein gutes Gefühl und Verständnis, so komplett zu sein. Sie sind damit glücklich! Für sie ist es auch ein Selbstverständnis, dass sich ihr Selbst entwickelt, dass sie über die Zeit stets ein anderer sind und werden. Sie sind das gewandelte wandelbare Selbst, das wächst und sich entfaltet, das sich andererseits auch reduziert, um sich zu erneuern. Diese Menschen suchen sich nicht, sie sind bei sich, und sie sind mit sich zufrieden, aber auch manches Mal unzufrieden. Doch sie sind nicht dabei, sich selbst zu optimieren; denn dann hätten sie für sich ein Ziel, „so zu werden“, wie sie jetzt nicht sind. Die meisten sind in ihrem Sein, und dieses Sein verändert sich, wie das Wetter; mal schnell und heftig und mal langsam doch stetig.

Wer sich selbst so versteht, sucht nicht mehr. Er ist lediglich der Bezugspunkt einer Entwicklung, der sich mit ihr verschiebt. Er entdeckt sich somit jeden Tag mit stoischem Selbstverständnis neu. Er steht dort, wo das Leben pulsiert, im Hier und Jetzt und in keinem Nirgendwo, das irgendwann oder nie sein wird.

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Umarmen, ja, aber nur herzlich

Umarmung © Matthias Mala

Jüngst dachte ich über Umarmungen nach, weil ich einen Menschen umarmen wollte, es aber dann doch unterließ und wenig später einen anderen herzlich umarmte. Was zeigt, aufeinander zuzugehen und sich zu umarmen, ist oft ebenso überlegt wie spontan – also menschlich.

Manch einer meint, Händeschütteln sei eine Kulturleistung, die die Welt friedlicher gemacht habe, da man aufeinander zuginge, einander Verbundenheit und Eintracht bezeuge. Allerdings handelt es sich dabei um eine relativ junge Kulturleistung. Sie soll in Zeiten der Gnosis, also um die Zeitenwende, als Erkennungszeichen der Gnostiker untereinander entstanden sein; so wie Banden überall auf der Welt und durch alle Zeiten hindurch ihre eigenen Begrüßungsrituale pflegten und pflegen. Durch das Christentum, einer ursprünglich gnostischen Sekte, soll das Händeschütteln im westlichen Kulturkreis überdauert haben. Sei’s wie’s sei, jedenfalls wurde die Welt dadurch nicht friedlicher, selbst unter Christen nicht. Vielleicht liegt es auch daran, dass man sich durchs Händeschütteln einen Mitmenschen auch auf Distanz hält. Weiterlesen

Sich selbst entbinden

 

Schrei © Matthias Mala

Klar, es gibt kein Ich, ist doch logisch! Nur die Psyche ist nicht logisch, sondern seltsam. Also ist es da, das Ich, auch beim Erleuchteten – gerade darum, weil es bei ihm logischerweise nicht da sein sollte. Nur, auch der Erleuchtete besitzt eine Psyche, und damit auch seine ureigenen Seltsamkeiten. Doch das spielt alles keine Rolle. Denn eine Psychologie der Erleuchtung wäre, da nicht normativ, ohnehin für die Katz. Weiterlesen

Der Froschkönig, ein feministisches Märchen

Froschkönig © Matthias Mala

Kein Kuss verzauberte den Frosch in einen Prinzen. Nein, die Prinzessin schmetterte den Broz gegen die Wand, und aus dem blutigen Batz, der herabschmierte, formte sich der Prinz. – Nicht umsonst steht ein Broz, eine Kröte, für die Gebärmutter und damit auch für die Hysterie, die dem Weib solch ein Verhalten erlaubt.

Das ist die Geschichte, die das Leben auch heute schreibt. Männerklopfen allüberall: Männer sind verantwortlich für die Klimakatastrophe und für die niedrige Geburtenrate und dafür, dass Frauen, wenn sie weniger arbeiten, weniger verdienen. Männer werden gegen die Wand gedrückt. Frauen befreien die Welt!

Das fiel mir ein, als ich das Jahresbild für 2019 zeichnete. Dabei wollte ich eigentlich im vagen bleiben. Nur die Ziffern der Jahreszahl miteinander so arrangieren, so dass daraus ein Muster entstünde, das genügend für ein Bild hergibt. So wie ich es seit 2002 pflegte. Und diesmal war‘s ein Quakmaul, ein Frosch, was ich in der Skizze entdeckte. Weiterlesen

Fein und fürchterlich

Predigt © Matthias Mala

Predigten haben etwas einlullendes; sie kreisen meist monothematisch um einen Punkt, und ihr Kreisen wird zum Kreißen, und am Ende gebären sie eine Seifenblase an Erkenntnis, die kurz darauf platzt, sprich die Quintessenz, das heißt der fünfte Aufguss mystischer Verzückung, verpufft lautlos als feuchtes Lüftchen. Zurück bleibt nichts, außer allenfalls der Durst nach erneuter spiritueller Anmutung und belangloser Verzauberung; weswegen man sich am nächsten Sonntag wieder zur Kirche begibt, um demselben Prediger zu lauschen.

In meinem Sprengel predigt ein narzisstischer Priester, der sich mit jeder Predigt so schamlos in Selbstverzückung ergeht, dass man meint, ob dieser Leidenschaft müsse er, wenn nicht ausschließlich von sich doch auch vom Heiligen Geist beseelt sein. Also reisen Gläubige von weither, um ihn zu erleben und ihm zu lauschen. Seine Kirche ist auch stets gut gefüllt. Sie ist wie anderswo eine In-Kneipe eine In-Kirche. Man kommt und findet es doll, dabei gewesen zu sein, einen Priester beinahe beim evangelikalen Zungenreden erlebt zu haben.

Diesmal ging es um Trost, nicht in dieser Pfarre, sondern bei der Predigt zum 3. Advent Weiterlesen

Selbstbesonnen ist der Weg

Ein Geschenkbuch für alle, die die mystisch, spirituelle Versenkung schätzen.

Lied 148 Stundenbuch der weißen Magie

Losung

Mein erster Freund bin ich selbst. Versage ich mir meine Freundschaft, versage ich mir meine Freunde. Nicht von anderen geliebt zu sein, sondern mich selbst zu lieben, ist Voraussetzung, um liebenswert zu sein.

Versenkung

Die Einheit von Seele, Geist und Psyche mit seiner Welt zu leben ist höchste Glückseligkeit und wahre praktizierte Magie. Sich dieser Forderung immer wieder zu erinnern, ist der magische Weg. Obgleich unsere Seele in der Halle des magischen Raumes weilt, bleiben wir den Einflüssen unserer Welt ausgesetzt. Unsere Psyche erzittert unter dem Anprall dumpfer Schwingungen, die böse Menschen aussenden. Wir empfinden uns in solchen Augenblicken gespalten, als aus dem Himmel Gestürzte. Die Kommunikation zwischen Seele und Psyche ist gestört, weil der Geist durch die psychische Gewalt, der wir ausgesetzt sind, verstört ist. Erinnern wir uns jedoch der ursprünglichen Einheit, finden wir die Kraft, uns zu versiegeln und den Kreis zu schließen. Denn zur Einheit gelangen wir nicht, indem wir das Böse bezwingen. Einheit entsteht niemals im Gegensatz zu einer anderen Kraft, sondern stets nur durch die Sammlung der eigenen inneren Kräfte. Der Gegner ist nicht der böse Feind, sondern wir selbst, sobald wir unsere Integrität aufgeben. Bleiben wir in uns, bleiben wir letztlich unerschütterlich.

Lasse ich mich durch äußere Widrigkeiten soweit erschüttern, dass ich auch innerlich zerrüttet bin?

Stimmung

Mein Haupt ist bedeckt und mein Gürtel eng geschnürt, ich schließe mich in meinen Mantel. Mein Blick rundet den Kreis und seine Kraft wird mir zum Dom. Nun umkränzen Blüten mein Haupt und mein Mantel schwingt weit. Ich bitte darum, dass ich mir diese Offenheit nicht nehmen lasse.

Magische Klingelschilder

Ein Geschenkbuch für alle, die die mystisch, spirituelle Versenkung schätzen.

Lied 146 Stundenbuch der weißen Magie

Losung

Drei Schritte vor, zwei Schritte zurück, so bewegt man sich bei einer Sprungprozession. Ein Magier bewegt sich ebenso. Was er gestern erkannt hat, heiligt er heute, um es morgen zu zerbrechen. Nichts ist ihm von bleibender Gültigkeit.

Versenkung

Die Sprache der Psyche sind die fassbaren Zeichen. Die Sprache der Seele ist die Magie in Gestalt der himmlischen Räder. Der Magier nennt den ans Dingliche gebundenen Seelenaspekt Psyche. Die spirituelle Empfindsamkeit ist ihm dagegen die wesentliche Eigenschaft der Seele. Die Kommunikation zwischen Psyche und Seele führt der Geist. Er formt den Raum des Verständnisses.Also wird ein geklärter Geist auch zum Mittler zwischen magischem Raum und Seele. Die fassbaren Zeichen sind die Bildsprache der Symbole und der Träume. Die himmlischen Räder sind die Temperamente der Chakren und die Wehen der Aura. Es ist der geklärte Geist, der angeregt vom magischen Raum die Räder kreisen lässt. So verdichtet sich einerseits die Bewegung im Dinglichen; andererseits klärt sich dingliches Streben aufsteigend zum magischen Impuls. So durchwirkt sich das Wirkliche mit dem Unwirklichen. Freilich nützt dem Magier solche Spitzfindigkeit nichts. Denn wandert er durch diese Sphären, begleitet ihn sein Verstand, der nur beschwert, was seinem Herz leicht wäre; erahnt es doch allein den wahren Schein des Anscheins.

Stelle ich mir manchmal vor, dass ich keine Vorstellungen habe?

Stimmung

Räucherwerk umzirkelt den Kreis. Ich drehe das Stundenglas und sehe zu, wie eine Stunde zerfließt. Diese Stunde weihe ich meinen Gedanken. Sie zerrinnen mit dem Sand und finden ihr Ende. Ich zerbreche das Bild und bitte darum, dass ich die Scherben nicht noch einmal kitten werde.