Entwicklungslinien

Labyrinth Triangel © M. Mala

1977 beschloss ich Künstler zu werden. Ich begann, Landschaftsbilder mit Sepiatusche zu zeichnen, und verkaufte sie in Schwabing auf der Leopoldstraße. Sie verkauften sich recht gut. Ein Jahr später wollte ich mein Einkommen durch BAföG zusätzlich stabilisieren und bewarb mich dazu bei der Akademie der Bildenden Künste. Es war neben Günter Fruhtrunk vor allem Professor Rudi Tröger, der sich für meine Arbeit interessierte. Er meinte, ich solle den Bilderverkauf auf der Leopoldstraße aufgeben, die Straßenmalerei blockiere meine künstlerische Entwicklung. Dazu empfahl er mir das Aktzeichnen und die Übung an Stilleben. Ich tat, wie mir geheißen und fand mich kurz darauf beim Aktzeichnen wieder.

Die Modelle in diesen Kursen waren bereits vom Leben gezeichnet und folglich eine Herausforderung. Die Kursleiterin versuchte, unseren Blick auf die Modelle dahingehend zu öffnen, indem sie immer wieder anregte, nicht das Modell abzubilden, sondern die Luft um es herum, also quasi den Raum zu zeichnen. Nun, die Idee gefiel mir ganz gut, doch es haperte am Blickwechsel. Zu sehr hing ich am Körper und übersah seine Aura. Besonders ein Modell, eine ältere Russin, ging mir gegen Strich. Ich fand sie in ihrer Nacktheit abstoßend. Dementsprechend eindruckslos fielen auch meine Zeichnungen aus. Die Lehrerin erkannte wohl meine Not, und meinte, ich solle mich mehr heranwagen. – Keine Ahnung, was sie damit wirklich meinte. Doch ich sperrte mich noch mehr und da wir aber kein anderes Modell bekamen, beschloss ich schließlich, meine Aversion zu überwinden, indem ich das Modell so zeichnete, wie es mir in seiner ganzen Hässlichkeit erschien. Dieser Sprung in der Betrachtung weckte indes meinen Eifer. Mit einem Mal hatte ich echte Laune, sie zu zeichnen. Wie von selbst entstand ein Raum um sie und ihre Erscheinung vermittelte auf dem Blatt gar etwas verletzliches.

Die Kursleiterin war erstaunt über den Qualitätssprung meiner Zeichnungen, doch ihre Frage, was meine kreative Verwandlung ausgelöst habe, wollte ich nicht beantworten. Wer ist schon so frei und gibt zu, ich bilde diese arme Frau in ihrer ganzen Erbärmlichkeit ab; noch dazu wo es mir selbst offensichtlich war, dass sich meine Aversion nicht mit ihrer tatsächlichen Erscheinung deckte, sondern nur meiner überspitzten Wahrnehmung entsprang. Jedenfalls war dieser Durchbruch in meiner künstlerischen Haltung ganzheitlich. Von nun war ich derjenige, der die Gestaltung eines Bildes, Textes oder Objektes konzipierte und durchführte und sich nicht mehr von Stimmungen und Einwirkungen lenken ließ. Ich hatte zur Professionalität gefunden.

Nachdem ein Jahr vergangen war, stellte ich mich mit meiner Mappe erneut bei Rudi Tröger vor. Er sah meine Bilder und Zeichnungen lange an. Fragte nach dem Hintergrund des einen oder anderen Bildes. Interessierte sich für den Malprozess und gab mir schließlich die Mappe mit dem Kommentar zurück: „Das wird leider nichts mit uns. Sie haben sich zu sehr entwickelt. Sie sind ausgebildet, ich weiß Ihnen nichts mehr zu zeigen“. Beim Hinausgehen grüßte er mich mit: „Auf Wiederschauen, Herr Kollege.“

Tja, das schmeichelte mir nicht nur, sondern adelte mich geradezu, denn er bestätigte mir, was ich inzwischen auch selbst wusste, ich war zum Künstler geworden. Allerdings mein eigentliches Ziel, mein Auskommen durch zusätzliches BAföG zu arrondieren, hatte ich durch meinen Eifer, mir selbst die notwendigen Fertigkeiten beizubringen, verfehlt. Andererseits war das verfehlte BAföG kein echter Verlust, sondern allenfalls ein weiterer Ansporn; denn letztlich wurde mir meine Kunst zum Brotberuf, durch den ich seitdem mein Auskommen fand.

12 Haikus zum Frühling

Frühling © M. Mala

Zwitschernde Vögel
Zwischen Winter und Frühling
Halt Valentinstag.

Wildbienen purzeln
Im Liebestaumel durchs Gras
Der Frühling beginnt.

Rosa Schnee rieselt
Leise auf das Tulpenbeet
Mein Kirschbaum verblüht.

Später Schnee bedeckt
Das Windröschen am Waldrand:
Der Frühling verharrt.

Stumpf und welk das Gras
Gelb, braun, grün im Sonnenschein
Frostiger Märztag.

Trotz Sonnenflirren
Und verwehtem Wüstenstaub
Palmkätzchenblüte.

Strahlender Himmel
Schneeflocken und frisches Grün
April tanzt im Land.

Ein Storchenpaar kreist
Über schneefreien Wiesen
Kalter Frühlingstag.

Zwischen den Gleisen
Frisches Grün und braunes Gras
Löwenzahnblüte.

Bestellte Äcker
Zwischen hellgrünen Matten
Blühende Bäume.

Ein Storch sticht Frösche
Aus der Wiese. Der Zweite
Bebrütet das Nest.

Im Tal schon Sommer
Steige ich den Hang hinauf
Dem Lenz entgegen.

Goldene Hochzeit

Goldene Hochzeit © M. Mala

Für eine goldene Hochzeit muss man 50 Jahre verheiratet sein. Sie ist also kein Fest, dass man zweimal in seinem Leben begeht. 50 Jahre Ehe sind eine lange Zeit, für manche erstaunlich lang. Für meine Frau und mich, die wir am Monatsende goldene Hochzeit feiern werden, ist es eine hübsche Weile, die wir nun schon zusammen sind. Vor allem wir lieben und vertragen uns wie am ersten Tag. Ungelogen! Was besonders wichtig ist, wir mögen uns immer noch riechen. Ja, wir geben auch immer noch ein hübsches Paar ab. Das ist nicht selbstverständlich.

Eine gute Ehe … ach was, was können wir schon über gute Ehen sagen? Wir sind ja keine Eheberater, sondern nur ein Ehepaar, das sich gegenseitig respektiert. Wir sind uns in manchem ähnlich, in etlichem sehr vertraut und in einigem recht konträr. Sie mag die obere und ich die untere Hälfte der Semmel, was wir uns aber erst zur Perlenhochzeit also nach 30 Jahren Ehe eingestanden. Beim gebratenen Hühnchen mag sie das Bruststück und ich das Beinteil und zum Pinkeln setzt sie sich hin, während ich stehe. Durchaus beachtlich, denn in den 90er Jahren spann der feministische Zeitgeist von Gleichheit beim goldenen Strahl und manche Ehe zerbrach darüber. Vermeintlich! Sie zerbrach nicht daran, sondern am fehlenden Respekt. Seltsamerweise geht der bei vielen Paaren rasch flöten, weil sie es nicht lassen können, den anderen nicht nach ihrem eigenen Ebenbild formen zu wollen. Dort wo es dem einen oder anderen gelingt, ist die Ehe mit der gelungenen Angleichung vorbei. Der Schwung ist raus, bestenfalls langweilt man sich von da an gegenseitig zu Tode oder hasst einander ins Grab.

Gewohnheit ist ein weiterer Liebestöter in langjährigen Beziehungen. Sie ist wie Mehltau, der jede lebendige Zweisamkeit erstickt. Unbemerkt schleicht sie sich über Alltäglichkeiten ein und die Aufmerksamkeit füreinander verliert sich. Wir dürfen gemeinsam alt werden, doch sollten wir dabei nicht gemeinsam aneinander ermüden. Aufmerksamkeit für sich selbst steht deshalb davor. Wer sich selbst vernachlässigt, vernachlässigt auch seine Mitwelt, und die nächste „mit“ ist nun mal meine Frau. Ihr Lächeln ist meins. Ihre Liebe ist die meine.

Gleichwohl sollte man auch nicht die Würze der Leidenschaft vergessen. Wobei ich hier den herzlichen Streit als die leidenschaftliche Auseinandersetzung meine. Ich erinnere mich gut, wie wir uns am Anfang zusammenrauften, ein jeder Grenzen zog und überschritt, bis wir unsere Duldsamkeit füreinander, gegeneinander und miteinander erfasst hatten. Hieraus erwuchs zugleich auch unsere Distinguität als Brandmauer gegen unsere Mitwelt, gegen deren Destruktivität wir fortan gemeinsam anstanden. Wir hatten uns nicht nur zusammengerauft, sondern auch zusammengeschweißt.

Hierdurch waren wir auch gerüstet für die Wechselfälle des Lebens. Ein Kind kommt und stört die Zweisamkeit. Das Kind pupertiert und verlässt das Haus, man trifft wieder unmittelbar aufeinander. Unglücke geschehen und werden überwunden, Einschränkungen bleiben. Die Arbeit wandelt sich, neue Herausforderungen kommen hinzu, schließlich die Rente und manche Gebrechen, und wieder muss man sich zusammenraufen.

Das alles gemeinsam durchzustehen, ist nur möglich, solange die Liebe, das Zusammengehörigkeitsgefühl tief und verlässlich, wenn das Vertrauen wechselseitig und stabil ist. All das kommt nicht von alleine, sondern will gehegt werden, damit es bewahrt bleibt. So ist jeder Tag der Zweisamkeit eine geliebte Herausforderung, ein Dank und Gebet, auf dass der Schwung sich nicht verliert.

Wir beide, Dagmar und ich, haben uns gefunden als zwei seelenverletzte Menschen, die eine feindliche Kindheit und Jugend durchlebt hatten. Diese Deprivation prägte uns, und wird durchlitten gemeinsam eine schwere, lebensgefährliche Dekade, in der wir beide dem drogenbedingten Tod mehrmals nur zufällig entkamen. Schließlich wurden wir Ende der siebziger Jahre clean und begannen ein neues, drogenfreies Leben. Von da an durften wir einander – zutiefst vertraut – erneut entdecken, und diese Entdeckungsreise ist ohne Ende. Wir sind ein Stern geworden, der am Gründonnerstag 1972 aufging und seitdem leuchtet und den wir am 30. März in liebevoller Zuneigung erneut polieren.

Gendergaga

Diesen offenen Brief sandte ich heute an die Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst, deren Mitglied ich bin. Anlass war ein Rundbrief, der mit „Gendersternen“ übersät war und den ich deshalb nicht lesen konnte. Hier der Brief:

VG Bild-Kunst
z.Hd. Herrn Dr. Urban Pappi
Weberstraße 61
53113 Bonn

Ihre Informationspolitik per Exklusion und Gendergaga

Sehr geehrter Herr Dr. Pappi,
heute informierten Sie per Rundmail mit einem Sondernewsletter. Leider konnten Sie mich damit nicht informieren, denn Sie befleißigten sich einer ungehörigen Schreibweise, gemeinhin als Gendergaga bekannt. So beginnt der Newsletter: „Die Meldemöglichkeiten für Werke des stehenden Bildes wurden vereinheitlicht: Bildende Künstler*innen, Fotograf*innen, Illustrator*innen und Designer*innen“.

Wieso erdreisten Sie sich als mein Treuhänder, mir eine für mich unleserliche Mitteilung zu senden? Ich bin Asperger und kann solche Texte nicht rezipieren. Niemand hat die Wahrnehmungsgesellschaft, der Sie vorstehen, ermächtigt, sich in einer „artifiziellen Stammelsprache“ mitzuteilen.

Ich möchte Sie daher bitten, mir fortan nur Mitteilungen zu senden, die ich als Asperger rezipieren kann. Ihr Gestammel kann ich nicht lesen. Ich bitte auch darum, den Sondernewsletter in lesbarer Schreibweise noch einmal zu erhalten.

Da ich allerdings nicht annehme, dass Sie als „wokes“ Mitglied einer „woken“ Blase mein Anliegen auch nur annähernd verstehen und von daher ernst nehmen, habe ich diesen Brief zeitgleich in meinem Blog kontemplationen.wordpress.com veröffentlicht.

Mit freundlichen Grüßen

Covidiotie

Schlaganfall ©M. Mala

Ich bin ein Covidiot, jedenfalls in den Augen der Selbstgerechten, der Erwachten – der Woken, so nennt man sie gerade, ich nenne sie lieber Ann-Kathrin, wie die guten Menschen halt so heißen. Doch egal, offensichtlich hatte ich eine politisch inkorrekte Erkrankung, als ich am 17. Januar in einem engen zeitlichen Zusammenhang mit der Corona-Nachimpfung einen Schlaganfall erlitt. Er begann mit einer kaleidoskopartigen Verzerrung meiner Optik und mit einem einhergehenden heftigen Schwindel, begleitet von dem Gefühl, als hätte ich einen Krampf in meinem Oberstübchen. Da ich einen gleichartigen „Hirnkrampf“ schon zwei Wochen zuvor hatte, der Schwindel aber nach etwa zehn Minuten wieder abklang, verharrte ich zunächst in der Hoffnung, es ginge auch diesmal vorüber. Doch diesmal wollte nichts abklingen, vielmehr war der Schwindel samt Fallneigung nach links so stark, dass ich mich an der Wand entlangtasten musste, um nicht zu stürzen. So ergab ich mich dem Schicksal und sagte zu meiner Frau: „Schatzi, ich glaub, ich hab ‘nen Schlaganfall“, und beschrieb ihr kurz die Symptome; worauf sie sofort die Rettung anrief: „Mein Mann hat einen Schlaganfall!“. Es war 20:30 Uhr.

Wenige Minuten darauf waren die Sanitäter schon da und ebenso kurz darauf, hatten sie einen freien Platz in der nächsten „Stroke Unit“, zu deutsch „Schlag-Einheit“ gefunden. Eine viertel Stunde später, robbte ich bereits von der Trage auf die Pritsche des CT. Der Röntgenologe sah im Kleinhirn einen Verdacht auf Schlaganfall, der per MRT noch präziser visualisiert wurde. Daraufhin stand fest, ich hatte einen Schlaganfall erlitten. Die Ärzte begannen sofort mit der Therapie, indem man mir per Perfuser Lyse – ein Medikament zur Auflösung von Blutgerinnseln – verabreichte. Gegen elf Uhr wurde ich auf die Wachstation geschoben und verblieb danach für 72 Stunden in der Schlageinheit. Bis auf ein leichtes Taubheitsgefühl an der linken Wange überstand ich den Schlaganfall folgenlos.

Irritierend empfand ich freilich den Teil der Diagnostik, in dem mir mehrere zurückliegende Schlaganfälle, also wenigsten mehr als zwei, attestiert wurden. Meine Irritation verstärkte sich, als ich vom Mitpatienten im Zimmer, auf das ich verlegt wurde, erfuhr, dass er vierzehn Tage vor seinem Schlaganfall mit BioNTech geboostert worden war. Er war ein vierzigjähriger Mann, der zwei Jahre zuvor einen Gesundheitscheck ohne Auffälligkeiten durchlaufen hatte. Jetzt lag er mit konstantem Bluthochdruck von über 200, einer Hirnblutung und zwei Schlaganfällen im Krankenhaus. Seine Andeutung, ob es eine Korrelation zwischen Nachimpfung und Schlaganfall geben könnte, wurde von den Ärzten kategorisch verneint. Es war ein politisch inkorrekter Gedanke.

Drei Tage später auf der Heimfahrt vom Krankenhaus erzählte mir die Taxifahrerin, dass sie nach ihrer Auffrischimpfung ebenfalls auffällige Symptome hatte. So setzte bei ihr, obgleich längst in der Menopause, eine Blutung ein und auch sie sah Doppelbilder.

Anlass genug, um darüber nachzusinnen, wann denn bei mir die „unbemerkten“ Schlaganfälle geschehen seien. Erinnerlich war mir ein Schwindelanfall, den ich unlängst nachts erlitt. Ich musste bieseln und fiel aus dem Bett, weil ich vor lauter Schwindel oben und unten nicht mehr unterscheiden konnte. Also richtete ich mich auf, indem ich mich an einer Regalwange orientierte, die ich nach oben hin abtastete und mich dann den Weg zur Toilette und zurück ins Bett an der Wand entlang tastete. Damals suchte ich den Grund hierfür in privatem Disstress und meiner PTBS, die auch ursächlich für meinen chronischen psychogenen Schwankschwindel ist. Nur eine derart heftige Schwindelattacke hatte ich nie zuvor.

Jetzt durch den Schlaganfall aufgeschreckt, nahm ich mir meinen Kalender vor und stellte fest, dass ich mir damals knapp vier Wochen vorher die zweite Coronaimpfung verabreichen ließ. Zudem fand ich eine Notiz sechs Wochen später darüber, wie ich beim Schwimmen eine heftige Schwindelattacke erlitt. Auch hier empfand ich diesen seltsamen „Hirnkrampf“. Ich streckte mich dann auf dem Wasser aus und orientierte mich waagrecht wie eine Wasserwaage und horizontal mit Blick in den Himmel. So schwebte ich im Becken, bis der Schwindel vorbei war.

Nach der dritten Impfung mit BioNTech im Dezember war ich eine Woche lang so geschwächt, dass ich mehr oder minder sieben Tage durchschlief. Zwei Wochen später hatte ich den erwähnten heftigen Schwindel, der aber alsbald abklang. Danach erlitt ich dann den letzten Schlaganfall, den ich diesmal nicht verschlief. Somit sehe ich, wie nachstehend gelistet, eine zeitliche Koinzidenz – oder noch deutlicher eine naheliegende Korrelation – zwischen Impfung und Schlaganfällen.

21. Mai 2021: zweite Coronaimpfung BioNTech
18. Juni 2021: erster heftiger Schlaganfall, im CT als alter Schlag sichtbar. Ereignis festgehalten in meinem Kalender.
9. August 2021: zweiter leichter Schlaganfall, im CT als alter Schlag sichtbar. Ereignis festgehalten in E-Mail an Freundin

16. Dezember 2021: Auffrischimpfung BioNTech
30. Dezember 2021: leichter Schlaganfall, im CT als alter Schlag sichtbar.
17. Januar 2022: schwerer Schlaganfall, dokumentiert durch Stroke Unit.

Inwieweit dieser Zusammenhang auch ursächlich ist, steht auf einem anderen Blatt. Die Forschung scheint derzeit der möglichen Empirie auszuweichen; wie gesagt sie wäre momentan politisch inkorrekt. Jedenfalls habe ich meine Beobachtung dem Paul-Ehrlich-Institut online gemeldet. Ich erhielt nicht mal eine Eingangsbestätigung.

Dem Anlass entsprang zu guter Letzt folgendes Senryū:

Schwindel voll Schrecken
Oder flackerndes Lebenslicht?
Ein Schlag nach Impfung.

Noch ein Hinweis: Wer mehr über Impfnebenwirkungen bei Covid erfahren möchte, dem empfehle ich das Blog ScienceFiles. Hier der Link auf eine aktuelle Seite zum Einstieg in das Thema.

Unterbrechen

Unterbrechung © M. Mala

Wer seinen Weg geht, trifft auf Gabelungen, die eine Entscheidung fordern, in welche Richtung man weiter schreiten möchte. Wobei meist der Gedanke einer besseren Wahl ausmacht, in welche Richtung es geht. Als wenn es immer nur vorwärts, höher und vollkommener ginge? Mit derlei Annahmen setzt man sich nur selbst unter Druck, mit sich selbst in Wettstreit zu treten und sich und sein Leben zu optimieren. Wobei sich hierbei verschiedene Wesenszüge offenbaren, auch wenn es beim Ringen mit sich selbst nur selten unerwartete Entscheidungen gibt; es widerstreiten lediglich in der einen Person verschiedene Persönlichkeitsanteile und Selbstbilder. Eigentlich ein günstiger Augenblick, um sich selbst besser kennenzulernen. Doch dazu müsste man verharren, sich ein wenig Zeit nehmen, um mit sich selbst ins Gespräch zu treten. Ein Geschehen freilich, vor dem viele ein Leben lang davonlaufen; weshalb sie so gerne vom Weg als Ziel sprechen, als wäre, sich selbst zu enteilen, bereits ein Ziel.

Hinzukommt, dass selbst, wenn derlei Selbstbetrachtung glückt, es fraglich ist, ob auch der richtige Betrachter in einem den Blick auf die eigene Konstellation wirft. Schließlich besteht jeder Mensch mit seiner Persönlichkeit aus einem Konglomerat aus Widersprüchen, Unwissenheit, Meinungen und Perspektiven; dazu obendrein noch jede Art an Gusto, Lüsten, Moral und Moralinsaurem, das in seiner Mischung kaum einen vernünftigen, geschweige denn originären Gedanken zulässt. Die Person ist so gepackt und in sich verflochten, dass sie im Grunde keinen klaren Blick auf sich selbst zulässt. Einziger Ausweg aus diesem Dilemma bleibt, zu verharren. Keinen Schritt weiter, keinen zurück und auch nicht sich selbst zum Schiedsrichter seiner selbst erhöhen. Denn diese personale Annahme, mit der man sein halbes Leben gut bestritten hatte, ist die eigene Person, das Selbst und nichts anderes. Wir sind die Scharade unseres Selbst und lassen die Figuren spielen, indem wir uns gar einbilden, sie selbst zu sein. Und verflixt nochmal, es stimmt, wir sind es, das Bündel da an irgendeiner Weggabelung, sind wir selbst, unser Selbst, eine selbstverständliche Scharade.

Erfassen wir das in seiner Gesamtheit als unveränderliche Einheit, verliert sich die Weggabelung und mit ihr auch der Weg; denn durch die Gesamtschau entfällt die Notwendigkeit, sich zu entscheiden. Wir finden uns wieder – allein in einer Lebenslandschaft, die uns ausmacht und in der wir aus jedem Winkel zu erkennen sind, so wie wir uns wiederum in jedem ihrer Winkel selbst erkennen. Wir sind sowohl der Mittelpunkt des Universums als auch dieses unser Universum zugleich. Wir müssen nirgendwo hin, sondern sind da im Hier und Jetzt. Erlauben wir uns diese unverschämte, weil unverstellte Sicht, unterbrechen wir den üblichen Lauf der Dinge. Wir steigen aus dem Fluss, um in ihm zu bleiben. So lassen wir Wandlung zu. Nicht eine ausgedachte oder angenommene, sondern eine, die sich aus sich selbst und ihrem eigenen Impetus, nämlich der unbefangenen Erfassung seiner selbst, geschieht. Es ist eine Bewegung, die uns bewegt, sofern wir sie zulassen … können. Doch lassen Sie sie zu, werden Sie erfassen, dass es nicht Ihre Bewegung ist. Bitte bleiben Sie dabei bescheiden und eignen Sie sie sich nicht an, Sie würden sie andernfalls nur verlieren.

Nun denn, unterbrechen wir hier …

Harmonie ist wie Zucker und Salz

Haiga 2022 © Mattias Mala

Wir hatten die Wahl
Und haben sie verworfen
Gehen wir baden.

Mein Haiga zum Jahreswechsel zeigt in zwei sich gegenübergestellten Zweien, ein geöffnetes Herz, ein Gespräch zweier Personen oder eine Kluft. Es ist alles in ihm enthalten. Über die Problematik einer Wahl bloggte ich hier bereits 2013 (siehe Link); also bleibe ich bei dem Bild.

Es zeigt zwei Chimären, die eine rot mit Reißzähnen, die andere blau mit Schlangenzunge. Sie sind einander zugewandt, und in verschränkter, gleichwohl dissonanter Zeit verbunden. Es liegt an der Zahl Zwei, die die Jahreszahl dominiert. Sie gewichtet den symbolischen Kalender. Magische Tage wären demnach der 2., der 20. und der 22. Februar; wobei mir der 22.2.22 am besten gefallen würde. Selbstverständlich ist dieser Tag ebenso magisch wie jeder andere, sofern wir ihm einen Zauber verleihen und ihn hierdurch zauberhaft empfinden. Von der Zahlensymbolik her wäre er ein besonders weiblicher Tag, schließlich steht die Zwei für alles weibliche; dementsprechend werden ihr weibliche Metaphern wie die Erde, die Zwietracht, Tag und Nacht und alles andere Duale und sich rundende wie der Mond zugedacht.

Links zeigt das Bild mit dem roten Kopf einen Mann, denn rot ist der Mars, und mit dem blauen Kopf rechts eine Frau, denn blau ist der Himmel, den Venus schmückt. Zugleich werden beide von der Farbe ihres Gegenparts auf einer Woge getragen. In diesem Sinne vereint das Bild gegensätzliches, was von sich aus noch keine Harmonie bedeutet. Erst wenn Gegensätze zusammenwirken, entsteht Harmonie. Hierfür muss es neben dem Dissens auch Konsens geben. Beide sind für wohltönenden Zweiklang bedeutend. Wer den Dissens hingegen scheut – so wie das „Schneeflöckchen“ heute halten – der erstickt in Einheitssoße. Allein der Gegensatz ermöglicht Lebendigkeit. Das ist so simpel, dass es die Simpel von heute in ihren Blasen und Komfortzonen nicht wahrhaben wollen. Doch was soll’s, sie bleiben so flüchtig wie der Zeitgeist. Darum sollten wir es mit der letzten Zeile des Haiga halten und buchstäblich Badengehen, das entspannt und läutert Leib und Seele.

Kommen Sie gut in das neue Jahr, bleiben Sie gesund und verantwortlich für ihr Glück; beides liegt zuvorderst in Ihren Händen. – Übrigens Zucker und Salz, jede Speise rundet erst ihr Gegensatz: zum Salzigen gehört eine Prise Zucker und zum Süßen eine Spur Salz.

Irrwege zur Spiritualität – Noch ein Geschenkbuch

Vorsicht! Dies ist kein Buch für Suchende, sondern nur für Wandelnde, die etwas zu verlieren haben.

Irrwege zur Spiritualität können zu zielführenden Orten werden, sofern man sie als Irrwege erkennt. Ja, im Grunde halte ich jeden spirituellen Pfad als einen Irrweg. Dies rezipieren und reflektieren zu können entspricht meiner eigentlichen Vorstellung weißer Magie. In diesem Buch habe ich zwölf Kontemplationen versammelt, die sich mit derlei spirituellen Irrwegen befassen. Es ist also kein aufbauendes, sondern ein dekonstruierendes Werk, dass bestenfalls eine heilsame Leere (nicht Lehre) zurücklässt.

Sie lesen hier das Vorwort zum Buch. Falls Sie das Buch erwerben und verschenken wollen – eventuell auch an sich selbst – klicken Sie bitte auf das Titelbild.

Werfe alles von dir, willst du dem Höchsten begegnen.
Werfe geradeso das Höchste von dir, denn es ist Illusion.
Sieh, was du suchst, ist eng; so eng wie das Gefundene.
Suche nicht, werde leer; so leer wie das, was Fülle ist.
Ihm entspringt der Quell, der sich ins Leere ergießt.

Fünf Zeilen, die umschreiben, was Spiritualität ist und was sie nicht ist. Immer dann, wenn wir zu wissen glauben , was wir mit Spiritualität meinen, wissen wir, im Grunde unseres Herzens ‑ vorausgesetzt wir sind uns selbst gegenüber bedingungslos ehrlich ‑, dass wir nichts wissen, sondern uns nur wieder auf einem Irrweg zur Spiritualität verlaufen haben.

Die Wendeln aus Suchen und Verirren, die wir bei unserer Hinwendung an die Geistigkeit abschreiten, stehen im Zentrum meiner Betrachtungen. Sie entstanden 2009 als Rundbriefe an meine Leser. Zwölfmal machte ich mich auf, dem Weg zu folgen, den man nach allgemeiner Ansicht zu gehen hat, um dem Höchsten zu begegnen. Zwölfmal blieb ich dabei am Ende des Weges mit leeren Händen zurück. Obgleich sich auf meinen Irrwegen keines der Versprechen einlösen ließ, konnte sich das Unfassbare dennoch in meine Hände legen; da ich sie nicht schloss, blieb ich berührt. Dieser Kontakt besteht fort, solange meine Hände leer und offen bleiben.

In den zwölf Essays schreibe ich über meine Widerfahrung mit der geistigen Sphäre. Ich nenne das Geschehen „Widerfahrung“, weil es nicht dem gewohnten Erleben entspricht, dem ich üblicherweise als beteiligter Beobachter gegenüberstehe. Bei meinen Versuchen, mich dem Spirituellen zuzuwenden, handelt es sich um Kontemplationen und nicht um spekulative Nachdenklichkeit. Es ist ein lebendiges Hineinschauen in die spirituelle Dimension beziehungsweise in das, was wir dafür halten. Dementsprechend ist meine Art der Beschauung eine besondere Weise des Erforschens, nämlich das allmähliche Entblättern des Gegenstandes meiner Vertiefung. Hierzu verweigere ich mich einer positiven Vorgehensweise, indem ich keine Aussage darüber treffe, was etwas vermeintlich ist. Vielmehr übe ich mich in der Kunst der Negation, indem ich erkunde, was das Objekt meiner Beschauung nicht ist, und befasse mich im wesentlichen mit den Vorstellungen über Spiritualität, oder besser: mit dem vor sie Gestellten. Hierdurch enthüllt und erhellt sich allmählich das Phänomen der Geistigkeit, ihre gestaltlose Unbestimmtheit als auch ihre Vielbestimmtheit verliert sich und offenbart sich als Erscheinung, die mich mit ihrem ersten Aufscheinen in ihr Scheinen integriert. Wobei dieserart Aufnehmen und Einpassen eher ein Umhüllen als ein Überstrahlen oder Absorbieren ist; damit meine ich auch jene glücklichen Augenblicke, in denen sich die Verschiedenheit zwischen dem Beobachteten und Beobachter aufhebt und sich beide zu einem zeitlosen Moment der Wahrnehmung vereinen.

Von daher handelt es sich bei den zwölf Essays um lebendige Kontemplationen, sie entstanden aus praktizierter Versenkung. Sie entsprechen somit meinem spirituellen Verständnis wie meiner Auffassung von Theurgie. Verkürzt erkläre ich Theurgie stets als Gotteserkenntnis durch Selbsterkenntnis ‑ ein im Grunde ebenso verneinender Weg. Denn indem ich das Illusionäre und Scheinbare meines Wesens- und Selbstverständnisses erkenne und benenne, löse ich mich aus egozentrischen Strukturen. Hier wirkt Selbsterkenntnis. Das Ego wird als Funktion durchschaut, das Wesen in all seinen Färbungen angenommen. Der weiterführende Prozess der Gotteserkenntnis geht allerdings nicht mehr von mir aus, sondern ist eben jene Widerfahrung, um die die Essays thematisch kreisen und deren Aufscheinen zum Mittelpunkt wird, auf den sich bildhaft gesprochen die Coda[1] einstimmt. Am Schlusspunkt der Entkleidung, der zugleich die besondere Tiefe der Versenkung markiert, schwingen sich meine Worte ähnlich auf und aus, um im emphatischen Versuch, die unbeschreibbare Gestalt nachzuzeichnen, schließlich zu verstummen und in der Stille, die dem letzten Ton folgt, dem Unvorstellbaren Raum zu geben. Diesen Raum wahrzunehmen, zuzulassen und sich mutig in ihm zu lösen, ist nicht nur mein Angebot an den Leser, sondern auch der Effekt, sobald man der Schwingung, die sich unter dem Text als stille Botschaft und unausgesprochene Wahrheit gelegt hat, folgt und sich von ihr tragen lässt; auch das eine erbetene Durchdringung meiner Beschauung. In diesem Wirken erfasse ich Theurgie als ein Gehobenwerden und ein Gehobensein, als eine uns verwandelnde Ergriffenheit, der wir uns zwar anheimgeben können, die wir aber jäh verlieren, sobald wir sie beschreibend oder nachdenkend eingrenzen und uns habbar machen wollen.

Dementsprechend ventilieren die gesammelten zwölf Betrachtungen weder Angelesenes noch Spekulatives. Vielmehr sind sie Einladungen an den Leser, der unmittelbaren Beschauung zu folgen und den Prozess der Erhellung in sich selbst nachzuvollziehen. Das bedeutet, den Klang aufzunehmen; den Zorn und die Verwunderung zuzulassen, die einen erfassen, sobald man durch den kritisch, sezierenden Blick sich selbst erschüttert und dadurch seine verborgene Eitelkeit verletzt. Schließlich ist der Weg der Selbsterkenntnis keineswegs nur schmeichelhaft. Es bedeutet aber ebenso, da alle Seiten ihre Zeiten haben, dass man auch die Güte zulässt, die Erkenntnis und Befreiung vermitteln, sobald man sich frisch gehäutet in einer noch fremden, weil neuen Welt wiederfindet. Mit der Bereitschaft, sich solch widerstreitendes Empfinden auf seinem Erkenntnisweg zu erlauben, sich nicht für komplett zu halten, wo Zersplitterung herrscht, und sich ob seines Fehlens zu verzeihen, zeigt sich die Tugend der Demut als Wegbereiter zur Gnade.

An diesen Worten erkennen Sie, dass mir die mögliche Wirkung meiner Polemik bewusst ist. Allerdings war und ist es niemals meine Absicht, jemanden mit meiner unverblümten Benennung zu kränken. Vielmehr bitte ich Sie, lieber Leser, falls Sie die eine oder andere Formulierung verstimmt, zu bedenken, dass diese zwölf Essays auch eine Dokumentation meiner Kontemplationen sind. Sie zeigen mein Bemühen auf, durch mystische Beschauung des wahren Kerns der Vertiefung selbst zum Fruchtfleisch zu werden; das bedeutet, ihm mit meinem Sein Nahrung für sein Keimen zu sein. Lassen Sie sich selbst in gleicher Weise auf diesen Weg ein, wird er auch Ihr Weg sein, und Sie werden ebenso gegen sich selbst mit der gebotenen Ehrlichkeit polemisieren, um am Ende aus sich heraus der möglichen Gestalt der Geistigkeit eine angemessene Hülle zu sein.

Um aber zu erkennen, wie wir uns selbst in die Irre führen, sollten wir uns mit unseren eigenen Irrtümern konfrontieren. Wir sollten die Wege, die wir für so geradlinig halten, mit unbestechlichem und unbedingtem Blick abgehen. Dabei werden wir erkennen, dass uns diese Wege gleichsam in klassischer Manier durch unser seelisches und geistiges Labyrinth führen. Wir schreiten unser eigenes Wesen ab, betrachten unser Sehnen, Hoffen und Spekulieren sowie unseren Glauben, und prüfen unsere Motive zur fortwährenden Selbstverdrängung und Selbstverschleierung. Dieses schauende Erkunden ist zugleich der Weg des Lösens, er leitet uns durch unsere Irrtümer. Sein Ziel entpuppt sich schließlich als das Nichtziel. Im Zentrum unseres Selbst, dort, wo wir unserem Ego gegenüberstehen sollten, begegnen wir der Leere. Sie ist jedoch kein Nichts, sondern nur etwas Unfassbares, ein Sein, ohne Ich zu sein. Diese Begegnung mit der innersten Leere, der wir ein Leben lang davonlaufen wollten, ist der Höhepunkt der Selbsterkenntnis. Danach folgt ebensowenig Greifbares: Wir kehren um, schreiten an den Bildern unseres Wesens vorbei, ohne sie zu bejahen oder zu verneinen, sondern nur schauend. Denn diese Wesensbilder sind bildlich gesprochen nur das Pergamentpapier, das die Laterne ziert. Das Licht in uns illuminiert unsere Geschichte, unser Sein. So erkennen wir uns als etwas Unverwechselbares, was von einer Kraft erhellt wird, weil es sich für sie geöffnet hat; weil wir unsere inneren Vorhänge beiseitegezogen haben und das uns erhellende Licht in die Nacht einer egomanischen Welt leuchten lassen.

Schließlich verlassen wir auf unserem Weg ohne Ziel das Labyrinth als Gewandelte, die eine von nun an verwandelte Welt betreten. Was anfänglich Irrweg war, hat sich paradoxerweise allein durch unsere konsequente Beschauung in einen Heilsweg verkehrt, denn wir haben das Falsche und das Falsche im Falschen erkannt und suchen so nicht mehr nach dem Richtigen. Am Ende des Weges mag es uns als das Wahre in unsere offenen Hände fallen. ‑ Lassen Sie sie geöffnet, auf dass es geschieht!


[1] In der Musik bezeichnet man den Abschluss eines Werkes, der das Thema nochmals variiert, dazu erhöhend skizziert und ausklingen lässt, als Coda.

Ein Geschenkbuch

Ein Geschenkbuch für alle, die die mystisch, spirituelle Versenkung schätzen.

Dieses Buch ist ebenso grundsolide wie außergewöhnlich. Grundsolide, weil dieser Hartband mit Lesebändchen bedacht gesetzt und illustriert ist. Sie verschenken mit ihm ein Gesamtkunstwerk, das Sie zugleich adelt. Das Stundenbuch der Magie ist ein Born magischen Wissens und mystischer Räume. In ihm sind 183 Kontemplationen versammelt, die den Blick auf und in die Welt verrücken. Hier stelle ich Ihnen die erste vor. – Wollen Sie das Buch erwerben klicken Sie bitte auf das Titelbild.

1 Zur Magie der Weile

Losung

Zeitlos ist der Zeit habende. Sich Zeit zu nehmen vermag nur, wer Zeit hat. Zeit haben ist indes ein Luxus, der sich nicht erwerben lässt. Er fällt allein demjenigen zu, der klug zu verzichten weiß. Zeit ist aller Zauber Anfang.

Versenkung

Ich blicke weder zurück zum Anfang noch voraus auf das Ende des Pfades. Ich stehe an meinem Platz und sehe mich um, und in dieser Umschau entdecke ich die Richtung, in die mein nächster Schritt mich führt. Die Bewegung allein ist meine Freude. Sie ist ohne Richtung. Der Schatten dessen, der im Ziel stehen wird, weilt neben mir. Ich spanne meinen Bogen und sende meinen Pfeil in den Himmel. Ich verharre. Mein Pfeil stürzt aus dem Himmel zurück und trifft meinen Schatten. Ich lege den Pfeil in meinen Köcher zurück. Der mit mir weilende Schatten fällt von mir. Ich blicke mich um und setze erneut einen Schritt. Ich werfe keinen Schatten mehr. Die Bewegung fließt. Anfang und Ende sind entrückt. Wieder sende ich einen Pfeil in den Himmel. Er sirrt davon und fällt nicht mehr zurück. Die Bewegung fließt ohne Weile in alle Weile.

Kann ich mein Ziel aus den Augen verlieren, ohne mich darob zu ängstigen?

Stimmung

Handle ich im Augenblick, überwinde ich alle Vorsätze. Das, was ich jetzt tue, ist für sich bereits Erfüllung. Es zielt auf nichts. Darum darf ich meine Hände in den Schoß legen und auf das lauschen, was um mich waltet. Ich sammle mich und bitte um Teilhabe an diesem Walten. Ergreift mich seine Bewegung, bitte ich darum, mich auch ergreifen zu lassen. Ich bitte für diesen Tag und um die kraftvolle Leichtigkeit, auf ihn zu schauen. Möge mich diese ehrliche Bitte Tag um Tag durchs Jahr begleiten.

Herbsthaikus

Ein Haiku ist eine dichterische Skizze oder ein Moment der Natur in drei Zeilen. Die beiden ersten Zeilen geben eine Anmutung oder einen Ablauf der Natur wieder. Die letzte Zeile ist eine Konklusion, die jedoch offen bleibt, und somit den Gedanken über sich hinaus schwingen lässt. Das klassische Haiku besteht im Japanischen aus 17 Moren. Da dieses Versmaß nicht ohne weiteres auf andere Sprachen übertragen werden kann, spricht man im allgemeinen von 17 Silben. Fünf Silben bilden die erste und letzte Zeile, sieben Silben die Mittelzeile. Diese Regel gilt heute etlichen Autoren als obsolet. Ich folge dieser Auffassung nicht, sondern empfinde ihn als künstlerische Herausforderung, weswegen ich Haikus und seine Abarten wie Senryūs ausschließlich in klassischer Form verfasse.

Nachstehend präsentiere ich Ihnen 17 Haikus zum Herbst. Haben Sie Freude in dieser stiller werdenden und heimeligen Zeit.

Zum Sommerabend
Steigt der Herbst aus den Wiesen
Kraftlos die Alten.

Ein Blatt weht Herbstgold
Vom Ast ins offene Buch,
Lenz umweht mein Kind.

Rote Pfefferfrucht
Flammt im Farbspiel der Herbsttracht
Besonnen und scharf.

Verzaubertes Laub
Reigen mit dem Sonnenschein
Schönheit zum Weinen.

Störche sammeln sich
Zum Vogelzug gen Süden
Der Sommer neigt sich.

Laue Herbstsonne
Leises Trommeln im Hohlweg
Kastanienfall.

Späte Blüte? Nein!
Nur pure Lust am Leben.
Farbe, Duft, Bienen.

Kaum sind die Störche
Fort, sammeln sich die Schwalben
Zum Flug gen Süden.

Verfärbt sich das Laub
Finden sich Schwalben zum Schwarm
Gleich dunklen Wolken.

Der Nebel schwindet
Unter der Mittagssonne
Leuchtet bunter Herbst.

Trudelndes Laubblatt
Ein Falter taumelt im Glück
Marienkäfer.

Ein milder Herbsttag
Die Leute auf der Wiese
Blicken aufs Smartphone.

Geister heulen durch
den Wald, speien welkes Laub
Herbststurm fegt das Land.

Herbstgold schrägt durchs Land
Hebt Seelen aus den Gräbern
Nebel steigen auf.

Der Haufen Laub riecht
Nach Johannisbrot und Zimt
Schlafplatz für Igel.

Der alte Baum knarzt
Derweil ihn der Sturm entlaubt
Schon fällt er ins Moos.

Vorbei das Herbstgold
Leben von Knospen umhüllt
Verharrt still im Tod.

Ein Haiga

Ich bin, was ich bin
Und noch mehr, was ich nicht bin
Wer mag ich nur sein?

Der Text zu diesem Haiga entstand im Zug auf meiner Fahrt zur Traumatherapie. Es umreißt den Zustand meiner Depersonalisation, von der ich Jahrzehnte glaubte, ihr liege ein spiritueller Prozess zugrunde. Doch mit der seit einem Jahrzehnt laufenden psychotherapeutischen Auseinandersetzung mit meiner kPTBS gelangte ich zu der Einsicht, dass meine vermeintliche Erleuchtung schlicht eine Depersonalisation ist. Das ist ein gewaltiger und deswegen erschreckender Schritt zu mir selbst. Ich werde sehen, wie nah ich meinem Selbstverständnis in der bald beginnenden vierten Phase meiner Traumatherapie komme.

Depersonalisation ist kein angenehmer Gemütszustand. Personen, die an dieser psychischen Beeinträchtigung leiden, haben ihr Selbstverständnis verloren. Sie leiden unter Selbstentfremdung. Ihr ich erscheint ihnen als diffus und fremd, auch ihre Mitwelt wirkt fremd auf sie. Obgleich Depersonalisation eine der ersten beschriebenen psychischen Erkrankungen ist, ist sie relativ unbekannt, weswegen sie auch häufig von Psychotherapeuten verkannt und nicht gezielt behandelt wird.

Mehr zum Thema Depersonalisation erfahren Sie hier.

Perspektiven

Kleinkariert © M. Mala

Von München aus sieht man bei klarem Wetter die östliche Alpenkette mit der Zugspitze. Wobei die Zugspitze die Sicht nach rechts markant unterbricht. Man sieht eine steile hunderte Meter hohe Abbruchkante, die das Wettersteingebirge begrenzt. Doch dem ist nur dem Anschein nach so.

Seit einiger Zeit fahre ich öfters mit dem Zug nach Memmingen und sehe immer wieder mit erneuter Verwunderung, dass mein Blick begrenzt war. Denn nähert sich der Zug dem Lech und gibt damit den Blick auf die Ammerseer und Lechtaler Alpen frei, geht die scheinbare Abbruchkante der Zugspitze in eine weite Flanke über. Das Massiv zeigt sich aus dieser Sicht, zwar ebenso mächtig doch bei weitem nicht mehr so markant aufragend.

Perspektiven gründen auf Standpunkten. Wird ein Standpunkt verändert, ändert sich auch die Ansicht. Nicht das Betrachtete wandelt sich, sondern nur die Wahrnehmung des Betrachters. Für ihn kann ein solcher Perspektivwechsel erhellend sein, wobei die Erhellung sich auch als Enttäuschung einer eingefahrenen Sicht entpuppen kann. Wobei auch der Blickwinkel eine Rolle spielt. Der fokussierte Blick richtet sich auf die Details, während der Weitblick die gesamte Erscheinung erfasst. Beide Sichtweisen sind neben der Rundschau notwendig, um das Betrachtete in seiner Gesamtheit zu erfassen.

Allerdings ist das das Ideal. Manch einer kommt über Jahrzehnte nicht aus seinem Ort heraus und sieht somit stets nur den gleichen Prospekt, der ihm zu einer Weltsicht wird. Ein Tor, der deswegen die Sicht dieses Betrachters abwertet. Immanuel Kant hatte zum Beispiel das Weichbild Königsbergs nur selten verlassen; gleichwohl blickte er mit seiner Philosophie weit über seinen Horizont hinaus.

Diese kurze Betrachtung erhellt, ob kleinkariert oder weitblickend hängt nicht von der realen Perspektive ab. Es gibt weitgereiste Menschen, die ihre Engstirnigkeit nie überwanden und andererseits Leute, die aus ihrem Dorf nie herauskamen und gleichwohl eine Weisheit in sich tragen, als hätten sie die ganze Welt bis hinter die Sterne bereist und geschaut.

Und so wie der Blinde nichts sehen kann, vermag der Sehende nichts wahrhaftig zu schauen, solange er seine Sicht nicht hinterfragt, ob das, was er sieht, nicht doch anders sein könnte, als er es wahrnimmt. Hierzu aber braucht es die Tugend der Unbefangenheit, denn nur dann bewahrt man sich die innere Freiheit, eine andere Betrachtung annehmen zu wollen. Ohne diese Freiheit wären wir Menschen mit unserer Erkenntnis nicht dort, wo wir heute stehen. Allerdings sind für beachtlich viele gerade derlei Perspektiven verhasst und sie wünschen sich in eine Zeit zurück, wo allein der Blick vom Kirchturm sie bereits in Schwindel versetzen hätte können.