Zurück in die Stille

Herbstkranz von Ruth Mala

Die Welt ist laut … geworden. – Nein, unsere Welt ist laut geworden. Die Welt selbst ist leise, nicht still. Oder ist sie doch mehr still als leise?

Auch hier kommt es auf den Blickwinkel an. Aus einer spirituellen Sicht ist die Welt immer still. Sozusagen hinter dem Hintergrundrauschen herrscht Stille. Himmlische Stille. Göttliche Stille. Es ist schlicht das Ende aller Wahrnehmung. Hinter dem Wahrnehmungshorizont ist nicht mal nichts. – Mithin kein Grund, um sich weiter Gedanken darüber zu machen.

Bleiben wir also in irdischer Sphäre. Einerseits sehnen sich viele nach der Stille, andererseits fürchten sie sie vielfach auch. Darum entwickeln wir Menschen Konzepte, wie wir zur Ruhe kommen und es still um uns werden könnte. Gleichzeitig tun wir alles, um diesem Moment auszuweichen. Jede Ablenkung ist uns recht, sei es aus unserer Mitte heraus oder von außen. Dabei suchen die meisten Menschen nicht wahre Stille, sondern hegen nur eine faszinierende Idee von ihr. Diese Idee ist so schön, ein solch stimmungsvoller Einfall, dass sie ihn gar mit der Stille verwechseln. Geschwind vermag er die Illusion von wehender Stille bewirken. Gleich einer Gardine bläht sie sich, schwingt durch unser Gemüt und säuselt davon.

Ja, für einen Moment wähnen wir es so still, dass wir gar nicht bemerken, dass es gar nicht still wurde, weder in uns noch um uns. Gleichwohl merken wir, sobald wir den Zauber wieder verlieren, dass wir uns in einer lauten Welt verlieren, die wir bei derlei Gelegenheit gerne als uns fremd betrachten. Sie wirkt dann auf uns disharmonisch, schrill und kakophon. Schon wollen wir sie in solchen Augenblicken korrigieren, ihre schrägen Umstände verschieben, unsere Wahrheit einbringen, um so vom Umstand her das Inständige zu heilen. Freilich, gäben wir diesem Drängen nach, würden wir unsere Illusion nur um eine weitere verschleiern.

Darum: Es ist nicht still. Das ist der Fakt, dem wir ausweichen, weil unsere Illusion von Stille uns eine angenehmere Weile verspricht. Erkennen wir das, können wir unser Desaster annehmen, oder es wehrhaft verwischen – so wie wir es bislang taten. Nehmen wir es jedoch an, vermag es inmitten der kakophonen Wirklichkeit still zu werden. Denn die wahre Stille ist stets um und in uns. Wir können sie einladen, sobald wir den Mut haben, zu erkennen, dass wir es nicht können. In diesem Moment erhellter Vergeblichkeit, vermögen wir gelegentlich für eine Weile aufzugeben und alles Streben leise lassen und leiser Teil der Stille zu sein; geschieht es, sind wir für den Moment begnadet.

Ziele erzielen

Ziele © M. Mala

Was ist ein Ziel? Mit dieser Frage begann ich zunächst diese Betrachtung, fand  eine Reihe an Punkten, die sich zudem hübsch widersprachen, was an sich schon mal gut in dieses Blog passt, doch letztlich war dieser Ansatz nicht zielführend, sondern verknotete sich nur zum Knäuel, weswegen ich ihn strich, anders begann, nur um mir letztlich wieder dieselbe Frage zu stellen.

Dieser Satz hat 300 Zeichen, doch das war nicht mein Ziel, er entstand. Wäre ich Gott, würde ich notwendigerweise eine Welt schöpfen wollen und dabei nicht zielgerichtet vorgehen. Denn kraft meiner Göttlichkeit könnte meine Welt nur perfekt sein. Obgleich, ich müsste dazu gar nicht Gott sein; schließlich schöpfte ich schon einmal 1977 in einem magischen Ritual eine Welt. Damals war ich voll bekifft und seitdem expandiert irgendwo neben zig anderen Universen Malas Universum. Denn mein Ritual war perfekt. War ich zwar als Schöpfer ziemlich stoned, jedenfalls mittelbar, doch seitdem gibt es ein perfekt stonedes Universum, schließlich bin ich ebenbildlicher Eingeborener einer göttlichen Welt, und somit nicht einmal mittelbar, sondern unmittelbar selbst göttlicher Natur.

Und da ich gottgleich bin, bin ich stets vollkommen und folglich omnia in omnibus, was heißt zu jeder Zeit am Ziel und das in alle Ewigkeit, was letztlich wiederum ein göttliches Paradoxon ist, denn Ewigkeit ist zeitlos und somit zu keiner Zeit. Also präzisiere ich, ich bin jederzeit zu keiner Zeit am Ziel, folglich nirgendwo, jedoch zwingend irgendwo.

Das klingt bekifft? Nein, ist es nicht! Ich lebe inzwischen seit 42 Jahren drogenfrei. Ich mag naturstoned sein, doch selbst wenn, wäre dies wiederum nur eine Eigenart meiner Gottesebenbildlichkeit. Wozu also dieser Althippiequatsch? Nun, das ist bereits die dritte Frage, womit ich achtlos meine drei Fragen an die Fee verplemperte. Da ich freilich meistens hinhöre, was der große Zampano, der unbewegte Beweger, so vor sich hingrummelt, weiß ich: „Ick bün all hier“ und somit des Hasen Tod.

Warum erzähle ich Ihnen das? Nun, weil mich heute eine Freundin nach dem Weilen der Seele in der Transzendenz fragte. Und da ich davon, gerade weilend in der Immanenz, keine Ahnung hatte, besann ich mich auf die Transzendenz und sah, ich bin ein Teil, doch kein Teil,  weil kein Ich, sondern Bewegung des Unbewegten und somit Sein im Sein und stets all hier.

Fazit: Wir sind am Ziel. Zu jeder Zeit und immerdar. Erfassen Sie das, wandelt sich für Sie die Bedeutung Ihrer Ziele, sie verflüssigen sich, denn Sie steigen in den Fluss und werden selbst zum Fluss. Fröhliches Fließen im sich neigenden Mittsommer …

Geist ist Dada

Dada lux © Mala

Er ist ein kluger Mensch und versteht über Gott und die Welt zu parlieren. Nein, eigentlich, sagt er, verstünde er nur über die Welt zu parlieren, von dem anderen verstünde er nichts, sondern fabuliere nur. Wie auch, wie könne man über etwas reden, das man weder schauen noch überschauen kann.

Aber gerade diese Zurückhaltung mache seine Glaubwürdigkeit aus. Man habe den Eindruck, dass er, auch wenn er es verneine, doch tiefer und weiter sähe als andere.

Er lächelte, bedauernd aber irgendwie auch wissend, und sah in den Raum, als sähe er bis zum Horizont. Nein, meinte er, der Eindruck, den wir gewönnen, sei eine Selbsttäuschung. Es sei nur unser eigener Blick, den wir nicht wagten und deshalb auf ihn projizierten. Wir würden diesen eigenen Blick nur deshalb nicht wagen, weil wir, mit jeder Bewegung auch die Perspektive wechselten und somit Weite und Tiefe neu justieren müssten. Also blickten wir weg und suchten in anderen, im äußeren die Konstante, die wir in uns selbst vermissten. Doch die gäbe es dort auch nicht; wie wir längst durch eigene Erfahrung wüssten. Wir wandeln uns, die Welt wandelt sich, alles fließt und bleibt im Fluss.

Der Geist ist ebenso keine Konstante, die wie bei einem Altarbild als Täuberl vom Himmel strahlt, sondern der Geist ist die Wahrnehmung und die wandelt sich mit jedem Atemzug und mit jedem Schritt; und selbst die Wahrnehmung an sich ist nicht konstant, sondern gewinnt Weite und Tiefe solange man lernt. Lernen verändert uns und unsere Wahrheit. Wir werden allerdings hierdurch nicht wahrer, vollendeter, sondern nur anders und bestenfalls differenzierter. Ja, panta rhei … Eine jahrtausendealte Weisheit, die auch bei Nachdenklichen vor Heraklit ein Lichtlein aufleuchten ließ.

Ich atme. Atme die Luft. Atme meinen Nächsten. Atme die ganze Welt. Die Welt atmet mich. Alles ist Atem. Einatmen, ausatmen … Der Geist ist Atem. Atem ist Leben. Alles ist Leben. Stets.

Also ist der Geist so beständig, wie unbeständig, im steten Wandel. Verharrt er, verliert er sich. So wird er sich selbst zum Pfad, zum Fluss, der sich schlängelt und sich dabei immer wieder selbst erkundet. Auch wenn er seit Ewigkeiten dasselbe Bett durchströmt, ist er nie derselbe. Man kann nicht zweimal im selben Fluss baden, sagt eine andere ewige Weisheit. Erkunde ich sie, und nehme sie nicht als ein Wissen an, muss ich sie immer wieder neu erkunden, und erlebe sie somit immer wieder erneut als neu. Doch nie ist das Neue sich jemals gleich, andernfalls wäre es nicht neu, sondern bekannt.

Diese Form der steten Verneinung, um etwas zu bejahen, ist die Essenz des Geistes, und diese Art der Weltbetrachtung ist Dadaismus, der inmitten der Weltenkatastrophe des Ersten Weltkrieges entstand, indem man den kreativen Geist entfesselte. Er ist entwichen, so wie er schon immer entwichen ist, ein paar Künstler haben es bemerkt, das Publikum hat ihn nicht verstanden, sondern ihm Museen gebaut. – So ist es.

Vor 2000 Jahren im Tempel zu Jerusalem war das nicht anders. Für einen Moment war der Geist entfesselt und einige Hundert verstanden ihn, dann aber wurde er wieder eingefangen und durch Theologie in den Kirchen gefesselt. Für Augenblicke blitzt er immer wieder auf, doch er ist zu flüchtig, als dass er einem bleibt …

Ein Papst ist tot

Als Papst Pius XII. im Sterben lag, war ich ein Kind. Meine Eltern besuchten einen Freund, einen Journalisten. Es war ein sonniger Herbsttag und man wollte einen Ausflug machen. Der Bekannte hatte keine Zeit, er saß am Radio, rauchte und trank Likör und lauschte im abgedunkelten Zimmer den Nachrichten. Er wartete auf den Tod des Papstes. Mir graute bei diesem Gedanken. Und doch fand ich ihn mutig, wie er da hinter herabgelassenen Rollos dem Tod im fernen Rom auf der Schliche war. Durch diese Begebenheit erst erfuhr ich, daß auch ein Papst sterblich war und daß sein naher Tod ein Ereignis war, das die Menschen bekümmerte.

Noch ehe die Glocken die Botschaft in die laue Märznacht trugen, noch bevor Laufbänder auf dem Bildschirm die Nachricht verkündeten, erfuhr ich dieses Mal vom Tod des Papstes übers Internet. Erst später ging ich auf den Balkon und hörte die dunkle Glocke vom Dom her schlagen, dazwischen das hellere Geläut der nahen Pfarrkirche. Im Hintergrund durch die geöffnete Balkontüre das Geschwätz aus dem Fernseher: „Was empfanden Sie, als Sie die Botschaft vom Tod des Heiligen Vaters …“. Die Glocken verhallten. Wir beschlossen zum Dom zu gehen.

Auf der Straße war das Samstagsnachtfieber ungebrochen. Die laue Nacht lockte die Leute ins Viertel. Endlich, nach langem Winter konnte man sich ohne Anorak zeigen. Und man zeigte sich. Schwul, lesbisch, hetero, das Leben pulsierte. Man zog von einer Kneipe in die nächste, gierig auf Augen und Augenweide, gierig danach, erkannt zu werden, gierig nach Erleben. Der Tod des Papstes war Anknüpfungspunkt, leichter als sonst kam man ins Gespräch, das Morbide und die Lust waren sich ungewohnt nahe, der Duft, die Geräusche, die Bewegungen dichter und vergeilter als sonst. Man redete laut, gickerte grell, als wollte man das Brummen der Autos, die dicht an dicht nach Parkplätzen durch die Gassen rollten übertönen.

Nahe dem Dom die Tür zur neu eröffneten Diskothek. Tage zuvor warb man im Boulevard damit, daß in diesen Räumen einst Mike Jagger schon abgetanzt habe. Doch das war eine Straßenecke weiter. Dennoch pilgerten die Leute dorthin, herausgeputzt, in verboten engen Jeans, tiefen Decolletes, offenen Hemden, glitzernden Tennisschuhen, allesamt mit der passiv-aggressiven Spannung von Bittstellern. Nahe der Tür drückten sie das Kinn nach oben, blähten den Brustkorb, um die Auswahl vorm Türsteher zu überstehen. Tür auf, Tür zu, schnell war man drin, die Nacht war noch jung. Ein paar Burschen, die sich unsicher waren, ob sie die Gesichtskontrolle passieren würden, lungerten im Hauseingang daneben herum. Taxis rollten vor, Schlag auf, Tür auf, rein, Tür zu. Dann ein Paar, sichtlich aus der Vorstadt, trat in den Scheinwerferkegel vor die Pforte. Sie blieb ihm verschlossen. Abgewiesen waren sie ein Niemand, das schnell im Schatten der Straße verschwand. Es war beinahe unheimlich still vor der Tür zur Diskothek.

Kurz darauf traten wir in den Dom. Es war Mitternacht und er war gefüllt bis auf den letzten Platz. Die Orgel klang aus. Die Messe für den verstorbenen Papst war gerade zu Ende gegangen. Rasch leerte sich die Kirche. Dagegen drängten die, die später gekommen waren, nach vorne zum Altar. Dort, nahe dem auf einer Staffelei aufgestellten Bild des heiligen Vaters, knieten sie nieder, beteten innig. Manchen sah man an, daß sie geweint hatten. Es waren überwiegend junge Menschen. Ihnen war nicht nach Party. Auf dem Bild des Papstes stand in frühlingshaftem Gelb „totus tuus“, ganz Dein. Er winkte ein letztes Mal. Das milde Licht im Dom, dazu die raumhohen nachtschwarzen Fensterflächen machten den Altarraum heimelig, ließ uns länger verweilen.

Vor dem Dom sang man geistliche Lieder. Wir zündeten eine Kerze an. Blieben noch eine Weile vor dem Lichterpult stehen. Als wir hinausgingen, sang der Chor ein letztes Lied. Es war eine Jugendgruppe. Sie hatten Gitarren dabei. Dann verklang das Lied. Von der Fußgängerzone herüber hörte man das Gegröle von Betrunkenen. Als wir am nahen Jagdmuseum vorbeigingen turnten beschwipste japanische Touristen auf der bronzenen Wildsau herum.

Drei Wochen später wurde dann der einstige Kardinal der Diözese zum Papst gewählt. „Wir sind Papst“, titelte darauf die Bildzeitung. – Die Party geht weiter.

Wandlung ist unumkehrbar

Kleines Labyrinth © Matthias Mala

Jedes Leben ist eine unumkehrbare Entwicklung. Es beginnt mit seiner Entstehung und endet mit dem Tod. Jeder Moment dieser Entwicklung ist ebenso eine Wandlung. Körper und Geist sind einer steten Entwicklung und somit Wandlung unterworfen. Auch wenn die meisten Zeitgenossen meinen, sie blieben für jetzt und immer dieselben, ist dem nicht so. Dabei müssen es keine großartigen Anstöße sein, die uns zeigen, dass wir uns beständig wandeln, es genügt, die beiden Silvesterbilder über ein Jahr miteinander zu vergleichen. Wir haben uns in dieser überschaubaren Spanne bereits sichtbar verändert.

Den Wandel des Körpers nehmen die meisten von uns in selbstverständlicher Weise als den Lauf der Dinge hin. Wir reifen, altern und vergehen. Schwierig wird es hingegen, wenn wir die eigene geistige und soziale Entwicklung leugnen oder verdrängen. So gab es zu allen Zeiten Alte, die ernstlich meinten, sie zählten noch zur Jugend. Heute ist diese verstellte Selbstwahrnehmung gang und gäbe. Doch weit auffälliger ist es, wenn Junge wie Greise denken, während sich Greise einen jungen Geist bewahren konnten. Wobei es nicht irgendwelche juvenilen Einfälle sind, die einen jungen Geist ausmachen, sondern neben Aufgeschlossenheit die Fähigkeit, selbstreflektiert zu bleiben und sich selbst korrigieren zu können. – Allerdings braucht es für dieses Vermögen auch eine entsprechend lebendige Mitwelt, die den Wandel anregt.

Die aber wird seit der Coronakrise eingeschränkt, was mit einer unumkehrbaren Entwicklung einhergeht. Unsere Lebenserfahrung verändert sich gerade grundlegend und bedingt eine ebenso tiefgreifende Wandlung unseres Lebenskreises und damit auch von uns selbst. Wir meiden körperliche Nähe, begegnen einander mit Abstand, tragen Masken, die unsere Mimik weitgehend verbergen, treffen uns nur mehr über Video- oder Telefonkonferenzen und sehen in unserem Nächsten vor allem einen potentiellen Virenträger. Dazu leben wir in einem steten Gefühl konkreter Bedrohung schwer zu erkranken und womöglich zu sterben.

Es gab immer wieder derart bedrückende Zeiten, wenn Pest oder Cholera durchs Land zogen. Dann mieden sich die Menschen ebenso einander und schoben Gott oder den Juden die Schuld an der Seuche zu. Andere nutzten eine Seuche für Eroberungskriege, sofern die eigene Streitmacht noch nicht durch sie geschwächt war. Isolation und Gewalt veränderten die Menschen und wirkten traumatisch über Generationen fort.

Heute verändert sich unser Zusammenleben erneut und das schneller als wir den Wandel selbst bemerken. Das gleicht den Alterungsschüben, bei denen die Mitwelt unsere rasche körperliche Veränderung deutlicher bemerkt als wir selbst, weil unser Selbstbild mit ihr nicht schritthalten kann. Eingeschränkte Kommunikation, soziale Distanz, Einkommensverluste, Angst, Ausgangssperren und Konsumbeschränkung bedingen, dass sich unser Selbstverständnis als auch unser Blick auf unsere Mitwelt verändern. Wir bleiben nicht mehr dieselben, sondern unterliegen diesem rasanten Wandel. Allein durch die wirtschaftlichen Einbrüche und die autoritären staatlichen Maßnahmen beschädigen wir unseren bisherigen Commonsense aktuell in unabsehbarer Weise.

Die gegenwärtige Pandemie beeinträchtigt unsere seelische Gesundheit, so wie jede Seuche zuvor auch. Manch verborgene psychische Belastung wird durch soziale Restriktion überhaupt erst getriggert und bricht aus. Nur diesmal sind die Beeinträchtigungen noch spezieller. Bereits seit einem Jahr ist unsere direkte Kommunikation reduziert und ist durch den vermehrten Gebrauch elektronischer Kommunikationshilfen noch unsinnlicher geworden. Wir hören die andere Stimme überwiegend durch die Maske oder reduziert über Lautsprecher. Wir fühlen, riechen und sehen den anderen nicht mehr oder sehen ihn nur auf einem grießigen Display. Wir vereinsamen bei gleichzeitig hunderten von „Freunden“ in „sozialen“ Netzwerken.

In dieser Form der sensorischen Deprivation erkenne ich auch eine Anlehnung an weiße Foltermethoden. Vereinsamung und Reizentzug bei gleichzeitiger Überwältigung durch artifizielle Reize wie elektronische Medien lassen die Seele verkümmern und das Selbst hinsichtlich Selbstwahrnehmung und Selbstwertgefühl darben. Wir verlieren unseren Selbstbezug. Was gegenwärtig geschieht gleicht einem großen zynischen Experiment. Nicht umsonst sehen Verschwörungsmythiker – ja, Mythiker, denn Mystiker sind sie nicht – hinter der Krise eine große Weltverschwörung. Doch da steckt in Wahrheit nichts dahinter. Die konstriktiven Ereignisse in Zusammenhang mit der Krise sind ebenfalls Entwicklungen und keine Verschwörungen, sonst wären sie auch nicht derart dilettantisch angelegt, dass wir zum Beispiel im Gegensatz zu anderen Staaten kaum Impfstoff haben.

Jedenfalls werden wir, sollte die Pandemie irgendwann erliegen, nicht mehr dieselben sein und deswegen wird auch unsere Welt nicht mehr dieselbe als vor 2020 sein und werden. Vielmehr wird sich der angestoßene Wandel mit seiner eigenen Dynamik und Gesetzmäßigkeit fortsetzen. Wie unser Dasein danach aussieht, weiß niemand, und ich mag darüber auch nicht spekulieren. Jedenfalls sagt mir meine Lebenserfahrung, dass schlechte Entwicklungen nur selten einen positiven Wandel einläuten, sondern bestenfalls einen längeren Stillstand als Basis für eine Nachdenklichkeit begünstigten. Meistens jedoch setzen sie sich als malevolente Kräfte solange fort, bis sie sich in ihrem Tiefpunkt selbst zersetzen.

Diesen Beitrag illustrierte ich mit einem Bild vom kleinstmöglichen Labyrinth. Ein Labyrinth ist kein Irrgarten, so wie uns diese Pandemie anmuten mag; sondern ein Weg der ins Zentrum führt und wieder hinaus. Im Zentrum sollte dem Kandidat, der diesen Weg geht, eine mystische Wandlung widerfahren und er das Labyrinth als ein gewandelter verlassen. Im kleinstmöglichen Labyrinth ist dieser Weg naturalemente auch der kürzeste. Dies wünsche ich uns auch für den Weg der Wandlung, auf dem wir uns gegenwärtig befinden. Dafür brauchen wir eine gute, eine benevolente Kraft, die wir nur aus uns selbst schöpfen können; womit ich mich dem Phänomen der Resilienz nähere, über das ich verschiedentlich bloggte. Warten wir es ab, wohin sie uns federt …

Neujahrsgruß

Jahresbild 2021 © Matthias Mala

Liebe Freunde,

zum Jahresende macht man sich für gewöhnlich Gedanken, zu dem was kommt und über das, was geschehen war. Dabei ist beides spekulativ und das nicht einmal gekonnt; denn wir bleiben innerhalb unseres Horizontes, sowohl in der Nachbetrachtung, als auch in der Vorausschau. 2020 – welch schöne Zahl – ist das beste Beispiel dafür, wie wenig wir eigentlich übersehen, und wie sehr wir uns übersehen lassen, indem wir anderen den Blick wie die Deutung für unser Leben überlassen. So taten wir es freilich zu jeder Zeit, egal auf welcher Stufe der vielen Lebenstreppen, die es gibt, wir standen.

Somit bleibt jeder gute Vorsatz fürs neue Jahre allenfalls ein reformistisches weiter so. Wer es indess besser machen möchte, sollte selbstreflektiert sein, nur dann vermag er zu erkennen, wo er gleich einem Esel trottet, oder wo er vom Geist beflügelt ist. Nur fragt mich nicht, welchen Geist ich meine. Es gibt ihrer abertausend umnachtete … und ich bin mir oft selbst nicht sicher, ob mein wahrer Geist nicht auch nur meinem Dünkel entfleuchte und mich narrte. Nur eines weiß ich, ich bin nicht der Herr meines Lebens, ich kann bestenfalls nur sein Lenker sein. – Das aber lasst Euch nicht aus der Hand nehmen.

In diesem Sinne Glück und Gesundheit für das dritte Jahrzehnt des neuen Jahrtausends – was für ein schönes Zahlengebirge …

Haltung halten

Bewahren Sie sich Ihre Haltung in einer Zeit, in der man Ihnen Haltung auferlegen will.
Weihnachtsmann mit Covid-Bartmaske © Matthias Mala

Es sind weniger die Schwierigkeiten des Alltags, die unser Leben schwierig machen, als unsere Haltung mit diesen Schwierigkeiten umzugehen. Diese Haltung hat einzig Wert, solange sie uns selbst entstammt; solange sie unsere beste Wahl aus der Summe der vielen Haltungen ist, die uns vermittelt wurden und werden. Diese beste Wahl aber ist nur möglich, solange wir die uns induzierten Haltungen allesamt verwerfen; denn jeder Menschenhalter will nur haltungslose Klone seiner dominanten Lebenshaltung. Lassen wir uns dagegen von der Liebe zu uns selbst und zu unserer Mitwelt leiten, vermögen wir uns und anderen das Leben zu erleichtern, ohne ihnen unsere Haltung zu oktroyieren.

Darum verwerfen Sie bitte das Gesagte, solange es nicht Ihre eigene wohl geformte Haltung ist! So wird nichts billig, was Sie darstellen und vermitteln. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen trotz aller Unbill eine teure und distinguierte Weile. Seien Sie es sich wert!

Fröhliche Weihnachten

Ewigkeitssonntag

Der Totensonntag war der Totengedenktag der evangelischen Kirche Deutschlands (EKD). War? Ja, denn seit einiger Zeit predigen deren Pfarrer vom Ewigkeitssonntag. Ich hörte davon dieses Jahr zum ersten Mal in einer Radiopredigt. Seit wann der Ewigkeitssonntag in der EKD den Totensonntag verdrängt, ist nicht auszumachen. 1999 wurde er wohl in der reformierten Kirche um- oder beigenannt. Jedenfalls irritierte mich dieser Schönsprech. Denn er ist ein Moment mehr, den Tod aus unserem Leben zu verdrängen. Wer das aber will, missachtet das Leben, denn der Tod ist ein zwingender Teil davon. Ohne Tod gibt es kein Leben. Alles Leben endet im Tod und nicht in der Ewigkeit. Schließlich ist es unlogisch, eine Ewigkeit zu behaupten, die einen Anfang hat. Ewigkeit zeichnet sich durch ihre Zeitlosigkeit aus, und die hat keinen Anfang und kein Ende. So wie der ewige Gott, der selbiges von sich behauptet. – Jedenfalls folgt er der Logik, was übrigens Papst Benedikt in seiner Regensburger Rede am 12. September 2006 (Link) hervorhob: „Nicht ‚mit dem Logos‘ handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.“

Nun, der EKD ist die Vernunft und insbesondere die göttliche Vernunft ja schon länger abhandengekommen, weswegen sie sich der Beliebigkeit anheim gibt und zur Wohlfühlgemeinschaft verkommen ist. Die Gesellschaft dankt’s. Tot und Sterben findet nur noch in Unterhaltungsfilmen und Nachrichten statt, die gleichfalls mit ihren Splatterbildern längst Unterhaltung oder gar nur noch Haltung hingegen selten Informationsquelle sind. So ist es möglich, dass heute betagte Menschen sterben, die ihrer Lebtag keinen Toten von Angesicht zu Leichengesicht gesehen hatten.

Einst, als ich ein Lauser war, hatten wir Kinder selbstverständlich ein Grausen vor dem Tod. Folglich zog es uns immer wieder einmal auf den Friedhof, um uns in der Aussegnungshalle einen Toten anzuschauen und damit zugleich einen hilflosen Versuch zu unternehmen, den Tod zu verstehen. Später als Bursche war’s eine mir selbst gestellte Mutprobe, mich nachts auf den Friedhof zu schleichen und einem Toten ins Antlitz zu sehen, das nur von den Kerzen am Sarg erhellt worden war. Heute ist das fast zur Unmöglichkeit geworden, denn höchst selten findet man in einer Leichenhalle noch einen Sarg, der nicht gedeckelt ist. Als könnte man so, den Tod aus dem Leben verbannen.

Soviel zum Tod. Zum Schönsprech könnte ich mich auch noch auslassen, doch dabei würde mir nur die Leber schwellen und der Magen schwären und sich mein Brägen verdrehen, also lass ich es lieber. Dummheit, Schönsprech und politische Korrektheit in drei Teufelsnamen verreckt, verrottet, und niemand soll danach noch sehen, wie euch die Leichenflecken zu Gesicht standen.

Somit geht’s jetzt in die nächste Runde verlogener Bräuche, der Advent steht an und damit vier Wochen lang Weihnachtsmusik in jedem Fahrstuhl, Auto und so weiter bis uns die Covid-Maske um die Ohren fliegt und für einen kurzen Augenblick Totenstille einkehrt.

Am verdorbenen Magen wächst der Gourmet

Schräge Welt© Matthias Mala

Esoterik ist eine schräge Welt. Bei meiner Nachdenklichkeit über das Gehabe und die Gemeinsamkeit der Beteiligten in esoterischen Zirkeln stieß ich über den gesamten Irrwitz hinweg letztlich in Sphären, die tatsächlich Transzendenz und somit mystisches Erleben zuließen. Es war gewissermaßen der Weg der Verneinung, den mir diese Einsichten vermittelten. Es ist auch der Weg, den ich Ihnen mit diesem Buch weisen möchte. Nicht das, was sein könnte, was sein sollte, ist von Bedeutung, sondern das, was ist. Die Wirklichkeit des Falschen als falsch zu erkennen, ist der Schritt, der Sie in die Unwirklichkeit des Richtigen führt. Dies ist nicht nur ein Wortspiel, sondern die Realität jeder Wahrheit; nämlich die, dass Wahrheit absolut und somit zu unseren alltäglichen Dimensionen ohne Bezug ist, weil das Zeitlose nicht im Zeitlichen enthalten sein kann. Demzufolge möchte ich Sie zu einer kleinen Kontemplation über den alltäglichen esoterischen Wahn einladen, bei der Ihnen womöglich ein ähnliches Licht aufgeht, wie mir einst mit dem Kupferdrahtbieger. Jedenfalls sah ich in dem, was jener war, was er wollte und was er bewirkte ‑ ich meine seinen spirituellen Anspruch ‑ eine solch verheerende Divergenz zum Tatsächlichen, dass ich neben dem magischen Raum auch die Dimension des Mitleids erahnte, die als Konsequenz meiner Betrachtung aufschien.

Es war die Hybris des Drahtbiegers, mit der er jegliche physikalische Gesetzmäßigkeit ignorierte[1], die mich abstieß. Ebenso widerstrebte mir seine bornierte Besessenheit, mit der er seine Spiritualität behauptete und jedem Zweifelnden dessen seelische Entwicklung abstritt. Gleichzeitig war es gerade diese dunkle Ignoranz, die mich festhielt und nicht schulterzuckend von dannen ziehen ließ. Vielleicht war es auch jugendlicher Weltverbesserungsdrang, der mich anfangs reizte, dieses verdunkelte Hirn, diese in ihren Vorurteilen verstellte Seele zu kurieren und zu erhellen. Gleichzeitig erkannte ich in dem Bestreben, mich mit ihm zu streiten, dass ich ihm damit nur ähnlicher würde und entdeckte das Prinzip der Selbsterhellung in Gegenwart der Dunkelheit: nämlich die Demut, zuzulassen, die Dummheit der anderen in sich selbst zu bemerken. Sage hier niemand: Nein, mir kann das nicht geschehen, so tief werde ich nie sinken! Schade, mag ich da nur erwidern, wenn der eigene Tiefgang zur wahren Spiritualität noch nicht genügte; denn der schlimmste Zustand ist wohl der, in unreflektierter Dekadenz im Mittelmaß zu verharren. Jedenfalls hatte ich im Gleiten über dem Anstößigen nicht den Ausgang des Hochmutes gewählt, jenes Abgleiten in eine stoßfreie Sphäre selbstgewisser Selbstzufriedenheit, sondern zog die Turbulenzen vor, um über Selbsterschütterung zur Selbstklärung und Selbsterkenntnis zu gelangen.

Ähnlich verhielt ich mich in vielen Lebensbereichen, indem ich die fehlende Schönheit im Schlechten erkannte. Die Abwesenheit des Schönen machte mir die Schönheit in einer transzendenten Weise sichtbar. Das Schöne, obwohl nicht anwesend, erhielt Gestalt durch die Verneinung des Schlechten. Das Schöne war nicht das, was ist und auch nicht das, was nicht ist. Es war ebensowenig ein Das-was-sein-Sollte. Die Schönheit war der Glanz ihrer Abwesenheit. Der Zauber eines Raumes, der der gegenwärtigen Schlechtigkeit entgegenstand, ohne ihr Gegensatz zu sein. Er war ihr gegenüber vielmehr jenseitig und somit nicht von ihrer Welt. Es war gleichzeitig die Entdeckung einer höheren Dimension und ein Hauch von Spiritualität. Dieserart kleine Erhellungen waren und sind für mich im übrigen der einzige schematische Weg, über den man sich dem Spirituellen nähern kann. Indem ich mich mit dem Ungenügenden befasse, entdecke ich das Vollendete, allein indem ich merke: Das, was ich erkenne, ist es nicht. Das, was unerkannt ist, ist es.

 

Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch „Irrwege zur Spiritualität – Den Traum der Erleuchtung lösen“; Kapitel „Transzendentale Schwadronage“.

[1] Sämtliche parawissenschaftliche Strahlungsabweiser und Neutralisatoren würden ihren Erfindern den Physiknobelpreis einbringen, könnten sie die Funktion ihrer Geräte mit naturwissenschaftlichen Kriterien beweisen.

Der Tod ist honigsüß

Nichts © Matthias Mala

Eine steile Behauptung, der Tod sei honigsüß. Warum nicht chilischarf oder milchsauer? Wer weiß es schon? Es kam außer Christus jedenfalls niemand zurück. Schon deshalb dürfte die Auferstehung eine ziemliche Ente gewesen sein. Selbst wenn man den Reliquienhändlern glauben schenken wollte und annimmt, das Turiner Grabtuch wäre echt, lässt sich damit nichts beweisen. Jedenfalls umhüllte das zweidimensionale Abbild auf dem Tuch keinen dreidimensionalen Körper, außer wir kreieren ein neues Wunder und erzählen uns, Jesus war platt wie eine Flunder.

Was ich damit sagen will ist angesichts des nahenden Novembers mit seinen Totengedenktagen, wir wissen um den Tod – also vom Sterben und Verwesen -, aber wir wissen nichts vom Tod. Wir Lebende können nur die Schwelle des Todes betrachten, jedoch sie nur um unseres Lebens willen überschreiten. Die Toten haben das gleiche Problem, sie gelangen nicht mehr zurück ins Leben. Das löst auch kein Glaube an Reinkarnation; denn niemand konnte sich bislang an ein Leben vor seiner Geburt erinnern. Wer es dennoch behauptet fabuliert, was er glauben möchte; andernfalls sollte er zumindest imstande sein, auch seine frühkindliche Amnesie zu erhellen.

Redlich können wir nur sagen, wir wissen nicht, was vor uns war und was nach uns sein wird. Wir mögen darüber spekulieren und die Spekulation glauben, aber Glauben bleibt Unwissen, selbst Glaubensgewissheit ist nur ein besonders stabiler Glauben. Folglich können wir mit Sicherheit sagen, wir wissen nichts vom Nichtsein noch von dem ihm nach dem Leben folgenden Totsein. Blicken wir zudem auf das große Ganze, das Sein als solches in Gestalt unseres Universums, so wissen wir nur, es war vorher nicht und wird irgendwann nicht mehr sein. Sind wir darob bescheiden und bescheiden uns damit, dass wir vor unserem Leben nichts waren und nach ihm gleichfalls nichts sein werden, dann wissen wir mehr konkretes über den Tod, als alle Religionen und Gscheidhaferl, die mit dem allgemeinen Unwissen über ihn gar noch einen Riesenreibach machen.

Wäre derlei Lebensbetrachtung der Kern einer Religion, wäre wahrscheinlich vieles auf Erden einfacher und so manche Untat würde ihre Rechtfertigung verlieren. Jedenfalls würde so manche Spekulation aufhören, denn wir würden wohl das Paradox oder das Koan: „Nichts ist alles, und alles ist Nichts“, eher intuitiv leben und für uns ein ums andere Mal lösen; so dass wir am Ende unseres Lebens leichthin ins All-Einsein, sprich ins Nichtsein eingehen könnten.

Glauben, Wissen und Planeten

Glauben Wissen © Matthias Mala

Jupiter, Saturn, Mars und Venus als Morgenstern, das waren die vier Himmelslichter, die zuletzt die späte Sommernacht in diesem Jahr schmückten. Einst galten diese Wandelsterne den Menschen als Götter, heute sind es Planeten, die wir mit Sonden untersucht und uns bildlich näher gebracht haben. Sie wurden zu astronomischen Körpern in einem Sonnensystem und spielen allenfalls noch in der Astrologie eine menschenbewegende Rolle. Unser Wissen über die Welt hat den Glauben relativiert. Einst waren Glaubensdeutungen gleichermaßen Weltdeutungen. Blitz und Donner schleuderten Thor, Zeus oder der große Manitu auf die Erde. Not und Elend, Heil und Segen waren durch Götter gewollt, die sich im Grunde sehr menschlich benahmen, also schlicht willkürlich und machtbesessen und selten mitfühlend und gemeinsinnig. Das zunehmende Wissen über die Natur der Welt hüteten zunächst die Priester, die dazu den Lauf der Dinge scharf beobachteten, wollten sie doch den wirkenden Gott dahinter erkennen. Also forschten sie, denn Wissen war Macht. Entsprechend setzten sie ihr erworbenes Wissen auch selbstsüchtig ein. So bauten sie etwa auditive Tempelanlagen, in denen sie einerseits die Gläubigen über größere Entfernung belauschen und andererseits ebenso als Orakel ansprechen konnten. Dementsprechend inszenierten sie eine allwissende Gottheit und lenkten so unmittelbar wie mittelbar das Gemeinwesen. Ja, sie waren die eigentlichen Götter auf Erden. Dementsprechend gilt der Papst den Katholiken heute noch als der irdische Stellvertreter der Dreifaltigkeit auf Erden.

Wir sehen, trotz vieltausendjähriger Kulturgeschichte auf Erden hat sich nur wenig an den eigentlichen Strukturen geändert. Ja, wir fallen vielmehr wieder zurück in Zeiten, in denen Glaubensgewissheit über faktische Gewissheit gesetzt wird. So werden etwa heutzutage Wissenschaften als politisch nicht korrekt denunziert; womit man sich indirekt an stalinistische Zeiten anlehnt, als in der Sowjetunion beispielsweise der Lyssenkoismus (siehe Link) viele Menschenleben forderte.

Forschen unter ideologischen respektive religiösen Bedingungen ist ohnehin wenig effizient. Denn die unerlässlichen Dogmen zum Schutz der Ideologie schließen viele mögliche Perspektiven aus; schließlich besagt ein Dogma, was ist, und nicht, was nicht ist. So gab es schon 500 und 300 Jahre vor Christus in Indien wie Griechenland die Vorstellung eines heliozentrischen Weltbildes (siehe Link), was allerdings in der christlichen Welt erst mit Kopernikus bekannt wurde und sich mit Keppler trotz Widerstand beider Kirchen durchsetzte; denn der Eifer der Menschen, sich die Welt zu erklären, bedingt auch ihre gründliche Erkundung. Folglich werden auch die unaufgeklärten Schatten irgendwann überwunden sein. Bei einigen dauert es freilich ungewöhnlich „gewöhnlich“ lange; da der Mensch sich eben nur schwer von seinen Gewohnheiten trennt. So lebt etwa die Idee des Sozialismus immer noch, obgleich sie seit ihrem Bestehen immer wieder spektakulär scheiterte. Das gleiche gilt für die Religionen, obgleich sie Quell wiederkehrender Konflikte sind, lässt der gewöhnliche Mensch nicht von seinem Glauben und vertraut den magischen Ritualen seiner Religion.

Doch inzwischen scheint sich auch hier etwas zu bewegen. Die Religionen schwächeln, indem ihnen die Menschen davonlaufen. Die Ursachen hierfür sind vielfältig, eine ist gewiss die zunehmend erodierende Glaubensgewissheit. Die Gläubigen glauben ihren Priestern und Gurus immer weniger. Allgemeine Bildung und zunehmender Wohlstand sind einerseits den Religionen feind, andererseits lässt der Mensch von seiner eingefleischten Gewohnheit nicht, lieber zu glauben, als zu wissen. Wir können dies in den sozialen Medien, in der Berichterstattung und im Gespräch ablesen. Wir entwickeln allgemein Meinungen zu Themen, die wir nicht überschauen können. Unsere Meinungen basieren auf unserer Glaubensbereitschaft, unseren Vorurteilen und dem gesellschaftlichen Trend. Was gerade im Schwange ist, hat eher eine Chance, allgemein geglaubt und gemeint zu werden. Die aktuelle Pandemie ist der Spiegel, den wir uns hier vorhalten könnten. Doch die wenigsten tun es und bleiben bescheiden in ihrer Meinungsbildung, indem sie beobachten und sich eingestehen, dass sie hierzu zu wenig wissen.

Derlei Bescheidenheit war den Religionen schon immer fremd. Sie wussten über das, was sie nicht wussten, allerhand und fabulierten munter drauf los. Und damit ihr System in sich geschlossen blieb, entwickelten sie die Theologie, indem sie einen Quark auf den anderen schichteten, bis er zu steinhartem Käse trocknete. In ähnlicher Weise geht es heute weiter, denn die Glaubensbereitschaft ist weit höher als die Bereitschaft, sein Unwissen anzunehmen und zu bekunden. Jedenfalls haben allerlei Sekten Auftrieb, wobei ich hierfür nicht zwischen sektiererischen politischen und religiösen Weltanschauungen unterscheide. Beide drehen in kleinen Zirkeln ihren intellektuellen Magerquark, und damit er nicht zu schnell vergammelt, schotten sie sich gegen störende Einflüsse ab. Das ist, was gegenwärtig in den asozialen Medien massiv geschieht. Die Gesellschaft fragmentiert virtuell, und die virtuelle Zersplitterung etabliert sich auch im wirklichen Leben. – Die Welt wird scheinbar einfacher, aber auch gefährlicher, denn sie kann leicht erschüttert werden und zerbröseln. Denn mit einer widerlegten Meinung werden für viele auch Persönlichkeitsanteile infrage gestellt; schließlich sind sie mit ihrem Wesen das, was sie glauben und meinen. Werden diese Überzeugungen entwertet, wird auch die Person entwertet, wodurch für gewöhnlich das Aggressionspotential und nicht die korrigierende Einsicht steigt. – Gut, wer sich in einer solchen wahnhaften Welt noch selbst modifizieren kann; schlecht für all jene, die mit ihrem zerbrechenden Glauben und Meinen selbst zerbrechen.

Langes Sterben ist ein schwerer Tod

Meine Schwiegermutter stirbt. Sie stirbt schon lange. Eigentlich seit dem 6. Januar 2019. Da ereilte sie ein Herzstillstand, vor dem Speisesaal ihres Altenheimes. Man reanimierte sie. Daraufhin setzte ihre Atmung aus. Man reanimierte sie ein zweites Mal. Damals war sie 92 Jahre alt, inzwischen ist sie 94 Jahre alt geworden.

Seit einem halben Jahr liegt sie im Bett und wird sechsmal am Tag umgelagert, damit sie keine entzündlichen Druckstellen bekommt. Sterben möchte sie schon seit drei Jahren, nachdem sie einen zweiten Schenkelhalsbruch erlitt. Jetzt ist sie sterbenssiech und fleht ihren Tod herbei.

Sie war zeitlebens eine zwiespältige Person, die durch ihren toxischen Narzissmus ihre Tochter und ihr Enkelkind vergiftete. Ihre Tochter vergiftete sie, indem sie ihr ihre Jugend neidete und darüber rasend wurde, dass sie ihr eigenes Leben und nicht das von ihr vorbedachte führte. Ihren Enkelsohn vergiftete sie, indem sie ihm Geld zusteckte, obgleich er ein Hallodri ist. Zudem stiftete sie ihn an, seine Mutter ebenso wie sie zu hassen. Dazu erzählte sie ihm, dass seine Mutter an seiner Gehörlosigkeit Schuld trüge, die die Folge einer Meningitis und Enzephalitis war, an der er mit zwei Jahren erkrankte.

Derzeit zeichne ich Bilder, die die Schwiegermutter und ihr Sterben zeigen. Dazu verfasse ich meist Senryūs, die das Temperament des jeweiligen Bildes hintergründig skizzieren. In ähnlicher Weise begleitete ich zeichnend und bloggend das Sterben meines Schwiegervaters (siehe Link).

Hier das erste Bild zur Schwiegermutter. Es entstand vor zwölf Wochen. Als wir sie verließen, meinten wir einmal mehr sie überlebe die nächsten Tage nicht mehr, gleichzeitig bezweifelten wir diese Prognose, denn ihr Überleben ist ungewöhnlich zäh und stark.

Nachdem wir gingen sahen wir von einer Anhöhe dem davonziehenden Regen nach und unterm Regenbogen einen Schwarm Tauben. Die Stimmung des Bildes ergreift dieser Senryū:

Und dann starb sie – nicht
Sie hatte noch nicht genug
Von ihrer Bosheit.

Das nächste Bild ist eine Federzeichnung. Mit ihr hielt ich die archaische Kraft fest, die ich empfand, wie sie das Leben, dem sie längst überdrüssig war, festhielt. Ja, das Leben ließ sie nicht los; und so erschien sie mir als gleich einem Baum, der nie keimen musste, sondern aus seinem alten Holz wieder und immer wieder Wurzeln schlug und sich fest in der Erde verkrallte.

Das Senryū zum Bild:

Der alte Baum knarzt
Derweil ihn der Sturm entlaubt
Schon fällt er ins Moos.

Bei unserem letzten Besuch bei ihr vor drei Wochen machte ich im Abendlicht ein paar Fotos von ihr. Sie war nun in einem Zustand, in dem sie uns vollkommen fremd geworden war. In den vier vergangenen Wochen, in denen wir sie nicht mehr sahen, hatte sich ihr Gesicht vollkommen verändert. Auch wenn sie apathisch und dissoziiert wirkte, war sie dennoch präsent. Sie erkannte Fotos von ihrer Mutter und ihrem Mann wieder und konnte sich auch zeitlich zuordnen. Ich machte eine Skizze von ihr, dazu schrieb ich folgenden Vers:

Sie sieht so fremd aus
Wie wenn sie sich vergessen
Ihr wahres Gesicht?

Vier Fotos druckte ich aus und übermalte sie, dazu entstanden folgende Senryūs:

Sieh deine Tochter
Sie fleht nach deiner Liebe
Doch du weist sie ab.

Traurig ihr Anblick
Schmerzlich ihre Ablehnung
Sie stirbt unversöhnlich.

Gegen Wundliegen
Dreht man sie sechsmal am Tag
Ihr Hass bleibt stabil.

Sie will längst sterben
Nur ihr Leben hält sie fest
Augen ohne Glanz.

Nachstehend sehen sie alle Bilder in der Reihenfolge ihrer Erwähnung.

Und dann starb sie – nicht

 

Der alte Baum knarzt

 

Sie sieht so fremd aus

 

Sieh deine Tochter

 

Traurig ihr Anblick

 

Gegens Wundliegen

 

Sie will längst sterben