Langes Sterben ist ein schwerer Tod

Meine Schwiegermutter stirbt. Sie stirbt schon lange. Eigentlich seit dem 6. Januar 2019. Da ereilte sie ein Herzstillstand, vor dem Speisesaal ihres Altenheimes. Man reanimierte sie. Daraufhin setzte ihre Atmung aus. Man reanimierte sie ein zweites Mal. Damals war sie 92 Jahre alt, inzwischen ist sie 94 Jahre alt geworden.

Seit einem halben Jahr liegt sie im Bett und wird sechsmal am Tag umgelagert, damit sie keine entzündlichen Druckstellen bekommt. Sterben möchte sie schon seit drei Jahren, nachdem sie einen zweiten Schenkelhalsbruch erlitt. Jetzt ist sie sterbenssiech und fleht ihren Tod herbei.

Sie war zeitlebens eine zwiespältige Person, die durch ihren toxischen Narzissmus ihre Tochter und ihr Enkelkind vergiftete. Ihre Tochter vergiftete sie, indem sie ihr ihre Jugend neidete und darüber rasend wurde, dass sie ihr eigenes Leben und nicht das von ihr vorbedachte führte. Ihren Enkelsohn vergiftete sie, indem sie ihm Geld zusteckte, obgleich er ein Hallodri ist. Zudem stiftete sie ihn an, seine Mutter ebenso wie sie zu hassen. Dazu erzählte sie ihm, dass seine Mutter an seiner Gehörlosigkeit Schuld trüge, die die Folge einer Meningitis und Enzephalitis war, an der er mit zwei Jahren erkrankte.

Derzeit zeichne ich Bilder, die die Schwiegermutter und ihr Sterben zeigen. Dazu verfasse ich meist Senryūs, die das Temperament des jeweiligen Bildes hintergründig skizzieren. In ähnlicher Weise begleitete ich zeichnend und bloggend das Sterben meines Schwiegervaters (siehe Link).

Hier das erste Bild zur Schwiegermutter. Es entstand vor zwölf Wochen. Als wir sie verließen, meinten wir einmal mehr sie überlebe die nächsten Tage nicht mehr, gleichzeitig bezweifelten wir diese Prognose, denn ihr Überleben ist ungewöhnlich zäh und stark.

Nachdem wir gingen sahen wir von einer Anhöhe dem davonziehenden Regen nach und unterm Regenbogen einen Schwarm Tauben. Die Stimmung des Bildes ergreift dieser Senryū:

Und dann starb sie – nicht
Sie hatte noch nicht genug
Von ihrer Bosheit.

Das nächste Bild ist eine Federzeichnung. Mit ihr hielt ich die archaische Kraft fest, die ich empfand, wie sie das Leben, dem sie längst überdrüssig war, festhielt. Ja, das Leben ließ sie nicht los; und so erschien sie mir als gleich einem Baum, der nie keimen musste, sondern aus seinem alten Holz wieder und immer wieder Wurzeln schlug und sich fest in der Erde verkrallte.

Das Senryū zum Bild:

Der alte Baum knarzt
Derweil ihn der Sturm entlaubt
Schon fällt er ins Moos.

Bei unserem letzten Besuch bei ihr vor drei Wochen machte ich im Abendlicht ein paar Fotos von ihr. Sie war nun in einem Zustand, in dem sie uns vollkommen fremd geworden war. In den vier vergangenen Wochen, in denen wir sie nicht mehr sahen, hatte sich ihr Gesicht vollkommen verändert. Auch wenn sie apathisch und dissoziiert wirkte, war sie dennoch präsent. Sie erkannte Fotos von ihrer Mutter und ihrem Mann wieder und konnte sich auch zeitlich zuordnen. Ich machte eine Skizze von ihr, dazu schrieb ich folgenden Vers:

Sie sieht so fremd aus
Wie wenn sie sich vergessen
Ihr wahres Gesicht?

Vier Fotos druckte ich aus und übermalte sie, dazu entstanden folgende Senryūs:

Sieh deine Tochter
Sie fleht nach deiner Liebe
Doch du weist sie ab.

Traurig ihr Anblick
Schmerzlich ihre Ablehnung
Sie stirbt unversöhnlich.

Gegen Wundliegen
Dreht man sie sechsmal am Tag
Ihr Hass bleibt stabil.

Sie will längst sterben
Nur ihr Leben hält sie fest
Augen ohne Glanz.

Nachstehend sehen sie alle Bilder in der Reihenfolge ihrer Erwähnung.

Und dann starb sie – nicht

 

Der alte Baum knarzt

 

Sie sieht so fremd aus

 

Sieh deine Tochter

 

Traurig ihr Anblick

 

Gegens Wundliegen

 

Sie will längst sterben

 

 

Spirituelle Ausbeutung

Narrenguru ©Mala

Zum späten Mittag, wenn die Sonne schon eine Weile den Zenit passiert hatte, dafür aber die Hitze am drückendsten wurde und Mensch und Tier den Schatten suchten, um eine Weile zu dösen, erwachte der Faun im alten weisen Mann. Seine Sicht auf die Welt flirrte daraufhin ebenso wie die Mittagshitze, und er begann, absonderliche Ideen zu formulieren, als würde er selbst bocksfüßig und flötenspielend durch die Lüfte schwirren. Es war die Stunde, in der ihm seine Schüler träge lauschten, und er so manche Spitzen verteilte, um ihrer Sicht eine andere Richtung anzubieten. Dabei beschwor er so manches Missverständnis herauf; schließlich sah er sich nicht als der Lenker ihrer Weltsicht, sondern meinte von sich, dass er nur spirituelle Brillen anbot. – Eine seinerseits durchaus dünkelhafte Haltung, denn letztlich dressierte er seine Schüler nur in seinem Sinne.

„Die Wahrheit ist ein weites Feld und scheu wie ein Reh. Ihr müsst alles überblicken und euch ihr vorsichtig nähern …“, schwadronierte er. Da überwand ein Schüler seine mittägliche Lethargie und erwiderte mit leichtem Spott: „Wahrheit ist weder Feld noch Reh, weder weit noch scheu. Sie ist schlicht Wahrheit und in jedem Auge eine, doch nie die meine.“

Irritiert über die ungewohnte Unterbrechung seiner gedanklichen Bocksprünge, ranzte der Guru: „Oh, wie scharfsinnig, da sehe ich gleich ein Feuerwerk an Wahrheit blitzen, in dem jede Wahrheit rasch verblasst.“

„Schönes Bild, doch auch eine ausgebrannte Wahrheit, erleuchtet die Dunkelheit. Dazu muss man aber selbst seine eigene Dunkelheit erkennen, um ihr den Raum zu geben, um funkensprühend zu begeistern.“

„Begeisterung aus Umnachtung …“, witzelte der Guru dazu.

Da stand sein Schüler auf und verließ den Kreis. Der Guru aber, wissend, dass er nicht mehr zukehren würde, rief ihm nach: „Gehe und gründe deinen eigenen Ashram. Du bist so weit, die Wahrheit glüht in dir.“

Daraufhin wandte sich der Schüler noch einmal um: „Meine Wahrheit ist so weit, dass auch dein Leichtsinn in ihr Raum hat.“

Der Guru lachte darauf ehrlich und glücklich, denn er wusste in dem Moment, sein einstiger Schüler würde künftig eine weitere Masche im Netzwerk spiritueller Ausbeutung sein; denn seine Replik zeigte, er hatte den Schwindel durchschaut, man musste nur hü und hott gleichzeitig sagen, um die Gedanken der Schüler zu verwirren und selbst als weise zu gelten. Das ging für gewöhnlich so lange, bis sie gingen, um den Ruf ihres Lehrers in der Welt zu verbreiten oder eine eigene Schule zu gründen, worauf sich künftig die beiden Halunken, Guru und Schüler, ob ihrer Weisheit gegenseitig in den Himmel lobten. Denn nichts beeindruckt einen gemeinen Schüler mehr, als wenn sich zwei Toren gegenseitig Weisheit bescheinigen.

Falls Sie meinen, ich übertreibe, dann schauen Sie hinaus in die Welt, dort geschieht es alltäglich, dass sich zwei Nichtsnutze gegenseitig Testimonials ausstellen. Wobei sie nicht einmal etwas wirklich korruptes tun. Nein, sie tun nur, was von ihnen erwartet wird. Sie gaukeln ihren Anhängern nur vor, wie diese sie gerne sehen wollen.

Rollentausch

Rollentausch @ Matthias Mala

Oh ja, ihm geht’s gut. Nein, der ganze Wahnsinn interessiere ihn nicht. Er habe ordentlich zu tun … Wieder mal ein Mann, der sich über seine Arbeit definiert, obgleich er gar keine mehr hat. Ja, es gibt ebenso jene Frauen, die sich regelmäßig mit ihren Freundinnen im Caféhaus treffen und dort trällern, wie prima es bei ihnen daheim läuft, obgleich ihre Familien auseinanderfallen und sie nur noch mit pharmazeutischer Seelenschminke über die Runden kommen.

Oh ja, die Welt ist eine Bühne und viele von uns spielen ihre Rolle bis ins Grab. Wobei ein jeder Mensch seine eigene kleine Theatergruppe ist, die durchs Leben tingelt. An jeder Ecke, auf jedem Stuhl ist er eine Variante seiner selbst; nur wo ist er echt? Wer weiß es? Ich denke, die wenigsten wissen es. Ja, die meisten haben noch nie darüber nachgedacht, dass sie Selbstdarsteller sind, ohne zu wissen, wer dieses Selbst ist. Gerade deswegen wirken sie auch für sich selbst und somit erst recht nach außen authentisch.

Andere wieder sind in religiöse oder esoterische Zusammenhänge eingebunden, in denen es das höchste Ziel ist, keine Rolle mehr zu spielen, sondern eine entpersonalisierte Person, eine vom Ego entkernte Seele zu sein. Was immer das auch sein soll, sie nennen es Erleuchtung, Samadhi, Moksha, Satori, Kenshō oder Bodhi. Eine Menge Bezeichnungen für einen Zustand, in dem man selbst für sich selbst keine Rolle mehr spielt … oder besser gesagt spielen sollte. Denn eigentlich ist Erleuchtung nur die Krönung des Narzissmus. Die erleuchtete Person hat sich derart zentriert, dass sie zum Nabel Gottes geworden ist. – Ein recht infantiler Zustand …

Gesünder ist es, hin und wieder die Rollen zu wechseln. So kann man sich aus verschiedenen Perspektiven erleben und bei guter Reflexion die Selbstdarstellung derart optimieren, dass man zum Prätendenten für jedermann wird. Ja, man wird zum Star im Quartier, im Dorf, der Stadt, im Land oder gar weltweit. Nur legt man damit seine Rolle nicht mehr selbst fest, sondern bekommt sie von seinem Publikum zugewiesen. Will man sie wechseln, hat man die Wahl zwischen Pension, Verbannung oder Häme. Man kann sich dann – einmal geprägt – niemals mehr enteilen.

Bemerkenswert an diesem Spiel ist, egal wie wir es spielen, wir leben meistens die Figur, die andere in uns sehen. Es ist offensichtlich problemloser, dem Bild der anderen als dem eigenen zu entsprechen; weswegen wir fast wie selbstverständlich so leben, wie wir meinen, dass die anderen uns sehen. Nur manchmal ereilt uns die Enttäuschung, sobald diese Blase platzt und wir erkennen müssen, dass man uns ganz anders erlebte, als wir meinten, dass es geschähe. Was lernen wir daraus? Für gewöhnlich nur, dass wir die erwünschte Rolle proben und präsentieren; andernfalls müssten wir uns von uns selbst ein wahres Bild machen. Doch da das nicht geht, denn dann müsste etwas konkretes in uns selbst wirken … Wäre etwas konkret, wäre es unveränderlich; wäre es unveränderlich, wäre es inexistent, denn die Eigenschaft jeder Existenz ist ihre Veränderung.

Oh ja, wir müssten Gott sein, könnten wir die ultimative Rolle unserer Selbst spielen. Da diese Rolle aber göttlicherseits für niemanden vorgesehen ist, bleibt uns nur, uns immer wieder neu zu schöpfen, in neue Rollen zu schlüpfen, alte abzulegen und hierdurch lebendig zu bleiben. Darum, fürchten wir uns nicht vor den Rollen, die uns zugewiesen werden, sondern vor unserem inneren Hang, sie zu bewahren, um in ihnen zu verkrusten. Es wäre der Tod im Leben! Blicken wir hingegen in den Spiegel des Lebens, erkennen wir uns als der, der wir sind, indem wir uns sagen: Das bist du nicht! – Das bist du nur vorübergehend.

Also gehen wir weiter …

Coronales

Janus © Matthias Mala

Dieser Tage, da die Seuche rund um den Globus zieht und wir zueinander auf Distanz gehen und gleichzeitig Nähe suchen … Was soll man sagen, wo wir gerade alles wieder und wieder auskehren, was wir an guten wie schlechten Eigenschaften besitzen: Nachbarschaftsgeist, Raffgier, Nächstenliebe und Selbstsucht, dazu noch Dankbarkeit und Feindseligkeit. In der Not entblößen sich die Charaktere bis auf ihren ebenso hässlichen wie schönen Kern. Da erwacht Janus in uns wieder, der doppelgesichtige römische Gott. Allerdings war es Janus Eigenschaft, sowohl Anfang als auch das Ende oder die beiden Seiten einer Medaille zu sehen, anstatt die Menschen anzuhalten, auf ihren eigenen zwiespältigen Charakter zu blicken. Diese Übung bleibt auch heute überwiegend der Seelenheilkunde vorbehalten, die dabei aber auch meist versagt, indem sie das Böse als Folge frühkindlicher Störungen betrachtet und es somit als eingefleischte Unreife entschuldigt. So kommt es, dass heute wie damals die Figur des Massenmörders faszinierender ist, als diejenige seiner Opfer. Dabei wäre es so einfach, würde man ein Charakterschwein als Charakterschwein bezeichnen und nicht als Opfer des Klammerbeutels, mit dem es als Säugling gepudert wurde.

Einfach …? Ja, einfach! Einschichtig, ein Fach, eine Lade, in ihr liegt die sichtbare Tat, das Böse und nicht sein Gegenteil. Diese Münze besitzt keine zweite Seite. Sie ist einseitig, und diese Einseitigkeit ist bei der Betrachtung der Täter entscheidend, um ihren Opfern gerecht zu werden. Niemand käme auf die Idee einem Philanthropen beim Lob seiner Wohltaten im gleichen Atemzug seine Schändlichkeiten vorzuhalten. Bei Tätern neigen wir hingegen beinahe zwanghaft dazu, ihnen auch gute Züge nachzusagen, als ob wir so ihre Schlechtigkeit eingrenzen könnten. Damit aber missachten wir ihre Opfer, die nichts gutes durch sie erfuhren, und werden letztlich somit niemanden gerecht. Dabei sollten wir allein die Tat und ihre Folgen wiegen, nur so würden wir dem eigentlichen Ereignis gerecht. – Warum aber vermeiden wir das?

Weil letztlich all unsere Handlungen in unseren Absichten begründet sind. So geben sich manche betont weltoffen, um ihren eigene Kleinkariertheit zu kaschieren. Andere geben sich feindselig, um die gleiche Erbärmlichkeit vor sich zu vertuschen. Wobei uns die eigene Absicht häufig selbst verborgen bleibt, weil allein das vorgetragene Motiv uns ziert, während der tiefere Blick uns als selbstsüchtig, schwach und berechnend bloßstellen könnte. So zeigen wir Milde, gegenüber der bösen Tat, weil wir uns selbst korrumpieren. Schließlich sind wir Täter wie Opfer in einem. Wir sind die Janusköpfigen, die hinter ihrer honorigen Fassade die Bestie verbergen. So haben wir Deutsche zwar nach den Massenmorden, die wir allein begingen und nicht – wie eine gängige Floskel vorgaukelt – in unserem Namen begangen worden waren, die Verjährungsfrist für Mord nachträglich aufgehoben. Wenige Jahre darauf aber ermöglichte ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes, dass die lebenslängliche Strafe hierfür faktisch auf 15 Jahre Gefängnis reduziert wurde. Damit entschuldeten sich die Kinder der Massenmörder gewissermaßen selbst.

Um unserer eigenen Schlechtigkeit willen, stifteten wir das Gute, um zu heilen, was das Böse in uns anrichtete. Doch in Wahrheit beförderten wir nur Bitternis und Scheinheiligkeit. So wurden Täter zu Gerechten und Opfer zu Vergessenen, denen man sich zu Stichtagen pflichtschuldigst erinnerte. 2002 fand sich die Bundesrepublik großzügig bereit, einstigen Zwangsarbeitern im Ghetto Rentenleistungen in Aussicht zu stellen. 2014 waren 90% der Anträge der Zwangsarbeiter abgelehnt worden, da zum einen Rentenanwartschaften nur durch freiwillige Arbeit entstehen konnten, und zum anderen Kinder unter 14 Jahren gar nicht arbeiten durften und somit ebenfalls keine Rentenansprüche erwerben konnten (Quelle).

In diesen Tagen, wo wirkliche Not und scheinbarer Anspruch miteinander wetteifern, werden überspannte Seelen auf Flitzebogen gesehnt, um böse Pfeile abzusenden … Es wird gelogen, weil Absichten getarnt, und manch einer kocht sein eigenes Süppchen wie immer, wenn eine Krise neue Chancen bietet, die man noch nicht überblickt. Dann kommt auch Janus wieder ins Spiel, denn man versucht, aus dem Schatten ins Licht zu linsen und seine künftigen Pfründe zu fundieren. Oder anders gesagt, man erfindet des Rad wieder neu, auf das man seine Widersacher spannt, um ihnen die Knochen zu brechen, und schaut dazu ganz unbedarft aus der Wäsche. Womit selbst im Umbruch der Krise alles beim alten bleibt. Und wir Deutschen haben darin nun wirklich gründliche Erfahrung.

Vor der Krise ist in der Krise. In der Krise ist nach der Krise, und nach der Krise ist vor der Krise. Wer zu spät Toilettenpapier bunkerte, musste sich seinen Hintern wie zu Napoleons Zeiten am Brunnen waschen. Offensichtlich bleiben wir im Kern dieselben, egal wie sich die Zeiten ändern. Darum sollten wir auch unsere Hoffnungen auf eine bessere Welt aufgeben. Jedenfalls dürfen wir uns glücklich schätzen, dass wir seit 1945 bis heute so glimpflich über die Runden kamen. Betrachten wir zudem den mythischen Januskopf genauer, erkennen wir, dass er von beiden Seiten gleich auszieht. Beide Seiten seiner Medaille gleichen sich. Die Zeiten ändern sich, so wie sie sich grundsätzlich wiederholen.

Was sich gewiss ändert ist, dass wir dieselben Fehler nicht wiederholen können, dafür aber die gleichen, und die Variationen des gleichen sind, blicken wir nur in die Geschichte, unendlich. Andernfalls würden solche Bilder wie das des doppelköpfigen Janus über die Zeit unverständlich. Es waren übrigens die Römer, die ihn schöpften. Bei den alten Griechen gab es noch keine Idee für ihn. Angesichts dieses mythologischen Fortschrittes in der Antike bin ich selbst närrisch genug, zu glauben, dass über die Zeit Vernunft und Mitempfinden in den Menschen zunehmen; obgleich die nackten Zahlen im großen und ganzen dagegen sprechen. Doch im kleinen Hier und Jetzt hat sich die Welt weit mehr zum guten verändert. Das schließt atavistische Ausbrüche nicht aus, wie wir sie jetzt und danach immer wieder erleben werden. – Bleiben wir gesund und werden wir vernünftig …

Lichtbringer

Ein weiterer Blogbeitrag zum Sinn des Lebens. Er bringt wenig neues, außer ein paar mäandernde Gedanken zur zeitlosen Frage: Gibt es Gott, und wenn nicht, was macht sonst noch Sinn? Wobei ich mich der Gottesfrage enthalte, da sei schon Doktor Google vor, er bietet auf sie binnen 0,46 Sekunden 234.000 Antworten, was so gut wie keine ist. Denn verspricht ein Problem so viele Lösungen, kann es keines sein. Oder anders gesagt, es bleibt sich schnurzegal, ob es einen Gott gibt oder nicht. Hingegen ist es nicht egal, ob es Priester, Mullahs, Popen oder Pfarrer gibt; denn sie sind die Ideologen, die die Gedanken und Herzen der Menschen mit ihrer Vorstellung von Gott und ihren Ihm zugedachten Gesetzen vergiften. Gleich kommunistischer Politkommissare trennen sie die Menschen in Recht- und Ungläubige. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Sie kungeln mit den Mächtigen und segnen deren Waffen, mit denen sie notfalls auch das eigene Volk über den Haufen kartätschen lassen. Die Schandtaten ihrer Gläubigen zu rechtfertigen und ihnen dabei noch ein gutes Gefühl zu vermitteln, ist somit der eigentliche Sinn von Gottheiten.

Allein deswegen macht die Frage nach einem realen Gott so viel Sinn wie die Frage nach dem ewigen Leben. Wir haben nur dieses Leben, und es ist nicht zu übersehen, dass es für jeden von uns endlich ist. Allerdings haben sich einige Gottessucher eine besondere Geschichte ausgedacht. Sie ist so besonders, dass die Kirche sie mit Stumpf und Stiel tilgen wollte, auf dass niemand mehr an sie denken möge; nur es war wie alles, was aus der Büchse der Pandora einmal in die Welt gesetzt wurde, nicht mehr rückholbar. Ich meine die Geschichte von Hephaistos, Vulkan oder Luzifer. Sie waren die Lichtbringer, die dem Menschen das Feuer brachten und somit die Zivilisation stifteten. Hephaistos und Vulkan waren, als das Christentum begann, schon sieche Götter. Luzifer hingegen entstand wie das Christentum für dieselbe Mär aus den Hirngespinsten weltabgewandter Gnostiker. Er war der Lichtbringer, der sich zu weit aus der himmlischen Sphäre lehnte, weil er meinte, sein Licht genüge ihm. So kam es, dass ihn die Dunkelheit einfangen konnte, wodurch es zu einem Weltbeben kam. Denn der Demiurg – der Geist der Dunkelheit – benützte das himmlische Licht, um ein Abbild der strahlenden Schöpfung zu schaffen. So entstand das Universum und mit ihm das Jammertal der Erde. Doch das Licht konnte er nicht tilgen. Es strahlt seitdem als Seelenfunken in jedem Menschen fort. Folglich wären wir Menschen weil luzide Funken alle Teufelsbrut.

Versöhnend ist allerdings, dass wir Kinder Luzifers unser Licht in den Himmel zurücktragen werden. So verspricht es uns jedenfalls das Christentum, das als einzige gnostische Sekte der Zeitenwende überlebte. Jetzt zu Ostern feiern wir wie zu Weihnachten auch ein Lichterfest, das die Überwindung des Demiurgen, der Dunkelheit, symbolisiert. Christus führt die Seelen ins Licht zurück. In dieser Pose wird er in den nordischen Kirchen abgebildet. Christus als Lichtbringer im Strahlenkranz seiner Mandorla. Doch das ist eine täuschende Symbolik; denn er bringt kein Licht, sondern entführt es. Er nimmt es mit. Entsprechend war das Christentum über 2000 Jahre eine Ideologie der Verdummung. Jedenfalls bis in die Renaissance hinein, war die Kirche so mächtig, dass sie das Volk für blöd verkaufen konnte. Und wie reagierte sie auf die dann beginnende Aufklärung? Mit Hexenverbrennung! Einem 150 Jahre anhaltenden Terror gegen die Bevölkerung, denn es brannten 60.000 Frauen wie Männer im Verhältnis 3:2.

Nein, Christus war kein Luzifer, kein Lichtbringer. Er war kein Menschenfreund, der uns Erkenntnis – Gnosis – brachte. Er war nur ein herrschsüchtiger Rebell, der sich nach seiner Scheinhinrichtung nach Kaschmir verzog[1], und somit ein Gott weniger, der auf Erden wandelte. Sein Eklektizismus bediente die Sehnsüchte aller, die durch die römische Herrschaft erniedrigt worden waren, indem er ihnen den Ausgleich ihrer Schmach im Jenseits, also im kühlen Grab versprach. Erkenntnis aber brachte er nicht. Jedenfalls ist von ihm keine naturwissenschaftliche Einsicht oder gesellschaftspolitische These überliefert, die es nicht schon vor ihm gab – außer vielleicht, dass er der Natur trotzte und über Wasser ging und von den Toten auferstand. Die womöglich dahinterliegenden Gesetze der Quantenmechanik behielt er jedenfalls für sich.

Erkenntnis und nicht Glaube oder Dogma ist aber die Eigenschaft, die der mythische Luzifer in die Welt trug. Sie war tatsächlich das Licht der Menschheit und könnte es auch heute sein, wäre der Mensch mitgegangen. Doch er tat es nicht. Die meisten Menschen blieben irgendeiner Ideologie verhaftet, egal wie der Ismus auch heißt, sie folgen dem Satan, dem Seth, dem Gott der Nacht, der Dunkelheit. Schließlich umnachtet jeder Ismus den Geist und die Erkenntnis. Folgerichtig sind auch jene, die sich Satanisten nennen, umnachtete. Ja, erst wenn wir auch den Mythos des Luzifers zerbrechen, haben wir eine Chance frei zu werden. Was bleibt ist lernen, und bereit sein, Gelerntes zu verwerfen, sobald es dank besserer Erkenntnis widerlegt wurde. Allerdings sollten wir auch hier wachsam bleiben, denn unsere Wissenschaften sind inzwischen von Ideologien durchseucht, unsere Hochschulen sind zu einem Hort totalitärer Volkserzieher geworden, wie sie Orwell vor über 70 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg skizzierte. Und es gab seitdem trotz faktischer Erkenntnisse keine Luft, keine bessere Zeit, kein Licht von Erkenntnis. Wir stolperten gut gebildet von einer ideologischen Verblendung zur nächsten: McCarthyismus, Maoismus, Sozialismus, Ökologismus, Neoliberalismus, Islamismus, Feminismus, Genderismus usw. usf.

Jüngst las ich Texte von Jiddu Krishnamurti, die jemand aus dem Kreis seiner Nachlasspfleger ausgewählt hatte, um die Notwendigkeit der Verbreitung seiner Lehre für den Weltfrieden zu untermauern. Ich musste lachen, ob des Dünkels und der Hirnverdreherei, die da durch die Zeilen spukte. Und ich lachte zugleich darüber, mit welch bitterem Ernst ich einst selbst seine Gedanken wie eine Monstranz vor mir her trug. Dabei ist das Leben viel einfacher und umso viel schöner, solange man es schlicht lebt, solange man in seinem Fluss bleibt. Es trägt einen von der Quelle bis zur Mündung. Je weniger Ismen es für einen selbst stauen, umso wilder, tiefer, kräftiger und erquickender ist es in jedem Moment.

Ganz besonders bedeutsam ist, dass wir es von Anfang fließen lassen, also unsere Kinder nicht in unsere Fußstapfen zwingen, sondern ihnen stets die Wahl lassen, das Leben selbst original zu entdecken. Leider tun wir das nicht. Noch im Januar verschreckten wir sie mit der Klimakatastrophe, heute ist es eine Pandemie, morgen wird es die Wirtschaftskrise und übermorgen ein Krieg sein. Vor lauter Phantasmen und vor lauter Angst überantworten wir sie Wahrheitsministerien, die im Grunde wir selbst sind, weil wir sie nicht loslassen wollen, weil wir durch sie unser eigenes sinnentleertes Leben perpetuieren wollen. Ja, wir wollen es nicht dulden, dass andere ihre und nicht unsere Wahrheit leben. Wir brauchen die Mitträger unserer Meme[2], damit wir durch sie Beständigkeit und vermeintliche Fortdauer erhalten. Was letztlich nur verblasener Dünkel ist. Das Leben ist unbeständig, panta rhei, alles fließt. Das zuzulassen macht Sinn. Sich selbst der Sinnlosigkeit anheim zu geben, ist demnach höchster Lebenssinn. Denn nichts ist lebendiger als das Leben selbst. Baden wir in ihm, lassen wir uns forttragen; selbst wenn die äußeren Umstände bitter sind, ist der Lebensstrom die einzige unverfälschte Wahrheit. Ihm dürfen wir vertrauen. Zünden wir an seiner Wahrheit unsere Laterne an.

[1] Jesusgrab Srinagar https://de.wikipedia.org/wiki/Yuz_Asaf

[2] Meme sind soziokulturelle Bewusstseinsinhalte https://de.wikipedia.org/wiki/Mem

Korona

Eine Korona ist der feurige Kranz der Sonne, der Schein um Sonne oder Mond oder ein „Regenbogen“ bei klarem Himmel. Das Lichtkleid eines Menschen, seine Aura, wird ebenfalls so genannt. Der Strahlenkranz ums Haupt eines Guru oder Heiligen ist die Corona radiata. Ja, Korona ist der Glorienschein.

Derzeit plagt uns allerdings nicht das physische Scheinen der Gestirne noch das spirituelle Scheinen irgendwelcher Sonderlinge, sondern ein Coronavirus. Auch hier geht es viel um Scheinen, also um Annahmen und ein jeder ist Schmalspurexperte in Epidemiologie, Virologie und Pneumologie.

Andererseits ist alles Scheinen. Maya nennen es die Buddhisten und Hindis; wobei bezeichnenderweise die Mutter des Siddhartha Gautama ebenfalls Maya hieß. Sie empfing den Buddha durch ihn selbst, indem dieser in Gestalt eines weißen Elefanten sie an der rechten Seite berührte und in sie überging – sozusagen pränataler Inzest. Zehn Monate später gebar Maya Siddhartha im stehen ebenfalls aus ihrer rechten Seite. Der Junge konnte gleich nach seiner Geburt laufen und sprechen. Sieben Tage nach seiner Geburt starb seine Gebärerin.

Nun Coronaviren sind echt und nicht nur Schein. Die Welt ist ebenso echt und nicht nur Schein. Und wenn Sie an Corona erkranken, erkranken Sie nicht nur zum Schein. Ebenso sind all die Scheine, die die westlichen Regierungen jetzt über ihre zertrümmerte Ökonomie regnen lassen, nicht nur Schein, obwohl sie mehr Maya als Gold sind. Gleichwohl sollte man den Schein auch hier nicht verachten. Er scheint Schutz zu bieten.

Darum lange Rede kurzer Sinn, lassen Sie es für sich scheinen. Wie? Indem Sie sich eine spirituelle Maske basteln. Sie hilft ebenso wie echte Masken. Sie hilft zwar nicht gegen Ihre Infektion, doch dafür schützt sie ihre Mitmenschen davor, dass Sie sie infizieren. So schützt sich die Gemeinschaft insgesamt. Indem ein jeder andere schützt, schützet ein jeder sich selbst. Das ist ein wunderschönes Bild für Nächstenliebe. Wären die Kirchen nicht wegen verordneter sozialer Distanz geschlossen, wäre es ein erbauendes Gleichnis für die Prediger.

Also greife ich es ebenfalls auf und ermuntere uns alle, uns künftig weniger geistlich und geistig infizieren zu wollen. Binden wir uns eine Maske vor, damit wir unsere ideologischen Viren und Bazillen nicht ungebremst in die Welt schleudern; denn so wie wir in letzter Zeit hierzulande miteinander umgingen, vergifteten wir uns nur gegenseitig, indem wir wie Kammerjäger versuchten, die scheinbar giftigen Gedanken in der Gedankenwelt unserer Mitmenschen zu desinfizieren. Dabei banden sich all jene, die das versuchten, einen Glorienschein um. Denn sie wähnten sich im Besitz der Wahrheit. Das derlei Wähnen allerdings ein erster Baustein zu Dummheit ist, blendeten sie im Schein ihrer Selbstgerechtigkeit aus. Da aber die Dummheit die Schwester der Boshaftigkeit ist, wurden in der Tat die Gedanken und damit die Welt unserer Erscheinung, unser Maya, vergiftet.

Ich habe darum wenig Hoffnung, dass es nach der Coronakrise besser wird. Mithin rette ich mich in mein Scheinen: und das ist die Kunst. Das Bild oben ist beispielhaft für meinen neuen Ansatz, den ich aktuell im Wahnsinn dieser Welt für mich kreierte. Ich male Kreise aus der freien Hand. Möglichst perfekt und deswegen perfekt unperfekt und somit vollkommen menschlich. Alsdann, bleiben Sie gesund!

Gedankenleere

Gedankenleere © Mala

Ihrer Lebtag strebte sie nach Erleuchtung – allerdings nicht nach Einsichten durch Erkenntnis, also nicht nach mehr und tieferem Wissen, das ihr so manchen weltlichen Zusammenhang erhellte, sondern einzig nach spiritueller Erleuchtung. Wobei sie daran verschiedene Bedingungen knüpfte. Hierfür klaubte sie sich aus östlichen Religionen und abendländischer Esoterik ihren maßgeschneiderten Synkretismus zusammen. Ein wenige Hinduismus, ein wenige Buddhismus aller drei Fahrzeuge und Weisheiten von so manchem Guru. Sie nahm an vielen Retreats teil, fastete, schwieg und meditierte alleine wie in Gruppen. Ihre Idee war ihre unmittelbare Wahrnehmung durch Gedankenlosigkeit zu schulen. Jedenfalls meinte sie die himmlische Wahrheit der Schöpfung teile sich nur einem entleerten Geist mit. Entleert sei ein Geist, wenn er nur noch schaue, aber das geschaute nicht bedenke, denn alle Gedanken seien Trug. Man schaute und erkannte, von keinem Gedanken getrübt, die reine Wahrheit. Auf meine Frage hin, wie sie denn dann im erleuchteten Zustand wieder nach Hause fände, schimpfte sie mich einen Defätisten.

Andererseits half ihr ihre Weltsicht auch, sich von störendem Gedankengut abzugrenzen. Denn ihre Gedanken basierten auf Einsichten, die sie durch ihre Einkehr gewann; sie waren also inspiriert und somit von göttlicher Natur, zumindest himmlisch befruchtet – was auch immer sie damit meinte. So lebte sie angenehm und ungestört in ihrer Filterblase, hatte Freunde, die ihre Weltsicht teilten und ebenso kritisches nicht zuließen. Auf diese Weise sorgten sie gemeinsam auch um ihr eigenes Wohlergehen, indem sie Wasser von rechts auf links polten, Strichkodes auf Lebensmittel energetisch neutralisierten und ähnlichen Humbug mehr. Es war eine gemütlich Welt, die sie sich da schufen, vergleichbar mit der fiktiven Grafschaft Midsomer des Inspektors Barnaby.

Inzwischen ist sie alt und dement geworden. Ihre Freundinnen haben sich zerstreut, sie starben oder sind gleichfalls dement oder haben den Kontakt aufgegeben, da sie nichts mehr zur Freundschaft beitragen kann. Im Grunde eine eigene Art seelischer Grausamkeit: Vernachlässigung durch Alter. Jedenfalls sitzt oder liegt sie auf ihrer Couch oder in ihrem Bett und schaut in die Welt mit großen Augen. Es ist ein meist leerer, gelegentlich suchender Blick, als sähe sie einen Gedanken, den sie zwar denken aber nicht erhaschen möchte. So lebt sie sich in sich zurückgezogen und ist zumindest dahingehend gedankenleer, als dass sie anscheinend keinen Gedanken mehr verfolgt. Im Grunde hat sie nun jenen Zustand erreicht, um den sie sich zeitlebens bemüht hatte. Allerdings ist dieserart geistige Reizlosigkeit nicht die Art der Vergeistigung, die ihr einst vorschwebte.

So ist sie am Ende ihres Lebens, das ein langer Lebensweg war, erschöpft. Ihrem Dasein, ihrem Status quo eilte sie dabei stets davon, um sich in einem Ideal zu veredeln. Sie ist müde geworden und würde gerne sterben, wenn ihr Leib ihre Seele nicht weiter fesselte. Manchmal sagt sie spontan: Ich will hier raus, und meint damit wohl, dass sie als Seele in ein Jenseits frei von quälender Leiblichkeit entfleuchen möchte. Wenn sie könnte, würde sie ihrem Lebensziel wahrscheinlich wie gehabt wieder folgen. Sie war zufrieden, solange sie Gedankenleere üben konnte, und als sie durch Demenz eintrat, hatte sie Ihre Urteilskraft darüber verloren. Es sind nur noch Oberflächlichkeiten, die ihr einfallen, die sie anders hätten machen sollen, ansonsten scheint sie mit sich zufrieden zu sein.

Den Weg, den sie ging, war belanglos, er war nicht schlecht und auch nicht gut, es war ein Weg, so wie wir ihn alle gehen, ein wenig angepasst, ein wenig eigen. Immer war auch Ablenkung dabei, um seine Belanglosigkeit ertragen zu können. Und Ablenkung gleich welcher Art war ihr auch eine Art von Meditation, um nicht schon vor dem Ende lebensmüde zu werden. Fernsehen war ihr so eine Mediationsmaschine, um sich selbst zu entkommen. Heute sind es Smartphone und „soziale“ Netzwerke. Schauen wir in die öffentlichen Verkehrsmittel, wie die Menschen einander weltweit entrücken. Abgestöpselt fixieren sie sich auf den Bildschirm ihres Wischi-Waschis, blicken nicht mehr auf, sondern bleiben in sich eingekehrt. So werden sie alt und vergehen irgendwann.

Es ist alles so unbedeutend, so gänzlich unbedeutend …

Jetzt hat sie das große Nichts, das Samadhi erreicht, das diskursive Denken ist mit sich selbst erloschen. Glücklich ist sie erkennbar nicht. Falls das Erleuchtung ist, verzichte ich lieber darauf.

Weltuntergang

©Matthias Mala

Als ich Ende 1950 geboren wurde, war der letzte Weltuntergang gerade mal 5 Jahre vorbei. Es war das Armageddon des Zweiten Weltkrieges mit der Shoa und geschätzten 65 Millionen Toten. Derweil ging das Wüten in der UdSSR und in China weiter. Beim letzten erwarteten Weltuntergang 2012 zum Ablauf des Mayakalenders starb in meiner näheren Umgebung nur eine Magersüchtige ihren absehbaren Tod. In der Zwischenzeit aber hatten über 100 Propheten einen Weltuntergang prophezeit und daran in ihrer Mehrheit gut verdient. Derzeit sind es die „Umweltschützer“, die uns den Weltuntergang voraussagen, das aktuelle Datum müssen sie freilich noch liefern.

Weltuntergang begleitet die Menschheit schon immer und das Christentum von Anfang an. Der Apostel Johannes war wahrscheinlich auf Droge oder hatte einen psychotischen Schub, als er seine Apokalypse verfasste; stand damit aber in guter jüdischer Tradition. Seitdem ging für irgendeine Sekte oder gelegentlich eine Weltreligion alle naselang die Welt unter. Eine Liste bekannter Weltuntergänge ist hier abrufbar.

Drohungen mit dem Weltuntergang sind im Grunde ähnliche Erpressungen wie sie unwillige Selbstmörder verüben. Man droht ratzfatz mit dem Ende, wenn nicht bis dahin dies oder das geschieht: Tausend Halleluja und tausend Euronen in die Kasse des Propheten, oder es ist Schluss mit lustig. Ja, es ist billiges sektiererisches Gehabe und da derzeit wie vor 1020 Jahren Politik und Medien an den Weltuntergang glauben, mag ich ihn belustigt erwarten; denn zum damals erwarteten Weltuntergang kroch Kaiser Otto III., der mächtigste Mann seiner Zeit, auf dem Bauch herum und gelobte, Mönch zu werden, falls sich dadurch das Jüngste Gericht aufhalten lasse.

Stellen Sie sich vor Angela Merkel robbte auf dem Bauch vor dem Reichstag, damit die Prophezeiungen der heiligen Greta unerfüllt blieben. Nur was könnte sie versprechen, um den Herrgott zu beschwören? Dass sie nie wieder Nägel beißen würde? Nein, nichts dergleichen, sie würde wohl eher schwören, dass sie dem deutschen Volk bis zu ihrem Tod weiterhin als Kanzler zur Verfügung stünde. Gut, dann lieber Weltuntergang …

In diesem Sinne mein Senryū zum Jahresbild 2020, diesmal wegen dem Silbenmaß 5-7-5 auf bayerisch:

Ois greint im gonz’n Lond,
Dös Joa ist Woiduntagang.
Passt, pflanzts Opfibaim!

Einen guten Rutsch und Gesundheit und Glück im neuen Jahr.

99 > 1 oder die Welt ist irre

Blasen©Matthias Mala

Wenn man unter vollkommen irren Umständen aufwächst und von pathologischen Figuren erzogen wird, was geschieht dann mit einem? Wird man ebenso irre, oder kann man den Irrsinn soweit rezipieren, dass man ihn letztlich gar zu transzendieren vermag? Ich weiß es nicht, denn ich wuchs unter vollkommen irren Umständen auf und wurde von pathologischen Figuren erzogen. Ich hätte um ein Haar die Folgen des daraus resultierenden Wahnsinns nicht überlebt. Überlebte schließlich, indem ich mein Leben löschte und ein neues begann. Es war eine Wiedergeburt, im gleichen Leib, mit all den schrecklichen Erinnerungen an eine diabolische Zeit. Jedenfalls habe ich durch diese beinahe 30jährige Entwicklung genügend Expertise, um im Alltag Irre zu erkennen.

Also behaupte ich aufgrund meines sachverständigen Eindrucks, dass 99% der Menschen verirrte sind; denn das Wort „irre“ hat darin seine Wurzel, den Weg verfehlt oder sich verirrt zu haben. Ähnlich ist es mit dem Wort „ver-rückt“, dass seinen Bedeutungssinn erkennbar mit sich trägt. Der Verrückte ist von der Normalität abgerückt. Allerdings ist das eine irrige Ansicht in meinen Augen, denn das Irre, das Wahnsinnige ist das Normale, bei beinahe 100% Irren eigentlich eine passende Zuschreibung, wiche sie nicht in dieser Größe erheblich von der Gaußschen Weiterlesen

Geistlichkeit

©Matthias Mala

Magie ist das Klingeln, um Gott ins Gespräch zu zwingen.

Theurgie ist, das Gespräch zu führen.

Weisheit ist, zu Schweigen und das Gespräch zu sein.

Das Bild zeigt das Wartezimmer für die Geistlichkeit auf dem Perlacher Friedhof in München.

So sinnlos schön die Schöpfung

Sinnlosigkeit © Matthias Mala

Vor gut zwei Jahren kontemplierte ich hier bereits, über den Sinn der Sinnlosigkeit, allerdings kam ich damals zu einem anderen Schluss.

In einigen ebenso stillen wie hellen Momenten erkenne ich: Alles ist sinnlos. Die Welt ist sinnlos, und ihr Schöpfer sinnbefreit. Nichts macht Sinn!

Doch Stopp! Nichts macht Sinn, macht Sinn. Damit meine ich, insoweit alles sinnlos ist, ist allein die Sinnlosigkeit sinnig. Freilich hilft diese Einsicht nicht weiter, sondern verstärkt nur den Eindruck einer das gesamte Universum durchdringenden Sinnlosigkeit. Manch einer mag in den sinnig erscheinenden Zusammenhängen, die das Universum erhalten und beleben, einen Sinn erkennen, doch sinnig ist das nicht. Schließlich muss jedes Universum strukturiert sein, andernfalls würde es mit seiner Schöpfung zerfallen. Weiterlesen

Religiöse Versprechungen, eine wahre Geschichte kastrierten Mannesmutes

Willi © Matthias Mala

Vor langer, langer Zeit, im Jahre 1881 stand der Ochse Willi auf einer saftigen Wiese bei Berg am Würmsee. Auf der Weide daneben wurde gerade der Stier Schorschi am Nasenring geführt, um eine stierige Kuh zu bespringen. Willi hatte keine Ahnung, was da wirklich vor sich ging, doch an Schorschis rollenden Augen, seinem Schaum vorm Maul und seinem kehligen Muhen schloss er, dass Schorschi gerade etwas sehr beglückendes durchlebte. Also fragte er ihn später, was er tun müsse, um gleichfalls solche Freuden erfahren zu können.

Schorschi blickte Willi spöttisch an und wollte schon einen derben Witz reißen, doch dessen einfältiger Blick stimmte ihn mitleidig und er schaukelte erstmal seine Hoden, vor Willi, ehe er begann, dem Ochsen diesen Bären aufzubinden.

„Weißt du Willi, dir fehlen die Klöten der Glückseligkeit; deswegen kannst du mit deinem Pimmel nur pissen, und deswegen ist er auch nur für den Ochsenziemer gut, mit dem mir der Bauer Paroli bietet, sobald mir die Flinte juckt.“ Weiterlesen