99 > 1 oder die Welt ist irre

Blasen©Matthias Mala

Wenn man unter vollkommen irren Umständen aufwächst und von pathologischen Figuren erzogen wird, was geschieht dann mit einem? Wird man ebenso irre, oder kann man den Irrsinn soweit rezipieren, dass man ihn letztlich gar zu transzendieren vermag? Ich weiß es nicht, denn ich wuchs unter vollkommen irren Umständen auf und wurde von pathologischen Figuren erzogen. Ich hätte um ein Haar die Folgen des daraus resultierenden Wahnsinns nicht überlebt. Überlebte schließlich, indem ich mein Leben löschte und ein neues begann. Es war eine Wiedergeburt, im gleichen Leib, mit all den schrecklichen Erinnerungen an eine diabolische Zeit. Jedenfalls habe ich durch diese beinahe 30jährige Entwicklung genügend Expertise, um im Alltag Irre zu erkennen.

Also behaupte ich aufgrund meines sachverständigen Eindrucks, dass 99% der Menschen verirrte sind; denn das Wort „irre“ hat darin seine Wurzel, den Weg verfehlt oder sich verirrt zu haben. Ähnlich ist es mit dem Wort „ver-rückt“, dass seinen Bedeutungssinn erkennbar mit sich trägt. Der Verrückte ist von der Normalität abgerückt. Allerdings ist das eine irrige Ansicht in meinen Augen, denn dass Irre, das Wahnsinnige ist das Normale, bei beinahe 100% Irren eigentlich eine passende Zuschreibung, wiche sie nicht in dieser Größe erheblich von der Gaußschen Normalverteilung ab. Darum ist mir der Begriff „Idiot“ lieber. Galt doch der Idiot ursprünglich im alten Griechenland als jener, der sich von den „Normalen“ absonderte und seiner eigenen Wege ging. Gerade das trifft in unserer höchst pervertiert individualisierten Welt in der Tat auf so ziemlich alle Erdenbürger zu. Jeder ist ein Individuum – zumindest wähnt sich ein jeder als solches. Auch wenn sie zu hunderttausenden alle mit dem gleichen Arschgeweih durch die Gegend laufen und dabei den Hosenbund herunterstreifen, um ihr Maurerdekolleté zu präsentieren, um hierdurch allen anderen Idioten zu zeigen, dass sie so anders, so einzigartig und superindividuell sind.

Die Eigenart der Idioten ist also ihre Einzigartigkeit bei gleichzeitiger Konformität mit alle anderen Idioten. Von daher sehe ich meine Behauptung, 99% aller Menschen seien Idioten, als durchaus schmeichelhaft. Denn demnach gälten weit mehr Menschen für normal, als sie selbst voneinander annehmen; schließlich liegt die durchschnittliche Idiotenquote, die Leute über ihre Mitmenschen annehmen, nach meiner persönlichen Erhebung, bei etwa 80%. Also ein normaler Individualist meint, nur weitere 20% der Menschen außer ihm würden normal ticken. Egal, dass auch diese Kurve erheblich von der Normalverteilung abweichen würde, eins bleibt für die 99% Normalisten – so nenne ich hier ausnahmsweise einmal die Idioten – sonnenklar, jemand, der so wie ich meint, 99% seiner Mitmenschen seien Idioten, muss selbst ein gehöriger Idiot sein.

Was soll ich dazu sagen? Gut, ich sage es einfach, ohne Wenn und Aber: Ja, sie haben recht. Ich bin ein gehöriger Idiot! Allerdings bin ich gegenüber den 99% Idioten dahingehend im Vorteil, dass ich weiß, dass ich ein Idiot bin, während sie sich für normal halten. Ich habe mich soweit reflektiert, dass ich erkenne, dass jemand wie ich, der sich gegen die erdrückende Mehrheit der Menschen stellt, indem er sie als Idioten bezeichnet, zwingend ein Idiot sein muss. Trotzdem gibt es schlichte Tatsachen, die den Irrsinn der 99% belegen, solange man sich seines Verstandes bedient.

Ich verzichte dazu, auf Moden und politische Bewegungen einzugehen, die allesamt etwas von Massenhysterie an sich haben, sondern erwähne nur die Religionen. Der Glaube daran, dass es etwas Mächtigeres als mich selbst gibt, ist nicht irrational, sondern vernünftig, andernfalls würden wir nicht alt werden. Doch daraus einen Gott zu schustern und ihn dazu noch in eine abstruse Theologie zu betten, ist schlicht idiotisch. Wer will mag es zur Mythomanie – eine psychische Störung – sortieren, was andererseits das Irresein lediglich verdeutlicht, aber am Fakt der Idiotie nichts ändert.

Bei dieser Ausformung von Verrücktheit stimmt dann auch die Gaußsche Glockenkurve, da findet sich die erdrückende Mehrheit der Menschen, die an Gott glaubt in einem schönen statistischen Kegel wieder. Hier ein Link, der den Sachverhalt zu einem mir genehmen Fakt verkehrt; er zeigt nämlich die weltweite Verteilung jener Menschen, die ihrem Verstand vertrauen und auf Gott verzichten können.

Abschließend meine Synopse dieser Kontemplation: 99% der Menschheit ist irre, jedoch weiß sie darum nicht. Das ist die Norm. Das eine Prozent, das nicht irre ist, ist in den Augen der anderen irre. Der Vorteil dieser Gruppe ist, sie weiß um diesen Umstand und nimmt es an, nicht normal aber dafür irre zu sein. Sie sind die wahren Individualisten … immer! Es wird einem daher schwer fallen drei solcher Individuen auf einem Fleck anzutreffen. Doch bei inzwischen 80.000.000 Sonderlingen auf der Welt, denn das ist ein Prozent der Menschheit, bleibt es auch nicht chancenlos. Jedenfalls erkenne ich unter meinen Mitmenschen etwa 80% Sonderlinge; nur das verbliebene Fünftel sind Idioten. Womit ich Ihnen die Hoffnung gebe, dass Sie nicht der einzige Idiot unter lauter Normalisten in dieser Welt sind.

Einen gesegneten 1. Advent; machen Sie es sich gemütlich.

Geistlichkeit

©Matthias Mala

Magie ist das Klingeln, um Gott ins Gespräch zu zwingen.

Theurgie ist, das Gespräch zu führen.

Weisheit ist, zu Schweigen und das Gespräch zu sein.

Das Bild zeigt das Wartezimmer für die Geistlichkeit auf dem Perlacher Friedhof in München.

So sinnlos schön die Schöpfung

Sinnlosigkeit © Matthias Mala

Vor gut zwei Jahren kontemplierte ich hier bereits, über den Sinn der Sinnlosigkeit, allerdings kam ich damals zu einem anderen Schluss.

In einigen ebenso stillen wie hellen Momenten erkenne ich: Alles ist sinnlos. Die Welt ist sinnlos, und ihr Schöpfer sinnbefreit. Nichts macht Sinn!

Doch Stopp! Nichts macht Sinn, macht Sinn. Damit meine ich, insoweit alles sinnlos ist, ist allein die Sinnlosigkeit sinnig. Freilich hilft diese Einsicht nicht weiter, sondern verstärkt nur den Eindruck einer das gesamte Universum durchdringenden Sinnlosigkeit. Manch einer mag in den sinnig erscheinenden Zusammenhängen, die das Universum erhalten und beleben, einen Sinn erkennen, doch sinnig ist das nicht. Schließlich muss jedes Universum strukturiert sein, andernfalls würde es mit seiner Schöpfung zerfallen. Weiterlesen

Religiöse Versprechungen, eine wahre Geschichte kastrierten Mannesmutes

Willi © Matthias Mala

Vor langer, langer Zeit, im Jahre 1881 stand der Ochse Willi auf einer saftigen Wiese bei Berg am Würmsee. Auf der Weide daneben wurde gerade der Stier Schorschi am Nasenring geführt, um eine stierige Kuh zu bespringen. Willi hatte keine Ahnung, was da wirklich vor sich ging, doch an Schorschis rollenden Augen, seinem Schaum vorm Maul und seinem kehligen Muhen schloss er, dass Schorschi gerade etwas sehr beglückendes durchlebte. Also fragte er ihn später, was er tun müsse, um gleichfalls solche Freuden erfahren zu können.

Schorschi blickte Willi spöttisch an und wollte schon einen derben Witz reißen, doch dessen einfältiger Blick stimmte ihn mitleidig und er schaukelte erstmal seine Hoden, vor Willi, ehe er begann, dem Ochsen diesen Bären aufzubinden.

„Weißt du Willi, dir fehlen die Klöten der Glückseligkeit; deswegen kannst du mit deinem Pimmel nur pissen, und deswegen ist er auch nur für den Ochsenziemer gut, mit dem mir der Bauer Paroli bietet, sobald mir die Flinte juckt.“ Weiterlesen

Freigeist

Wolkenbrücke © Matthias Mala

Irgendwann wird es einem jeden, der kritisch in die Welt blickt, zuviel. Was er sieht, ist immer wieder das gleiche Elend. Seit Beginn der Menschheit herrschen Einfalt und Gier, gibt es Kriege und Not. Die Zeiten, in denen es für eine Generation Frieden gab, sind rar und wenn, gab es dafür meistens Gewalt und Unterdrückung im inneren des Landes. Wer also von der Dummheit in der Welt und um einen herum genug hat, nimmt sich irgendwann die Freiheit, frei zu sein. Häufig geschieht das wie eine Infektion, die sich gesellschaftlich ausbreitet. Plötzlich verändern immer mehr Leute ihren Lebensstil, rotten sich zusammen und proklamieren einen „alternativen“ Lebensstil. Das war schon in der Antike so und ist heutzutage nicht anders. Meistens haben diese Bewegungen einen religiösen oder zumindest heilsbringenden Charakter. Allerdings kann dieses Heil für viele tödlich enden. Mit Luther begann nicht nur die Reformation, sondern auch die Hexenverfolgung. Marx‘ Theorien führten zum kommunistischen Massenmord, und der euphorischen Hatz in den ersten Weltkrieg folgte der Faschismus in Europa. Weiterlesen

Verdorben

Kackender Gott © Matthias Mala

Rubinette ist eine Apfelsorte, die im Herbst und Winter wohlschmeckend ist. Mit Beginn des Frühjahrs überlagert der Apfel rasant und verdirbt von innen heraus. Äußerlich sieht er dann zwar noch köstlich aus, doch unter seiner Schale ist er faul.

Sieht man sich die katholische Kirche an, glänzt sie noch in aller Pracht, doch in sich ist sie verdorben. Allerdings ist dies kein abnormer Zustand, sondern die Normalität. Seit der konstantinischen Wende ist die katholische Kirche korrupt und zwar sowohl im Sinne von bestechlich als auch von moralisch verdorben. Denn mit der Anlehnung an die politische Macht wurden ihre Priester auch mächtig genug, ihren Sexualtrieb mit wem und wie sie wollten zu stillen. Die kirchliche Sexualmoral galt nur für das Volk, während die Geistlichkeit über jeglicher Sünde stand, egal wie sündhaft sie sich verhielt. Weiterlesen

Selbstsuche

Kotz
Selbstentdeckung © Matthias Mala

Eines Tages begann er oder sie zu suchen. Sie suchten nichts spezielles, ja sie wussten eigentlich nicht, was sie suchten, somit fanden sie zwar einiges, aber nicht das, was sie meinten, zu suchen; weshalb sie ihre Suche, selbst wenn gar Goldadern darunter waren, nicht befriedigte. Also hielten sie inne und überlegten, was denn das Objekt ihrer Suche sein könnte. Manche meinten, man solle Gott suchen. Doch der sei ja schon da, wussten andere, glaubhaft zu versichern. Wieder andere meinten, dass man nach Gott gar nicht suchen könne, weil sich dieser offenbaren würde. Und ehe daraus ein fürchterlicher Streit entbrannte, an dessen Ende man sich die Köpfe einschlagen würde – denn das so etwas geschähe, dafür genügte ein Blick in die Geschichte – hing man die ganze Suche ein wenig tiefer und begann, sich selbst zu suchen.

Zwar wusste niemand, der sich selbst zu suchen begann, was denn sein Selbst sei, doch hatte jeder so sein Selbstverständnis davon, was es denn sein könnte. Einige setzten sich vor Spiegel und fragten ihr Spiegelbild tagelang „Wer bist du?“ und wurden darüber verrückt. Die, die nicht verrückt wurden, fanden ihr Selbst zwar auch nicht, doch sie glaubten es gefunden zu haben, just nachdem sie gemeinsam mit ihrem Spiegelbild einschliefen und meinten fortan, erleuchtet zu sein. Andere machten andere verrückte Dinge, sie hatten Sex oder nahmen Drogen bis sie delirierten, andere schufteten 16 Stunden am Tag, wieder andere gründeten Familien oder gingen in die Politik, allesamt fanden sie ihr Selbst und bewahrten es. In Wahrheit aber sperrten sie sich selbst in den Käfig ihrer eigenen Vorurteile von sich selbst. Jedoch die meisten von ihnen waren damit glücklich. Gelegentliche Zweifel überwanden sie, indem sie andere darüber belehrten, wie man zu sich selbst finden konnte. Letztlich starb ihr Selbst mit ihnen selbstzufrieden. Weiterlesen