Fremd

Noch fremd © Matthias Mala

Noch fremd © Matthias Mala

Das Wort „fremd“ meinte in seiner ursprünglichen Bedeutung „fortsein“ oder „von etwas entfernt sein“. Fremd ist uns also, was uns nicht nahe ist. Ebenso sind wir Fremde, solange wir nicht nahe, nicht eingebunden sind. Fremdsein verliert sich darum rasch, sobald wir in der Fremde Gastfreundschaft erfahren oder in eine Gemeinschaft aufgenommen werden. Auch das Bekannte kann einen befremden, wenn es sich entfernt, indem es sich anders zeigt, oder wir es anders sehen. Wir kennen alle die seltsame Anwandlung, wenn wir zum Beispiel längere Zeit nicht zu Hause waren und uns bei der Heimkunft beim Blick auf das altbekannte Interieur, dieses sehr befremdet; es mutet uns ein wenig wie eine Traumwirklichkeit an.

Das Gefühl von Fremde ist ambivalent. Das Fremde vermag uns ebenso zu locken wie zu ängstigen. Das Fremdsein selbst scheint mal bedrückend, mal befreiend. In jedem Fall ist das Fremde eine Unterbrechung des Bekannten, es entrückt uns, fordert von uns Aufmerksamkeit, zwingt uns zur Auseinandersetzung mit ihm. Deswegen mögen wir das Fremde eigentlich nur, solange es sich – quasi nur ein wenig fremd ‑ im Erwarteten und Bekannten zeigt. Ist es hingegen ganz fremd, lässt es uns entweder wie kleine Kinder fremdeln oder wir neigen dazu, es zu übersehen, indem wir ihm mit unseren Vorurteilen begegnen und es uns so angenehm machen. Können wir ihm jedoch nicht ausweichen, setzen wir uns notgedrungen mit ihm auseinander, indem wir es abwägen und deuten. Dies ist ein Prozess der Aneignung, bei dem sich das Fremde zum Bekannten wandelt. Indem es für uns handbar und erklärbar wurde, haben wir das Fremde kennengelernt. Wer das Fremde kennt, fürchtet es nicht mehr. Weiterlesen

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Vampirismus

Vampir © Matthias Mala

Vampir © Matthias Mala

Vampire waren in den Mythen zu allen Zeiten gegenwärtig; schließlich geschahen zu jeder Zeit blutige Grausamkeiten, hinter denen die Menschen einen blutrünstigen Geist vermuteten, der zwanghaft umging: der Untote, der Wiedergänger, der Vampir. Heutzutage erschaffen wir uns einen neuen Vampirmythos, nämlich den des smarten Vampirs, des verzweifelten Schönlings, der daran leidet, dass er seiner Natur nicht entfliehen kann. Vampirromane dieses Typs verkaufen sich mehr als gut. Mittlerweile avancieren auch bissige Frauen zu Protagonisten. Für Kinder gibt es ja schon seit gut drei Jahrzehnten die Mär vom kleinen vegetarischen Vampir als Gutenachtgeschichte. Somit haben warmduschende Vampire einer Generation das Gruseln gelernt und einen Mythos vergegenwärtigt, der sich von der Anbindung an Bluttaten vergangener Epochen scheinbar abgelöst hat. Das heutige millionenfache Morden rund um den Globus hat aus unserer aufgeklärten Sicht demnach nichts mehr mit den Wiedergängern von einst gemein; es mutet uns vielmehr wie ein Stück Wirklichkeit an, das in keiner Anderswelt verankert ist. ‑ Meint man! Weiterlesen

Unpolitisch sein

Konsens im Dissens © Matthias Mala

Konsens im Dissens © Matthias Mala

Sein Garten war sein Refugium. In ihm zog er Gemüse und Blumen, meditierte und diskutierte mit seinen Schülern. Es war ein schönes Stück Land vor der Stadt, ein wahrer Hort der Einkehr – ja, beinahe ein heiliger Ort. Seine Peperoni, die er dort erntete, machten ihm besondere Freude. Klärte doch ihre Schärfe immer wieder aufs neue seinen Geist und Leib. So verbrachte der Meister viele gute Jahre in seinem Haus und Garten.

Irgendwann jedoch nahmen Bauträger seinen Grund ins Visier. Man machte ihm ein Angebot, das er ablehnte. Man erhöhte das Angebot, was er wiederum zurückwies, da er seinen Garten nicht aufgeben wollte und ihm das angebotene Geld nichts bedeutete. Also griffen die Baulöwen zu unlauteren Methoden und vergälltem ihm das Leben in seinem Refugium derart, dass er schließlich aufgab und in die Stadt zog. Weiterlesen

Alles dir gilt mir

liebevolle Vernachlässigung © Matthias Mala

liebevolle Vernachlässigung © Matthias Mala

 Ihr Kind sollte es einmal besser haben als sie. Sie war im Waisenhaus aufgewachsen, kam dann zu Verwandten, die sie nicht mochten, aber aufnahmen, weil sie Geld für die Pflege bekamen. Entsprechend trost- und lieblos war ihre Kindheit und Jugend. Bald nach der Geburt ihres Kindes trennte sie sich von seinem Vater und entzog ihm das Kind, denn sie wollte es ganz für sich alleine. Es war ihr Schmuckstück, das sie behütete und an dem sie sich immer wieder erneut ergötzte. Da konnte sie keinen Vater gebrauchen, der das Kind von ihr ablenkte und zur Eigenständigkeit anhielt. Nein, sie wusste stets, was das beste für ihr Kind war, und das war vor allem, seinen Launen zu entsprechen.

So wuchs ihr Kind ohne Einschränkungen auf, jede Schwierigkeit wurde ihm aus dem Weg geräumt und jeder Wunsch wurde ihm von den Augen abgelesen. Als es in der Schule zu sehr gefordert wurde, weil es immer unausgeschlafen zum Unterricht kam, nahm sie es lieber von der Schule, anstatt feste Schlafzeiten einzurichten. Als es in der Ausbildung versagte, nahm sie das Kind ganz nach Hause, damit ihr die Welt nicht weiter übles antun konnte. So lebte das Kind scheinbar seine Freiheit, doch in Wirklichkeit verwirklichte es nur die Vorstellung seiner Mutter von einer unbeschwerten Jugend – es wurde zu deren fleischgewordenem Traum. Entsprechend eigenartig und launisch verhielt es sich auch zu seiner Mitwelt. In der Folge wurde das mittlerweile erwachsen gewordene Kind immer einsamer und neigte zunehmend der Mutter zu, und diese ließ es nicht los. Weiterlesen