Letzter Termin

letzte Termine

© Matthias Mala

Als man ihr vor der Aussegnungshalle kondolierte, sprach sie vom sonnigen Wetter und von dem nahen Ententeich mit den blühenden Seerosen. Sie war zwar in Schwarz, doch sie war kaum in Trauer. Nur ab und an, wenn ein besonders mitfühlendes Trostwort, ihr den traurigen Anlass wieder vergegenwärtigte, weinte sie still. Doch schon beim nächsten Blickwechsel, fiel ihr Schmerz sommerlichter Vergessenheit anheim. Sie ging am Arm des Neffen, plauderte mit ihm über Vergangenes. Der Tod ihres Mannes war nur ein flüchtiger Schatten vor den noch hellen Erinnerungen. Er blieb ein unbemerktes Ereignis in haltloser Gegenwart.

Die Freundin kam aus der Aufbahrungshalle, ging auf die Witwe zu, sprach ohne Umwege von dem Auto, dass man ihr nun überlassen könne. Hatte sie auch zuvor Beileidsworte geflüstert, waren sie bereits bedeutungslos, weil dort verheuchelt und da vergessen. Nein, erwiderte die Witwe in täuschender Präsenz, das sei nun doch der unpassende Moment. Später, ein anderes Mal. Als sei der Wagen schon ihrer, verklärte sich der Blick der Freundin, und verschwörerisch riet sie: Hör nicht auf, Joachim, er tut dir nur schön und redet hinter deinem Rücken schlecht. Er will dich nur betrügen. Mit leeren Augen folgte die Witwe der Richtung, in die die andere deutete.

Sie sah den verblassten Charmeur, der sie schon eine Weile wie ein Planet umkreiste, Weiterlesen

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All Ein Sein

Sommertage © Matthias Mala

Sommertage © Matthias Mala

Es war ein heißer Tag, draußen brütete die Sonne. Die Stadt glühte förmlich, es war staubig und die Menschen schwitzten, rochen und waren grantig. Nur dort, wo es Kühlung gab, an den Brunnen, in den Freibädern oder in klimatisierten Kinos und Museen, wandelten sich die Menschen wieder, wurden freundlich und waren einander zugewandt.

In der Wohnung war es angenehm lau. Die Fensterläden waren geschlossen, die Fenster dahinter geöffnet. Das Licht war gedämpft, und es wehte eine kühlende Brise durch die Räume; denn die Türen standen offen und so konnte sich die Luft von der Schattenseite des Hauses zu seiner Sonnenseite austauschen. Die Gardinen blähten sich ab und an. Es tat gut, hier zu sitzen und eine kühle Limonade von frisch gepressten Limonen zu trinken. Man träumte, lauschte leiser Musik und plauderte.

Am Abend zog ein Gewitter auf. Während draußen die Temperaturen durch den Platzregen sanken, staute sich die verbliebene Wärme in der Wohnung. Nun war es in den Räumen stickig. Man ging hinaus auf die Terrasse und beobachtete das Unwetter. Als es abgezogen war, war es sehr still. Der Regen tropfte von den Blättern und die reglosen Bäume entfalteten nach der Erfrischung ihre Aura weit in die Dunkelheit hinein. Weiterlesen

Wellness

Wellness © Matthias Mala

Wellness © Matthias Mala

Nach dem Yoga in einer körperwarmen Saline bei Sphärenklängen schweben. Danach einen Fruchtsaftcocktail vom Bio-Obst. Im Tepidarium findet man Entspannung. Anschließend geht es zur ayurvedischen Massage, die mit einer Hot-Stone-Massage aus angewärmten Halbedelsteinen gekrönt wird, damit die Chakren kreisen und mit ihnen der Energiefluss pulsierend strömt. Ein leichtes Abendessen, ein Gespräch über Achtsamkeit beim spirituellen Coach. Schließlich schlafen auf naturbelassenen Matratzen, mit einem Kräuterkissen unterm Kopfkissen. Der nächste Morgen beginnt dann mit einem Sonnengebet und einer Mediation. Und der Tag setzt sich in selbstverständlicher Leichtigkeit fort. Man hat sein Leben verlangsamt, man kommt zu sich, tankt Energie und findet wieder Sinn im Leben. Denn man rückt dem Transzendenten ja so nah.

Das ganze nennt sich Wellness. Ich nenne es Lifestyle-Kitsch! Früher sagte man dazu Wohlfühlen, aber Wohlfühlen ist zu banal, verkauft sich nicht so gut ‑ wie ein Anglizismus. Und Wellness verkauft sich sehr gut: auf über 70 Milliarden Euro wird der Jahresumsatz in Deutschland geschätzt. Warum aber Wellness überwiegend mit Anleihen aus der Esoterik oder Spiritualität vermarktet wird, hat etwas mit der Einstellung ihrer Kundschaft zu tun. Um in einem Wellnesshotel ein paar Tage abzuhängen, braucht man schon einige Hundert überflüssiges Geld. Man muss also schon zum Mittelstand zählen, wenn man den Flow während einer Wellnessbehandlung erleben möchte. ‑ Und der Mittelstand ist in hohem Maße esoterisch infiziert. Weiterlesen

Einsam sein

Einsam © Matthias Mala

Einsam © Matthias Mala

Sein Glauben war unerschütterlich. Er betete jeden Tag die Horen, und auch seine Arbeit verstand er als stete Zwiesprache mit Gott. Er war ein eifriger Mönch und seinen Ordensbrüdern ein Vorbild. Dennoch empfand er sich von Gott verlassen, denn sein Glaube schien ihm nur ein wie unerfülltes Sehnen. Es war ihm daher, als wäre sein Herz unheilbar verschattet. Also beschloss er eines Tages, seine Aszese zu verstärken und sich in eine Rekluse zu begeben.

Seine Ordensbrüder rieten ihm eindringlich davon ab, derlei selbstgewählte Isolation sei nicht mehr zeitgemäß, ja sie habe etwas unbarmherziges an sich. Womit sie zum Teil auch richtig lagen, denn sein Wunsch, sich in einer dämmrigen Zelle einmauern zu lassen, entsprang nur seinem düsteren Herzensgrund. Dennoch, er setzte seinen Willen durch, und wurde zur Weihnachtsnacht eingemauert. Nach einem Jahr wollte er, mit glühendem Herzen und dem in der Einsamkeit gefundenen Christus in sich, die dunkle Kammer wieder verlassen. Weiterlesen

Wintersonnenwende

Wintersonnenwende © Matthias Mala

Wintersonnenwende © Matthias Mala

Als ich um die Ecke biegend in meine Straße schwenkte, blendete mich kupfergoldenes Licht. Ich blinzelte in den orangenen Sonnenball, sah wie silberhelle Fäden durch den Abenddunst auf die Sonne wiesen, als wollten sie mir den Weg durch das goldene Tor flankieren. Ja, mit jedem Schritt, den ich in meine Gasse hineinging, war es mir, als wollte mich die Sonne erheben und mit ihrer milden Wärme umschließen. In mir regte sich ein Gefühl, als wäre ich am Ziel, einem Ziel, das ich nie suchte, geschweige denn je verfolgt hätte. Es war ein himmlisches Gefühl von Heimat. Vielleicht war es das Gefühl, das ich einst als vierjähriger Bub erheischen wollte, als ich an einem Sommerabend nahe unserem Haus über die Heide auf die untergehende Sonne zulief, die zum greifen nahe dem Horizont entgegenrollte. Je näher sie der Himmelslinie rückte, desto schneller lief ich, denn sie schien sich gleichzeitig auch mir immer weiter zu nähern. Nur noch wenige Wiesenflecken überwinden, dann hätte ich sie erreicht. Doch mit jedem Schritt entfernte sich die Sonne wieder, bewahrte ihre nähernde Distanz. Dann berührte sie den Horizont und ich sank atemlos ins Gras. Sie war unerreichbar und doch so nah. Wie gerne hätte ich sie eingefangen, hätte sie berührt, mich an ihrem Glanz erfreut. Nun aber versank sie hinter der Heide. Schmollend wandte ich mich ab. Doch das nächste Mal, ganz gewiss, würde ich sie erwischen. – Ich kann mich allerdings an keinen weiteren Versuch erinnern, die Sonne einzufangen.

Doch jetzt lockte sie mich, als erinnere sie sich, an den kleinen Jungen, der ich einmal war, und als wollte sie sich, für ihre damalige Flucht um Verzeihung heischend, mit mir vermählen. Ich lächelte darüber und sah dabei in die lächelnden Gesichter der Menschen auf der Straße. Wir waren allesamt verzaubert, vereint an diesem späten Herbsttag, der trotz seiner Frische noch Wärme versprach. In einer Woche würden wir wieder grüne Weihnachten haben. Weiterlesen