Der Tod ist honigsüß

Nichts © Matthias Mala

Eine steile Behauptung, der Tod sei honigsüß. Warum nicht chilischarf oder milchsauer? Wer weiß es schon? Es kam außer Christus jedenfalls niemand zurück. Schon deshalb dürfte die Auferstehung eine ziemliche Ente gewesen sein. Selbst wenn man den Reliquienhändlern glauben schenken wollte und annimmt, das Turiner Grabtuch wäre echt, lässt sich damit nichts beweisen. Jedenfalls umhüllte das zweidimensionale Abbild auf dem Tuch keinen dreidimensionalen Körper, außer wir kreieren ein neues Wunder und erzählen uns, Jesus war platt wie eine Flunder.

Was ich damit sagen will ist angesichts des nahenden Novembers mit seinen Totengedenktagen, wir wissen um den Tod – also vom Sterben und Verwesen -, aber wir wissen nichts vom Tod. Wir Lebende können nur die Schwelle des Todes betrachten, jedoch sie nur um unseres Lebens willen überschreiten. Die Toten haben das gleiche Problem, sie gelangen nicht mehr zurück ins Leben. Das löst auch kein Glaube an Reinkarnation; denn niemand konnte sich bislang an ein Leben vor seiner Geburt erinnern. Wer es dennoch behauptet fabuliert, was er glauben möchte; andernfalls sollte er zumindest imstande sein, auch seine frühkindliche Amnesie zu erhellen.

Redlich können wir nur sagen, wir wissen nicht, was vor uns war und was nach uns sein wird. Wir mögen darüber spekulieren und die Spekulation glauben, aber Glauben bleibt Unwissen, selbst Glaubensgewissheit ist nur ein besonders stabiler Glauben. Folglich können wir mit Sicherheit sagen, wir wissen nichts vom Nichtsein noch von dem ihm nach dem Leben folgenden Totsein. Blicken wir zudem auf das große Ganze, das Sein als solches in Gestalt unseres Universums, so wissen wir nur, es war vorher nicht und wird irgendwann nicht mehr sein. Sind wir darob bescheiden und bescheiden uns damit, dass wir vor unserem Leben nichts waren und nach ihm gleichfalls nichts sein werden, dann wissen wir mehr konkretes über den Tod, als alle Religionen und Gscheidhaferl, die mit dem allgemeinen Unwissen über ihn gar noch einen Riesenreibach machen.

Wäre derlei Lebensbetrachtung der Kern einer Religion, wäre wahrscheinlich vieles auf Erden einfacher und so manche Untat würde ihre Rechtfertigung verlieren. Jedenfalls würde so manche Spekulation aufhören, denn wir würden wohl das Paradox oder das Koan: „Nichts ist alles, und alles ist Nichts“, eher intuitiv leben und für uns ein ums andere Mal lösen; so dass wir am Ende unseres Lebens leichthin ins All-Einsein, sprich ins Nichtsein eingehen könnten.

Coronales

Janus © Matthias Mala

Dieser Tage, da die Seuche rund um den Globus zieht und wir zueinander auf Distanz gehen und gleichzeitig Nähe suchen … Was soll man sagen, wo wir gerade alles wieder und wieder auskehren, was wir an guten wie schlechten Eigenschaften besitzen: Nachbarschaftsgeist, Raffgier, Nächstenliebe und Selbstsucht, dazu noch Dankbarkeit und Feindseligkeit. In der Not entblößen sich die Charaktere bis auf ihren ebenso hässlichen wie schönen Kern. Da erwacht Janus in uns wieder, der doppelgesichtige römische Gott. Allerdings war es Janus Eigenschaft, sowohl Anfang als auch das Ende oder die beiden Seiten einer Medaille zu sehen, anstatt die Menschen anzuhalten, auf ihren eigenen zwiespältigen Charakter zu blicken. Diese Übung bleibt auch heute überwiegend der Seelenheilkunde vorbehalten, die dabei aber auch meist versagt, indem sie das Böse als Folge frühkindlicher Störungen betrachtet und es somit als eingefleischte Unreife entschuldigt. So kommt es, dass heute wie damals die Figur des Massenmörders faszinierender ist, als diejenige seiner Opfer. Dabei wäre es so einfach, würde man ein Charakterschwein als Charakterschwein bezeichnen und nicht als Opfer des Klammerbeutels, mit dem es als Säugling gepudert wurde.

Einfach …? Ja, einfach! Einschichtig, ein Fach, eine Lade, in ihr liegt die sichtbare Tat, das Böse und nicht sein Gegenteil. Diese Münze besitzt keine zweite Seite. Sie ist einseitig, und diese Einseitigkeit ist bei der Betrachtung der Täter entscheidend, um ihren Opfern gerecht zu werden. Niemand käme auf die Idee einem Philanthropen beim Lob seiner Wohltaten im gleichen Atemzug seine Schändlichkeiten vorzuhalten. Bei Tätern neigen wir hingegen beinahe zwanghaft dazu, ihnen auch gute Züge nachzusagen, als ob wir so ihre Schlechtigkeit eingrenzen könnten. Damit aber missachten wir ihre Opfer, die nichts gutes durch sie erfuhren, und werden letztlich somit niemanden gerecht. Dabei sollten wir allein die Tat und ihre Folgen wiegen, nur so würden wir dem eigentlichen Ereignis gerecht. – Warum aber vermeiden wir das?

Weil letztlich all unsere Handlungen in unseren Absichten begründet sind. So geben sich manche betont weltoffen, um ihren eigene Kleinkariertheit zu kaschieren. Andere geben sich feindselig, um die gleiche Erbärmlichkeit vor sich zu vertuschen. Wobei uns die eigene Absicht häufig selbst verborgen bleibt, weil allein das vorgetragene Motiv uns ziert, während der tiefere Blick uns als selbstsüchtig, schwach und berechnend bloßstellen könnte. So zeigen wir Milde, gegenüber der bösen Tat, weil wir uns selbst korrumpieren. Schließlich sind wir Täter wie Opfer in einem. Wir sind die Janusköpfigen, die hinter ihrer honorigen Fassade die Bestie verbergen. So haben wir Deutsche zwar nach den Massenmorden, die wir allein begingen und nicht – wie eine gängige Floskel vorgaukelt – in unserem Namen begangen worden waren, die Verjährungsfrist für Mord nachträglich aufgehoben. Wenige Jahre darauf aber ermöglichte ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes, dass die lebenslängliche Strafe hierfür faktisch auf 15 Jahre Gefängnis reduziert wurde. Damit entschuldeten sich die Kinder der Massenmörder gewissermaßen selbst.

Um unserer eigenen Schlechtigkeit willen, stifteten wir das Gute, um zu heilen, was das Böse in uns anrichtete. Doch in Wahrheit beförderten wir nur Bitternis und Scheinheiligkeit. So wurden Täter zu Gerechten und Opfer zu Vergessenen, denen man sich zu Stichtagen pflichtschuldigst erinnerte. 2002 fand sich die Bundesrepublik großzügig bereit, einstigen Zwangsarbeitern im Ghetto Rentenleistungen in Aussicht zu stellen. 2014 waren 90% der Anträge der Zwangsarbeiter abgelehnt worden, da zum einen Rentenanwartschaften nur durch freiwillige Arbeit entstehen konnten, und zum anderen Kinder unter 14 Jahren gar nicht arbeiten durften und somit ebenfalls keine Rentenansprüche erwerben konnten (Quelle).

In diesen Tagen, wo wirkliche Not und scheinbarer Anspruch miteinander wetteifern, werden überspannte Seelen auf Flitzebogen gesehnt, um böse Pfeile abzusenden … Es wird gelogen, weil Absichten getarnt, und manch einer kocht sein eigenes Süppchen wie immer, wenn eine Krise neue Chancen bietet, die man noch nicht überblickt. Dann kommt auch Janus wieder ins Spiel, denn man versucht, aus dem Schatten ins Licht zu linsen und seine künftigen Pfründe zu fundieren. Oder anders gesagt, man erfindet des Rad wieder neu, auf das man seine Widersacher spannt, um ihnen die Knochen zu brechen, und schaut dazu ganz unbedarft aus der Wäsche. Womit selbst im Umbruch der Krise alles beim alten bleibt. Und wir Deutschen haben darin nun wirklich gründliche Erfahrung.

Vor der Krise ist in der Krise. In der Krise ist nach der Krise, und nach der Krise ist vor der Krise. Wer zu spät Toilettenpapier bunkerte, musste sich seinen Hintern wie zu Napoleons Zeiten am Brunnen waschen. Offensichtlich bleiben wir im Kern dieselben, egal wie sich die Zeiten ändern. Darum sollten wir auch unsere Hoffnungen auf eine bessere Welt aufgeben. Jedenfalls dürfen wir uns glücklich schätzen, dass wir seit 1945 bis heute so glimpflich über die Runden kamen. Betrachten wir zudem den mythischen Januskopf genauer, erkennen wir, dass er von beiden Seiten gleich auszieht. Beide Seiten seiner Medaille gleichen sich. Die Zeiten ändern sich, so wie sie sich grundsätzlich wiederholen.

Was sich gewiss ändert ist, dass wir dieselben Fehler nicht wiederholen können, dafür aber die gleichen, und die Variationen des gleichen sind, blicken wir nur in die Geschichte, unendlich. Andernfalls würden solche Bilder wie das des doppelköpfigen Janus über die Zeit unverständlich. Es waren übrigens die Römer, die ihn schöpften. Bei den alten Griechen gab es noch keine Idee für ihn. Angesichts dieses mythologischen Fortschrittes in der Antike bin ich selbst närrisch genug, zu glauben, dass über die Zeit Vernunft und Mitempfinden in den Menschen zunehmen; obgleich die nackten Zahlen im großen und ganzen dagegen sprechen. Doch im kleinen Hier und Jetzt hat sich die Welt weit mehr zum guten verändert. Das schließt atavistische Ausbrüche nicht aus, wie wir sie jetzt und danach immer wieder erleben werden. – Bleiben wir gesund und werden wir vernünftig …

Lichtbringer

Ein weiterer Blogbeitrag zum Sinn des Lebens. Er bringt wenig neues, außer ein paar mäandernde Gedanken zur zeitlosen Frage: Gibt es Gott, und wenn nicht, was macht sonst noch Sinn? Wobei ich mich der Gottesfrage enthalte, da sei schon Doktor Google vor, er bietet auf sie binnen 0,46 Sekunden 234.000 Antworten, was so gut wie keine ist. Denn verspricht ein Problem so viele Lösungen, kann es keines sein. Oder anders gesagt, es bleibt sich schnurzegal, ob es einen Gott gibt oder nicht. Hingegen ist es nicht egal, ob es Priester, Mullahs, Popen oder Pfarrer gibt; denn sie sind die Ideologen, die die Gedanken und Herzen der Menschen mit ihrer Vorstellung von Gott und ihren Ihm zugedachten Gesetzen vergiften. Gleich kommunistischer Politkommissare trennen sie die Menschen in Recht- und Ungläubige. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Sie kungeln mit den Mächtigen und segnen deren Waffen, mit denen sie notfalls auch das eigene Volk über den Haufen kartätschen lassen. Die Schandtaten ihrer Gläubigen zu rechtfertigen und ihnen dabei noch ein gutes Gefühl zu vermitteln, ist somit der eigentliche Sinn von Gottheiten.

Allein deswegen macht die Frage nach einem realen Gott so viel Sinn wie die Frage nach dem ewigen Leben. Wir haben nur dieses Leben, und es ist nicht zu übersehen, dass es für jeden von uns endlich ist. Allerdings haben sich einige Gottessucher eine besondere Geschichte ausgedacht. Sie ist so besonders, dass die Kirche sie mit Stumpf und Stiel tilgen wollte, auf dass niemand mehr an sie denken möge; nur es war wie alles, was aus der Büchse der Pandora einmal in die Welt gesetzt wurde, nicht mehr rückholbar. Ich meine die Geschichte von Hephaistos, Vulkan oder Luzifer. Sie waren die Lichtbringer, die dem Menschen das Feuer brachten und somit die Zivilisation stifteten. Hephaistos und Vulkan waren, als das Christentum begann, schon sieche Götter. Luzifer hingegen entstand wie das Christentum für dieselbe Mär aus den Hirngespinsten weltabgewandter Gnostiker. Er war der Lichtbringer, der sich zu weit aus der himmlischen Sphäre lehnte, weil er meinte, sein Licht genüge ihm. So kam es, dass ihn die Dunkelheit einfangen konnte, wodurch es zu einem Weltbeben kam. Denn der Demiurg – der Geist der Dunkelheit – benützte das himmlische Licht, um ein Abbild der strahlenden Schöpfung zu schaffen. So entstand das Universum und mit ihm das Jammertal der Erde. Doch das Licht konnte er nicht tilgen. Es strahlt seitdem als Seelenfunken in jedem Menschen fort. Folglich wären wir Menschen weil luzide Funken alle Teufelsbrut.

Versöhnend ist allerdings, dass wir Kinder Luzifers unser Licht in den Himmel zurücktragen werden. So verspricht es uns jedenfalls das Christentum, das als einzige gnostische Sekte der Zeitenwende überlebte. Jetzt zu Ostern feiern wir wie zu Weihnachten auch ein Lichterfest, das die Überwindung des Demiurgen, der Dunkelheit, symbolisiert. Christus führt die Seelen ins Licht zurück. In dieser Pose wird er in den nordischen Kirchen abgebildet. Christus als Lichtbringer im Strahlenkranz seiner Mandorla. Doch das ist eine täuschende Symbolik; denn er bringt kein Licht, sondern entführt es. Er nimmt es mit. Entsprechend war das Christentum über 2000 Jahre eine Ideologie der Verdummung. Jedenfalls bis in die Renaissance hinein, war die Kirche so mächtig, dass sie das Volk für blöd verkaufen konnte. Und wie reagierte sie auf die dann beginnende Aufklärung? Mit Hexenverbrennung! Einem 150 Jahre anhaltenden Terror gegen die Bevölkerung, denn es brannten 60.000 Frauen wie Männer im Verhältnis 3:2.

Nein, Christus war kein Luzifer, kein Lichtbringer. Er war kein Menschenfreund, der uns Erkenntnis – Gnosis – brachte. Er war nur ein herrschsüchtiger Rebell, der sich nach seiner Scheinhinrichtung nach Kaschmir verzog[1], und somit ein Gott weniger, der auf Erden wandelte. Sein Eklektizismus bediente die Sehnsüchte aller, die durch die römische Herrschaft erniedrigt worden waren, indem er ihnen den Ausgleich ihrer Schmach im Jenseits, also im kühlen Grab versprach. Erkenntnis aber brachte er nicht. Jedenfalls ist von ihm keine naturwissenschaftliche Einsicht oder gesellschaftspolitische These überliefert, die es nicht schon vor ihm gab – außer vielleicht, dass er der Natur trotzte und über Wasser ging und von den Toten auferstand. Die womöglich dahinterliegenden Gesetze der Quantenmechanik behielt er jedenfalls für sich.

Erkenntnis und nicht Glaube oder Dogma ist aber die Eigenschaft, die der mythische Luzifer in die Welt trug. Sie war tatsächlich das Licht der Menschheit und könnte es auch heute sein, wäre der Mensch mitgegangen. Doch er tat es nicht. Die meisten Menschen blieben irgendeiner Ideologie verhaftet, egal wie der Ismus auch heißt, sie folgen dem Satan, dem Seth, dem Gott der Nacht, der Dunkelheit. Schließlich umnachtet jeder Ismus den Geist und die Erkenntnis. Folgerichtig sind auch jene, die sich Satanisten nennen, umnachtete. Ja, erst wenn wir auch den Mythos des Luzifers zerbrechen, haben wir eine Chance frei zu werden. Was bleibt ist lernen, und bereit sein, Gelerntes zu verwerfen, sobald es dank besserer Erkenntnis widerlegt wurde. Allerdings sollten wir auch hier wachsam bleiben, denn unsere Wissenschaften sind inzwischen von Ideologien durchseucht, unsere Hochschulen sind zu einem Hort totalitärer Volkserzieher geworden, wie sie Orwell vor über 70 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg skizzierte. Und es gab seitdem trotz faktischer Erkenntnisse keine Luft, keine bessere Zeit, kein Licht von Erkenntnis. Wir stolperten gut gebildet von einer ideologischen Verblendung zur nächsten: McCarthyismus, Maoismus, Sozialismus, Ökologismus, Neoliberalismus, Islamismus, Feminismus, Genderismus usw. usf.

Jüngst las ich Texte von Jiddu Krishnamurti, die jemand aus dem Kreis seiner Nachlasspfleger ausgewählt hatte, um die Notwendigkeit der Verbreitung seiner Lehre für den Weltfrieden zu untermauern. Ich musste lachen, ob des Dünkels und der Hirnverdreherei, die da durch die Zeilen spukte. Und ich lachte zugleich darüber, mit welch bitterem Ernst ich einst selbst seine Gedanken wie eine Monstranz vor mir her trug. Dabei ist das Leben viel einfacher und umso viel schöner, solange man es schlicht lebt, solange man in seinem Fluss bleibt. Es trägt einen von der Quelle bis zur Mündung. Je weniger Ismen es für einen selbst stauen, umso wilder, tiefer, kräftiger und erquickender ist es in jedem Moment.

Ganz besonders bedeutsam ist, dass wir es von Anfang fließen lassen, also unsere Kinder nicht in unsere Fußstapfen zwingen, sondern ihnen stets die Wahl lassen, das Leben selbst original zu entdecken. Leider tun wir das nicht. Noch im Januar verschreckten wir sie mit der Klimakatastrophe, heute ist es eine Pandemie, morgen wird es die Wirtschaftskrise und übermorgen ein Krieg sein. Vor lauter Phantasmen und vor lauter Angst überantworten wir sie Wahrheitsministerien, die im Grunde wir selbst sind, weil wir sie nicht loslassen wollen, weil wir durch sie unser eigenes sinnentleertes Leben perpetuieren wollen. Ja, wir wollen es nicht dulden, dass andere ihre und nicht unsere Wahrheit leben. Wir brauchen die Mitträger unserer Meme[2], damit wir durch sie Beständigkeit und vermeintliche Fortdauer erhalten. Was letztlich nur verblasener Dünkel ist. Das Leben ist unbeständig, panta rhei, alles fließt. Das zuzulassen macht Sinn. Sich selbst der Sinnlosigkeit anheim zu geben, ist demnach höchster Lebenssinn. Denn nichts ist lebendiger als das Leben selbst. Baden wir in ihm, lassen wir uns forttragen; selbst wenn die äußeren Umstände bitter sind, ist der Lebensstrom die einzige unverfälschte Wahrheit. Ihm dürfen wir vertrauen. Zünden wir an seiner Wahrheit unsere Laterne an.

[1] Jesusgrab Srinagar https://de.wikipedia.org/wiki/Yuz_Asaf

[2] Meme sind soziokulturelle Bewusstseinsinhalte https://de.wikipedia.org/wiki/Mem

Korona

Eine Korona ist der feurige Kranz der Sonne, der Schein um Sonne oder Mond oder ein „Regenbogen“ bei klarem Himmel. Das Lichtkleid eines Menschen, seine Aura, wird ebenfalls so genannt. Der Strahlenkranz ums Haupt eines Guru oder Heiligen ist die Corona radiata. Ja, Korona ist der Glorienschein.

Derzeit plagt uns allerdings nicht das physische Scheinen der Gestirne noch das spirituelle Scheinen irgendwelcher Sonderlinge, sondern ein Coronavirus. Auch hier geht es viel um Scheinen, also um Annahmen und ein jeder ist Schmalspurexperte in Epidemiologie, Virologie und Pneumologie.

Andererseits ist alles Scheinen. Maya nennen es die Buddhisten und Hindis; wobei bezeichnenderweise die Mutter des Siddhartha Gautama ebenfalls Maya hieß. Sie empfing den Buddha durch ihn selbst, indem dieser in Gestalt eines weißen Elefanten sie an der rechten Seite berührte und in sie überging – sozusagen pränataler Inzest. Zehn Monate später gebar Maya Siddhartha im stehen ebenfalls aus ihrer rechten Seite. Der Junge konnte gleich nach seiner Geburt laufen und sprechen. Sieben Tage nach seiner Geburt starb seine Gebärerin.

Nun Coronaviren sind echt und nicht nur Schein. Die Welt ist ebenso echt und nicht nur Schein. Und wenn Sie an Corona erkranken, erkranken Sie nicht nur zum Schein. Ebenso sind all die Scheine, die die westlichen Regierungen jetzt über ihre zertrümmerte Ökonomie regnen lassen, nicht nur Schein, obwohl sie mehr Maya als Gold sind. Gleichwohl sollte man den Schein auch hier nicht verachten. Er scheint Schutz zu bieten.

Darum lange Rede kurzer Sinn, lassen Sie es für sich scheinen. Wie? Indem Sie sich eine spirituelle Maske basteln. Sie hilft ebenso wie echte Masken. Sie hilft zwar nicht gegen Ihre Infektion, doch dafür schützt sie ihre Mitmenschen davor, dass Sie sie infizieren. So schützt sich die Gemeinschaft insgesamt. Indem ein jeder andere schützt, schützet ein jeder sich selbst. Das ist ein wunderschönes Bild für Nächstenliebe. Wären die Kirchen nicht wegen verordneter sozialer Distanz geschlossen, wäre es ein erbauendes Gleichnis für die Prediger.

Also greife ich es ebenfalls auf und ermuntere uns alle, uns künftig weniger geistlich und geistig infizieren zu wollen. Binden wir uns eine Maske vor, damit wir unsere ideologischen Viren und Bazillen nicht ungebremst in die Welt schleudern; denn so wie wir in letzter Zeit hierzulande miteinander umgingen, vergifteten wir uns nur gegenseitig, indem wir wie Kammerjäger versuchten, die scheinbar giftigen Gedanken in der Gedankenwelt unserer Mitmenschen zu desinfizieren. Dabei banden sich all jene, die das versuchten, einen Glorienschein um. Denn sie wähnten sich im Besitz der Wahrheit. Das derlei Wähnen allerdings ein erster Baustein zu Dummheit ist, blendeten sie im Schein ihrer Selbstgerechtigkeit aus. Da aber die Dummheit die Schwester der Boshaftigkeit ist, wurden in der Tat die Gedanken und damit die Welt unserer Erscheinung, unser Maya, vergiftet.

Ich habe darum wenig Hoffnung, dass es nach der Coronakrise besser wird. Mithin rette ich mich in mein Scheinen: und das ist die Kunst. Das Bild oben ist beispielhaft für meinen neuen Ansatz, den ich aktuell im Wahnsinn dieser Welt für mich kreierte. Ich male Kreise aus der freien Hand. Möglichst perfekt und deswegen perfekt unperfekt und somit vollkommen menschlich. Alsdann, bleiben Sie gesund!

Gedankenleere

Gedankenleere © Mala

Ihrer Lebtag strebte sie nach Erleuchtung – allerdings nicht nach Einsichten durch Erkenntnis, also nicht nach mehr und tieferem Wissen, das ihr so manchen weltlichen Zusammenhang erhellte, sondern einzig nach spiritueller Erleuchtung. Wobei sie daran verschiedene Bedingungen knüpfte. Hierfür klaubte sie sich aus östlichen Religionen und abendländischer Esoterik ihren maßgeschneiderten Synkretismus zusammen. Ein wenige Hinduismus, ein wenige Buddhismus aller drei Fahrzeuge und Weisheiten von so manchem Guru. Sie nahm an vielen Retreats teil, fastete, schwieg und meditierte alleine wie in Gruppen. Ihre Idee war ihre unmittelbare Wahrnehmung durch Gedankenlosigkeit zu schulen. Jedenfalls meinte sie die himmlische Wahrheit der Schöpfung teile sich nur einem entleerten Geist mit. Entleert sei ein Geist, wenn er nur noch schaue, aber das geschaute nicht bedenke, denn alle Gedanken seien Trug. Man schaute und erkannte, von keinem Gedanken getrübt, die reine Wahrheit. Auf meine Frage hin, wie sie denn dann im erleuchteten Zustand wieder nach Hause fände, schimpfte sie mich einen Defätisten.

Andererseits half ihr ihre Weltsicht auch, sich von störendem Gedankengut abzugrenzen. Denn ihre Gedanken basierten auf Einsichten, die sie durch ihre Einkehr gewann; sie waren also inspiriert und somit von göttlicher Natur, zumindest himmlisch befruchtet – was auch immer sie damit meinte. So lebte sie angenehm und ungestört in ihrer Filterblase, hatte Freunde, die ihre Weltsicht teilten und ebenso kritisches nicht zuließen. Auf diese Weise sorgten sie gemeinsam auch um ihr eigenes Wohlergehen, indem sie Wasser von rechts auf links polten, Strichkodes auf Lebensmittel energetisch neutralisierten und ähnlichen Humbug mehr. Es war eine gemütlich Welt, die sie sich da schufen, vergleichbar mit der fiktiven Grafschaft Midsomer des Inspektors Barnaby.

Inzwischen ist sie alt und dement geworden. Ihre Freundinnen haben sich zerstreut, sie starben oder sind gleichfalls dement oder haben den Kontakt aufgegeben, da sie nichts mehr zur Freundschaft beitragen kann. Im Grunde eine eigene Art seelischer Grausamkeit: Vernachlässigung durch Alter. Jedenfalls sitzt oder liegt sie auf ihrer Couch oder in ihrem Bett und schaut in die Welt mit großen Augen. Es ist ein meist leerer, gelegentlich suchender Blick, als sähe sie einen Gedanken, den sie zwar denken aber nicht erhaschen möchte. So lebt sie sich in sich zurückgezogen und ist zumindest dahingehend gedankenleer, als dass sie anscheinend keinen Gedanken mehr verfolgt. Im Grunde hat sie nun jenen Zustand erreicht, um den sie sich zeitlebens bemüht hatte. Allerdings ist dieserart geistige Reizlosigkeit nicht die Art der Vergeistigung, die ihr einst vorschwebte.

So ist sie am Ende ihres Lebens, das ein langer Lebensweg war, erschöpft. Ihrem Dasein, ihrem Status quo eilte sie dabei stets davon, um sich in einem Ideal zu veredeln. Sie ist müde geworden und würde gerne sterben, wenn ihr Leib ihre Seele nicht weiter fesselte. Manchmal sagt sie spontan: Ich will hier raus, und meint damit wohl, dass sie als Seele in ein Jenseits frei von quälender Leiblichkeit entfleuchen möchte. Wenn sie könnte, würde sie ihrem Lebensziel wahrscheinlich wie gehabt wieder folgen. Sie war zufrieden, solange sie Gedankenleere üben konnte, und als sie durch Demenz eintrat, hatte sie Ihre Urteilskraft darüber verloren. Es sind nur noch Oberflächlichkeiten, die ihr einfallen, die sie anders hätten machen sollen, ansonsten scheint sie mit sich zufrieden zu sein.

Den Weg, den sie ging, war belanglos, er war nicht schlecht und auch nicht gut, es war ein Weg, so wie wir ihn alle gehen, ein wenig angepasst, ein wenig eigen. Immer war auch Ablenkung dabei, um seine Belanglosigkeit ertragen zu können. Und Ablenkung gleich welcher Art war ihr auch eine Art von Meditation, um nicht schon vor dem Ende lebensmüde zu werden. Fernsehen war ihr so eine Mediationsmaschine, um sich selbst zu entkommen. Heute sind es Smartphone und „soziale“ Netzwerke. Schauen wir in die öffentlichen Verkehrsmittel, wie die Menschen einander weltweit entrücken. Abgestöpselt fixieren sie sich auf den Bildschirm ihres Wischi-Waschis, blicken nicht mehr auf, sondern bleiben in sich eingekehrt. So werden sie alt und vergehen irgendwann.

Es ist alles so unbedeutend, so gänzlich unbedeutend …

Jetzt hat sie das große Nichts, das Samadhi erreicht, das diskursive Denken ist mit sich selbst erloschen. Glücklich ist sie erkennbar nicht. Falls das Erleuchtung ist, verzichte ich lieber darauf.

Blasen, nichts als Blasen

Von Mtag – Eigenes Werk, CC0,

In der Ludwigskirche in München findet sich das zweitgrößte Altarfresko der Welt. Es wurde von Peter von Cornelius gemalt, der bei den Nazarenern, einer romantische Künstlergruppierung, maßgebend war. Das Fresko zeigt das Jüngste Gericht, oder auf die sozialen Internetmedien übertragen die Filterblase Jesus, samt seiner Trolle. Denn zu seiner Rechten fahren die Guten, vorwiegend Frauen und Kleriker in den Himmel, während zu seiner Linken die Sünder in die Hölle fallen. Dazu ein illustratives Aperçu, zur Linken des Herrn, fährt auch der Geheimrat Goethe (zweite Reihe von unten rechts) ob seiner Völlerei ins Fegefeuer. Allerdings ist sein Körper gut definiert, was wohl eher als eine zynisch paradoxe Anspielung auf seine tatsächliche Leibesfülle zu verstehen ist.

Jedenfalls ist in diesem Fresko alles enthalten, was der Heiland für seine funktionierende Welt brauchte: Jünger und Feinde. Feinde waren alle, die nicht seine Anhänger waren, also Römer und bibeltreue Juden, die sich von seinen kruden Ideen unbeeindruckt zeigten. Krude waren seine Ideen aus jüdischer Sicht allemal. Als Prophet hätte man ihn womöglich noch toleriert, aber als Gottessohn niemals. Das war Blasphemie. Weiterlesen

Selbstbesonnen ist der Weg

Ein Geschenkbuch für alle, die die mystisch, spirituelle Versenkung schätzen.

Lied 148 Stundenbuch der weißen Magie

Losung

Mein erster Freund bin ich selbst. Versage ich mir meine Freundschaft, versage ich mir meine Freunde. Nicht von anderen geliebt zu sein, sondern mich selbst zu lieben, ist Voraussetzung, um liebenswert zu sein.

Versenkung

Die Einheit von Seele, Geist und Psyche mit seiner Welt zu leben ist höchste Glückseligkeit und wahre praktizierte Magie. Sich dieser Forderung immer wieder zu erinnern, ist der magische Weg. Obgleich unsere Seele in der Halle des magischen Raumes weilt, bleiben wir den Einflüssen unserer Welt ausgesetzt. Unsere Psyche erzittert unter dem Anprall dumpfer Schwingungen, die böse Menschen aussenden. Wir empfinden uns in solchen Augenblicken gespalten, als aus dem Himmel Gestürzte. Die Kommunikation zwischen Seele und Psyche ist gestört, weil der Geist durch die psychische Gewalt, der wir ausgesetzt sind, verstört ist. Erinnern wir uns jedoch der ursprünglichen Einheit, finden wir die Kraft, uns zu versiegeln und den Kreis zu schließen. Denn zur Einheit gelangen wir nicht, indem wir das Böse bezwingen. Einheit entsteht niemals im Gegensatz zu einer anderen Kraft, sondern stets nur durch die Sammlung der eigenen inneren Kräfte. Der Gegner ist nicht der böse Feind, sondern wir selbst, sobald wir unsere Integrität aufgeben. Bleiben wir in uns, bleiben wir letztlich unerschütterlich.

Lasse ich mich durch äußere Widrigkeiten soweit erschüttern, dass ich auch innerlich zerrüttet bin?

Stimmung

Mein Haupt ist bedeckt und mein Gürtel eng geschnürt, ich schließe mich in meinen Mantel. Mein Blick rundet den Kreis und seine Kraft wird mir zum Dom. Nun umkränzen Blüten mein Haupt und mein Mantel schwingt weit. Ich bitte darum, dass ich mir diese Offenheit nicht nehmen lasse.

Blutmond

Blutmond © Matthias Mala

Stellen wir uns vor, wir hausten in einer Kate vor unserer Zeitrechnung, wüssten wenig von der Welt, nur soviel, wie man damals gemeinhin in besseren Kreisen wusste. Das war zwar durchaus beachtlich: einige Zeitgenossen verabschiedeten sich damals gerade von der Theorie, dass die Erde eine Scheibe sei, andere, wie Aristarchos von Samos (310-230 v.Chr), dachten gar darüber nach, dass die Sonne im Mittelpunkt unserer Welt stünde. Dennoch wüssten wir den Kosmos nur als eine Manifestation der Götter zu deuten. Denn in den Bewegungen der Gestirne fänden wir zuviele „Zufälligkeiten“, die wir uns nur durch einen göttlichen Ursprung erklären könnten.

Allein die Tatsache, dass die Himmelsscheiben von Sonne und Mond gleichgroß sind, musste ein göttliches Zeichen sein. Doch damit nicht genug, beide Gestirne tauschen ihre Positionen nicht nur über Tag und Nacht, sondern wechseln sie auch übers Jahr. So steht der Mond im Winter hoch im Norden, während die Sonne tief im Süden scheint. Im Sommer verkehrt sich das Spiel ihrer Laufbahnen. Hierdurch kommt es zu Mondfinsternissen, die den damaligen Menschen zwar unerklärlich waren, die sie dennoch vorausbestimmen konnten. Auch die Wandelsterne waren berechenbar, worauf die Astrologie fußte. Ihre Berechnungen galten als Methode, das Wesen der Götter zu verstehen und sich somit das Leben und Schicksal der Menschen zu erklären. Weiterlesen

Effektiv Leben

Hamsterrad©Matthias Mala

Die Greisin war wieder gestürzt und brach sich erneut einen Oberschenkel. Doch diesmal wollte sie sich nicht mehr so richtig erholen. Sie spürte, dass sie die Kraft zur Rekonvaleszenz nicht mehr besaß. Die Einschränkungen durch die erneute Verletzung würden nicht mehr vergehen, also würde ihr Lebenslicht alsbald erlöschen. Es ist wie so oft, das Sterben beginnt, indem die Seele sich aus dem Leben löst. „Es ist gut so, ich habe mein Leben gelebt“, sagte sie, und zu einem Problem, das anstand, meinte sie nur: „Ich möchte mich in meinen letzten Lebenswochen nicht mehr damit befassen.“ Sie sagte es ohne Harm; er war eine Feststellung wie, „die Milch ist kalt“, nichts weiter.

Sie befand sich in ihrer letzten Lebensphase, die auf den Tod hin gespannt war. Sie hatte dieses Ziel ins Auge gefasst und bewegte sich ihm zu. Da gab es keine Notwendigkeit mehr, durch eine dämmrige Lebenslandschaft zu mäandern, da warteten keine Erlebnisse mehr auf sie, das Erleben war einzig dieser letzte Weg. Er war wohl mehr pures Leben, als wir es uns, die wir vermeintlich im blühenden Leben stehen, vorzustellen vermögen. Weiterlesen

Wie man selbst zum Engel wird

Zum Advent eine Kontemplation aus meinem Stundenbuch der weißen Magie.

Losung

Wer in den Himmel greifen möchte, wird den Boden unter den Füßen verlieren; und wer auf festem Boden steht, wird den Himmel nicht erfassen. Die Welt ist gerecht im Ungerechten, weil sie im Ungleichen keinen Ausgleich bietet.

Versenkung

Die Pole bedingen einander, um die Form zu halten. Jenseits der Form herrscht das Formlose. Doch auch das Formlose ist Gestalt. Magie wirkt im Geformten wie im Ungeformten. Das eine ist wie das andere und doch ist beides grundverschieden. Reduzieren wir die Welt auf ihr Kleinstes, machen wir sie ebenso gleich, wie wenn wir sie ins Höchste verklären wollten. In beiden aber ist die Welt nicht mehr, sondern nur noch ihre Idee. Die Liebe weht zwischen diesen Nichtigkeiten und gar über sie hinaus, ins Unvorstellbare. Liebe ist die Spanne, die die Welt erstehen lässt. Liebe ist das milde Licht der Morgensonne, die den Tau der Nacht von den Blüten leckt und uns das Leben in die Glieder träuft. Bewahren wir die Frische dieser Stunde im Gemüt, werden wir uns selbst zum Engel, der uns führt. Ein Engel versteht es, die Schöpfung zu bewahren, indem er sie von Jetzt zu Jetzt wiederholt. Dies ist sein Anruf an das Unermessliche, sein immer neues Lied, durch das die Wiederkehr stets zur erneuten Schöpfung wird. Nicht die Erscheinung der Form oder des Formlosen ist der Akt solcher Weltwerdung, sondern das gelauschte Lied der Anrufung. Seine Stimmung temperiert die Kreation durch die harmonische Folge wohl gesetzter Töne.

Vermag ich das rechte Maß zu finden, ohne Maß zu nehmen?

Stimmung

Ich singe das Lied und wiederhole es, bis sich der Kreis schließt. Nun tönt der Kreis. Er schwingt im Widerhall der stillen Weise. Wen sie erfasst, der schwingt mit ihr. Ich bitte darum, dass meinem Ohr die Weise zeitlos schmeichelt

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Spukgeschichten

Seelenschwatz © Matthias Mala

Alle Jahre wieder ersteht im Frühjahr der Heiland von den Toten, und alle Jahre wieder ziehen wir im Herbst auf die Gottesacker, um unsere Toten an ihrer Wiederkehr zu hindern. Denn diese Wiedergänger schrecken uns, anders als die Lieblichkeit des Heilandes.

Rituale sind, solange man sie von außen betrachtet, immer merkwürdig; doch sobald sie aus einer Binnensicht gesehen werden, scheinen sie überzeugend. So sind Osterfeierlichkeiten bis Christi Himmelfahrt schließlich ein Versprechen auf den St. Nimmerleinstag, das uns dann alle gleichzeitig ereilt und weswegen dann auch niemand vor der Spukgestalt des anderen erschrickt. Da wedeln unsere Seelen den Staub davon, den ihre einstige Verkörperung hinterließ, und gehen gar leiblich ein ins Paradies.

Dort gibt es weder lästige Gespenster noch boshafte Wiedergänger, die in der Zwischenzeit allemal auftauchen und die manche Zeitgenossen dann sichten. Ich zähle mich selbst zu jenen, die meinen, Geister zu sehen. Ob ich tatsächlich welche sehe, bleibt letztlich ungewiss, es kann auch eine Dysfunktion  der Elektrik in meinem Oberstübchen sein; womöglich artet dort  mancher Funkenüberschlag zu einer geistreichen Vision aus. Wegen derlei Visionen sucht man jedoch keinen Arzt auf, sondern begibt sich, weil es Brauch ist, Anfang November auf die Friedhöfe, um Kränze und Blumen auf Gräbern abzulegen und ein Seelenlicht anzustecken. Hierdurch sollen die Toten dort bleiben, wo sie sind, hinter Friedhofmauern. – Ich werde die Tage dieses Ritual wieder begehen. Weiterlesen

Wohin der Blick am Abgrund?


Mein Weg zur Mystik führte mich über die Befassung mit der weißen Magie und ihrer Beschreibung. Eine Station dabei war mein Buch „Magie des Abendlandes“. In ihm schilderte ich die Wandlung Aufstieg der Magie zur Religion und schließlich zu ihrer Domestizierung durch die Liturgie der Kirche. Allerdings entzogen Mystiker die Magie durch die Jahrtausende hindurch immer wieder dieser Gängelung, indem sie sie als einen Weg der Erkenntnis benannten. Wobei es dabei weniger um die magischen Rituale ging, sondern um den Zauber der Wandlung durch Erkenntnis, der den Suchenden erhebt und ihm mit einem ersichtlich wirkenden Geist verbindet. Über diesen Moment, in dem der Mystiker die Magie überwindet und aus seiner Gotteserkenntnis heraus wirkt, habe ich in nachfolgendem Abschnitt reflektiert. Gleichzeitig aber warnte ich davor, diesen Moment nicht zur Läuterung zu nutzen, sondern dass wir ihn in selbstherrlicher Machtverblendung dahingehend umdeuten könnten, um uns, vom Dämon der Religion befreiend, mit dem Dämon des Narzissmus, dem ureigensten Götzendienst, zu verbünden. Hier also ein kurzer Blick auf diesen besonderen Stolperstein zur geistlichen – nicht geistigen – Umnachtung:

Am Abgrund blicken wir ins Weite

Unsere Psyche verliert zwar die ihr eingeborene Affinität zur Magie nicht, doch durch die Erkenntnis der Naturgesetze und der Macht der Ratio „verkümmert“ ihr magisches Potenzial. Was einst noch magisch gedeutet wurde, lässt sich heute verständlich erklären, etwa die Wirksamkeit von Kräutern oder das Besprechen von Warzen, ein Zauber übrigens, den Dermatologen heute vor allem bei geplagten Kindern ganz bewusst wieder aufleben lassen. Gleichwohl verliert die Magie in unserer alltäglichen Wirklichkeit zunehmend an Raum und wird mehr und mehr in eine lebensferne Sphäre verdrängt. Erst wenn uns wie beim Exorzismus das Ringen mit magischen Gewalten erschreckt, erleben wir in hilfloser Furcht dieses archetypische Walten als verstörenden Zwiespalt in uns.

Doch auch wenn wir die Magie aus der Wirklichkeit unserer Psyche verdrängen, bleibt ihr Raum in unserer Seele erhalten. Er mag uns zwar entleert erscheinen, doch genügt oft ein kleiner Anstoß aus der Zauberwelt, um die verdrängten Bilder zu beleben. Es ist eine abgründige Erschütterung, die uns erfasst. Solchermaßen mit einem Schatten unseres Selbst konfrontiert, erscheint uns magisches Geschehen oft ungewöhnlich bedrohlich. Anstatt uns jedoch in atavistischer Weise übermannt zu fühlen, vermögen wir, eben weil unsere Psyche ihrer inneren Magie zuneigt, die uns anrührenden Kräfte zu lenken. Hierzu allerdings müssen wir uns dem scheinbar Paradoxen öffnen und bejahen, was wir in unserem Tagbebewusstsein verneinen.

Gelingt es uns, blicken wir in jene lebensferne Sphäre der Magie und überwinden ihre Transzendenz. In verwandtem Sinne meint Stanislav Grof in seiner Schrift „Kosmos und Psyche“:

„Die transpersonale Psychologie hat entdeckt, dass es in holotropen Zuständen möglich ist, die Identität mit fast jedem Aspekt der physischen Realität aus Vergangenheit und Gegenwart wie auch mit verschiedenen Aspekten anderer Dimensionen des Seins zu erfahren. Sie hat bestätigt, dass der gesamte Kosmos auf geheimnisvolle Weise der Psyche eines jeden von uns eingeschrieben ist und der tiefen systematischen Selbsterforschung zugänglich wird.“

Mit dem von ihm geprägten und aus dem Griechischen abgeleiteten Begriff „holotrop“ bezeichnet Grof die Annäherung an ein Ganzes, durch mehrdimensionale Aufschlüsselung der Tiefendimension der persönlichen Verfassung (holos = ganz, trepein = sich auf etwas zubewegen). Es ist also kein analytisches oder deutendes Schauen der magischen Sphäre, sondern eine umfassende und unmittelbare Einsicht, durch die sich uns diese Dimension öffnet. Wir treten ins Transzendente und das Transzendente tritt in uns. Hierdurch wird uns der magische Raum gegenwärtig und mit ihm beginnen wir, in selbstverständlicher Weise magisch zu leben und zu wirken. Das heißt, magische Disziplinen wie Mantik und Theurgie wachsen uns sozusagen als Talente zu, wodurch unser Handeln auch ohne explizites Ritual magische Unterfütterung erfährt.

So könnte sich eine Annäherung an eine magische Dimension vollziehen. So könnte der Blick ins Weite sein! Doch durch die allgemeine Verdrängung der Magie in die Schatten der Psyche verschieben wir ihren transzendenten Raum immer weiter in unerreichbare Ferne und erklären uns, wenn uns dennoch magische Berührung widerfährt, die Magie rational fort. Indes bleibt die magische Struktur der Psyche erhalten, nur findet sie keinen Widerhall. In dieser Situation mag sie in der einen Person in der Tat verkümmern, während sie in einer anderen Person umso heftiger nach Belebung drängt. Dort aber, wo solches Drängen virulent wird, ist die Gefahr groß, dass die scheinbar entleerten nahen Räume unerkannt bleiben und die aus rationaler Abwehr konstruierte Ferne als Gegebenheit erachtet wird. Da das Drängen indessen nach einem Grund verlangt, wendet man sich auf der Suche nach Widerhall nicht nach innen, dem nahen Raume zu, sondern nach außen und findet ihn im Dämonischen, das sich offenbar leichter beleben lässt. Jedenfalls ist der Hang zum Schwarzmagischen, zur Dämonenbeschwörung und zur bedrängenden Zauberei heute eine unverkennbar starke Tendenz, während die Hinwendung zur lebendigen ganzheitlichen Magie eher als unattraktiv, weil machtlos gilt.