Wie man selbst zum Engel wird

Zum Advent eine Kontemplation aus meinem Stundenbuch der weißen Magie.

Losung

Wer in den Himmel greifen möchte, wird den Boden unter den Füßen verlieren; und wer auf festem Boden steht, wird den Himmel nicht erfassen. Die Welt ist gerecht im Ungerechten, weil sie im Ungleichen keinen Ausgleich bietet.

Versenkung

Die Pole bedingen einander, um die Form zu halten. Jenseits der Form herrscht das Formlose. Doch auch das Formlose ist Gestalt. Magie wirkt im Geformten wie im Ungeformten. Das eine ist wie das andere und doch ist beides grundverschieden. Reduzieren wir die Welt auf ihr Kleinstes, machen wir sie ebenso gleich, wie wenn wir sie ins Höchste verklären wollten. In beiden aber ist die Welt nicht mehr, sondern nur noch ihre Idee. Die Liebe weht zwischen diesen Nichtigkeiten und gar über sie hinaus, ins Unvorstellbare. Liebe ist die Spanne, die die Welt erstehen lässt. Liebe ist das milde Licht der Morgensonne, die den Tau der Nacht von den Blüten leckt und uns das Leben in die Glieder träuft. Bewahren wir die Frische dieser Stunde im Gemüt, werden wir uns selbst zum Engel, der uns führt. Ein Engel versteht es, die Schöpfung zu bewahren, indem er sie von Jetzt zu Jetzt wiederholt. Dies ist sein Anruf an das Unermessliche, sein immer neues Lied, durch das die Wiederkehr stets zur erneuten Schöpfung wird. Nicht die Erscheinung der Form oder des Formlosen ist der Akt solcher Weltwerdung, sondern das gelauschte Lied der Anrufung. Seine Stimmung temperiert die Kreation durch die harmonische Folge wohl gesetzter Töne.

Vermag ich das rechte Maß zu finden, ohne Maß zu nehmen?

Stimmung

Ich singe das Lied und wiederhole es, bis sich der Kreis schließt. Nun tönt der Kreis. Er schwingt im Widerhall der stillen Weise. Wen sie erfasst, der schwingt mit ihr. Ich bitte darum, dass meinem Ohr die Weise zeitlos schmeichelt

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Spukgeschichten

Seelenschwatz © Matthias Mala

Alle Jahre wieder ersteht im Frühjahr der Heiland von den Toten, und alle Jahre wieder ziehen wir im Herbst auf die Gottesacker, um unsere Toten an ihrer Wiederkehr zu hindern. Denn diese Wiedergänger schrecken uns, anders als die Lieblichkeit des Heilandes.

Rituale sind, solange man sie von außen betrachtet, immer merkwürdig; doch sobald sie aus einer Binnensicht gesehen werden, scheinen sie überzeugend. So sind Osterfeierlichkeiten bis Christi Himmelfahrt schließlich ein Versprechen auf den St. Nimmerleinstag, das uns dann alle gleichzeitig ereilt und weswegen dann auch niemand vor der Spukgestalt des anderen erschrickt. Da wedeln unsere Seelen den Staub davon, den ihre einstige Verkörperung hinterließ, und gehen gar leiblich ein ins Paradies.

Dort gibt es weder lästige Gespenster noch boshafte Wiedergänger, die in der Zwischenzeit allemal auftauchen und die manche Zeitgenossen dann sichten. Ich zähle mich selbst zu jenen, die meinen, Geister zu sehen. Ob ich tatsächlich welche sehe, bleibt letztlich ungewiss, es kann auch eine Dysfunktion  der Elektrik in meinem Oberstübchen sein; womöglich artet dort  mancher Funkenüberschlag zu einer geistreichen Vision aus. Wegen derlei Visionen sucht man jedoch keinen Arzt auf, sondern begibt sich, weil es Brauch ist, Anfang November auf die Friedhöfe, um Kränze und Blumen auf Gräbern abzulegen und ein Seelenlicht anzustecken. Hierdurch sollen die Toten dort bleiben, wo sie sind, hinter Friedhofmauern. – Ich werde die Tage dieses Ritual wieder begehen. Weiterlesen

Wohin der Blick am Abgrund?


Mein Weg zur Mystik führte mich über die Befassung mit der weißen Magie und ihrer Beschreibung. Eine Station dabei war mein Buch „Magie des Abendlandes“. In ihm schilderte ich die Wandlung Aufstieg der Magie zur Religion und schließlich zu ihrer Domestizierung durch die Liturgie der Kirche. Allerdings entzogen Mystiker die Magie durch die Jahrtausende hindurch immer wieder dieser Gängelung, indem sie sie als einen Weg der Erkenntnis benannten. Wobei es dabei weniger um die magischen Rituale ging, sondern um den Zauber der Wandlung durch Erkenntnis, der den Suchenden erhebt und ihm mit einem ersichtlich wirkenden Geist verbindet. Über diesen Moment, in dem der Mystiker die Magie überwindet und aus seiner Gotteserkenntnis heraus wirkt, habe ich in nachfolgendem Abschnitt reflektiert. Gleichzeitig aber warnte ich davor, diesen Moment nicht zur Läuterung zu nutzen, sondern dass wir ihn in selbstherrlicher Machtverblendung dahingehend umdeuten könnten, um uns, vom Dämon der Religion befreiend, mit dem Dämon des Narzissmus, dem ureigensten Götzendienst, zu verbünden. Hier also ein kurzer Blick auf diesen besonderen Stolperstein zur geistlichen – nicht geistigen – Umnachtung:

Am Abgrund blicken wir ins Weite

Unsere Psyche verliert zwar die ihr eingeborene Affinität zur Magie nicht, doch durch die Erkenntnis der Naturgesetze und der Macht der Ratio „verkümmert“ ihr magisches Potenzial. Was einst noch magisch gedeutet wurde, lässt sich heute verständlich erklären, etwa die Wirksamkeit von Kräutern oder das Besprechen von Warzen, ein Zauber übrigens, den Dermatologen heute vor allem bei geplagten Kindern ganz bewusst wieder aufleben lassen. Gleichwohl verliert die Magie in unserer alltäglichen Wirklichkeit zunehmend an Raum und wird mehr und mehr in eine lebensferne Sphäre verdrängt. Erst wenn uns wie beim Exorzismus das Ringen mit magischen Gewalten erschreckt, erleben wir in hilfloser Furcht dieses archetypische Walten als verstörenden Zwiespalt in uns.

Doch auch wenn wir die Magie aus der Wirklichkeit unserer Psyche verdrängen, bleibt ihr Raum in unserer Seele erhalten. Er mag uns zwar entleert erscheinen, doch genügt oft ein kleiner Anstoß aus der Zauberwelt, um die verdrängten Bilder zu beleben. Es ist eine abgründige Erschütterung, die uns erfasst. Solchermaßen mit einem Schatten unseres Selbst konfrontiert, erscheint uns magisches Geschehen oft ungewöhnlich bedrohlich. Anstatt uns jedoch in atavistischer Weise übermannt zu fühlen, vermögen wir, eben weil unsere Psyche ihrer inneren Magie zuneigt, die uns anrührenden Kräfte zu lenken. Hierzu allerdings müssen wir uns dem scheinbar Paradoxen öffnen und bejahen, was wir in unserem Tagbebewusstsein verneinen.

Gelingt es uns, blicken wir in jene lebensferne Sphäre der Magie und überwinden ihre Transzendenz. In verwandtem Sinne meint Stanislav Grof in seiner Schrift „Kosmos und Psyche“:

„Die transpersonale Psychologie hat entdeckt, dass es in holotropen Zuständen möglich ist, die Identität mit fast jedem Aspekt der physischen Realität aus Vergangenheit und Gegenwart wie auch mit verschiedenen Aspekten anderer Dimensionen des Seins zu erfahren. Sie hat bestätigt, dass der gesamte Kosmos auf geheimnisvolle Weise der Psyche eines jeden von uns eingeschrieben ist und der tiefen systematischen Selbsterforschung zugänglich wird.“

Mit dem von ihm geprägten und aus dem Griechischen abgeleiteten Begriff „holotrop“ bezeichnet Grof die Annäherung an ein Ganzes, durch mehrdimensionale Aufschlüsselung der Tiefendimension der persönlichen Verfassung (holos = ganz, trepein = sich auf etwas zubewegen). Es ist also kein analytisches oder deutendes Schauen der magischen Sphäre, sondern eine umfassende und unmittelbare Einsicht, durch die sich uns diese Dimension öffnet. Wir treten ins Transzendente und das Transzendente tritt in uns. Hierdurch wird uns der magische Raum gegenwärtig und mit ihm beginnen wir, in selbstverständlicher Weise magisch zu leben und zu wirken. Das heißt, magische Disziplinen wie Mantik und Theurgie wachsen uns sozusagen als Talente zu, wodurch unser Handeln auch ohne explizites Ritual magische Unterfütterung erfährt.

So könnte sich eine Annäherung an eine magische Dimension vollziehen. So könnte der Blick ins Weite sein! Doch durch die allgemeine Verdrängung der Magie in die Schatten der Psyche verschieben wir ihren transzendenten Raum immer weiter in unerreichbare Ferne und erklären uns, wenn uns dennoch magische Berührung widerfährt, die Magie rational fort. Indes bleibt die magische Struktur der Psyche erhalten, nur findet sie keinen Widerhall. In dieser Situation mag sie in der einen Person in der Tat verkümmern, während sie in einer anderen Person umso heftiger nach Belebung drängt. Dort aber, wo solches Drängen virulent wird, ist die Gefahr groß, dass die scheinbar entleerten nahen Räume unerkannt bleiben und die aus rationaler Abwehr konstruierte Ferne als Gegebenheit erachtet wird. Da das Drängen indessen nach einem Grund verlangt, wendet man sich auf der Suche nach Widerhall nicht nach innen, dem nahen Raume zu, sondern nach außen und findet ihn im Dämonischen, das sich offenbar leichter beleben lässt. Jedenfalls ist der Hang zum Schwarzmagischen, zur Dämonenbeschwörung und zur bedrängenden Zauberei heute eine unverkennbar starke Tendenz, während die Hinwendung zur lebendigen ganzheitlichen Magie eher als unattraktiv, weil machtlos gilt.

Ich und mein Auto

Ausfahrt der Benz © Matthias Mala

… oder mein Auto und ich? Bin ich die Sache, oder bereichert sie mich? Oder wachse und werde ich durch die Sache? Letzthin klagte mir jemand, dass die Menschen nur noch durch das Haben zum Sein kämen. Ohne Habe hätten sie kein Dasein. Habenichtse wären demnach Scheintote … Doch, so fragte ich mich, daraufhin, sind wir nicht viel eher scheintot, sobald wir Habe haben?

Nun, wenn ich mir so manch persönlich konfiguriertes Automobil ansehe, das sich jemand leistet, mit all dem Schnickschnack, den man nur braucht, um zu imponieren und hierdurch  Anerkennung in den Augen anderer Habenichtse zu erlangen, dann meine ich, dass man insgesamt mehr und mehr nur noch auf einer virtuellen Ebene lebt, während man gleichzeitig den Zugang zum Lebendigen zunehmend verliert. Insofern wird man, sobald man durch seine Habe Anerkennung sucht, zum Habenichts gegenüber dem Sein, dem eigentlich Substanziellen. Denn jene, die einen aufgrund seiner Habe anerkennen, erkennen einen meist nur, weil sie einem entweder die Habe neiden oder sich durch gleichwertige Habe bestätigt und gerechtfertigt fühlen. Es bleibt somit die Habe, die die Anerkennung bedingt, aber nicht das Sein.

Nehmen wir als Beispiel die letzten repräsentierenden Fürsten in Europa. Sie sind heute die Grußauguste und Frühstücksdirektoren ihrer Nation. Sie sitzen in goldenen Käfigen und bangen um ihre Likes in „sozialen“ Netzwerken. Ansonsten führen sie ein vorhersehbares, unaufgeregtes Leben, das ich nicht teilen möchte. Und selbst wenn sie Talente haben, können sie diese kaum verfolgen oder professionalisieren. Sie werden ihrer auferlegten Rolle nicht entschlüpfen können, denn sie sind nur durch sie und werden nie etwas anderes sein. Sie sind in dieser Weise Habenichtse ihres Seins. Weiterlesen

Religionsfreiheit

Freiheit

Religionsfreiheit ist derzeit in vieler Munde. Doch was Religionsfreiheit sein soll, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Vielfach wird zur Bestätigung der eigenen Meinung über Religionsfreiheit auf das Grundgesetz abgehoben, ohne zu wissen, welcher Artikel die Art der Freiheit regelt. Nun, es ist der Artikel 4 des Grundgesetzes, der mit folgenden Absätzen etwas zur Religionsfreiheit sagt:

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

Das heißt, man kann glauben an was man will, sei es das fliegende Spaghettimonster, die Deutsche Bank oder der liebe Gott der Swedenborgianer, die sich Neue Kirche nennen. Man kann ebenso an gar nichts glauben und ist dennoch durch den Art. 4 GG in seiner Weltanschauung geschützt, sofern es sich bei diesem Unglauben um ein echtes Bekenntnis handelt. Ob allerdings das Bekenntnis und das daraus zu folgernde sittliche Gebot zur Steuerfreiheit auch zur selben führt, mag ich bezweifeln, denn im Grunde ist unser GG längst keine Staatsverfassung mehr, sondern ein Katalog der Beliebigkeit, deren Gültigkeit von der aktuellen Opportunität unseres Staatsorakels, dem Bundesverfassungsgericht, interpretiert und determiniert wird. Daneben wirken unser Parlament der Bundestag sowie der Bundesrat als Gesetzgeber mehr oder minder unbeholfen mit. Das heißt, der Gesetzgeber ist auf das Wohlwollen der Verfassungshüter angewiesen, weswegen er auch versucht, dieselben per Wahl zu bestimmen; damit am Ende alles so läuft wie es sich das ominöse „man“ – also der heilige Geist jeder Verschwörungstheorie – so vorgestellt hatte.

Im Klartext bedeutet dies, das Grundgesetz gewährt neben der arbeitsrechtlichen Koalitionsfreiheit (Art. 9 GG) auch Koalitionsfreiheit in Sachen Religion. Gleichzeitig ist den Religionen nicht jede Freiheit erlaubt. Muslime und Mormonen dürfen hierzulande nicht der Vielweiberei frönen; Christen keine Hexen mehr verbrennen; Buddhisten keine Kinder als Mönche ordinieren; Muslime keine Homosexuellen hängen oder untreue Ehefrauen steinigen; Parsen ihre Toten nicht auf Hausdächern luftbestatten und tibetische Buddhisten ihre Toten nicht zerhacken und auf Wiesen den Geiern zum Fraß vorwerfen. Allerdings dürfen Juden und Muslime aus religiösen Gründen ihren Jungen unbeschadet das Genital verstümmeln; womit ich wieder bei der Ambivalenz von Moral und Regeln und dem ausgeprägten Irrsinn aller Gesellschaften in Gestalt von Kultus und Religion angekommen wäre.

Allerdings gilt die religiöse Koalitionsfreiheit in der Praxis auch nur bedingt, denn zur Eindämmung religiöser Konkurrenz gibt es die halbstaatlichen Sektenbeauftragten der Kirchen. Hier wird nicht nur vor Satanisten, die angeblich Jugendlichen ihre zarten Seelen abkaufen, gewarnt, sondern auch vor den Zeugen Jehovas, die während der Nazizeit noch als sogenannte Bibelforscher in Konzentrationslagern ermordet wurden. Ein ganz besonderer Teufel scheint zudem die Scientology Church zu beleben, die gar vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Glauben auf abseitigen Wegen ist demnach ein derartiger Irrweg, dass die verirrten Schäflein vom Nanny-Staat und den beiden Beliebigkeitskirchen wieder zusammengetrieben und zur Herde der Rechtgläubigen zurückgeführt werden müssen.

In diesem Sinne schließen sich auch rechtschaffene Firmen an und fordern von ihren Lieferanten Freibriefe, dass sie keinem falschen Glauben anhängen. So musste ich mich 2001 bei zwei Buchverträgen für den mvg-verlag, der zum Süddeutschen Verlagsimperium gehört, folgendermaßen erklären, dass ich kein Scientologe bin:

„Der Autor erklärt, dass er weder Sympathisant noch Anhänger des Gedankenguts von L. Ron Hubbard ist. Er verwendet dessen Inhalte und Methoden nicht. Er ist nicht weisungsgebunden an Anordnungen einer Organisation, die Hubbards Technologie verbreitet oder verwendet. Er wird keine Informationen aus der Geschäftsbeziehung an Dritte weitergeben. Er versichert, dass er nicht an Befragungen teilnehmen wird, in deren Verlauf im weitesten Sinne hypnoseähnliche Techniken eingesetzt werden. Bei einem Verstoß des Autors gegen die vorgenannten Erklärungen ist der Verlag zum Rücktritt vom Vertrag und zur Vernichtung aller in Druck befindlichen und aller bestehenden Exemplare auf Kosten des Autors berechtigt.“

Puh! Für die rechtgläubigen Bayern scheint der einstige Sciencefiction-Autor schon ein wahrer Gottseibeiuns gewesen zu sein.

Jedenfalls hat dieserart Haltung für mich nichts mit der vermeintlich gewährten Religionsfreiheit des Grundgesetzes zu tun. Andererseits ist die Religionsfreiheit auch die Keule, mit der alle religiösen Gruppierungen auf den Staat einhauen, um sich Sonderrechte auszubedingen. Besonders unverschämt sind dabei die beiden großen Kirchen, die unter anderem den Staat zu ihrem Steuereintreiber gemacht haben und auch die Banken zwingen, für sie Steuer einzutreiben. Einst war die Aufgabe des Steuereintreibers ein erkleckliches Privileg, heute, denke ich, werden die Banken für ihr Inkasso nicht entschädigt werden. So ändern sich die Zeiten in Zeiten angeblicher Aufklärung.

Religionsfreiheit ist ein Oxymoron

Allerdings habe ich diese Betrachtung zur Religionsfreiheit nur deswegen angestellt, um die Verdrehtheit der einen, der staatlichen Seite dieser scheinbaren Freiheit zu zeigen, die jedoch Religionen wie Gläubige meist dahingehend verwechseln, dass sie mit ihren hirnrissigen Forderungen unbeschränkter öffentlicher Glaubensbekundungen, wie Kreuze oder Kopftücher in Ämtern, Spitälern und Schulen, meinen, Flagge zeigen zu müssen. Ein Selbstdarstellungsdrang der allerdings jeder Religion immanent scheint; schließlich ist es seit Babylon der Eifer jeder Religion, sich als Partner der Mächtigen zu gerieren. Weshalb die Bischöfe auch heute noch mit ihren Mitren die Zaubermützen babylonischer Priester imitieren. – Man weiß eben, was Tradition wert ist.

Die andere Seite der Religionsfreiheit sieht dagegen bei weitem schrecklicher als jede staatliche Beschränkung aus, weshalb wir eigentlich jeden Tag Gott danken sollten, dass mit der Renaissance ein Zeitalter der Aufklärung begann, durch das in Europa die Macht der Kirchen in Frage gestellt und sukzessive gebrochen wurde. Ein Prozess, der heute – 500 Jahre später – noch immer nicht zu einem Ende gekommen ist. Wobei man in diesem Zusammenhang nicht vergessen sollte, dass der Irrsinn der Hexenverbrennung mit dem Beginn der Aufklärung seine Urstände fand.

Wohl gerade wegen der in diesem Zuge später erfolgten Säkularisation verteidigen die Kirchen ihre verbliebenen Privilegien mit Verve, wo immer sie zu erodieren drohen. Zum Beispiel ihren Ideologieschutz im Rahmen des eigens geschaffenen kirchlichen Arbeitsrechts, das ihnen unter anderem erlaubt, Mitarbeiter mit einem unmoralischen Lebenswandel entschädigungslos zu entlassen. Dies weist auf die eingefleischte Doppelmoral, oder besser gesagt spezielle Verlogenheit, als eine besondere Eigenschaft aller Religionen und Ideologien hin: nämlich einerseits Rechte zu beanspruchen, die man andererseits nicht gewährt, so zum Beispiel die Diskriminierung von Abtrünnigen, Kritikern und Ungehorsamen innerhalb der Institution. Kirchenkritischen Theologen wird der Lehrauftrag entzogen; Geschiedene sind exkommuniziert;  ebenso behindert man bis heute die weltliche Bestrafung von Kinderschändern in den eigenen Reihen.

Wobei sich hier die katholische Kirche insgesamt noch relativ zivil verhält. Anders ist es im Islam, wer hier die Glaubensgemeinschaft verlässt, indem er zum Beispiel konvertiert oder kritisiert, ist seines Lebens nicht mehr sicher.

Weltweit bekannt wurde diese Haltung, als Ayatollah Khomeini den Schriftsteller Salman Rushdie wegen Beleidigung des Propheten per Fatwa zum Tode verurteilte. Aktuell beträgt das Kopfgeld für seine Ermordung vier Millionen Dollar. Im Januar 2015 wurde diese religiöse Raserei grausame Wirklichkeit als fast die gesamte Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo von Islamisten ermordet wurde. Und während wir den islamisch motivierten Terror hierzulande beklagen, findet auf der anderen Seite der Welt in Birma, von unseren Medien kaum beachtet, ein Völkermord statt, bei dem den Dalai Lama verehrende Buddhisten – die religiöse Mehrheit des Landes – ihre muslimische Minorität, die Rohingya, massakrieren.

Religionen sind weder nach außen noch nach innen frei. Es gibt ebensowenig eine Religionsfreiheit der Religionen wie es eine Ideologiefreiheit der Ideologien gibt. Entweder man ist im System, denkt konform, oder man steht daneben und hegt andere Gedanken. Wobei Ideologien mit Abweichlern nicht minder mörderisch umgehen wie Religionen. Es ist letztlich nur eine Frage der Macht, die die Brutalität der Unterdrückung ausmacht. Wir kennen dies aus kleinen Sekten; je besser sie nach außen abgeschottet sind, desto drückender das innere Regiment gegenüber störrischen Mitgliedern. Physische, seelische und sexuelle Gewalt lassen sich unter dem Mantel des wahren Glaubens leicht verbergen, und das Mitglied der Gemeinschaft, das solche Gewalt öffentlich macht und gar anzeigt, ist ein Nestbeschmutzer, der die anderen Gläubigen nur noch enger zusammenrücken lässt. Skandale dieserart werden immer wieder bekannt, mal bei urchristlichen Kommunen, mal bei Satanisten, mal bei den Zeugen Jehovas, mal bei den Buddhisten. Es spielt keine Rolle, wie friedlich, wie human sich eine religiöse Gemeinschaft nach außen gibt, schließlich verkünden sie alle nur Frieden und die Erlösung der Menschheit; allerdings meist mit der kleinen Einschränkung, dass diese uns hienieden erst beschieden sein wird, sobald nur alle anderen ihrem Beispiel folgen würden. – Ja, so glaubte ich als Kind einmal, dass der Weltfriede eintreten würde, sobald alle Menschen rund um den Globus das Vaterunser beten würden. Wäre doch ein leichtes dachte ich und danach ist Schluss mit allem Krieg …

Aus der Freiheit ausbrechen

Religionen können ihrer Struktur nach nie frei sein. Denn wo eine Gottheit, wie immer sie auch fabuliert wird, herrscht und angebetet wird, ist es mit der Freiheit schon vorbei. Und wer nicht frei ist, kann auch keine Freiheit gewähren oder stiften. Er bleibt ein Anhänger und somit Abhängiger, und Unfreiheit ist das Wesen jeder Abhängigkeit. Gleichwohl erkühnen sich die Priester, Mullahs und Vorbeter immer wieder, die Freiheit zu verkünden, die der Mensch erlange, der ihnen und ihrer Gottheit nachfolgt, und erkennen darob nicht, dass sie hiermit nur die Freiheit im Gefängnis einer Ideologie skizzieren.

Freiheit gibt es indes nur dort wo Freiheit herrscht. Frei ist nur der Mensch, der sich selbst befreite. Das gelingt freilich nicht mit Hilfe einer Religion oder Ideologie, sondern nur, wenn man erkennt, dass man eben durch diese Geisteshaltung und ihre Versprechen geknebelt wird. Dazu muss man allerdings die geistigen Fesseln abstreifen und das Gefängnis der Religion verlassen. Erst wenn man nicht mehr durch den alten religiösen Zauber gebunden ist, wird der eigene Geist frei, beweglich und lebendig. Dann gibt es kein Schema mehr, das ihn einengt oder ihm vorgibt, wohin er seine Gedanken zu lenken hat.

Für einen solchen Geist gibt es keine Grenzen, keine Tabus, außer seiner eigenen Anhaftungen; lässt er auch diese fallen, wird er tatsächlich frei und die Welt erscheint ihm grenzenlos und das Unbegrenzte kann ihn berühren. Ein solcher Geist ist jedoch ein einsamer Geist, denn wirklich freie Geister gibt es auf dieser Welt nur wenige …

Wer jedoch annimmt, ein solch grenzenloser Geist wäre unmoralisch, der hat Freiheit nicht verstanden. Grenzenlose Freiheit ist Allverbundenheit, und wer sich dessen bewusst ist, erkennt sich in allem was Welt ist und wird darum niemals gegen sich handeln. Wer dennoch die Hand gegenüber einem anderen erhebt, erhebt sie gleichsam gegen sich und schlägt sich selbst.

Und wer sich fragt, wie Fallenlassen gelingt, dem sei gesagt: Es gelingt nicht! Wer sich geistig fallen lassen will, wird sich nur mit derselben Kraft binden, mit der er sich lösen will. Nur wer für sich erkennt, dass er sich nie fallen lassen kann und alles Bemühen dazu vergeblich ist, wird leicht und fällt …

Der Zauber liegt im Auge des Betrachters

Sehen bis Nichts © Matthias Mala

Sehen bis Nichts © Matthias Mala

Jetzt, wo die Tage immer kürzer werden und die Finsternis immer tiefer wird, erinnere ich mir das 70. Lied des Stundenbuches der weißen Magie. Es fügt sich angemessen in die dunkle Zeit, nicht als Keim einer Hoffnung – das wäre banal -, sondern als erleuchtendes Moment, um die Finsternis mit all ihren Schatten anzunehmen und seinzulassen, was sie ist, nämlich notwendiger Gegensatz zu dem was ist. Oder um es anders auszudrücken, jegliches Wissen steht im Schatten des Nichtwissens, so wie jede Erkenntnis im Schatten der Erkenntnislosigkeit steht.

Losung

Die Welt, die die Welt trägt, ist der Welt ein Gegensatz. Doch der Geist, der diese Welten samt ihres Gegensatzes trägt, steht zu nichts im Gegensatz. Er ist von der Kraft ursprünglichen Seins, die beiden Welten ihren Odem spendet.

Versenkung

Ein Jüngling führte einen Blinden. Der Blinde fragte ihn, was er sehe. Der Jüngling beschrieb ihm die Dinge auf ihrem Weg. Doch der Blinde war darüber unzufrieden: „Du erzählst mir nicht mehr, als ich ertaste. Kannst du denn nicht die Seele der Dinge mit deinen Augen sehen?“ „Wie sollte ich das?“, entgegnete der Jüngling. „Du musst die Welt mit anderen Augen sehen“, meinte der Blinde. „Wie soll ich die Welt mit anderen Augen schauen? Ich habe nur diese“, klagte sein Führer. „Dann sieh sie mit meinen Augen“, riet ihm der Blinde. „Wie soll ich sie mit deinen Augen sehen, wo du die Welt durch meine Augen siehst?“, lachte der Jüngling. „Sieh mit deinem Herzen“, antwortete der Blinde. Der Jüngling schwieg darauf und sah. Nach einer Weile seufzte der Blinde dankbar und sagte: „Ja, so schön ist die Welt, erzähl mir mehr davon.“ Sein Führer betrachtete weiter schweigend die Welt. Und beide wandelten auf dem Pfad und wer sie sah, vermochte nicht zu sagen, welcher der beiden Sehenden der Blinde sein sollte.

Will ich den Grund hinter meinen Empfindungen sehen? Und will ich auch hinter diesen Grund blicken?

 Stimmung

Mit Leichtigkeit führe ich den Stab von der Einheit zur Zweiheit; hebe ihn zur Dreiheit, um ihn in der Vierheit zu senken. Springt die Kraft über, sehe ich das Kristall des Fünfsterns. Sehe, wie es sich in sich beständig wechselnd verkehrt und die Kraft kaskadengleich befördert. Ich bitte um die Einsicht, die Einsicht in mir wirken zu lassen.

Das Stundenbuch der weißen Magie können Sie hier beziehen, es kommt, sofern Sie es bis Ende der Woche bestellen, noch vor Weihnachten bei Ihnen an.

Uniform

Uniform © Matthias Mala

Uniform © Matthias Mala

Kleiderordnungen gibt es seit jeher und aus vielfältigen Gründen. Die römischen Kaiser leisteten sich beispielsweise purpurne Togen, die vom Blut tausender Purpurschnecken gefärbt waren. Im Mittelalter mussten Juden, Huren und Aussätzige gelbe Kleider tragen, damit der brave Bürger einen großen Bogen um sie schlagen konnte. In der Mode uniformieren wir uns ohnehin und folgen ihrem Diktat, auch wenn es noch so unsinnig ist. So wunderten sich beispielsweise viele Frauen, als die Mode Bauchfreiheit verlangte, warum sie gerade in der unbekleideten Zone wieder Babyspeck ansetzten. Dabei war der Zuwachs ganz natürlich. Weil durch die Entblößung in diesem Bereich die Körpertemperatur sank, sorgte der Körper von sich aus für mehr Isolation. Anders vor 220 Jahren, als der Empirestil den Rokoko ablöste, siechten die Frauen dahin, weil die modebewusste Dame damals auch im Winter hauchdünne durchsichtige Kleider trug. Während sie sich noch wenige Jahre davor, im Rokoko, mit Bleiweiß als Schminke tiefe Narben ins Gesicht ätzten, als die Mode nach bleichem Teint verlangte. Aktuell gibt man viel Geld aus, um sich eine zerrissene Jeans zu leisten. Ein Irrwitz über den man aber erst in etlichen Jahren den Kopf schütteln wird. Indessen hatte eine Mode selten so lange Bestand wie zum Beispiel das dem Biedermeier entstammende Dirndl. Die Jeans ist dagegen erst seit rund 50 Jahren Trend und wird wohl kaum je zur Tracht werden.

Beim Militär war und ist die Uniformierung überlebenswichtig, damit man im Schlachtgetümmel seinem Feind und nicht seinem Freund den Schädel einschlug. Auch hat die Uniform für die Soldaten einen hohen Identifikationswert. Den Rock des Kaisers zu tragen, war einst Teil der Mannesehre und ist es unter Soldaten noch immer, auch wenn man sich inzwischen für Parlament und Vaterland die Uniform anlegt und sich in Lebensgefahr begibt. Nur im Gegensatz zum Kaiserreich ist heute auch die militärische Uniform aus dem Straßenbild verschwunden.

Fasching der Gesinnung

Wir kleiden uns nicht nur, weil es uns so gefällt, sondern weil wir über unsere Kleidung sozialen Status und Gruppenzugehörigkeit signalisieren. So braucht es nur wenig, um sich von der Masse abzugrenzen und an sich selbst zu erleben, wie Kleider Leute machen. Diese Absonderung geschieht vor allem durch jene, die uns betrachten und weniger durch uns selbst. Im Fasching schlüpfen wir verkleidet in eine andere Rolle. Doch da sich zu diesem Anlass immer weniger wirklich verkleiden, darf man annehmen, dass ihre Alltagskleidung auch ihre alltägliche Verkleidung ist. Sie bleiben uniformiert. Gerade deswegen ist jede Abweichung auffällig und verlangt vom Betrachter eine Positionierung in dem Sinne: Wie gehe ich mit dem Nonkonformen um? Weiterlesen