Blasen, nichts als Blasen

Von Mtag – Eigenes Werk, CC0,

In der Ludwigskirche in München findet sich das zweitgrößte Altarfresko der Welt. Es wurde von Peter von Cornelius gemalt, der bei den Nazarenern, einer romantische Künstlergruppierung, maßgebend war. Das Fresko zeigt das Jüngste Gericht, oder auf die sozialen Internetmedien übertragen die Filterblase Jesus, samt seiner Trolle. Denn zu seiner Rechten fahren die Guten, vorwiegend Frauen und Kleriker in den Himmel, während zu seiner Linken die Sünder in die Hölle fallen. Dazu ein illustratives Aperçu, zur Linken des Herrn, fährt auch der Geheimrat Goethe (zweite Reihe von unten rechts) ob seiner Völlerei ins Fegefeuer. Allerdings ist sein Körper gut definiert, was wohl eher als eine zynisch paradoxe Anspielung auf seine tatsächliche Leibesfülle zu verstehen ist.

Jedenfalls ist in diesem Fresko alles enthalten, was der Heiland für seine funktionierende Welt brauchte: Jünger und Feinde. Feinde waren alle, die nicht seine Anhänger waren, also Römer und bibeltreue Juden, die sich von seinen kruden Ideen unbeeindruckt zeigten. Krude waren seine Ideen aus jüdischer Sicht allemal. Als Prophet hätte man ihn womöglich noch toleriert, aber als Gottessohn niemals. Das war Blasphemie. Weiterlesen

Selbstbesonnen ist der Weg

Ein Geschenkbuch für alle, die die mystisch, spirituelle Versenkung schätzen.

Lied 148 Stundenbuch der weißen Magie

Losung

Mein erster Freund bin ich selbst. Versage ich mir meine Freundschaft, versage ich mir meine Freunde. Nicht von anderen geliebt zu sein, sondern mich selbst zu lieben, ist Voraussetzung, um liebenswert zu sein.

Versenkung

Die Einheit von Seele, Geist und Psyche mit seiner Welt zu leben ist höchste Glückseligkeit und wahre praktizierte Magie. Sich dieser Forderung immer wieder zu erinnern, ist der magische Weg. Obgleich unsere Seele in der Halle des magischen Raumes weilt, bleiben wir den Einflüssen unserer Welt ausgesetzt. Unsere Psyche erzittert unter dem Anprall dumpfer Schwingungen, die böse Menschen aussenden. Wir empfinden uns in solchen Augenblicken gespalten, als aus dem Himmel Gestürzte. Die Kommunikation zwischen Seele und Psyche ist gestört, weil der Geist durch die psychische Gewalt, der wir ausgesetzt sind, verstört ist. Erinnern wir uns jedoch der ursprünglichen Einheit, finden wir die Kraft, uns zu versiegeln und den Kreis zu schließen. Denn zur Einheit gelangen wir nicht, indem wir das Böse bezwingen. Einheit entsteht niemals im Gegensatz zu einer anderen Kraft, sondern stets nur durch die Sammlung der eigenen inneren Kräfte. Der Gegner ist nicht der böse Feind, sondern wir selbst, sobald wir unsere Integrität aufgeben. Bleiben wir in uns, bleiben wir letztlich unerschütterlich.

Lasse ich mich durch äußere Widrigkeiten soweit erschüttern, dass ich auch innerlich zerrüttet bin?

Stimmung

Mein Haupt ist bedeckt und mein Gürtel eng geschnürt, ich schließe mich in meinen Mantel. Mein Blick rundet den Kreis und seine Kraft wird mir zum Dom. Nun umkränzen Blüten mein Haupt und mein Mantel schwingt weit. Ich bitte darum, dass ich mir diese Offenheit nicht nehmen lasse.

Blutmond

Blutmond © Matthias Mala

Stellen wir uns vor, wir hausten in einer Kate vor unserer Zeitrechnung, wüssten wenig von der Welt, nur soviel, wie man damals gemeinhin in besseren Kreisen wusste. Das war zwar durchaus beachtlich: einige Zeitgenossen verabschiedeten sich damals gerade von der Theorie, dass die Erde eine Scheibe sei, andere, wie Aristarchos von Samos (310-230 v.Chr), dachten gar darüber nach, dass die Sonne im Mittelpunkt unserer Welt stünde. Dennoch wüssten wir den Kosmos nur als eine Manifestation der Götter zu deuten. Denn in den Bewegungen der Gestirne fänden wir zuviele „Zufälligkeiten“, die wir uns nur durch einen göttlichen Ursprung erklären könnten.

Allein die Tatsache, dass die Himmelsscheiben von Sonne und Mond gleichgroß sind, musste ein göttliches Zeichen sein. Doch damit nicht genug, beide Gestirne tauschen ihre Positionen nicht nur über Tag und Nacht, sondern wechseln sie auch übers Jahr. So steht der Mond im Winter hoch im Norden, während die Sonne tief im Süden scheint. Im Sommer verkehrt sich das Spiel ihrer Laufbahnen. Hierdurch kommt es zu Mondfinsternissen, die den damaligen Menschen zwar unerklärlich waren, die sie dennoch vorausbestimmen konnten. Auch die Wandelsterne waren berechenbar, worauf die Astrologie fußte. Ihre Berechnungen galten als Methode, das Wesen der Götter zu verstehen und sich somit das Leben und Schicksal der Menschen zu erklären. Weiterlesen

Effektiv Leben

Hamsterrad©Matthias Mala

Die Greisin war wieder gestürzt und brach sich erneut einen Oberschenkel. Doch diesmal wollte sie sich nicht mehr so richtig erholen. Sie spürte, dass sie die Kraft zur Rekonvaleszenz nicht mehr besaß. Die Einschränkungen durch die erneute Verletzung würden nicht mehr vergehen, also würde ihr Lebenslicht alsbald erlöschen. Es ist wie so oft, das Sterben beginnt, indem die Seele sich aus dem Leben löst. „Es ist gut so, ich habe mein Leben gelebt“, sagte sie, und zu einem Problem, das anstand, meinte sie nur: „Ich möchte mich in meinen letzten Lebenswochen nicht mehr damit befassen.“ Sie sagte es ohne Harm; er war eine Feststellung wie, „die Milch ist kalt“, nichts weiter.

Sie befand sich in ihrer letzten Lebensphase, die auf den Tod hin gespannt war. Sie hatte dieses Ziel ins Auge gefasst und bewegte sich ihm zu. Da gab es keine Notwendigkeit mehr, durch eine dämmrige Lebenslandschaft zu mäandern, da warteten keine Erlebnisse mehr auf sie, das Erleben war einzig dieser letzte Weg. Er war wohl mehr pures Leben, als wir es uns, die wir vermeintlich im blühenden Leben stehen, vorzustellen vermögen. Weiterlesen

Wie man selbst zum Engel wird

Zum Advent eine Kontemplation aus meinem Stundenbuch der weißen Magie.

Losung

Wer in den Himmel greifen möchte, wird den Boden unter den Füßen verlieren; und wer auf festem Boden steht, wird den Himmel nicht erfassen. Die Welt ist gerecht im Ungerechten, weil sie im Ungleichen keinen Ausgleich bietet.

Versenkung

Die Pole bedingen einander, um die Form zu halten. Jenseits der Form herrscht das Formlose. Doch auch das Formlose ist Gestalt. Magie wirkt im Geformten wie im Ungeformten. Das eine ist wie das andere und doch ist beides grundverschieden. Reduzieren wir die Welt auf ihr Kleinstes, machen wir sie ebenso gleich, wie wenn wir sie ins Höchste verklären wollten. In beiden aber ist die Welt nicht mehr, sondern nur noch ihre Idee. Die Liebe weht zwischen diesen Nichtigkeiten und gar über sie hinaus, ins Unvorstellbare. Liebe ist die Spanne, die die Welt erstehen lässt. Liebe ist das milde Licht der Morgensonne, die den Tau der Nacht von den Blüten leckt und uns das Leben in die Glieder träuft. Bewahren wir die Frische dieser Stunde im Gemüt, werden wir uns selbst zum Engel, der uns führt. Ein Engel versteht es, die Schöpfung zu bewahren, indem er sie von Jetzt zu Jetzt wiederholt. Dies ist sein Anruf an das Unermessliche, sein immer neues Lied, durch das die Wiederkehr stets zur erneuten Schöpfung wird. Nicht die Erscheinung der Form oder des Formlosen ist der Akt solcher Weltwerdung, sondern das gelauschte Lied der Anrufung. Seine Stimmung temperiert die Kreation durch die harmonische Folge wohl gesetzter Töne.

Vermag ich das rechte Maß zu finden, ohne Maß zu nehmen?

Stimmung

Ich singe das Lied und wiederhole es, bis sich der Kreis schließt. Nun tönt der Kreis. Er schwingt im Widerhall der stillen Weise. Wen sie erfasst, der schwingt mit ihr. Ich bitte darum, dass meinem Ohr die Weise zeitlos schmeichelt

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Spukgeschichten

Seelenschwatz © Matthias Mala

Alle Jahre wieder ersteht im Frühjahr der Heiland von den Toten, und alle Jahre wieder ziehen wir im Herbst auf die Gottesacker, um unsere Toten an ihrer Wiederkehr zu hindern. Denn diese Wiedergänger schrecken uns, anders als die Lieblichkeit des Heilandes.

Rituale sind, solange man sie von außen betrachtet, immer merkwürdig; doch sobald sie aus einer Binnensicht gesehen werden, scheinen sie überzeugend. So sind Osterfeierlichkeiten bis Christi Himmelfahrt schließlich ein Versprechen auf den St. Nimmerleinstag, das uns dann alle gleichzeitig ereilt und weswegen dann auch niemand vor der Spukgestalt des anderen erschrickt. Da wedeln unsere Seelen den Staub davon, den ihre einstige Verkörperung hinterließ, und gehen gar leiblich ein ins Paradies.

Dort gibt es weder lästige Gespenster noch boshafte Wiedergänger, die in der Zwischenzeit allemal auftauchen und die manche Zeitgenossen dann sichten. Ich zähle mich selbst zu jenen, die meinen, Geister zu sehen. Ob ich tatsächlich welche sehe, bleibt letztlich ungewiss, es kann auch eine Dysfunktion  der Elektrik in meinem Oberstübchen sein; womöglich artet dort  mancher Funkenüberschlag zu einer geistreichen Vision aus. Wegen derlei Visionen sucht man jedoch keinen Arzt auf, sondern begibt sich, weil es Brauch ist, Anfang November auf die Friedhöfe, um Kränze und Blumen auf Gräbern abzulegen und ein Seelenlicht anzustecken. Hierdurch sollen die Toten dort bleiben, wo sie sind, hinter Friedhofmauern. – Ich werde die Tage dieses Ritual wieder begehen. Weiterlesen

Wohin der Blick am Abgrund?


Mein Weg zur Mystik führte mich über die Befassung mit der weißen Magie und ihrer Beschreibung. Eine Station dabei war mein Buch „Magie des Abendlandes“. In ihm schilderte ich die Wandlung Aufstieg der Magie zur Religion und schließlich zu ihrer Domestizierung durch die Liturgie der Kirche. Allerdings entzogen Mystiker die Magie durch die Jahrtausende hindurch immer wieder dieser Gängelung, indem sie sie als einen Weg der Erkenntnis benannten. Wobei es dabei weniger um die magischen Rituale ging, sondern um den Zauber der Wandlung durch Erkenntnis, der den Suchenden erhebt und ihm mit einem ersichtlich wirkenden Geist verbindet. Über diesen Moment, in dem der Mystiker die Magie überwindet und aus seiner Gotteserkenntnis heraus wirkt, habe ich in nachfolgendem Abschnitt reflektiert. Gleichzeitig aber warnte ich davor, diesen Moment nicht zur Läuterung zu nutzen, sondern dass wir ihn in selbstherrlicher Machtverblendung dahingehend umdeuten könnten, um uns, vom Dämon der Religion befreiend, mit dem Dämon des Narzissmus, dem ureigensten Götzendienst, zu verbünden. Hier also ein kurzer Blick auf diesen besonderen Stolperstein zur geistlichen – nicht geistigen – Umnachtung:

Am Abgrund blicken wir ins Weite

Unsere Psyche verliert zwar die ihr eingeborene Affinität zur Magie nicht, doch durch die Erkenntnis der Naturgesetze und der Macht der Ratio „verkümmert“ ihr magisches Potenzial. Was einst noch magisch gedeutet wurde, lässt sich heute verständlich erklären, etwa die Wirksamkeit von Kräutern oder das Besprechen von Warzen, ein Zauber übrigens, den Dermatologen heute vor allem bei geplagten Kindern ganz bewusst wieder aufleben lassen. Gleichwohl verliert die Magie in unserer alltäglichen Wirklichkeit zunehmend an Raum und wird mehr und mehr in eine lebensferne Sphäre verdrängt. Erst wenn uns wie beim Exorzismus das Ringen mit magischen Gewalten erschreckt, erleben wir in hilfloser Furcht dieses archetypische Walten als verstörenden Zwiespalt in uns.

Doch auch wenn wir die Magie aus der Wirklichkeit unserer Psyche verdrängen, bleibt ihr Raum in unserer Seele erhalten. Er mag uns zwar entleert erscheinen, doch genügt oft ein kleiner Anstoß aus der Zauberwelt, um die verdrängten Bilder zu beleben. Es ist eine abgründige Erschütterung, die uns erfasst. Solchermaßen mit einem Schatten unseres Selbst konfrontiert, erscheint uns magisches Geschehen oft ungewöhnlich bedrohlich. Anstatt uns jedoch in atavistischer Weise übermannt zu fühlen, vermögen wir, eben weil unsere Psyche ihrer inneren Magie zuneigt, die uns anrührenden Kräfte zu lenken. Hierzu allerdings müssen wir uns dem scheinbar Paradoxen öffnen und bejahen, was wir in unserem Tagbebewusstsein verneinen.

Gelingt es uns, blicken wir in jene lebensferne Sphäre der Magie und überwinden ihre Transzendenz. In verwandtem Sinne meint Stanislav Grof in seiner Schrift „Kosmos und Psyche“:

„Die transpersonale Psychologie hat entdeckt, dass es in holotropen Zuständen möglich ist, die Identität mit fast jedem Aspekt der physischen Realität aus Vergangenheit und Gegenwart wie auch mit verschiedenen Aspekten anderer Dimensionen des Seins zu erfahren. Sie hat bestätigt, dass der gesamte Kosmos auf geheimnisvolle Weise der Psyche eines jeden von uns eingeschrieben ist und der tiefen systematischen Selbsterforschung zugänglich wird.“

Mit dem von ihm geprägten und aus dem Griechischen abgeleiteten Begriff „holotrop“ bezeichnet Grof die Annäherung an ein Ganzes, durch mehrdimensionale Aufschlüsselung der Tiefendimension der persönlichen Verfassung (holos = ganz, trepein = sich auf etwas zubewegen). Es ist also kein analytisches oder deutendes Schauen der magischen Sphäre, sondern eine umfassende und unmittelbare Einsicht, durch die sich uns diese Dimension öffnet. Wir treten ins Transzendente und das Transzendente tritt in uns. Hierdurch wird uns der magische Raum gegenwärtig und mit ihm beginnen wir, in selbstverständlicher Weise magisch zu leben und zu wirken. Das heißt, magische Disziplinen wie Mantik und Theurgie wachsen uns sozusagen als Talente zu, wodurch unser Handeln auch ohne explizites Ritual magische Unterfütterung erfährt.

So könnte sich eine Annäherung an eine magische Dimension vollziehen. So könnte der Blick ins Weite sein! Doch durch die allgemeine Verdrängung der Magie in die Schatten der Psyche verschieben wir ihren transzendenten Raum immer weiter in unerreichbare Ferne und erklären uns, wenn uns dennoch magische Berührung widerfährt, die Magie rational fort. Indes bleibt die magische Struktur der Psyche erhalten, nur findet sie keinen Widerhall. In dieser Situation mag sie in der einen Person in der Tat verkümmern, während sie in einer anderen Person umso heftiger nach Belebung drängt. Dort aber, wo solches Drängen virulent wird, ist die Gefahr groß, dass die scheinbar entleerten nahen Räume unerkannt bleiben und die aus rationaler Abwehr konstruierte Ferne als Gegebenheit erachtet wird. Da das Drängen indessen nach einem Grund verlangt, wendet man sich auf der Suche nach Widerhall nicht nach innen, dem nahen Raume zu, sondern nach außen und findet ihn im Dämonischen, das sich offenbar leichter beleben lässt. Jedenfalls ist der Hang zum Schwarzmagischen, zur Dämonenbeschwörung und zur bedrängenden Zauberei heute eine unverkennbar starke Tendenz, während die Hinwendung zur lebendigen ganzheitlichen Magie eher als unattraktiv, weil machtlos gilt.