Harmonie ist wie Zucker und Salz

Haiga 2022 © Mattias Mala

Wir hatten die Wahl
Und haben sie verworfen
Gehen wir baden.

Mein Haiga zum Jahreswechsel zeigt in zwei sich gegenübergestellten Zweien, ein geöffnetes Herz, ein Gespräch zweier Personen oder eine Kluft. Es ist alles in ihm enthalten. Über die Problematik einer Wahl bloggte ich hier bereits 2013 (siehe Link); also bleibe ich bei dem Bild.

Es zeigt zwei Chimären, die eine rot mit Reißzähnen, die andere blau mit Schlangenzunge. Sie sind einander zugewandt, und in verschränkter, gleichwohl dissonanter Zeit verbunden. Es liegt an der Zahl Zwei, die die Jahreszahl dominiert. Sie gewichtet den symbolischen Kalender. Magische Tage wären demnach der 2., der 20. und der 22. Februar; wobei mir der 22.2.22 am besten gefallen würde. Selbstverständlich ist dieser Tag ebenso magisch wie jeder andere, sofern wir ihm einen Zauber verleihen und ihn hierdurch zauberhaft empfinden. Von der Zahlensymbolik her wäre er ein besonders weiblicher Tag, schließlich steht die Zwei für alles weibliche; dementsprechend werden ihr weibliche Metaphern wie die Erde, die Zwietracht, Tag und Nacht und alles andere Duale und sich rundende wie der Mond zugedacht.

Links zeigt das Bild mit dem roten Kopf einen Mann, denn rot ist der Mars, und mit dem blauen Kopf rechts eine Frau, denn blau ist der Himmel, den Venus schmückt. Zugleich werden beide von der Farbe ihres Gegenparts auf einer Woge getragen. In diesem Sinne vereint das Bild gegensätzliches, was von sich aus noch keine Harmonie bedeutet. Erst wenn Gegensätze zusammenwirken, entsteht Harmonie. Hierfür muss es neben dem Dissens auch Konsens geben. Beide sind für wohltönenden Zweiklang bedeutend. Wer den Dissens hingegen scheut – so wie das „Schneeflöckchen“ heute halten – der erstickt in Einheitssoße. Allein der Gegensatz ermöglicht Lebendigkeit. Das ist so simpel, dass es die Simpel von heute in ihren Blasen und Komfortzonen nicht wahrhaben wollen. Doch was soll’s, sie bleiben so flüchtig wie der Zeitgeist. Darum sollten wir es mit der letzten Zeile des Haiga halten und buchstäblich Badengehen, das entspannt und läutert Leib und Seele.

Kommen Sie gut in das neue Jahr, bleiben Sie gesund und verantwortlich für ihr Glück; beides liegt zuvorderst in Ihren Händen. – Übrigens Zucker und Salz, jede Speise rundet erst ihr Gegensatz: zum Salzigen gehört eine Prise Zucker und zum Süßen eine Spur Salz.

Ein Haiga

Ich bin, was ich bin
Und noch mehr, was ich nicht bin
Wer mag ich nur sein?

Der Text zu diesem Haiga entstand im Zug auf meiner Fahrt zur Traumatherapie. Es umreißt den Zustand meiner Depersonalisation, von der ich Jahrzehnte glaubte, ihr liege ein spiritueller Prozess zugrunde. Doch mit der seit einem Jahrzehnt laufenden psychotherapeutischen Auseinandersetzung mit meiner kPTBS gelangte ich zu der Einsicht, dass meine vermeintliche Erleuchtung schlicht eine Depersonalisation ist. Das ist ein gewaltiger und deswegen erschreckender Schritt zu mir selbst. Ich werde sehen, wie nah ich meinem Selbstverständnis in der bald beginnenden vierten Phase meiner Traumatherapie komme.

Depersonalisation ist kein angenehmer Gemütszustand. Personen, die an dieser psychischen Beeinträchtigung leiden, haben ihr Selbstverständnis verloren. Sie leiden unter Selbstentfremdung. Ihr ich erscheint ihnen als diffus und fremd, auch ihre Mitwelt wirkt fremd auf sie. Obgleich Depersonalisation eine der ersten beschriebenen psychischen Erkrankungen ist, ist sie relativ unbekannt, weswegen sie auch häufig von Psychotherapeuten verkannt und nicht gezielt behandelt wird.

Mehr zum Thema Depersonalisation erfahren Sie hier.