Unterbrechen

Unterbrechung © M. Mala

Wer seinen Weg geht, trifft auf Gabelungen, die eine Entscheidung fordern, in welche Richtung man weiter schreiten möchte. Wobei meist der Gedanke einer besseren Wahl ausmacht, in welche Richtung es geht. Als wenn es immer nur vorwärts, höher und vollkommener ginge? Mit derlei Annahmen setzt man sich nur selbst unter Druck, mit sich selbst in Wettstreit zu treten und sich und sein Leben zu optimieren. Wobei sich hierbei verschiedene Wesenszüge offenbaren, auch wenn es beim Ringen mit sich selbst nur selten unerwartete Entscheidungen gibt; es widerstreiten lediglich in der einen Person verschiedene Persönlichkeitsanteile und Selbstbilder. Eigentlich ein günstiger Augenblick, um sich selbst besser kennenzulernen. Doch dazu müsste man verharren, sich ein wenig Zeit nehmen, um mit sich selbst ins Gespräch zu treten. Ein Geschehen freilich, vor dem viele ein Leben lang davonlaufen; weshalb sie so gerne vom Weg als Ziel sprechen, als wäre, sich selbst zu enteilen, bereits ein Ziel.

Hinzukommt, dass selbst, wenn derlei Selbstbetrachtung glückt, es fraglich ist, ob auch der richtige Betrachter in einem den Blick auf die eigene Konstellation wirft. Schließlich besteht jeder Mensch mit seiner Persönlichkeit aus einem Konglomerat aus Widersprüchen, Unwissenheit, Meinungen und Perspektiven; dazu obendrein noch jede Art an Gusto, Lüsten, Moral und Moralinsaurem, das in seiner Mischung kaum einen vernünftigen, geschweige denn originären Gedanken zulässt. Die Person ist so gepackt und in sich verflochten, dass sie im Grunde keinen klaren Blick auf sich selbst zulässt. Einziger Ausweg aus diesem Dilemma bleibt, zu verharren. Keinen Schritt weiter, keinen zurück und auch nicht sich selbst zum Schiedsrichter seiner selbst erhöhen. Denn diese personale Annahme, mit der man sein halbes Leben gut bestritten hatte, ist die eigene Person, das Selbst und nichts anderes. Wir sind die Scharade unseres Selbst und lassen die Figuren spielen, indem wir uns gar einbilden, sie selbst zu sein. Und verflixt nochmal, es stimmt, wir sind es, das Bündel da an irgendeiner Weggabelung, sind wir selbst, unser Selbst, eine selbstverständliche Scharade.

Erfassen wir das in seiner Gesamtheit als unveränderliche Einheit, verliert sich die Weggabelung und mit ihr auch der Weg; denn durch die Gesamtschau entfällt die Notwendigkeit, sich zu entscheiden. Wir finden uns wieder – allein in einer Lebenslandschaft, die uns ausmacht und in der wir aus jedem Winkel zu erkennen sind, so wie wir uns wiederum in jedem ihrer Winkel selbst erkennen. Wir sind sowohl der Mittelpunkt des Universums als auch dieses unser Universum zugleich. Wir müssen nirgendwo hin, sondern sind da im Hier und Jetzt. Erlauben wir uns diese unverschämte, weil unverstellte Sicht, unterbrechen wir den üblichen Lauf der Dinge. Wir steigen aus dem Fluss, um in ihm zu bleiben. So lassen wir Wandlung zu. Nicht eine ausgedachte oder angenommene, sondern eine, die sich aus sich selbst und ihrem eigenen Impetus, nämlich der unbefangenen Erfassung seiner selbst, geschieht. Es ist eine Bewegung, die uns bewegt, sofern wir sie zulassen … können. Doch lassen Sie sie zu, werden Sie erfassen, dass es nicht Ihre Bewegung ist. Bitte bleiben Sie dabei bescheiden und eignen Sie sie sich nicht an, Sie würden sie andernfalls nur verlieren.

Nun denn, unterbrechen wir hier …

Harmonie ist wie Zucker und Salz

Haiga 2022 © Mattias Mala

Wir hatten die Wahl
Und haben sie verworfen
Gehen wir baden.

Mein Haiga zum Jahreswechsel zeigt in zwei sich gegenübergestellten Zweien, ein geöffnetes Herz, ein Gespräch zweier Personen oder eine Kluft. Es ist alles in ihm enthalten. Über die Problematik einer Wahl bloggte ich hier bereits 2013 (siehe Link); also bleibe ich bei dem Bild.

Es zeigt zwei Chimären, die eine rot mit Reißzähnen, die andere blau mit Schlangenzunge. Sie sind einander zugewandt, und in verschränkter, gleichwohl dissonanter Zeit verbunden. Es liegt an der Zahl Zwei, die die Jahreszahl dominiert. Sie gewichtet den symbolischen Kalender. Magische Tage wären demnach der 2., der 20. und der 22. Februar; wobei mir der 22.2.22 am besten gefallen würde. Selbstverständlich ist dieser Tag ebenso magisch wie jeder andere, sofern wir ihm einen Zauber verleihen und ihn hierdurch zauberhaft empfinden. Von der Zahlensymbolik her wäre er ein besonders weiblicher Tag, schließlich steht die Zwei für alles weibliche; dementsprechend werden ihr weibliche Metaphern wie die Erde, die Zwietracht, Tag und Nacht und alles andere Duale und sich rundende wie der Mond zugedacht.

Links zeigt das Bild mit dem roten Kopf einen Mann, denn rot ist der Mars, und mit dem blauen Kopf rechts eine Frau, denn blau ist der Himmel, den Venus schmückt. Zugleich werden beide von der Farbe ihres Gegenparts auf einer Woge getragen. In diesem Sinne vereint das Bild gegensätzliches, was von sich aus noch keine Harmonie bedeutet. Erst wenn Gegensätze zusammenwirken, entsteht Harmonie. Hierfür muss es neben dem Dissens auch Konsens geben. Beide sind für wohltönenden Zweiklang bedeutend. Wer den Dissens hingegen scheut – so wie das „Schneeflöckchen“ heute halten – der erstickt in Einheitssoße. Allein der Gegensatz ermöglicht Lebendigkeit. Das ist so simpel, dass es die Simpel von heute in ihren Blasen und Komfortzonen nicht wahrhaben wollen. Doch was soll’s, sie bleiben so flüchtig wie der Zeitgeist. Darum sollten wir es mit der letzten Zeile des Haiga halten und buchstäblich Badengehen, das entspannt und läutert Leib und Seele.

Kommen Sie gut in das neue Jahr, bleiben Sie gesund und verantwortlich für ihr Glück; beides liegt zuvorderst in Ihren Händen. – Übrigens Zucker und Salz, jede Speise rundet erst ihr Gegensatz: zum Salzigen gehört eine Prise Zucker und zum Süßen eine Spur Salz.

Ein Geschenkbuch

Ein Geschenkbuch für alle, die die mystisch, spirituelle Versenkung schätzen.

Dieses Buch ist ebenso grundsolide wie außergewöhnlich. Grundsolide, weil dieser Hartband mit Lesebändchen bedacht gesetzt und illustriert ist. Sie verschenken mit ihm ein Gesamtkunstwerk, das Sie zugleich adelt. Das Stundenbuch der Magie ist ein Born magischen Wissens und mystischer Räume. In ihm sind 183 Kontemplationen versammelt, die den Blick auf und in die Welt verrücken. Hier stelle ich Ihnen die erste vor. – Wollen Sie das Buch erwerben klicken Sie bitte auf das Titelbild.

1 Zur Magie der Weile

Losung

Zeitlos ist der Zeit habende. Sich Zeit zu nehmen vermag nur, wer Zeit hat. Zeit haben ist indes ein Luxus, der sich nicht erwerben lässt. Er fällt allein demjenigen zu, der klug zu verzichten weiß. Zeit ist aller Zauber Anfang.

Versenkung

Ich blicke weder zurück zum Anfang noch voraus auf das Ende des Pfades. Ich stehe an meinem Platz und sehe mich um, und in dieser Umschau entdecke ich die Richtung, in die mein nächster Schritt mich führt. Die Bewegung allein ist meine Freude. Sie ist ohne Richtung. Der Schatten dessen, der im Ziel stehen wird, weilt neben mir. Ich spanne meinen Bogen und sende meinen Pfeil in den Himmel. Ich verharre. Mein Pfeil stürzt aus dem Himmel zurück und trifft meinen Schatten. Ich lege den Pfeil in meinen Köcher zurück. Der mit mir weilende Schatten fällt von mir. Ich blicke mich um und setze erneut einen Schritt. Ich werfe keinen Schatten mehr. Die Bewegung fließt. Anfang und Ende sind entrückt. Wieder sende ich einen Pfeil in den Himmel. Er sirrt davon und fällt nicht mehr zurück. Die Bewegung fließt ohne Weile in alle Weile.

Kann ich mein Ziel aus den Augen verlieren, ohne mich darob zu ängstigen?

Stimmung

Handle ich im Augenblick, überwinde ich alle Vorsätze. Das, was ich jetzt tue, ist für sich bereits Erfüllung. Es zielt auf nichts. Darum darf ich meine Hände in den Schoß legen und auf das lauschen, was um mich waltet. Ich sammle mich und bitte um Teilhabe an diesem Walten. Ergreift mich seine Bewegung, bitte ich darum, mich auch ergreifen zu lassen. Ich bitte für diesen Tag und um die kraftvolle Leichtigkeit, auf ihn zu schauen. Möge mich diese ehrliche Bitte Tag um Tag durchs Jahr begleiten.

Zurück in die Stille

Herbstkranz von Ruth Mala

Die Welt ist laut … geworden. – Nein, unsere Welt ist laut geworden. Die Welt selbst ist leise, nicht still. Oder ist sie doch mehr still als leise?

Auch hier kommt es auf den Blickwinkel an. Aus einer spirituellen Sicht ist die Welt immer still. Sozusagen hinter dem Hintergrundrauschen herrscht Stille. Himmlische Stille. Göttliche Stille. Es ist schlicht das Ende aller Wahrnehmung. Hinter dem Wahrnehmungshorizont ist nicht mal nichts. – Mithin kein Grund, um sich weiter Gedanken darüber zu machen.

Bleiben wir also in irdischer Sphäre. Einerseits sehnen sich viele nach der Stille, andererseits fürchten sie sie vielfach auch. Darum entwickeln wir Menschen Konzepte, wie wir zur Ruhe kommen und es still um uns werden könnte. Gleichzeitig tun wir alles, um diesem Moment auszuweichen. Jede Ablenkung ist uns recht, sei es aus unserer Mitte heraus oder von außen. Dabei suchen die meisten Menschen nicht wahre Stille, sondern hegen nur eine faszinierende Idee von ihr. Diese Idee ist so schön, ein solch stimmungsvoller Einfall, dass sie ihn gar mit der Stille verwechseln. Geschwind vermag er die Illusion von wehender Stille bewirken. Gleich einer Gardine bläht sie sich, schwingt durch unser Gemüt und säuselt davon.

Ja, für einen Moment wähnen wir es so still, dass wir gar nicht bemerken, dass es gar nicht still wurde, weder in uns noch um uns. Gleichwohl merken wir, sobald wir den Zauber wieder verlieren, dass wir uns in einer lauten Welt verlieren, die wir bei derlei Gelegenheit gerne als uns fremd betrachten. Sie wirkt dann auf uns disharmonisch, schrill und kakophon. Schon wollen wir sie in solchen Augenblicken korrigieren, ihre schrägen Umstände verschieben, unsere Wahrheit einbringen, um so vom Umstand her das Inständige zu heilen. Freilich, gäben wir diesem Drängen nach, würden wir unsere Illusion nur um eine weitere verschleiern.

Darum: Es ist nicht still. Das ist der Fakt, dem wir ausweichen, weil unsere Illusion von Stille uns eine angenehmere Weile verspricht. Erkennen wir das, können wir unser Desaster annehmen, oder es wehrhaft verwischen – so wie wir es bislang taten. Nehmen wir es jedoch an, vermag es inmitten der kakophonen Wirklichkeit still zu werden. Denn die wahre Stille ist stets um und in uns. Wir können sie einladen, sobald wir den Mut haben, zu erkennen, dass wir es nicht können. In diesem Moment erhellter Vergeblichkeit, vermögen wir gelegentlich für eine Weile aufzugeben und alles Streben leise lassen und leiser Teil der Stille zu sein; geschieht es, sind wir für den Moment begnadet.

Derealisation

Nun sind unser zwey © M. Mala

Derealisation ist, wenn die Wirklichkeit sich selbst entrückt und zwischen Welt und Weltwahrnehmung ein Abstand entsteht. Das ist das an sich normale in der Welt. Wo immer ein bewusstes Wesen in die Welt blickt, gibt es mit ihm einen Beobachter, der seine Welt wahrnimmt, in ihr agiert und mit ihr interagiert. Die Katze sieht die Maus, fängt sie, oder bleibt sitzen, weil sie satt ist. Die Distanz zwischen Welt und Wahrnehmung bedingt eine subjektive Welt. Hierzu muss das Geschöpf, das in die Welt blickt sich nicht zwingend selbst bewusst sein. Hier wirkt eine selbstverständliche Derealisation.

Dagegen gibt es eine morbide Form der Derealisation, die als Persönlichkeitsstörung eingestuft wird. Personen, die an dieser Störung leiden, erleben die Wirklichkeit als unwirklich. Sie wähnen sich als Teil einer Matrix in einer Mitwelt, mit der sie sich nicht verbunden fühlen; so als würden sie im falschen Film sein. Doch gestern, als ich in der Therme von Bad Endorf weilte, blickte ich auf meine Mitwelt und erkannte einmal mehr, wir sind nicht im falschen Film, sondern wir leben ihn. Hierbei ist unsere Selbstbewusstheit kein Merkmal, das uns über die Tierwelt hebt. Vielmehr sind Primaten wir geblieben, und unser Menschsein ist nur eine dünne Tünche, die unsere Animalität kaschiert. Stattdessen entrückt uns unsere Selbstbewusstheit noch mehr der Natur und somit der Wirklichkeit. Die „gesunde“ Derealisation verstärkt sich.

Das Animalische, das ich in der Therme wahrnahm und das mich denken ließ: Ja, wir sind Affen geblieben!, war nichts ungewöhnliches; es war nur die Beobachtung des ganz normalen Miteinander und Fürsichsein um mich herum, die mich die anderen Badegäste als entrückt von unserem Menschsein anmuten ließ. Zugleich sah ich ungeteilt – ohne wertenden Beobachter in mir – wie wir Menschen zugleich eine Idee von uns leben, die uns weitaus wirklicher scheint als unsere eigentliche Natur. Im Grunde ist der moderne Mensch und insbesondere der „digitale“ massiv derealisiert. Er befindet sich in einer digitalen Blase, die sein Leben beherrscht und regelt. Das was wir am Bildschirm sehen tangiert uns mehr, als das was wir mit der Natur vor unseren Sinnen haben. Mehr noch, dass Abbild der Welt am Bildschirm können wir eher erfassen, als den Blick in die reale Welt. Es vermag uns leichter zu fesseln, als eine imposante Natur.

Folglich sind es weitaus mehr die Ideen von der Welt, die unser Verhalten lenken als unsere wahren Bedürfnisse; schließlich filtern und verfärben die Ideen, oder besser gesagt die großen und kleinen Ideologien des Alltags unsere Wahrnehmung. Nicht das, was wir sehen, lenkt uns, sondern das, was andere denken, und von dem wir annehmen, dass wir es aus eigener Erkenntnis dächten. Womit wir noch eine weitere irreale Ebene einziehen, von der aus wir unsere Wahrnehmung konstruieren. In dieser Weise setzt sich die Weltentfremdung fort, bis die reale Welt als ein Konstrukt verstanden wird, das nur eine mögliche Alternative zu den vielen anderen Konstrukten ist. Wir können nicht mehr sehen, was ist, sondern sehen, was uns in der beliebigen Auswahl gerade dünkt. Womit das Narrenhäusl komplett ist. Wir feiern das Richtfest des Irrsinns; weswegen ich schließe: Wohl dem, der nur an einer morbiden Derealisation leidet und nicht an die anscheinende Realität unserer Realität glaubt.

Nein, einen Schlusspunkt mag ich hier noch nicht setzen; denn das Leiden an einer Derealisation ist ein seelischer Schmerz und somit eine konkrete Wirklichkeit. Nur das gebotene Therapieziel wäre die Rückkehr zum allgemeinen Wahnsinn. Darum meine Empfehlung: Tun Sie sich das nicht an, lassen Sie sich nicht weiter von der realen Beliebigkeit verdummen. Setzen Sie sich an den Rand des Schwimmbeckens und blicken sie über das Tal zur Bergkette auf der anderen Seite der Therme. Bleiben Sie dabei gleichwohl achtsam, denn der Wahnsinn kann schneller zur allgemeingültigen Wirklichkeit werden als Sie denken. Hitler brauchte nur wenige Wochen, um die Wirklichkeit von 60 Millionen Menschen im Land auf den Kopf zu stellen. Bewahren Sie sich also einen Fluchtweg. Sie werden gewiss nicht in „die“ Realität flüchten können, doch sie werden sich dem Wahnsinn entziehen, und wenn es nur der Weg in die innere Emigration ist … und aus dieser grüße ich Sie hiermit herzlich.

Ziele erzielen

Ziele © M. Mala

Was ist ein Ziel? Mit dieser Frage begann ich zunächst diese Betrachtung, fand  eine Reihe an Punkten, die sich zudem hübsch widersprachen, was an sich schon mal gut in dieses Blog passt, doch letztlich war dieser Ansatz nicht zielführend, sondern verknotete sich nur zum Knäuel, weswegen ich ihn strich, anders begann, nur um mir letztlich wieder dieselbe Frage zu stellen.

Dieser Satz hat 300 Zeichen, doch das war nicht mein Ziel, er entstand. Wäre ich Gott, würde ich notwendigerweise eine Welt schöpfen wollen und dabei nicht zielgerichtet vorgehen. Denn kraft meiner Göttlichkeit könnte meine Welt nur perfekt sein. Obgleich, ich müsste dazu gar nicht Gott sein; schließlich schöpfte ich schon einmal 1977 in einem magischen Ritual eine Welt. Damals war ich voll bekifft und seitdem expandiert irgendwo neben zig anderen Universen Malas Universum. Denn mein Ritual war perfekt. War ich zwar als Schöpfer ziemlich stoned, jedenfalls mittelbar, doch seitdem gibt es ein perfekt stonedes Universum, schließlich bin ich ebenbildlicher Eingeborener einer göttlichen Welt, und somit nicht einmal mittelbar, sondern unmittelbar selbst göttlicher Natur.

Und da ich gottgleich bin, bin ich stets vollkommen und folglich omnia in omnibus, was heißt zu jeder Zeit am Ziel und das in alle Ewigkeit, was letztlich wiederum ein göttliches Paradoxon ist, denn Ewigkeit ist zeitlos und somit zu keiner Zeit. Also präzisiere ich, ich bin jederzeit zu keiner Zeit am Ziel, folglich nirgendwo, jedoch zwingend irgendwo.

Das klingt bekifft? Nein, ist es nicht! Ich lebe inzwischen seit 42 Jahren drogenfrei. Ich mag naturstoned sein, doch selbst wenn, wäre dies wiederum nur eine Eigenart meiner Gottesebenbildlichkeit. Wozu also dieser Althippiequatsch? Nun, das ist bereits die dritte Frage, womit ich achtlos meine drei Fragen an die Fee verplemperte. Da ich freilich meistens hinhöre, was der große Zampano, der unbewegte Beweger, so vor sich hingrummelt, weiß ich: „Ick bün all hier“ und somit des Hasen Tod.

Warum erzähle ich Ihnen das? Nun, weil mich heute eine Freundin nach dem Weilen der Seele in der Transzendenz fragte. Und da ich davon, gerade weilend in der Immanenz, keine Ahnung hatte, besann ich mich auf die Transzendenz und sah, ich bin ein Teil, doch kein Teil,  weil kein Ich, sondern Bewegung des Unbewegten und somit Sein im Sein und stets all hier.

Fazit: Wir sind am Ziel. Zu jeder Zeit und immerdar. Erfassen Sie das, wandelt sich für Sie die Bedeutung Ihrer Ziele, sie verflüssigen sich, denn Sie steigen in den Fluss und werden selbst zum Fluss. Fröhliches Fließen im sich neigenden Mittsommer …

Geist ist Dada

Dada lux © Mala

Er ist ein kluger Mensch und versteht über Gott und die Welt zu parlieren. Nein, eigentlich, sagt er, verstünde er nur über die Welt zu parlieren, von dem anderen verstünde er nichts, sondern fabuliere nur. Wie auch, wie könne man über etwas reden, das man weder schauen noch überschauen kann.

Aber gerade diese Zurückhaltung mache seine Glaubwürdigkeit aus. Man habe den Eindruck, dass er, auch wenn er es verneine, doch tiefer und weiter sähe als andere.

Er lächelte, bedauernd aber irgendwie auch wissend, und sah in den Raum, als sähe er bis zum Horizont. Nein, meinte er, der Eindruck, den wir gewönnen, sei eine Selbsttäuschung. Es sei nur unser eigener Blick, den wir nicht wagten und deshalb auf ihn projizierten. Wir würden diesen eigenen Blick nur deshalb nicht wagen, weil wir, mit jeder Bewegung auch die Perspektive wechselten und somit Weite und Tiefe neu justieren müssten. Also blickten wir weg und suchten in anderen, im äußeren die Konstante, die wir in uns selbst vermissten. Doch die gäbe es dort auch nicht; wie wir längst durch eigene Erfahrung wüssten. Wir wandeln uns, die Welt wandelt sich, alles fließt und bleibt im Fluss.

Der Geist ist ebenso keine Konstante, die wie bei einem Altarbild als Täuberl vom Himmel strahlt, sondern der Geist ist die Wahrnehmung und die wandelt sich mit jedem Atemzug und mit jedem Schritt; und selbst die Wahrnehmung an sich ist nicht konstant, sondern gewinnt Weite und Tiefe solange man lernt. Lernen verändert uns und unsere Wahrheit. Wir werden allerdings hierdurch nicht wahrer, vollendeter, sondern nur anders und bestenfalls differenzierter. Ja, panta rhei … Eine jahrtausendealte Weisheit, die auch bei Nachdenklichen vor Heraklit ein Lichtlein aufleuchten ließ.

Ich atme. Atme die Luft. Atme meinen Nächsten. Atme die ganze Welt. Die Welt atmet mich. Alles ist Atem. Einatmen, ausatmen … Der Geist ist Atem. Atem ist Leben. Alles ist Leben. Stets.

Also ist der Geist so beständig, wie unbeständig, im steten Wandel. Verharrt er, verliert er sich. So wird er sich selbst zum Pfad, zum Fluss, der sich schlängelt und sich dabei immer wieder selbst erkundet. Auch wenn er seit Ewigkeiten dasselbe Bett durchströmt, ist er nie derselbe. Man kann nicht zweimal im selben Fluss baden, sagt eine andere ewige Weisheit. Erkunde ich sie, und nehme sie nicht als ein Wissen an, muss ich sie immer wieder neu erkunden, und erlebe sie somit immer wieder erneut als neu. Doch nie ist das Neue sich jemals gleich, andernfalls wäre es nicht neu, sondern bekannt.

Diese Form der steten Verneinung, um etwas zu bejahen, ist die Essenz des Geistes, und diese Art der Weltbetrachtung ist Dadaismus, der inmitten der Weltenkatastrophe des Ersten Weltkrieges entstand, indem man den kreativen Geist entfesselte. Er ist entwichen, so wie er schon immer entwichen ist, ein paar Künstler haben es bemerkt, das Publikum hat ihn nicht verstanden, sondern ihm Museen gebaut. – So ist es.

Vor 2000 Jahren im Tempel zu Jerusalem war das nicht anders. Für einen Moment war der Geist entfesselt und einige Hundert verstanden ihn, dann aber wurde er wieder eingefangen und durch Theologie in den Kirchen gefesselt. Für Augenblicke blitzt er immer wieder auf, doch er ist zu flüchtig, als dass er einem bleibt …

Ein Papst ist tot

Als Papst Pius XII. im Sterben lag, war ich ein Kind. Meine Eltern besuchten einen Freund, einen Journalisten. Es war ein sonniger Herbsttag und man wollte einen Ausflug machen. Der Bekannte hatte keine Zeit, er saß am Radio, rauchte und trank Likör und lauschte im abgedunkelten Zimmer den Nachrichten. Er wartete auf den Tod des Papstes. Mir graute bei diesem Gedanken. Und doch fand ich ihn mutig, wie er da hinter herabgelassenen Rollos dem Tod im fernen Rom auf der Schliche war. Durch diese Begebenheit erst erfuhr ich, daß auch ein Papst sterblich war und daß sein naher Tod ein Ereignis war, das die Menschen bekümmerte.

Noch ehe die Glocken die Botschaft in die laue Märznacht trugen, noch bevor Laufbänder auf dem Bildschirm die Nachricht verkündeten, erfuhr ich dieses Mal vom Tod des Papstes übers Internet. Erst später ging ich auf den Balkon und hörte die dunkle Glocke vom Dom her schlagen, dazwischen das hellere Geläut der nahen Pfarrkirche. Im Hintergrund durch die geöffnete Balkontüre das Geschwätz aus dem Fernseher: „Was empfanden Sie, als Sie die Botschaft vom Tod des Heiligen Vaters …“. Die Glocken verhallten. Wir beschlossen zum Dom zu gehen.

Auf der Straße war das Samstagsnachtfieber ungebrochen. Die laue Nacht lockte die Leute ins Viertel. Endlich, nach langem Winter konnte man sich ohne Anorak zeigen. Und man zeigte sich. Schwul, lesbisch, hetero, das Leben pulsierte. Man zog von einer Kneipe in die nächste, gierig auf Augen und Augenweide, gierig danach, erkannt zu werden, gierig nach Erleben. Der Tod des Papstes war Anknüpfungspunkt, leichter als sonst kam man ins Gespräch, das Morbide und die Lust waren sich ungewohnt nahe, der Duft, die Geräusche, die Bewegungen dichter und vergeilter als sonst. Man redete laut, gickerte grell, als wollte man das Brummen der Autos, die dicht an dicht nach Parkplätzen durch die Gassen rollten übertönen.

Nahe dem Dom die Tür zur neu eröffneten Diskothek. Tage zuvor warb man im Boulevard damit, daß in diesen Räumen einst Mike Jagger schon abgetanzt habe. Doch das war eine Straßenecke weiter. Dennoch pilgerten die Leute dorthin, herausgeputzt, in verboten engen Jeans, tiefen Decolletes, offenen Hemden, glitzernden Tennisschuhen, allesamt mit der passiv-aggressiven Spannung von Bittstellern. Nahe der Tür drückten sie das Kinn nach oben, blähten den Brustkorb, um die Auswahl vorm Türsteher zu überstehen. Tür auf, Tür zu, schnell war man drin, die Nacht war noch jung. Ein paar Burschen, die sich unsicher waren, ob sie die Gesichtskontrolle passieren würden, lungerten im Hauseingang daneben herum. Taxis rollten vor, Schlag auf, Tür auf, rein, Tür zu. Dann ein Paar, sichtlich aus der Vorstadt, trat in den Scheinwerferkegel vor die Pforte. Sie blieb ihm verschlossen. Abgewiesen waren sie ein Niemand, das schnell im Schatten der Straße verschwand. Es war beinahe unheimlich still vor der Tür zur Diskothek.

Kurz darauf traten wir in den Dom. Es war Mitternacht und er war gefüllt bis auf den letzten Platz. Die Orgel klang aus. Die Messe für den verstorbenen Papst war gerade zu Ende gegangen. Rasch leerte sich die Kirche. Dagegen drängten die, die später gekommen waren, nach vorne zum Altar. Dort, nahe dem auf einer Staffelei aufgestellten Bild des heiligen Vaters, knieten sie nieder, beteten innig. Manchen sah man an, daß sie geweint hatten. Es waren überwiegend junge Menschen. Ihnen war nicht nach Party. Auf dem Bild des Papstes stand in frühlingshaftem Gelb „totus tuus“, ganz Dein. Er winkte ein letztes Mal. Das milde Licht im Dom, dazu die raumhohen nachtschwarzen Fensterflächen machten den Altarraum heimelig, ließ uns länger verweilen.

Vor dem Dom sang man geistliche Lieder. Wir zündeten eine Kerze an. Blieben noch eine Weile vor dem Lichterpult stehen. Als wir hinausgingen, sang der Chor ein letztes Lied. Es war eine Jugendgruppe. Sie hatten Gitarren dabei. Dann verklang das Lied. Von der Fußgängerzone herüber hörte man das Gegröle von Betrunkenen. Als wir am nahen Jagdmuseum vorbeigingen turnten beschwipste japanische Touristen auf der bronzenen Wildsau herum.

Drei Wochen später wurde dann der einstige Kardinal der Diözese zum Papst gewählt. „Wir sind Papst“, titelte darauf die Bildzeitung. – Die Party geht weiter.

Fuji

Erstarrte Woge
Von Himmel und Schnee bekrönt
Tosende Stille.

Ohrenbetäubende, brüllende oder hier in meinem Haiku „tosende Stille“ ist eine Metapher für verschiedene Momente, wie man Stille erleben kann. Insbesondere aus spiritueller Sicht wird Stille als ein außerordentlicher Zustand der Erweckung glorifiziert. Nun, ich schließe mich dem selbstverständlich nicht an; denn ich halte gerade diese Art der spirituellen Disziplinierung für Geschwätz – für geschwätzige Stille. Sie stellt eine eigene Form spirituellen Masochismus dar, in die man sich versetzt, um besonders zu werden: Ein Erwachter, Erleuchteter oder einfach nur „woke“ oder genauer gesagt eitel und anderen überlegen. Da ist nichts still, weder außen noch innen.

Stille ist nicht Geräuschlosigkeit, auch auf dem Fuji herrscht keine Stille; nicht mal zur Mitternacht, wenn keine Touristen um den Kraterrand grabbeln. Stille ist ein Raum, in dem man sich findet, um sich zu verlieren und als ein anderer wiederzufinden. Stille ist Einkehr. Hierbei kann eine ruhige Umgebung hilfreich sein; muss es aber nicht. Manchmal ist es auch mitten in der Stadt still. Nicht die Stadt wird dann still, sondern das eigene Gemüt. Mitten im Trubel öffnet sich der Raum innerer Stille. Man wird mit sich allein, ist eingekehrt und verharrt in Ruhe. Schon öffnet sich ein weiter stiller Raum und wir empfinden Transzendenz, ohne sie uns vorzustellen. Derlei Stille steht nicht still; sie wogt und weht. Sie ist Bewegung. Sie kann heilig sein, sofern uns dabei die Ewigkeit berührt.

Am verdorbenen Magen wächst der Gourmet

Schräge Welt© Matthias Mala

Esoterik ist eine schräge Welt. Bei meiner Nachdenklichkeit über das Gehabe und die Gemeinsamkeit der Beteiligten in esoterischen Zirkeln stieß ich über den gesamten Irrwitz hinweg letztlich in Sphären, die tatsächlich Transzendenz und somit mystisches Erleben zuließen. Es war gewissermaßen der Weg der Verneinung, den mir diese Einsichten vermittelten. Es ist auch der Weg, den ich Ihnen mit diesem Buch weisen möchte. Nicht das, was sein könnte, was sein sollte, ist von Bedeutung, sondern das, was ist. Die Wirklichkeit des Falschen als falsch zu erkennen, ist der Schritt, der Sie in die Unwirklichkeit des Richtigen führt. Dies ist nicht nur ein Wortspiel, sondern die Realität jeder Wahrheit; nämlich die, dass Wahrheit absolut und somit zu unseren alltäglichen Dimensionen ohne Bezug ist, weil das Zeitlose nicht im Zeitlichen enthalten sein kann. Demzufolge möchte ich Sie zu einer kleinen Kontemplation über den alltäglichen esoterischen Wahn einladen, bei der Ihnen womöglich ein ähnliches Licht aufgeht, wie mir einst mit dem Kupferdrahtbieger. Jedenfalls sah ich in dem, was jener war, was er wollte und was er bewirkte ‑ ich meine seinen spirituellen Anspruch ‑ eine solch verheerende Divergenz zum Tatsächlichen, dass ich neben dem magischen Raum auch die Dimension des Mitleids erahnte, die als Konsequenz meiner Betrachtung aufschien.

Es war die Hybris des Drahtbiegers, mit der er jegliche physikalische Gesetzmäßigkeit ignorierte[1], die mich abstieß. Ebenso widerstrebte mir seine bornierte Besessenheit, mit der er seine Spiritualität behauptete und jedem Zweifelnden dessen seelische Entwicklung abstritt. Gleichzeitig war es gerade diese dunkle Ignoranz, die mich festhielt und nicht schulterzuckend von dannen ziehen ließ. Vielleicht war es auch jugendlicher Weltverbesserungsdrang, der mich anfangs reizte, dieses verdunkelte Hirn, diese in ihren Vorurteilen verstellte Seele zu kurieren und zu erhellen. Gleichzeitig erkannte ich in dem Bestreben, mich mit ihm zu streiten, dass ich ihm damit nur ähnlicher würde und entdeckte das Prinzip der Selbsterhellung in Gegenwart der Dunkelheit: nämlich die Demut, zuzulassen, die Dummheit der anderen in sich selbst zu bemerken. Sage hier niemand: Nein, mir kann das nicht geschehen, so tief werde ich nie sinken! Schade, mag ich da nur erwidern, wenn der eigene Tiefgang zur wahren Spiritualität noch nicht genügte; denn der schlimmste Zustand ist wohl der, in unreflektierter Dekadenz im Mittelmaß zu verharren. Jedenfalls hatte ich im Gleiten über dem Anstößigen nicht den Ausgang des Hochmutes gewählt, jenes Abgleiten in eine stoßfreie Sphäre selbstgewisser Selbstzufriedenheit, sondern zog die Turbulenzen vor, um über Selbsterschütterung zur Selbstklärung und Selbsterkenntnis zu gelangen.

Ähnlich verhielt ich mich in vielen Lebensbereichen, indem ich die fehlende Schönheit im Schlechten erkannte. Die Abwesenheit des Schönen machte mir die Schönheit in einer transzendenten Weise sichtbar. Das Schöne, obwohl nicht anwesend, erhielt Gestalt durch die Verneinung des Schlechten. Das Schöne war nicht das, was ist und auch nicht das, was nicht ist. Es war ebensowenig ein Das-was-sein-Sollte. Die Schönheit war der Glanz ihrer Abwesenheit. Der Zauber eines Raumes, der der gegenwärtigen Schlechtigkeit entgegenstand, ohne ihr Gegensatz zu sein. Er war ihr gegenüber vielmehr jenseitig und somit nicht von ihrer Welt. Es war gleichzeitig die Entdeckung einer höheren Dimension und ein Hauch von Spiritualität. Dieserart kleine Erhellungen waren und sind für mich im übrigen der einzige schematische Weg, über den man sich dem Spirituellen nähern kann. Indem ich mich mit dem Ungenügenden befasse, entdecke ich das Vollendete, allein indem ich merke: Das, was ich erkenne, ist es nicht. Das, was unerkannt ist, ist es.

 

Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch „Irrwege zur Spiritualität – Den Traum der Erleuchtung lösen“; Kapitel „Transzendentale Schwadronage“.

[1] Sämtliche parawissenschaftliche Strahlungsabweiser und Neutralisatoren würden ihren Erfindern den Physiknobelpreis einbringen, könnten sie die Funktion ihrer Geräte mit naturwissenschaftlichen Kriterien beweisen.

Rollentausch

Rollentausch @ Matthias Mala

Oh ja, ihm geht’s gut. Nein, der ganze Wahnsinn interessiere ihn nicht. Er habe ordentlich zu tun … Wieder mal ein Mann, der sich über seine Arbeit definiert, obgleich er gar keine mehr hat. Ja, es gibt ebenso jene Frauen, die sich regelmäßig mit ihren Freundinnen im Caféhaus treffen und dort trällern, wie prima es bei ihnen daheim läuft, obgleich ihre Familien auseinanderfallen und sie nur noch mit pharmazeutischer Seelenschminke über die Runden kommen.

Oh ja, die Welt ist eine Bühne und viele von uns spielen ihre Rolle bis ins Grab. Wobei ein jeder Mensch seine eigene kleine Theatergruppe ist, die durchs Leben tingelt. An jeder Ecke, auf jedem Stuhl ist er eine Variante seiner selbst; nur wo ist er echt? Wer weiß es? Ich denke, die wenigsten wissen es. Ja, die meisten haben noch nie darüber nachgedacht, dass sie Selbstdarsteller sind, ohne zu wissen, wer dieses Selbst ist. Gerade deswegen wirken sie auch für sich selbst und somit erst recht nach außen authentisch.

Andere wieder sind in religiöse oder esoterische Zusammenhänge eingebunden, in denen es das höchste Ziel ist, keine Rolle mehr zu spielen, sondern eine entpersonalisierte Person, eine vom Ego entkernte Seele zu sein. Was immer das auch sein soll, sie nennen es Erleuchtung, Samadhi, Moksha, Satori, Kenshō oder Bodhi. Eine Menge Bezeichnungen für einen Zustand, in dem man selbst für sich selbst keine Rolle mehr spielt … oder besser gesagt spielen sollte. Denn eigentlich ist Erleuchtung nur die Krönung des Narzissmus. Die erleuchtete Person hat sich derart zentriert, dass sie zum Nabel Gottes geworden ist. – Ein recht infantiler Zustand …

Gesünder ist es, hin und wieder die Rollen zu wechseln. So kann man sich aus verschiedenen Perspektiven erleben und bei guter Reflexion die Selbstdarstellung derart optimieren, dass man zum Prätendenten für jedermann wird. Ja, man wird zum Star im Quartier, im Dorf, der Stadt, im Land oder gar weltweit. Nur legt man damit seine Rolle nicht mehr selbst fest, sondern bekommt sie von seinem Publikum zugewiesen. Will man sie wechseln, hat man die Wahl zwischen Pension, Verbannung oder Häme. Man kann sich dann – einmal geprägt – niemals mehr enteilen.

Bemerkenswert an diesem Spiel ist, egal wie wir es spielen, wir leben meistens die Figur, die andere in uns sehen. Es ist offensichtlich problemloser, dem Bild der anderen als dem eigenen zu entsprechen; weswegen wir fast wie selbstverständlich so leben, wie wir meinen, dass die anderen uns sehen. Nur manchmal ereilt uns die Enttäuschung, sobald diese Blase platzt und wir erkennen müssen, dass man uns ganz anders erlebte, als wir meinten, dass es geschähe. Was lernen wir daraus? Für gewöhnlich nur, dass wir die erwünschte Rolle proben und präsentieren; andernfalls müssten wir uns von uns selbst ein wahres Bild machen. Doch da das nicht geht, denn dann müsste etwas konkretes in uns selbst wirken … Wäre etwas konkret, wäre es unveränderlich; wäre es unveränderlich, wäre es inexistent, denn die Eigenschaft jeder Existenz ist ihre Veränderung.

Oh ja, wir müssten Gott sein, könnten wir die ultimative Rolle unserer Selbst spielen. Da diese Rolle aber göttlicherseits für niemanden vorgesehen ist, bleibt uns nur, uns immer wieder neu zu schöpfen, in neue Rollen zu schlüpfen, alte abzulegen und hierdurch lebendig zu bleiben. Darum, fürchten wir uns nicht vor den Rollen, die uns zugewiesen werden, sondern vor unserem inneren Hang, sie zu bewahren, um in ihnen zu verkrusten. Es wäre der Tod im Leben! Blicken wir hingegen in den Spiegel des Lebens, erkennen wir uns als der, der wir sind, indem wir uns sagen: Das bist du nicht! – Das bist du nur vorübergehend.

Also gehen wir weiter …

Coronales

Janus © Matthias Mala

Dieser Tage, da die Seuche rund um den Globus zieht und wir zueinander auf Distanz gehen und gleichzeitig Nähe suchen … Was soll man sagen, wo wir gerade alles wieder und wieder auskehren, was wir an guten wie schlechten Eigenschaften besitzen: Nachbarschaftsgeist, Raffgier, Nächstenliebe und Selbstsucht, dazu noch Dankbarkeit und Feindseligkeit. In der Not entblößen sich die Charaktere bis auf ihren ebenso hässlichen wie schönen Kern. Da erwacht Janus in uns wieder, der doppelgesichtige römische Gott. Allerdings war es Janus Eigenschaft, sowohl Anfang als auch das Ende oder die beiden Seiten einer Medaille zu sehen, anstatt die Menschen anzuhalten, auf ihren eigenen zwiespältigen Charakter zu blicken. Diese Übung bleibt auch heute überwiegend der Seelenheilkunde vorbehalten, die dabei aber auch meist versagt, indem sie das Böse als Folge frühkindlicher Störungen betrachtet und es somit als eingefleischte Unreife entschuldigt. So kommt es, dass heute wie damals die Figur des Massenmörders faszinierender ist, als diejenige seiner Opfer. Dabei wäre es so einfach, würde man ein Charakterschwein als Charakterschwein bezeichnen und nicht als Opfer des Klammerbeutels, mit dem es als Säugling gepudert wurde.

Einfach …? Ja, einfach! Einschichtig, ein Fach, eine Lade, in ihr liegt die sichtbare Tat, das Böse und nicht sein Gegenteil. Diese Münze besitzt keine zweite Seite. Sie ist einseitig, und diese Einseitigkeit ist bei der Betrachtung der Täter entscheidend, um ihren Opfern gerecht zu werden. Niemand käme auf die Idee einem Philanthropen beim Lob seiner Wohltaten im gleichen Atemzug seine Schändlichkeiten vorzuhalten. Bei Tätern neigen wir hingegen beinahe zwanghaft dazu, ihnen auch gute Züge nachzusagen, als ob wir so ihre Schlechtigkeit eingrenzen könnten. Damit aber missachten wir ihre Opfer, die nichts gutes durch sie erfuhren, und werden letztlich somit niemanden gerecht. Dabei sollten wir allein die Tat und ihre Folgen wiegen, nur so würden wir dem eigentlichen Ereignis gerecht. – Warum aber vermeiden wir das?

Weil letztlich all unsere Handlungen in unseren Absichten begründet sind. So geben sich manche betont weltoffen, um ihren eigene Kleinkariertheit zu kaschieren. Andere geben sich feindselig, um die gleiche Erbärmlichkeit vor sich zu vertuschen. Wobei uns die eigene Absicht häufig selbst verborgen bleibt, weil allein das vorgetragene Motiv uns ziert, während der tiefere Blick uns als selbstsüchtig, schwach und berechnend bloßstellen könnte. So zeigen wir Milde, gegenüber der bösen Tat, weil wir uns selbst korrumpieren. Schließlich sind wir Täter wie Opfer in einem. Wir sind die Janusköpfigen, die hinter ihrer honorigen Fassade die Bestie verbergen. So haben wir Deutsche zwar nach den Massenmorden, die wir allein begingen und nicht – wie eine gängige Floskel vorgaukelt – in unserem Namen begangen worden waren, die Verjährungsfrist für Mord nachträglich aufgehoben. Wenige Jahre darauf aber ermöglichte ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes, dass die lebenslängliche Strafe hierfür faktisch auf 15 Jahre Gefängnis reduziert wurde. Damit entschuldeten sich die Kinder der Massenmörder gewissermaßen selbst.

Um unserer eigenen Schlechtigkeit willen, stifteten wir das Gute, um zu heilen, was das Böse in uns anrichtete. Doch in Wahrheit beförderten wir nur Bitternis und Scheinheiligkeit. So wurden Täter zu Gerechten und Opfer zu Vergessenen, denen man sich zu Stichtagen pflichtschuldigst erinnerte. 2002 fand sich die Bundesrepublik großzügig bereit, einstigen Zwangsarbeitern im Ghetto Rentenleistungen in Aussicht zu stellen. 2014 waren 90% der Anträge der Zwangsarbeiter abgelehnt worden, da zum einen Rentenanwartschaften nur durch freiwillige Arbeit entstehen konnten, und zum anderen Kinder unter 14 Jahren gar nicht arbeiten durften und somit ebenfalls keine Rentenansprüche erwerben konnten (Quelle).

In diesen Tagen, wo wirkliche Not und scheinbarer Anspruch miteinander wetteifern, werden überspannte Seelen auf Flitzebogen gesehnt, um böse Pfeile abzusenden … Es wird gelogen, weil Absichten getarnt, und manch einer kocht sein eigenes Süppchen wie immer, wenn eine Krise neue Chancen bietet, die man noch nicht überblickt. Dann kommt auch Janus wieder ins Spiel, denn man versucht, aus dem Schatten ins Licht zu linsen und seine künftigen Pfründe zu fundieren. Oder anders gesagt, man erfindet des Rad wieder neu, auf das man seine Widersacher spannt, um ihnen die Knochen zu brechen, und schaut dazu ganz unbedarft aus der Wäsche. Womit selbst im Umbruch der Krise alles beim alten bleibt. Und wir Deutschen haben darin nun wirklich gründliche Erfahrung.

Vor der Krise ist in der Krise. In der Krise ist nach der Krise, und nach der Krise ist vor der Krise. Wer zu spät Toilettenpapier bunkerte, musste sich seinen Hintern wie zu Napoleons Zeiten am Brunnen waschen. Offensichtlich bleiben wir im Kern dieselben, egal wie sich die Zeiten ändern. Darum sollten wir auch unsere Hoffnungen auf eine bessere Welt aufgeben. Jedenfalls dürfen wir uns glücklich schätzen, dass wir seit 1945 bis heute so glimpflich über die Runden kamen. Betrachten wir zudem den mythischen Januskopf genauer, erkennen wir, dass er von beiden Seiten gleich auszieht. Beide Seiten seiner Medaille gleichen sich. Die Zeiten ändern sich, so wie sie sich grundsätzlich wiederholen.

Was sich gewiss ändert ist, dass wir dieselben Fehler nicht wiederholen können, dafür aber die gleichen, und die Variationen des gleichen sind, blicken wir nur in die Geschichte, unendlich. Andernfalls würden solche Bilder wie das des doppelköpfigen Janus über die Zeit unverständlich. Es waren übrigens die Römer, die ihn schöpften. Bei den alten Griechen gab es noch keine Idee für ihn. Angesichts dieses mythologischen Fortschrittes in der Antike bin ich selbst närrisch genug, zu glauben, dass über die Zeit Vernunft und Mitempfinden in den Menschen zunehmen; obgleich die nackten Zahlen im großen und ganzen dagegen sprechen. Doch im kleinen Hier und Jetzt hat sich die Welt weit mehr zum guten verändert. Das schließt atavistische Ausbrüche nicht aus, wie wir sie jetzt und danach immer wieder erleben werden. – Bleiben wir gesund und werden wir vernünftig …