Ein Mensch verschwindet

Auflösung © Matthias Mala

Wieder einmal kann ich beobachten, wie ein Mensch allmählich bei lebendigem Leib verschwindet. Es ist eine ältere Frau, die zunehmend dement wird. Sie war ihrer Lebtag eine zwiespältige Person. Sie hielt sich für herzensgut, war es aber nur selten. Völlig niederträchtig war sie aber auch nie. Manchmal schon, aber nicht ausnahmslos. Sie war schlicht eine Narzisstin, die ihre Mitwelt in ihrem Sinne kontrollieren und beherrschen wollte. Sie war das stabile Zentrum ihrer Welt, um das alle anderen Menschen zu kreisen hatten. Wer sich diesem Planetengetriebe widersetzte, der war wenig gelitten und wurde immer wieder attackiert, und wenn es ging, auch bloßgestellt.

Nun aber verwischt sich all das, es ist noch da, wird von ihr auch immer wieder aufgezogen; indes es ist im Prinzip nur Schmierentheater eines eingefleischten Klischees, um sich selbst für seine Mitwelt darzustellen. Sie wurde zum Abklatsch ihrer selbst, nur noch bemüht, wie einst zu triggern, auf das sich andere so verhalten, wie es ihrem Bild von ihnen entspricht – Schmiere eben -. Man ärgert sich über die gleichen alten Bosheiten von ihr und hört die immergleichen Vorurteile, nur die Person, die sie einst ausstieß, zischte oder mit verächtlichem Lachen begleitete, steht nicht mehr dahinter. So lebt die Alte eine eingeübte Rolle, um sich wohl einen letzten Zusammenhalt ihrer Person zu bewahren. Weiterlesen

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Fügung

Fügung © Matthias Mala

Antonio ist ein glücklicher Mensch. Er betrieb lange Zeit ein Restaurant bei mir um die Ecke. Dann kochte er für eine Kirchengemeinde. Heute kocht er für eine reiche Familie in Italien. Als ich eines Tages bei ihm im Restaurant saß, fragte er mich, ob ich nicht wüsste, wie er seinem Glück ein wenig auf die Sprünge helfen könnte. Das Geschäft liefe nicht mehr so gut, und er überlegte sich, wie er es verbessern könne. Aber alles was er versuche, bliebe wirkungslos, und das genau seit dem Tag, wo er seinen ersten in seinem Restaurant verdienten Schein aus einer Laune heraus an einen Gast verkaufte. Der Gast wollte sich damit finanzielles Glück kaufen.

Ich riet Antonio verschiedenes, aber er hörte mir nicht richtig zu. Im Laufe des Gesprächs fragte er mich schließlich, was ihn wirklich umtrieb. Ob man denn die Lottozahlen auspendeln könne, wollte er wissen. Ich antwortete, ja, man könne es, sofern einem ein Lottogewinn bestimmt sei. Vier Wochen später zog mich Antonio in sein Restaurant und zeigte mir einen Lottoschein vom Mittwochslotto. Er hatte nur zwei Felder angekreuzt gehabt und in beiden Feldern hatte er den Haupttreffer beider Ziehungen. Ich gratulierte ihm, doch er winkte ab. „Du hast gesagt, wenn es einem bestimmt sei, kann man die Zahlen erpendeln. Mir war es nicht bestimmt. Sieh, den Schein habe ich gestern am Mittwoch aufgegeben, weil es Mittwochslotto heißt. Die Nacht davor saß ich mit dem Pendel über den Zahlen und habe sie getippt. Heute sehe ich die Zahlen, zwei Haupttreffer. Ich denke, Antonio, jetzt bist du ein paar Millionen schwer, und laufe sofort ins Lottogeschäft. Die Frau schaute sich den Schein an und sagte schließlich: „Antonio, du bist ein echter Pechvogel. Du hättest den Schein am Dienstag abgeben müssen, damit er für die Ziehung vom Mittwochabend gegolten hätte. Dieser Schein gilt für die Ziehung am kommenden Mittwoch.“

Als ich Antonio trösten wollte, winkte er wieder ab. „Nein, ich danke dir, Matthias, du hast mir das Glück wiedergegeben. Ich weiß jetzt, dass mir kein Lottogewinn bestimmt ist. Das Pendel hat mir gesagt, Antonio, vergiss den Blödsinn, auf irgendeinen Gewinn zu hoffen. Pack dein Leben an, dann greifst du ins Glück. Ja, und das mache ich jetzt. Ich verkaufe den Laden und koche demnächst in der Kirchengemeinde. Da bin ich unter lauter fröhlichen Menschen.“ Weiterlesen

Beschauung als ersichtliche Kommunikation

Pfingstrosen © Matthias Mala

Es war ein lauer Frühlingsabend. Das Wochenende begann, von der Straße her hörte man das ferne Schnattern der Bummler. Wir saßen im Loft eines Verlages bei offenen Fenstern. Es waren viele Leute da, denn es wurde ein Buch vorgestellt. Mit einem Kollegen kam ich über Krishnamurti ins plaudern. Wir sprachen über seine Ansicht von Wahrnehmung und Lernen, die sich nun mal erheblich von der üblichen Erfahrung und dem didaktischen Wissen der Pädagogen unterschied. Krishnamurti war der Ansicht, dass wir nur dann etwas wahrhaft wahrnehmen, wenn wir es unvoreingenommen schauen und dabei nicht bedenken. Er meinte also, rezeptive als auch perzeptive Wahrnehmungen seien beschränkt, weil bei diesem Prozess der Beobachter vom Beobachteten getrennt ist. Eine Sichtweise, die folglich eine Einheit zwischen Beobachteten und Beobachter behauptet und die bereits die Mystiker des Mittelalters als wahre Gottesschau postulierten. Ich hielt dem entgegen, dass hierin ein Übertragungsfehler steckte, denn dann müssten wir vollkommen antizipativ kontemplieren. Damit meine ich, das Beschaute würde sich in stiller Betrachtung in uns entfalten und sich ohne Reflektion in uns erschließen und in seiner Wesentlichkeit offenbaren. Nun, das käme fürwahr einem göttlichen Bewusstsein gleich, doch leider verfügen wir darüber nicht, auch wenn wir Ihm vermeintlich zum Ebenbilde geschöpft wurden. – Wahrscheinlich scheint diese Ebenbildlichkeit in ihrer Vielfältigkeit letztlich nur eine Oberflächlichkeit des Unwesentlichen zu sein, und somit für sich gesehen wiederum ein Anlass zur Beschauung.

Krishnamurti vertrat diese Ansicht radikal: „Wenn Sie eine Regung total sehen, ist in diesem Sehen jede andere Bewegung enthalten. Wenn Sie ein Problem vollkommen verstehen, dann verstehen Sie alle menschlichen Probleme, denn sie stehen alle im Zusammenhang. (…) Es hat keinen Sinn für uns, Ärger oder Furcht jetzt zu untersuchen; es kommt darauf an, sie zu beobachten, wenn sie in Erscheinung treten. Wahrnehmung ist augenblicklich; Sie verstehen etwas sofort oder überhaupt nicht: Sehen, Hören, Verstehen sind augenblicklich. Zuhören und Zuschauen haben Dauer.“ (Quelle) Weiterlesen

Nichts ist umsonst …

… und alles willkürlich. Hätte zum Beispiel Judas dem Heiland keinen Judaskuss auf die Wange gedrückt, wäre Jesus von den Häschern nicht erkannt und womöglich statt ihm irgendeiner seiner Jünger verhaftet worden. Der beabsichtigte Schauprozess vor dem Gouverneurspalast des Pilatus wäre in die Hose gegangen und man hätte wohl den Barabbas gekreuzigt und nicht laufen gelassen. Damit wäre aber auch die ganze Auferstehung perdu gewesen und Jesus womöglich nur ein seltsamer Heiliger aber nicht der Christus geworden.

Nur mit Judas war der Verrat am Heiland und somit dessen Kreuzigung, Höllenfahrt und Auferstehung möglich geworden. Eigentlich müsste Judas als der Stifter des Christentums gelten, denn die anderen Jünger waren wohl ähnlichen Einflüsterungen des Heiligen Geistes ausgesetzt gewesen, die Mission des Gottessohnes an ihr Ziel zu führen. Indessen hatten sie sich diesen schlechten Gedanken widersetzt. Also blieb die Aufgabe an Judas hängen, und er büßte dafür. Ob er sich erhängte, weil er von den anderen Jüngern dafür missachtet wurde, oder weil er erkannte, dass für ihn kein Platz mehr neben dem Auferstandenen wäre, wer weiß es. Jedenfalls fädelte Judas die Geschichte des Christentums ein, die der Gesalbte letztlich wie vorgesehen vollendete. – Danach soll er nicht in den Himmel gefahren, sondern nach Srinagar in Nordindien gezogen sein; wo er als weiser Mann beerdigt worden sei. Weiterlesen

Erleuchten wir die Welt?

Innen © Matthias Mala

Eine Freundin will nach Dharamsala am Rande des Himalaya reisen, um den Dalai Lama noch in seiner angestammten Umgebung zu sehen, ehe er stirbt. Ein anderer Freund wallfahrt fast jedes Jahr nach Rom, um den Papst zu sehen. Zweimal war er auch bei päpstlichen Audienzen dabei. Wieder ein anderer Freund besucht Amma, wenn sie ins Land kommt, um sich von ihr umarmen zu lassen. Alle drei sind davon überzeugt, dass diese Religionsführer über besondere Spiritualität und außergewöhnliche Kraft und Einsicht verfügen. Ihre Überzeugung von der transzendentalen Kraft dieser Menschen ist so stark, dass sie nicht enttäuscht werden können.

Wieder andere Menschen lassen sich von einem vermeintlich Heiligen weniger überzeugen als von einem heiligen Ort. Hier ist es dann die besondere magische Kraft, die sich über Jahrtausende sammeln konnte und so den Ort zu einem Quell spiritueller Energie verwandelte. Der Berg Sinai auf dem Moses von Gott die Thora und mit ihr die zehn Gebote erhielt, ist ein solch uraltes und auch heute noch attraktives heiliges Ziel für Pilger.

Doch das Heilige lebt ebensowenig in einem Heiligen noch an einem heiligen Ort, andernfalls wäre die Welt längst eine andere als sie ist. Was dagegen wirkt ist die Sehnsucht nach Heiligkeit, die uns in Bewegung setzt und uns anregt, ziemlich absurde Dinge zu tun. Im günstigsten Fall geht es harmlos aus, endet womöglich in einem Drogenrausch zwecks erhöhter Ekstase, schlimmstenfalls kann unser geistliches Streben blutig in einem Massaker oder Krieg enden.

Solange wir das Heilige außerhalb von uns selbst suchen, werden wir uns täuschen; denn es schlummert nicht in einem anderen Menschen, wiegt sich nicht in einem Baum, quillt aus keiner Quelle und fällt auch nicht wie Manna vom Himmel. Wir können durch unsere Suche und Zuweisung zwar einen magischen Raum kreieren, doch die hiermit sinnlich erlebte Magie bleibt nur ein Abbild unseres Sehnens. Was wir im äußeren sehen und erkennen, ist nur eine Reflexion unserer inneren Bedingtheit. Auch die Magie, die wir meinen zu spüren, sobald wir Heiliges wittern, bleibt nur das Echo unseres Rufs.

All das vermag ein jeder zu beobachten, der sich auf den Weg macht, das Höchste zu erkunden. Jedoch verlässt er dabei nie sein Haus, sondern blickt immer nur durchs Fenster hinaus und sieht dabei kein Außen, sondern nur die Spiegelung des Inneren in den Scheiben. Denn draußen ist es dunkel. Denn draußen ist es so hell, dass wir geblendet werden. Wir können es uns aussuchen, wie wir es nennen wollen; der Effekt bleibt derselbe. Außen ist nichts. Wir sehen nichts. Es gibt im Außen keine geistliche Entdeckung.

Also sollten wir schauen, was in uns wirkt. In uns wirkt jene großartige Magie, die wir im Außen finden wollen, und dort auch scheinbar finden, sobald wir sie dort suchen. Indes weht das Himmlische, das uns vermeintlich im Außen berührt, allein in uns, und allein in uns lebt der Heilige, den wir meinen, in einem anderen Menschen, einem Guru, zu erkennen. Nur leider ist uns das zu schäbig. Es ist ja nur unseres und nicht das andere, das wir uns einverleiben, in uns einsenken lassen wollen, damit es uns bereichert und uns zu mehr macht, als wir sind.

Und weil wir so sind, werden wir immer ärmer, wir verlieren uns im äußeren, verschwenden unsere Spiritualität an andere, anstatt sie in uns zu pflegen und zu bewahren. Dabei sind wir aus dem Himmel – aus dem Nichts – gefallen und in diese Welt geboren worden, um sie zu schauen und hierdurch zu beleben. Sie ist so schön, wie wir sie schauen. Sie ist so frei, wie wir frei sein wollen. Erhellen wir sie, indem wir sie schauen. Lassen wir uns nicht blenden; und blenden wir uns nicht selbst.

Wie man selbst zum Engel wird

Zum Advent eine Kontemplation aus meinem Stundenbuch der weißen Magie.

Losung

Wer in den Himmel greifen möchte, wird den Boden unter den Füßen verlieren; und wer auf festem Boden steht, wird den Himmel nicht erfassen. Die Welt ist gerecht im Ungerechten, weil sie im Ungleichen keinen Ausgleich bietet.

Versenkung

Die Pole bedingen einander, um die Form zu halten. Jenseits der Form herrscht das Formlose. Doch auch das Formlose ist Gestalt. Magie wirkt im Geformten wie im Ungeformten. Das eine ist wie das andere und doch ist beides grundverschieden. Reduzieren wir die Welt auf ihr Kleinstes, machen wir sie ebenso gleich, wie wenn wir sie ins Höchste verklären wollten. In beiden aber ist die Welt nicht mehr, sondern nur noch ihre Idee. Die Liebe weht zwischen diesen Nichtigkeiten und gar über sie hinaus, ins Unvorstellbare. Liebe ist die Spanne, die die Welt erstehen lässt. Liebe ist das milde Licht der Morgensonne, die den Tau der Nacht von den Blüten leckt und uns das Leben in die Glieder träuft. Bewahren wir die Frische dieser Stunde im Gemüt, werden wir uns selbst zum Engel, der uns führt. Ein Engel versteht es, die Schöpfung zu bewahren, indem er sie von Jetzt zu Jetzt wiederholt. Dies ist sein Anruf an das Unermessliche, sein immer neues Lied, durch das die Wiederkehr stets zur erneuten Schöpfung wird. Nicht die Erscheinung der Form oder des Formlosen ist der Akt solcher Weltwerdung, sondern das gelauschte Lied der Anrufung. Seine Stimmung temperiert die Kreation durch die harmonische Folge wohl gesetzter Töne.

Vermag ich das rechte Maß zu finden, ohne Maß zu nehmen?

Stimmung

Ich singe das Lied und wiederhole es, bis sich der Kreis schließt. Nun tönt der Kreis. Er schwingt im Widerhall der stillen Weise. Wen sie erfasst, der schwingt mit ihr. Ich bitte darum, dass meinem Ohr die Weise zeitlos schmeichelt

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Spukgeschichten

Seelenschwatz © Matthias Mala

Alle Jahre wieder ersteht im Frühjahr der Heiland von den Toten, und alle Jahre wieder ziehen wir im Herbst auf die Gottesacker, um unsere Toten an ihrer Wiederkehr zu hindern. Denn diese Wiedergänger schrecken uns, anders als die Lieblichkeit des Heilandes.

Rituale sind, solange man sie von außen betrachtet, immer merkwürdig; doch sobald sie aus einer Binnensicht gesehen werden, scheinen sie überzeugend. So sind Osterfeierlichkeiten bis Christi Himmelfahrt schließlich ein Versprechen auf den St. Nimmerleinstag, das uns dann alle gleichzeitig ereilt und weswegen dann auch niemand vor der Spukgestalt des anderen erschrickt. Da wedeln unsere Seelen den Staub davon, den ihre einstige Verkörperung hinterließ, und gehen gar leiblich ein ins Paradies.

Dort gibt es weder lästige Gespenster noch boshafte Wiedergänger, die in der Zwischenzeit allemal auftauchen und die manche Zeitgenossen dann sichten. Ich zähle mich selbst zu jenen, die meinen, Geister zu sehen. Ob ich tatsächlich welche sehe, bleibt letztlich ungewiss, es kann auch eine Dysfunktion  der Elektrik in meinem Oberstübchen sein; womöglich artet dort  mancher Funkenüberschlag zu einer geistreichen Vision aus. Wegen derlei Visionen sucht man jedoch keinen Arzt auf, sondern begibt sich, weil es Brauch ist, Anfang November auf die Friedhöfe, um Kränze und Blumen auf Gräbern abzulegen und ein Seelenlicht anzustecken. Hierdurch sollen die Toten dort bleiben, wo sie sind, hinter Friedhofmauern. – Ich werde die Tage dieses Ritual wieder begehen. Weiterlesen