Wohin der Blick am Abgrund?


Mein Weg zur Mystik führte mich über die Befassung mit der weißen Magie und ihrer Beschreibung. Eine Station dabei war mein Buch „Magie des Abendlandes“. In ihm schilderte ich die Wandlung Aufstieg der Magie zur Religion und schließlich zu ihrer Domestizierung durch die Liturgie der Kirche. Allerdings entzogen Mystiker die Magie durch die Jahrtausende hindurch immer wieder dieser Gängelung, indem sie sie als einen Weg der Erkenntnis benannten. Wobei es dabei weniger um die magischen Rituale ging, sondern um den Zauber der Wandlung durch Erkenntnis, der den Suchenden erhebt und ihm mit einem ersichtlich wirkenden Geist verbindet. Über diesen Moment, in dem der Mystiker die Magie überwindet und aus seiner Gotteserkenntnis heraus wirkt, habe ich in nachfolgendem Abschnitt reflektiert. Gleichzeitig aber warnte ich davor, diesen Moment nicht zur Läuterung zu nutzen, sondern dass wir ihn in selbstherrlicher Machtverblendung dahingehend umdeuten könnten, um uns, vom Dämon der Religion befreiend, mit dem Dämon des Narzissmus, dem ureigensten Götzendienst, zu verbünden. Hier also ein kurzer Blick auf diesen besonderen Stolperstein zur geistlichen – nicht geistigen – Umnachtung:

Am Abgrund blicken wir ins Weite

Unsere Psyche verliert zwar die ihr eingeborene Affinität zur Magie nicht, doch durch die Erkenntnis der Naturgesetze und der Macht der Ratio „verkümmert“ ihr magisches Potenzial. Was einst noch magisch gedeutet wurde, lässt sich heute verständlich erklären, etwa die Wirksamkeit von Kräutern oder das Besprechen von Warzen, ein Zauber übrigens, den Dermatologen heute vor allem bei geplagten Kindern ganz bewusst wieder aufleben lassen. Gleichwohl verliert die Magie in unserer alltäglichen Wirklichkeit zunehmend an Raum und wird mehr und mehr in eine lebensferne Sphäre verdrängt. Erst wenn uns wie beim Exorzismus das Ringen mit magischen Gewalten erschreckt, erleben wir in hilfloser Furcht dieses archetypische Walten als verstörenden Zwiespalt in uns.

Doch auch wenn wir die Magie aus der Wirklichkeit unserer Psyche verdrängen, bleibt ihr Raum in unserer Seele erhalten. Er mag uns zwar entleert erscheinen, doch genügt oft ein kleiner Anstoß aus der Zauberwelt, um die verdrängten Bilder zu beleben. Es ist eine abgründige Erschütterung, die uns erfasst. Solchermaßen mit einem Schatten unseres Selbst konfrontiert, erscheint uns magisches Geschehen oft ungewöhnlich bedrohlich. Anstatt uns jedoch in atavistischer Weise übermannt zu fühlen, vermögen wir, eben weil unsere Psyche ihrer inneren Magie zuneigt, die uns anrührenden Kräfte zu lenken. Hierzu allerdings müssen wir uns dem scheinbar Paradoxen öffnen und bejahen, was wir in unserem Tagbebewusstsein verneinen.

Gelingt es uns, blicken wir in jene lebensferne Sphäre der Magie und überwinden ihre Transzendenz. In verwandtem Sinne meint Stanislav Grof in seiner Schrift „Kosmos und Psyche“:

„Die transpersonale Psychologie hat entdeckt, dass es in holotropen Zuständen möglich ist, die Identität mit fast jedem Aspekt der physischen Realität aus Vergangenheit und Gegenwart wie auch mit verschiedenen Aspekten anderer Dimensionen des Seins zu erfahren. Sie hat bestätigt, dass der gesamte Kosmos auf geheimnisvolle Weise der Psyche eines jeden von uns eingeschrieben ist und der tiefen systematischen Selbsterforschung zugänglich wird.“

Mit dem von ihm geprägten und aus dem Griechischen abgeleiteten Begriff „holotrop“ bezeichnet Grof die Annäherung an ein Ganzes, durch mehrdimensionale Aufschlüsselung der Tiefendimension der persönlichen Verfassung (holos = ganz, trepein = sich auf etwas zubewegen). Es ist also kein analytisches oder deutendes Schauen der magischen Sphäre, sondern eine umfassende und unmittelbare Einsicht, durch die sich uns diese Dimension öffnet. Wir treten ins Transzendente und das Transzendente tritt in uns. Hierdurch wird uns der magische Raum gegenwärtig und mit ihm beginnen wir, in selbstverständlicher Weise magisch zu leben und zu wirken. Das heißt, magische Disziplinen wie Mantik und Theurgie wachsen uns sozusagen als Talente zu, wodurch unser Handeln auch ohne explizites Ritual magische Unterfütterung erfährt.

So könnte sich eine Annäherung an eine magische Dimension vollziehen. So könnte der Blick ins Weite sein! Doch durch die allgemeine Verdrängung der Magie in die Schatten der Psyche verschieben wir ihren transzendenten Raum immer weiter in unerreichbare Ferne und erklären uns, wenn uns dennoch magische Berührung widerfährt, die Magie rational fort. Indes bleibt die magische Struktur der Psyche erhalten, nur findet sie keinen Widerhall. In dieser Situation mag sie in der einen Person in der Tat verkümmern, während sie in einer anderen Person umso heftiger nach Belebung drängt. Dort aber, wo solches Drängen virulent wird, ist die Gefahr groß, dass die scheinbar entleerten nahen Räume unerkannt bleiben und die aus rationaler Abwehr konstruierte Ferne als Gegebenheit erachtet wird. Da das Drängen indessen nach einem Grund verlangt, wendet man sich auf der Suche nach Widerhall nicht nach innen, dem nahen Raume zu, sondern nach außen und findet ihn im Dämonischen, das sich offenbar leichter beleben lässt. Jedenfalls ist der Hang zum Schwarzmagischen, zur Dämonenbeschwörung und zur bedrängenden Zauberei heute eine unverkennbar starke Tendenz, während die Hinwendung zur lebendigen ganzheitlichen Magie eher als unattraktiv, weil machtlos gilt.

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Das Christentum stirbt

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Engel überm Chiemsee © Matthias Mala

„Das Christentum stirbt, doch der wahre Christus überlebt.“ Die Nonne, die wir seit Jahrzehnten in ihrem Konvent besuchen, sagte nicht der wahre Christ, sondern Christus. Inzwischen ist sie recht hinfällig, und jedes Gespräch mit ihr kann das letzte sein. Sie ist im wahren Sinne eine Grenzgängerin, die weiß, was Überleben bedeutet, schließlich hatte sie als Schulmädchen nach dem Krieg Lebensmittel geschmuggelt. Dazu gehört Verschwiegenheit wie Offenheit, man muss nur wissen, wo das eine und wo das andere angebracht ist.

Der Niedergang des Christentums ist offensichtlich, das Kloster, in dem sie seit über 50 Jahren lebt, hat sich geleert. Heute ist es Dienstleister für spirituelle Seminare und Exerzitien. Wobei die Seminare, die von externen Kursleitern angeboten werden, allesamt zur altbekannten esoterischen Beliebigkeit hinzuzurechnen sind, die sich inzwischen zwecks Steigerung ihres Marktwertes mit dem Begriff Spiritualität schmückt. Und so ist auch das Kloster Teil am Niedergang des Christentums, das zunehmend seinen Glauben verliert und seine Erkenntnis vergisst. Der Anfangs zitierte Satz der Nonne wirkte auf uns wie ein Vermächtnis und eine Weisung. Denn zuvor sprachen wir über die zunehmende Einsamkeit der Vernünftigen, die im Logos nicht nur die Ratio erkennen, sondern hinter dessen denkbarer Begrenzung noch eine lebendige Kraft als Dynamis erahnen, die tiefe Erkenntnis begleitet, sobald der Nachdenkliche zu stammeln beginnt. Weiterlesen

Religionsfreiheit

Freiheit

Religionsfreiheit ist derzeit in vieler Munde. Doch was Religionsfreiheit sein soll, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Vielfach wird zur Bestätigung der eigenen Meinung über Religionsfreiheit auf das Grundgesetz abgehoben, ohne zu wissen, welcher Artikel die Art der Freiheit regelt. Nun, es ist der Artikel 4 des Grundgesetzes, der mit folgenden Absätzen etwas zur Religionsfreiheit sagt:

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

Das heißt, man kann glauben an was man will, sei es das fliegende Spaghettimonster, die Deutsche Bank oder der liebe Gott der Swedenborgianer, die sich Neue Kirche nennen. Man kann ebenso an gar nichts glauben und ist dennoch durch den Art. 4 GG in seiner Weltanschauung geschützt, sofern es sich bei diesem Unglauben um ein echtes Bekenntnis handelt. Ob allerdings das Bekenntnis und das daraus zu folgernde sittliche Gebot zur Steuerfreiheit auch zur selben führt, mag ich bezweifeln, denn im Grunde ist unser GG längst keine Staatsverfassung mehr, sondern ein Katalog der Beliebigkeit, deren Gültigkeit von der aktuellen Opportunität unseres Staatsorakels, dem Bundesverfassungsgericht, interpretiert und determiniert wird. Daneben wirken unser Parlament der Bundestag sowie der Bundesrat als Gesetzgeber mehr oder minder unbeholfen mit. Das heißt, der Gesetzgeber ist auf das Wohlwollen der Verfassungshüter angewiesen, weswegen er auch versucht, dieselben per Wahl zu bestimmen; damit am Ende alles so läuft wie es sich das ominöse „man“ – also der heilige Geist jeder Verschwörungstheorie – so vorgestellt hatte.

Im Klartext bedeutet dies, das Grundgesetz gewährt neben der arbeitsrechtlichen Koalitionsfreiheit (Art. 9 GG) auch Koalitionsfreiheit in Sachen Religion. Gleichzeitig ist den Religionen nicht jede Freiheit erlaubt. Muslime und Mormonen dürfen hierzulande nicht der Vielweiberei frönen; Christen keine Hexen mehr verbrennen; Buddhisten keine Kinder als Mönche ordinieren; Muslime keine Homosexuellen hängen oder untreue Ehefrauen steinigen; Parsen ihre Toten nicht auf Hausdächern luftbestatten und tibetische Buddhisten ihre Toten nicht zerhacken und auf Wiesen den Geiern zum Fraß vorwerfen. Allerdings dürfen Juden und Muslime aus religiösen Gründen ihren Jungen unbeschadet das Genital verstümmeln; womit ich wieder bei der Ambivalenz von Moral und Regeln und dem ausgeprägten Irrsinn aller Gesellschaften in Gestalt von Kultus und Religion angekommen wäre.

Allerdings gilt die religiöse Koalitionsfreiheit in der Praxis auch nur bedingt, denn zur Eindämmung religiöser Konkurrenz gibt es die halbstaatlichen Sektenbeauftragten der Kirchen. Hier wird nicht nur vor Satanisten, die angeblich Jugendlichen ihre zarten Seelen abkaufen, gewarnt, sondern auch vor den Zeugen Jehovas, die während der Nazizeit noch als sogenannte Bibelforscher in Konzentrationslagern ermordet wurden. Ein ganz besonderer Teufel scheint zudem die Scientology Church zu beleben, die gar vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Glauben auf abseitigen Wegen ist demnach ein derartiger Irrweg, dass die verirrten Schäflein vom Nanny-Staat und den beiden Beliebigkeitskirchen wieder zusammengetrieben und zur Herde der Rechtgläubigen zurückgeführt werden müssen.

In diesem Sinne schließen sich auch rechtschaffene Firmen an und fordern von ihren Lieferanten Freibriefe, dass sie keinem falschen Glauben anhängen. So musste ich mich 2001 bei zwei Buchverträgen für den mvg-verlag, der zum Süddeutschen Verlagsimperium gehört, folgendermaßen erklären, dass ich kein Scientologe bin:

„Der Autor erklärt, dass er weder Sympathisant noch Anhänger des Gedankenguts von L. Ron Hubbard ist. Er verwendet dessen Inhalte und Methoden nicht. Er ist nicht weisungsgebunden an Anordnungen einer Organisation, die Hubbards Technologie verbreitet oder verwendet. Er wird keine Informationen aus der Geschäftsbeziehung an Dritte weitergeben. Er versichert, dass er nicht an Befragungen teilnehmen wird, in deren Verlauf im weitesten Sinne hypnoseähnliche Techniken eingesetzt werden. Bei einem Verstoß des Autors gegen die vorgenannten Erklärungen ist der Verlag zum Rücktritt vom Vertrag und zur Vernichtung aller in Druck befindlichen und aller bestehenden Exemplare auf Kosten des Autors berechtigt.“

Puh! Für die rechtgläubigen Bayern scheint der einstige Sciencefiction-Autor schon ein wahrer Gottseibeiuns gewesen zu sein.

Jedenfalls hat dieserart Haltung für mich nichts mit der vermeintlich gewährten Religionsfreiheit des Grundgesetzes zu tun. Andererseits ist die Religionsfreiheit auch die Keule, mit der alle religiösen Gruppierungen auf den Staat einhauen, um sich Sonderrechte auszubedingen. Besonders unverschämt sind dabei die beiden großen Kirchen, die unter anderem den Staat zu ihrem Steuereintreiber gemacht haben und auch die Banken zwingen, für sie Steuer einzutreiben. Einst war die Aufgabe des Steuereintreibers ein erkleckliches Privileg, heute, denke ich, werden die Banken für ihr Inkasso nicht entschädigt werden. So ändern sich die Zeiten in Zeiten angeblicher Aufklärung.

Religionsfreiheit ist ein Oxymoron

Allerdings habe ich diese Betrachtung zur Religionsfreiheit nur deswegen angestellt, um die Verdrehtheit der einen, der staatlichen Seite dieser scheinbaren Freiheit zu zeigen, die jedoch Religionen wie Gläubige meist dahingehend verwechseln, dass sie mit ihren hirnrissigen Forderungen unbeschränkter öffentlicher Glaubensbekundungen, wie Kreuze oder Kopftücher in Ämtern, Spitälern und Schulen, meinen, Flagge zeigen zu müssen. Ein Selbstdarstellungsdrang der allerdings jeder Religion immanent scheint; schließlich ist es seit Babylon der Eifer jeder Religion, sich als Partner der Mächtigen zu gerieren. Weshalb die Bischöfe auch heute noch mit ihren Mitren die Zaubermützen babylonischer Priester imitieren. – Man weiß eben, was Tradition wert ist.

Die andere Seite der Religionsfreiheit sieht dagegen bei weitem schrecklicher als jede staatliche Beschränkung aus, weshalb wir eigentlich jeden Tag Gott danken sollten, dass mit der Renaissance ein Zeitalter der Aufklärung begann, durch das in Europa die Macht der Kirchen in Frage gestellt und sukzessive gebrochen wurde. Ein Prozess, der heute – 500 Jahre später – noch immer nicht zu einem Ende gekommen ist. Wobei man in diesem Zusammenhang nicht vergessen sollte, dass der Irrsinn der Hexenverbrennung mit dem Beginn der Aufklärung seine Urstände fand.

Wohl gerade wegen der in diesem Zuge später erfolgten Säkularisation verteidigen die Kirchen ihre verbliebenen Privilegien mit Verve, wo immer sie zu erodieren drohen. Zum Beispiel ihren Ideologieschutz im Rahmen des eigens geschaffenen kirchlichen Arbeitsrechts, das ihnen unter anderem erlaubt, Mitarbeiter mit einem unmoralischen Lebenswandel entschädigungslos zu entlassen. Dies weist auf die eingefleischte Doppelmoral, oder besser gesagt spezielle Verlogenheit, als eine besondere Eigenschaft aller Religionen und Ideologien hin: nämlich einerseits Rechte zu beanspruchen, die man andererseits nicht gewährt, so zum Beispiel die Diskriminierung von Abtrünnigen, Kritikern und Ungehorsamen innerhalb der Institution. Kirchenkritischen Theologen wird der Lehrauftrag entzogen; Geschiedene sind exkommuniziert;  ebenso behindert man bis heute die weltliche Bestrafung von Kinderschändern in den eigenen Reihen.

Wobei sich hier die katholische Kirche insgesamt noch relativ zivil verhält. Anders ist es im Islam, wer hier die Glaubensgemeinschaft verlässt, indem er zum Beispiel konvertiert oder kritisiert, ist seines Lebens nicht mehr sicher.

Weltweit bekannt wurde diese Haltung, als Ayatollah Khomeini den Schriftsteller Salman Rushdie wegen Beleidigung des Propheten per Fatwa zum Tode verurteilte. Aktuell beträgt das Kopfgeld für seine Ermordung vier Millionen Dollar. Im Januar 2015 wurde diese religiöse Raserei grausame Wirklichkeit als fast die gesamte Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo von Islamisten ermordet wurde. Und während wir den islamisch motivierten Terror hierzulande beklagen, findet auf der anderen Seite der Welt in Birma, von unseren Medien kaum beachtet, ein Völkermord statt, bei dem den Dalai Lama verehrende Buddhisten – die religiöse Mehrheit des Landes – ihre muslimische Minorität, die Rohingya, massakrieren.

Religionen sind weder nach außen noch nach innen frei. Es gibt ebensowenig eine Religionsfreiheit der Religionen wie es eine Ideologiefreiheit der Ideologien gibt. Entweder man ist im System, denkt konform, oder man steht daneben und hegt andere Gedanken. Wobei Ideologien mit Abweichlern nicht minder mörderisch umgehen wie Religionen. Es ist letztlich nur eine Frage der Macht, die die Brutalität der Unterdrückung ausmacht. Wir kennen dies aus kleinen Sekten; je besser sie nach außen abgeschottet sind, desto drückender das innere Regiment gegenüber störrischen Mitgliedern. Physische, seelische und sexuelle Gewalt lassen sich unter dem Mantel des wahren Glaubens leicht verbergen, und das Mitglied der Gemeinschaft, das solche Gewalt öffentlich macht und gar anzeigt, ist ein Nestbeschmutzer, der die anderen Gläubigen nur noch enger zusammenrücken lässt. Skandale dieserart werden immer wieder bekannt, mal bei urchristlichen Kommunen, mal bei Satanisten, mal bei den Zeugen Jehovas, mal bei den Buddhisten. Es spielt keine Rolle, wie friedlich, wie human sich eine religiöse Gemeinschaft nach außen gibt, schließlich verkünden sie alle nur Frieden und die Erlösung der Menschheit; allerdings meist mit der kleinen Einschränkung, dass diese uns hienieden erst beschieden sein wird, sobald nur alle anderen ihrem Beispiel folgen würden. – Ja, so glaubte ich als Kind einmal, dass der Weltfriede eintreten würde, sobald alle Menschen rund um den Globus das Vaterunser beten würden. Wäre doch ein leichtes dachte ich und danach ist Schluss mit allem Krieg …

Aus der Freiheit ausbrechen

Religionen können ihrer Struktur nach nie frei sein. Denn wo eine Gottheit, wie immer sie auch fabuliert wird, herrscht und angebetet wird, ist es mit der Freiheit schon vorbei. Und wer nicht frei ist, kann auch keine Freiheit gewähren oder stiften. Er bleibt ein Anhänger und somit Abhängiger, und Unfreiheit ist das Wesen jeder Abhängigkeit. Gleichwohl erkühnen sich die Priester, Mullahs und Vorbeter immer wieder, die Freiheit zu verkünden, die der Mensch erlange, der ihnen und ihrer Gottheit nachfolgt, und erkennen darob nicht, dass sie hiermit nur die Freiheit im Gefängnis einer Ideologie skizzieren.

Freiheit gibt es indes nur dort wo Freiheit herrscht. Frei ist nur der Mensch, der sich selbst befreite. Das gelingt freilich nicht mit Hilfe einer Religion oder Ideologie, sondern nur, wenn man erkennt, dass man eben durch diese Geisteshaltung und ihre Versprechen geknebelt wird. Dazu muss man allerdings die geistigen Fesseln abstreifen und das Gefängnis der Religion verlassen. Erst wenn man nicht mehr durch den alten religiösen Zauber gebunden ist, wird der eigene Geist frei, beweglich und lebendig. Dann gibt es kein Schema mehr, das ihn einengt oder ihm vorgibt, wohin er seine Gedanken zu lenken hat.

Für einen solchen Geist gibt es keine Grenzen, keine Tabus, außer seiner eigenen Anhaftungen; lässt er auch diese fallen, wird er tatsächlich frei und die Welt erscheint ihm grenzenlos und das Unbegrenzte kann ihn berühren. Ein solcher Geist ist jedoch ein einsamer Geist, denn wirklich freie Geister gibt es auf dieser Welt nur wenige …

Wer jedoch annimmt, ein solch grenzenloser Geist wäre unmoralisch, der hat Freiheit nicht verstanden. Grenzenlose Freiheit ist Allverbundenheit, und wer sich dessen bewusst ist, erkennt sich in allem was Welt ist und wird darum niemals gegen sich handeln. Wer dennoch die Hand gegenüber einem anderen erhebt, erhebt sie gleichsam gegen sich und schlägt sich selbst.

Und wer sich fragt, wie Fallenlassen gelingt, dem sei gesagt: Es gelingt nicht! Wer sich geistig fallen lassen will, wird sich nur mit derselben Kraft binden, mit der er sich lösen will. Nur wer für sich erkennt, dass er sich nie fallen lassen kann und alles Bemühen dazu vergeblich ist, wird leicht und fällt …

Vom Sinn der Sinnlosigkeit

Wortsinn © Matthias Mala

„Seltsam“, meinte er nach einer Weile, als wir uns zufällig in der fremden Stadt über den Weg gelaufen waren, „es ist alles so sinnlos. Warum treffen wir uns hier und nicht woanders? In unserer Stadt haben wir uns nur dreimal zufällig getroffen, sonst mussten wir uns dort immer verabreden. Und hier in diesem Moloch am anderen Ende der Welt laufen wir uns in die Arme.“

„Seltsam, wie wahr. Aber warum ist es sinnlos?“, entgegnete der Freund. „Es macht doch schon soweit für sich Sinn, als dass wir uns jetzt in der Fremde nicht mehr so fremd fühlen.“

„Und wenn wir uns trennen, sind wir schon wieder Fremde in der Fremde. Das ist doch erst recht sinnlos. Wir hätten uns gar nicht treffen dürfen“, gab er zurück. „Das war von der Vorsehung gar nicht so vorgesehen. Zehn Sekunden zeitversetzt und wir wären dieser Begegnung entgangen und hätten unseren Seelenfrieden behalten …“. Er lächelte versonnen vor sich hin.

Der Freund schwieg eine Weile, sah seinen Freund mit leerem Blick an, nickte ebenfalls lächelnd. Dann belebte sich sein Blick wieder, und er sagte leise: „Es war Vorsehung!“

„Vorsehung? Die Begegnung hier mit dir? Oder die Begegnung mit der Sinnlosigkeit?“

„Nein, dein Genöle über die Sinnlosigkeit. Es macht so viel Sinn. So unglaublich viel Sinn, dass ich jetzt den Sinn der Sinnlosigkeit erfasse“, sagte der Freund und lächelte glückselig. Offensichtlich hatte er in diesem Augenblick eine besondere Eingebung.

Ich wurde einmal zum Zeugen einer solchen Eingebung. Ein Freund erfasste ebenso den Sinn der Sinnlosigkeit und stammelte daraufhin, wie sinnlos und wie sinnig der Sinn des Lebens sei. Alles hätte Sinn, nur weil es sinnlos sei. Da er zudem erkennbar verwirrt war, begleiteten wir ihn in eine psychiatrische Ambulanz. Dort diagnostizierte man eine akute psychotische Störung. Nach vierzehn Tagen war sie gänzlich abgeklungen. Der Freund hatte auch nie wieder eine solche Erscheinung. Allerdings blieb ihm auch nichts von der Erkenntnis seiner Erkenntnis der sinnhaften Sinnlosigkeit. Der psychotische Blick ins Transzendente blieb eine in jeder Hinsicht folgenlose Episode. Womit sie wohl in sich in vollkommener Sinnlosigkeit von vollendeter Sinnhaftigkeit war.

Was ich damit sagen möchte: die Einsicht in die Sinnlosigkeit des Seins kann sinnstiftend sein. Sie kann aber ebenso tödlich sein. Ist sie tödlich, mag sie letzte seinserfüllende Erkenntnis gewesen sein. Spannender, weil fordernder, ist derlei Einsicht, solange sie im und am Leben bleibt und nicht mit einem psychotischen Schub versiegt. Denn dann macht das Leben erst richtig Sinn, wenn man für jeden Moment um seine Sinnlosigkeit weiß. Schließlich kann man dann nichts mehr verlieren und somit freudig alles fahren lassen. Gibt es noch einen besseren Sinn für die Sinnlosigkeit allen Seins? Denn, wer nichts mehr hält, hält alles und nichts. – Glückselig, wer da noch durchblickt …

Du, mein schönster Schwarm

Schwarm © Matthias Mala

Schwarm © Matthias Mala

Wer schwärmt hat einen Schwarm. Junge Menschen, so ein alltagstaugliches Vorurteil, schwärmen für ihr Idol, mal ist’s ein Schlagersänger, mal der Papst, seltener ein Politiker. Aber auch ältere Menschen schwärmen, hier darf es dann neben einem Volkssänger auch einmal ein Politiker sein. Wer schwärmt, folgt seinem Schwarm. Der Schwarm ist sakrosankt, fehlerfrei und immer großartig. Offenbart er im Lauf der Zeit dennoch Makel, löst man sich mit Weh und Ach von ihm oder folgt ihm getreu bis in den Untergang. Zu schwärmen macht den Schwärmenden zudem taumelig, ihm schwirren Augen und Ohren, weswegen man ihn ob solcher Desorientierung auch gerne als Schwarmgeist abtut.

Das Wort Schwarm bedeutete einst Bienenschwarm. Heute, in Zeiten, das man über Schwarmintelligenz nachdenkt, gewinnt diese Konnotation wieder Bedeutung. Schließlich gelten Bienenvölker aufgrund ihrer perfekten Organisation in ihrer Gesamtheit als intelligente Superorganismen. Dementsprechend vermutet man eine ähnliche Hyperintelligenz nicht nur hinter anderen sozial organisierten Gattungen, sondern auch in den Myriaden Verknüpfungen des Internets.

Schöne, heile Welt des Großen, Ganzen

Also fragen wir uns: Sind Ameisenhaufen oder Bienenstöcke intelligent? Lenkt ein Hyperbewusstsein die Sardinen- und Vogelschwärme? Gibt es menschliche Schwarmintelligenz im Internet? Die Vorstellung, dass es ein Gattungsbewusstsein gibt, das über das einzelne Individuum hinausreicht, ja, dem sich das individuelle Bewusstsein gar unbewusst unterordnet, wird jedenfalls in Science-Fiction wie Esoterik immer wieder gerne aufgegriffen, um sich Unerklärliches zu erklären. Menschliche Schwarmintelligenz erscheint deswegen als naheliegend, weil sie das Wechselspiel von chaotischen und emergenten Abläufen erklärt, die wir bei Schwärmen beobachten. (»Emergent« nennt man komplexe Abläufe dann, wenn sie sich nicht auf ihre einfachen Bestandteile reduzieren lassen.) Und da Erklärtes auch die ihm zugrundeliegende Nachdenklichkeit beendet, brechen wir mit dieser Erklärung forsch zu weiteren Spekulationen auf, die uns als Überbau eine weithin unüberschaubare Welt deuten helfen sollen. Da wölbt sich dann ein morphogenetisches Feld als sich beständig erweiterndes und vernetzendes Hyperbewusstsein über die Spezies und formt mit anderen Feldern ein Hyperfeld, bis wir schließlich im allgegenwärtigen Geist oder in Gottes Schoß versinken. Mal sehen, ob wir mit diesem Essay auch dorthin gelangen! Weiterlesen

Neujahrsgruß

Viola alba © Matthias Mala

Viola alba © Matthias Mala

Manche Dinge kreieren sich vermutlich selbst. Sie gebären sich aus einem Nukleus unverbrauchtem Etwas. Einem Irgendetwas, das nicht gelebt, das übersehen, das nicht gesagt wurde oder keinen Ausdruck fand. Es ist dann nur noch eine kleine Bewegung, auf dass das die ungedachte Kreatur Form annimmt.

Einmal entdeckte ich während eines österlichen Schneeschauers weiß blühende Veilchen neben klassisch violetten am Straßengraben. Sie fielen mir ins Auge und in die Seele. Seitdem blühen sie in ihr fort, im Graupelbett, das hell wie Hagelzucker ihr zartes Cremeweiß unterstrich. Fortan wirkt ihr Bild in mir als ein sich beständig erneuernder und wandelnder assoziativer Impuls gleich einer mystischen Kreation, die nur für sich oszillierend gleichwohl in mir einen Reigen wundersamer Zeichen begleitet.

Freilich waren es weder die Veilchen noch ich selbst, die diese Wirklichkeit stifteten, sondern es war ein schöpferischer Moment, der hinfort für sich selbst neben mir, mit mir, bei mir und für Meins schwingt, egal ob ich darauf blicke oder nicht. Dieser Augenblick ist zu einer Melodie geworden, die mich wiegt. Es ist der Kammerton, der mein konzertantes Sein trägt.

Was soll dagegen anklingen? Nichts! – Nur was selbst rein aus sich schöpft und dennoch mitschwingt, mag mit dieser mich tragenden Weise schwingen.
Letztlich bleibt darum so vieles unerhört und unbeachtet, weil es der Leichtigkeit entbehrt, die meine Seele wiegt.

Ein gesegnetes neues Jahr, himmlische Fügung und Glück, Gesundheit und Harmonie wünsche ich all meinen Lesern und Begleitern.

Der Zauber liegt im Auge des Betrachters

Sehen bis Nichts © Matthias Mala

Sehen bis Nichts © Matthias Mala

Jetzt, wo die Tage immer kürzer werden und die Finsternis immer tiefer wird, erinnere ich mir das 70. Lied des Stundenbuches der weißen Magie. Es fügt sich angemessen in die dunkle Zeit, nicht als Keim einer Hoffnung – das wäre banal -, sondern als erleuchtendes Moment, um die Finsternis mit all ihren Schatten anzunehmen und seinzulassen, was sie ist, nämlich notwendiger Gegensatz zu dem was ist. Oder um es anders auszudrücken, jegliches Wissen steht im Schatten des Nichtwissens, so wie jede Erkenntnis im Schatten der Erkenntnislosigkeit steht.

Losung

Die Welt, die die Welt trägt, ist der Welt ein Gegensatz. Doch der Geist, der diese Welten samt ihres Gegensatzes trägt, steht zu nichts im Gegensatz. Er ist von der Kraft ursprünglichen Seins, die beiden Welten ihren Odem spendet.

Versenkung

Ein Jüngling führte einen Blinden. Der Blinde fragte ihn, was er sehe. Der Jüngling beschrieb ihm die Dinge auf ihrem Weg. Doch der Blinde war darüber unzufrieden: „Du erzählst mir nicht mehr, als ich ertaste. Kannst du denn nicht die Seele der Dinge mit deinen Augen sehen?“ „Wie sollte ich das?“, entgegnete der Jüngling. „Du musst die Welt mit anderen Augen sehen“, meinte der Blinde. „Wie soll ich die Welt mit anderen Augen schauen? Ich habe nur diese“, klagte sein Führer. „Dann sieh sie mit meinen Augen“, riet ihm der Blinde. „Wie soll ich sie mit deinen Augen sehen, wo du die Welt durch meine Augen siehst?“, lachte der Jüngling. „Sieh mit deinem Herzen“, antwortete der Blinde. Der Jüngling schwieg darauf und sah. Nach einer Weile seufzte der Blinde dankbar und sagte: „Ja, so schön ist die Welt, erzähl mir mehr davon.“ Sein Führer betrachtete weiter schweigend die Welt. Und beide wandelten auf dem Pfad und wer sie sah, vermochte nicht zu sagen, welcher der beiden Sehenden der Blinde sein sollte.

Will ich den Grund hinter meinen Empfindungen sehen? Und will ich auch hinter diesen Grund blicken?

 Stimmung

Mit Leichtigkeit führe ich den Stab von der Einheit zur Zweiheit; hebe ihn zur Dreiheit, um ihn in der Vierheit zu senken. Springt die Kraft über, sehe ich das Kristall des Fünfsterns. Sehe, wie es sich in sich beständig wechselnd verkehrt und die Kraft kaskadengleich befördert. Ich bitte um die Einsicht, die Einsicht in mir wirken zu lassen.

Das Stundenbuch der weißen Magie können Sie hier beziehen, es kommt, sofern Sie es bis Ende der Woche bestellen, noch vor Weihnachten bei Ihnen an.