Kainsmal

Kainsmal © Matthias Mala

Kainsmal © Matthias Mala

Ein Schandmal für eine schändliche Tat. Ein Kainsmal. Es bedeutet, meide diesen Schuft, geh ihm aus dem Weg, lass dich nicht mit ihm ein. Der biblische Gott markierte so Kain, damit ihn niemand etwas anhaben sollte; denn die Strafe, mit seiner Schmach zu leben, sollte Kain lange erhalten bleiben. Ja, sein Gott wünschte ihm ein langes Leben, um seinen Brudermord ausreichend zu sühnen. Ja, mehr noch, Er verstieß ihn in das Land der Wiedergänger, in das Land Nod, was wörtlich bedeutet „ruhelos umherwandern“. Somit sühnte Kain als Untoter über seinen Tod hinaus.

Das moderne Kainsmal ist das Führungszeugnis. Es listet erfolgte Verurteilungen auf. Doch es kennt auch – anders als Gott – Gnade und Vergessen. Nach einer gewissen Zeit werden die Schandtaten im Register gelöscht. Das Kerbholz ist wieder geglättet.

Doch das Kainsmal findet sich auch in anderer Weise, nämlich als ein Zeichen unverschuldeter Schande. Der Markierte wird zum Gegenstand moralischer Empörung, denn er weist durch sein Dasein in beschämender Weise auf die Schuld seiner Mitwelt und das Unrecht, das ihm durch sie angetan wurde. Der Markierte wird so zum Mal ihrer Schändlichkeit. Allein durch seine Sichtbarkeit weist er auf die Täter und ihre scheinbar unbescholtenen Kumpanen. So empfanden nach dem Zweiten Weltkrieg viele Deutsche die „Displaced People“ (DP) ‑ das waren durch Krieg, Verfolgung und Internierung heimatlos gewordene Menschen ‑ als ein Zeichen ihrer Schande, da sie durch sie an ihr eigenes schuldhaftes Handeln und Mitläufertum erinnert wurden. Die Anwesenheit des Verfolgten in ihrer Nähe, war ihnen darum ein Greuel.

In diesem Sinn war auch Kain ein DP. Wobei sein Mal den Allmächtigen auf dessen Frevel verwies. Schließlich hatte Gott sich trotz seiner Allwissenheit, auch hinsichtlich der Folgen des Opferganges, auf den Wettstreit der beiden Brüder eingelassen und nur das Opfer Abels angenommen. Er nahm das Fleisch und verachtete die Frucht. Der Totschlag des erzürnten Kains konnte Ihn darob nicht verblüffen. Gott wusste, was geschehen wird. Also zeichnete Gott Kain mit einem Mal, auf dass Er dauerhaft an seine nachlässige Schändlichkeit erinnert werde. So könnte man vermuten, sofern man Gott wohlgesonnen ist.

Doch weit gefehlt, der Allmächtige verhielt sich nicht anders als die Mitläufer am Ende des Krieges. Sie wollten die DP und damit ihre eigene Schande nicht sehen, sondern verwiesen sie in Lager außerhalb der Städte, wo sie auf ihre Ausreise harrten. Zehn Jahre nach Kriegsende hatten die letzten DP das Land verlassen. – Gott verwies Kain nach Nod, wo Er ihn nicht mehr zu Gesicht bekam.

Es gibt also auch das Kainsmal der Scham über die erlittene Beschämung. Dieses Mal trägt nicht der Täter, sondern der Beschämte, das Opfer. In seinem Film „Das Fest“ zeichnete Thomas Vinterberg die Katharsis einer Familie. Der Vater hatte zwei seiner Kinder sexuell geschändet: Christian und seine Zwillingsschwester Linda. Linda nahm sich deshalb das Leben. Christian wirft seinem Vater an dessen 60. Geburtstag vor der gesamten Familie seine Schandtat vor. Daraufhin stellt sich die Familie gegen Christian. Er wird von der Tafel verbannt und von seinem Bruder und zwei Verwandten geschlagen und in einem nahen Hain an einem Baum gefesselt. Christian kann sich jedoch befreien und stößt wieder zur Feier. In deren Verlauf kann er den Inzest belegen. Am Ende des Films wird der Vater verbannt.

Christian trägt hier zunächst das Kainsmal des Opfers. Was ihm geschehen ist, ist derart ungeheuerlich, dass man es nicht wahrhaben möchte. Schließlich beschämt Christian durch seine Offenbarung auch seine Mutter, die von den Schändlichkeiten ihres Gatten gewusst hatte. Aber auch alle anderen fühlen sich durch die Anschuldigung beschämt. Sie stellen sich aber nicht gegen den Vater, sondern gegen das Opfer. Es ist schwach und unverschämt. Es spricht aus, was man nicht ausspricht. Es berührt das Tabu des Mokita, das bedeutet: die Wahrheit, die jeder kennt, aber worüber man nicht spricht. Also treibt man Christian als Sündenbock aus dem Haus, um weiter heile Familie zu spielen.

Menschen, die das Kainsmal der Opfer tragen, werden gerne als Nestbeschmutzer beschimpft. Wer die Schändlichkeit seiner Familie, seines Volkes benennt; wer die Schmach, die ihm angetan wurde, herausschreit, der schändet den Hort seiner Abstammung und stellt sich außerhalb der Gemeinschaft ‑ der Gemeinschaft der Täter, Mitwisser und Wegschauer. Er markiert sich selbst als Sündenbock, der in die Wüste getrieben werden soll, um dort als Opfer für die Schänder zu sterben. Mit seinem Tod ist auch deren Schändlichkeit scheinbar aus der Welt, und ein neues Mokita kann wirken.

In Wirklichkeit bleiben die Nestbeschmutzer, die Schänder und die Schweiger unter sich. Und sie nähren das dunkle Gebilde ihrer Schändlichkeit fort, bis es wieder zu neuer Untat aufbricht. Deshalb soll Kain unter uns bleiben, sein Mal ist das Mal unserer Sünde und Schuld. Es ist der Spiegel, den wir uns nicht vorhalten wollen. Somit ist sein Mal das Zeichen, in dem wir Heilung finden. Das Mal zwingt uns, uns zu bekennen. Wer aber einen Geschändeten ausstößt, verstößt sich selbst. Erst wenn wir das verstehen und damit aufhören, die wahren Täter zu schützen und zu entschuldigen, wird das Kainsmal zu jenem Schutzzeichen, das Gott Kain auf die Stirn setzte, damit er nicht noch für die Nachlässigkeit des Allmächtigen unter den Menschen büßen musste.

Seht, ich habe diesen Menschen verführt; ich habe ihn geschändet und missbraucht; ich habe ihn geschlagen und gefoltert; ich habe ihm seine Würde genommen; ich habe seine Seele verletzt. Seht, ich habe ihn zertreten, damit ihr ihn wieder in eurer Mitte aufnehmt, ihn aufrichtet, ihn wascht, salbt und kleidet. Ist dass die Botschaft? Musste Kain darum seinen Bruder im Jähzorn erschlagen? Damit wir die Bestie in uns ein ums andere Mal überwinden, um sie ebenso oft aber auch immer wieder von der Leine zu lassen, nur um die Banalität zu erfassen, dass wir zum Übel wie zum Guten neigen?

Es tut mir leid, ich verstehe diese Botschaft nicht. Sie ist ohne Spiritualität. Sie zeigt mir einen feigen Gott, der nicht zu seinen Taten steht, der sich herausmogeln will. Oder ist es wirklich nur der simple Gott, dem wir ein Ebenbild sind? Ein Mensch, ein Megalomane, ein Borderliner, ein Narziss, ein Psychopath? Ist Er sein eigener Widersacher, der uns in unserem Glauben an Ihn erschüttern will? ‑ Dieser Gedanke wurde übrigens schon vor zwei Jahrtausenden von den Gnostikern gedacht; da galten die alten Götter als die Schöpfer der Finsternis, um das himmlische Licht in irdischer Tiefe zu binden.

Oder will Er uns vielleicht zeigen, dass wir Ihm in unserer Schändlichkeit ebenso ebenbürtig sind, wie in unserer Not, Angst und unserem Schmerz an Leib und Seele? Es tut mir leid, auch diese Botschaft verstehe ich nicht, auch wenn ich in ihr das Christusmotiv erkenne.

Was ich verstehe ist, dass wir dem geschundenen und geschändeten Menschen misstrauen; dass uns sein Schmerz bedrängt, und wir deshalb gerne Abstand zu ihm halten; dass wir ihn auch nicht zwingend aus seiner Opferrolle befreien wollen; denn sie erlaubt uns Güte wie Verdammnis. Sie macht uns zu Richtern über ihn, sie erhöht uns, sobald wir uns zu ihm herabbeugen. Und wieder spiegeln wir uns dabei in unserer Scheinheiligkeit in gottgleicher Ebenbildlichkeit.

Ich verstehe den psychologischen Ablauf, der dabei wirkt: die Beglückung, Euphorie und Selbsterhöhung dank hormoneller Abläufe durch die Tat. Allerdings beglücken solche Prozesse den Bösewicht ebenso wie den Gutmenschen. Der eine quält, der andere heilt, und beide beglücken sich auf ihre Art am Opfer. Das verstehe ich zumindest nachvollziehbar, denn das sehe und erlebe ich jeden Tag ‑ an mir und bei anderen Opfern. Und dennoch weiß ich keine Antwort darauf, warum sich wir, die Geschändeten für unsere erlittene Schmach schämen, die Schänder aber nicht. Die Schänder haben nur Ausflüchte … Womöglich ist uns Gott deshalb so fern, weil Seine Schöpfung in uns Menschen so gründlich schief gegangen ist.

Uns bleibt nur, es besser zu machen und ganz in Seiner Ebenbildlichkeit die Schöpfung zu vollenden. Wischen wir uns darum selbst das Kainsmal von der Stirn. Wischen wir es auch unserem Nächsten ab. Erheben wir uns nicht mehr wider uns selbst. Zeigen wir den Tätern die Stirn und machen ihnen klar, ihr könnt uns nicht mehr zeichnen. Selbst wenn ihr Gott wäret …

Wischen wir uns das Kainsmal von der Stirn, behaupten wir auch unsere Schuldlosigkeit. Dieser Schritt ist für jedes Opfer schwierig, und es braucht oft Jahre, bis es sich aus der Schmach lösen und der Einrede der Täter widerstehen kann. Mit der Abwehr unserer Schuld reichen wir auch die Schande an den Täter zurück. Wir zeigen ihm damit deutlich, du bist der, der sich schämen muss. Wir wollen ihn darob nicht markieren, ihm kein neues Mal auf die Stirn setzen; wir wollen nur, dass er zu seiner Schuld steht und bereit ist, sie zu sühnen.

Wir wünschen es uns für ihn ebenso wie für uns. Wir müssen uns deswegen auch nicht mit ihm versöhnen. Aber seine Sühne ist der Beitrag, um die Schuld zu tilgen und einen Raum zu schaffen, in dem kein Täter mehr durch das Kainsmal seiner Opfer Schutz vor Verfolgung findet. – Viele Täter werden diesen Ausgleich ihren Opfern verweigern. Sie tragen dazu bei, dass dieser Raum an Menschlichkeit enger wird. Darum lasse ich in meinen Raum auch niemanden mehr ein, der nicht bereit zur Sühne ist.

 

 

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