Frieden, mal eben so …

Gedanken zum Frieden in einer wüsten Zeit in den Wind gesprochen. Erst lesen, wenn der Krieg vorbei ist, dann affirmieren!
verschmutzte Friedensfahne © M. Mala

Am 24. Februar überfiel Russland die Ukraine. Der Krieg kündigte sich bereits Monate zuvor an. Doch trotz der offensichtlichen russischen Kriegsvorbereitungen kam kein konstruktives Gespräch zwischen den Konfliktparteien zustande. Vielmehr hatte ich den Eindruck, man wollte auf beiden Seiten den Krieg.

Mit dem Kriegsausbruch wurden sämtliche Corona-Experten, die zuvor Fußballexperten waren, zu Generälen, die die richtige Strategie aus dem Handgelenk schüttelten. Mich erschreckte daran vor allem, mit welchem Eifer der Krieg allgemein begrüßt wurde, am liebsten wollte man gleich selbst an die Front eilen. Insbesondere verstörte mich, wie über Nacht aus besonnenen Leuten ergrimmte Sofakrieger geworden waren, die in abstoßender Weise verbal aufgerüstet hatten. Ich empfand es als eine Massenhysterie, die mich gleich der Mobilmachung Anfang August 1914 anmutete. Politik und Medien tönten unisono bellizistisch und Talkshow-Strategen wussten längst, wann die Russen aus strategischen Gründen zur ultimativen Warnung Atombomben über der Nordsee zünden würden.

Ende April initiierte Alice Schwarzer mit 28 Intellektuellen und Künstlern einen Offenen Brief an Bundeskanzler Scholz, in dem sie sich gegen Waffenlieferungen an die Ukraine als weitere Eskalationsstufe aussprachen. Obgleich der Offene Brief im Internet nachzulesen ist, interpretierten Medien und Politiker ihn quasi als eine Kapitulationserklärung einfältiger Pazifisten und Putinfreunde und diffamierten die Erstunterzeichner. Den Sofakriegern in den geschwätzigen dissozialen Medien war das Wasser auf die Mühlen ihrer Selbstgerechtigkeit, dementsprechend geiferten sie hinter der Sau her, die hier durchs mediale Dorf getrieben wurde. – Meute hier, Meute dort! – Weiter möchte ich nichts ausführen. Irgendwann werden einige wenige, die noch ein wenig Anstand besitzen sich für ihre Hatz schämen.

Inzwischen ist die helle Aufregung um den Krieg eh abgekühlt und stumpf geworden. Bis 18. Juli hatten 320.000 Menschen den Offenen Brief unterzeichnet. Vier Wochen später kamen gerade mal noch 20.000 Unterzeichner hinzu. Dafür lamentiert man allgemein über die katastrophalen Umstände, die der Krieg verursachte: Inflation, Hungersnot, Energiekrise, Rechtsradikalität, Hitzesommer und so weiter. Alle Unbill hat inzwischen ihren Ursprung in diesem Krieg und nicht im Tun und Handeln unfähiger Politiker, wobei die Ära Merkel als mitursächlich derart ausgeblendet wird, als wären wir die letzten sechzehn Jahre von Aliens regiert worden.

Jedenfalls begann ich, weil ich der ganzen Idiotie ein bisschen Nachdenklichkeit entgegensetzen wollte, ab 21. Mai Friedensongs in meinem Twitteraccount @Lotoskraft zu verlinken und jeweils einen kurzen Gedanken dazu zu formulieren. Jeden Tag ein Song und ein paar Sätze dazu. Das werde ich fortführen, bis der Krieg sein Ende findet. Ob es ein Frieden sein wird, weiß ich nicht. Zuviele Interessen kollidieren hier. Aber ein Ende des Mordens wäre zumindest ein Fortschritt.

Link zum Offenen Brief an Bundeskanzler Scholz

Link zur Chronik der Reaktionen auf den Brief

Nachstehend die Listung meiner alltäglichen Texte zu den von mir verlinkten Friedensliedern

Seitdem ich 1969 den Wehrdienst verweigerte, fragte ich mich: Wann „will“ man je verstehen …?

War ja nur ein hübscher Bursche, der andere Burschen nicht massakrieren wollte. Drückeberger nannte man sie zu meiner Zeit, als ich gezogen wurde…

Oh ja, von diesem Lied gibt es viele Cover-Versionen; gar so viele, dass wohl meine Absicht, bis zum Ende des tobenden Irrsinns rund um den Ukrainekrieg jeden Tag eine Version zu posten, aufgehen wird.

Was für eine Zeit wo man den Frieden und nicht den Endsieg herbeisehnte …

Ja, damals konnte man nicht genug von dem Friedensliedchen bekommen… Da ging gerade die Kubakrise glimpflich aus …

Wieder soll es Frieden werden. Und weil’s nicht so kommen will, verändert man den Text. Gut, mal sehen ob’s wirkt …

Ja, hier singt die Georgierin Katie Melua weiter vergeblich Frieden gegen den Kriegssturm …

Da rocken die Blümchen im Friedensturm mal so richtig bombig für die Sofakrieger …

Eine bombige aber ebenso traurige Version, den Frieden zu besingen. Zumindest meine ich, den Schmerz zu hören, wie er vom Wind verweht wird.

Pete Seeger schrieb dieses Lied 1955. Ein Jahr später wurde er vor den Ausschuss für unamerikanische Umtriebe zitiert. Ähnliche Ausschüsse wird es wohl auch hierzulande bald geben. Egal, ich spreche nicht für den Krieg, sondern singe mit Pete für Frieden!

Wenn Iren vom Frieden singen, wissen sie was sie damit meinen. Jeder Tag Krieg ist ein Tag zuviel.

Munter, wie diese Burschen den Frieden herbeisingen, so könnte es fast klappen!

Wann werden wir wieder zur friedlichen Vernunft kommen?

Was ein Glück, dass Deutschland seit 1945 vom Krieg verschont blieb, mit Ausnahme von 1953 Aufstand in der DDR, 1968 Prager Frühling, 1999 Kosovo Krieg und danach diverse Auslandseinsätze …

Gerade noch dem heißen Krieg durch die Gnade der späten Geburt entwischt, wissen Elvis und Freunde ziemlich genau, warum sie um des Friedens willen singen.

Stell dir vor, es ist Frieden, und niemand macht mit.

Seltsam um wieviel tiefer unsere heutige Kulturverlorenheit reicht, als wir einst erneut begannen, uns Kultur anzueignen. Ja, das Unheil erlangte bereits wieder Urständ, ehe es uns mit Krieg ansprang. Wolfgang Borchert – Dann gibt’s nur eins – Sag NEIN!

50 Jahre, nachdem Bob Dylan dieses Lied zum ersten Mal sang, stand die Frage immer noch im Raum, wieviel Zeit noch vergehen muss, bis wir dem Wind lauschen, auf dass wir erkennen.

Ja, so forsch kann Frieden sein. Man kann es nicht laut genug in die Betonköpfe der Bellizisten singen. Ich dachte nicht, dass ich in dieser Serie noch bis zum Punk komme.

Frieden dröhnt …

Ein Schrei nach Frieden für alle „kriegsmüden“ Sofakrieger. Ich kann nicht glauben, dass es so ist, wie’s ist. Aber das konnte ich meiner Lebtag schon nicht …

Die Zeit zeigt es einmal mehr: Um für Frieden zu sein, braucht es mehr Mut, als mit den Wölfen zu heulen.

Nein, es ist keine rotzige Satire auf Marlene Dietrich, sondern nur der zaghafte Wunsch nach Frieden …

… und plötzlich ist Frieden!

Friede ist das Ende von Krieg … Je weiter weg das Ende ist, umso mehr Menschen werden massakriert. Letztlich aber endet jeder Krieg.

Frieden hat zurzeit nur eine dünne Stimme ­– doch für sie muss sich später niemand schämen. Aber auch die, die Krieg geschrien haben, werden sich nicht schämen.

Weinen wir um den Frieden …

Waffen schaffen keinen Frieden … eigentlich simpel – oder?

Auch dazu braucht es Frieden … glaubt mir!

Keine Panik im Orchester … Frieden gibt es erst, wenn kein Hahn mehr kräht!

Wie viele Menschen müssen verrecken, wie viele Städte verheert sein, damit Frieden einkehren kann?

1994 retteten Die Ärzte mit dem „Friedenspanzer“ noch die Welt (ironisch). Jetzt häufen sie nur noch mehr Leichen- und Schuttberge … Allein Verhandlungen bringen am Ende Frieden!

Sind WIR im Krieg? Ich höre immer mehr politische Knallchargen, die das sagen. Egal, wo wir sind, offensichtlich haben wir unseren Frieden verloren. Wer ihn finden will, suche ihn bei sich. Der Weg zum Frieden ist geradlinig.

Kriege werden angezettelt, lange bevor sie scharf sind. Frieden wird dafür lange zuvor leichtfertig aufgegeben. Denkt man, wie Merkel es empfahl, alles vom Ende her, müsste man beim Frieden anfangen.

Was verstehen wir nicht? Wir, die meinen …? Es sind massakrierte Menschen, zu denen wir meinen …! Frieden bewahrt all jenen, die noch nicht massakriert wurden, das Leben.

Ja, Frieden hat oft eine fürchterliche Performance – man beachte das vagabundierte Peacesymbol -, dennoch auch ein schlechter Frieden ist ein Kriegsende.

… auch ein chaotischer Frieden ist mir recht, Hauptsache das Morden ist vorbei.

Vom seit Jahrhundert friedlichen Gstaad aus wirken die pathetischen Fragen geradezu frivol. Doch Frieden ist so eigen, dass er erst kommt, wenn Menschen und Länder ausgeblutet sind.

Solange vermochte noch niemand zu kriegen, bis dass der Wunsch nach Frieden weggebombt hätte werden können.

’s Liadl dat a auf’n Friedn passn, wei den homa voa lauta Gia un Seibstsucht emso längst valoan …

Ja, wir können auch den Wunsch nach Frieden travestieren …

Nein, Frieden kann auch nur eine Weise, eine friedliche Weise sein.

… und ist endlich Frieden, wird immer noch kein Frieden einkehren. In Deutschland währte es keine 10 Jahre, bis es wieder zur allgemeinen Wehrpflicht für Männer kam.

Wieviel ermordete Menschen braucht es, bis man über Frieden sprechen kann – oder darf?

Klingt so zaghaft, als dürfte man nicht über den Frieden sprechen … Frieden braucht starke Stimmen, stärkere Stimmen als der Krieg!

Letztlich hat der Frieden jeden Krieg abgelöst – und das meist dauerhaft … auch ohne große Worte – so wie hier mit dieser Weise.

Frieden ist überhaupt großartig – hier klingt er auch so … als wäre es ein Notruf … Der Ruf nach Frieden ist stets wahrhaftige Not!

Ein verspielter Frieden ist mir allemal lieber als ein verspielter Frieden!

Wer für den Krieg redet, will keinen Frieden; ja er fürchtet den Frieden. Nur wirklich begründen kann er seine Friedenphobie nicht.

Krieg führt niemals zum Frieden, sondern endet allenfalls durch ihn.

Warum ist uns Krieg soviel wert, dass wir nicht über Frieden sprechen wollen? Warum ist uns Frieden so wenig wert, dass wir lieber über Krieg sprechen?

Hat Frieden einen Preis? Ja! Mord, Mord und nochmals Mord. Und erst wenn die Mordlust bitter gestillt wurde, ist der Preis entrichtet!

Am Ende eines jeden Krieges gibt es Sieger und Besiegte. Beide Kriegsparteien willigen in einen Frieden ein. Die ermordeten Menschen waren ihre Bauernopfer …

Krieg ist im Gegensatz zum Frieden Mord und Totschlag. Was spricht da gegen Frieden?

Frieden ist so bösartig! Er wartet einfach ab, bis auch der letzte ermordet wurde, der für ihn nötig war – verrückt? Oder nicht?

Frieden ist doch nur was für Warmduscher … oder? Verrecken, sich zum Krüppel schießen lassen, ist einfach cool … Komm, sei kein Weichei, schmeiß Deine Flinte ins Korn, geh nach Hause!

Frieden ist nie lächerlich …

Frieden ist offensichtlich nicht so lukrativ wie Krieg …

Auch wenn die Stimme brüchig wird, der Ruf nach Frieden ist stark. Der Weg zum Frieden ist das Gespräch, alles andere ist Krieg.

Frieden ist nichts für Feiglinge …

Wer den Frieden auf morgen verschiebt, bejaht den Mord vieler Menschen.

Frieden braucht Seele … Soul eben. So klingt Vorfreude auf Frieden … derweil noch gemordet wird … leider … Wir sind so schrecklich dämlich …

Und weil’s so schön war, gleich nochmal. So wird das was mit dem Frieden …

Heute starben wieder viele Menschen in Kriegen rund um den Globus. Krieg kennt nur eine Sprache: morden! Frieden hat auch ohne Hashtag einzigartige Stimmen. Hören wir ihnen zu …

Es geht einzig um Frieden, und nicht um Krieg … Frieden ist ein Gespräch!

Himmiheagottsakramentnomoi, ez giabts endli an Friedn, es Deppn es greißliche …

Abertausend Menschen werden durch Krieg traumatisiert. Das Trauma verändert ihr Leben zum schlimmeren. Frieden heilt das Trauma nicht, doch er fügt keine neuen Traumata hinzu …

Wer für Frieden ist, holt sich derzeit schnell kalte Füße … Ja, Frieden ist kein Spaß!

Es geht um Frieden. Nicht um Krieg. Nur Frieden beendet die mörderische Raserei …

Wer kann noch tanzen, wer noch lachen, wer noch lieben? Frieden ist all das! Wer’s nicht kann, ist im Krieg geblieben …

Frieden beginnt, sobald die Unvernunft endet …

Krieg bringt nichts gutes. Frieden ist dagegen die Basis, auf der gutes gedeihen kann.

Zurück zu den Anfängen. Es geht um Frieden. Nur ein Frieden beendet das Morden.

Wer mit seiner Frau für den Krieg bei Vogue vor Ruinen posiert, der hat gewiss andere Sorgen als Frieden. Frieden wollen nur jene, die wissen, dass sie jederzeit ermordet werden können.

Weltweit gab es 2021: 355 Kriege. Frieden ist uns inzwischen so fern geworden, dass wir ihn in unserem eigenen Land leugnen. Das ist kein guter Weg.

Frieden braucht Disziplin. Wohl deswegen ist Frieden komplizierter als Krieg

Frieden ist eine eigene Dimension, die weder das Gegenteil noch die Abwesenheit von Krieg ist.

Frieden …? Was hat er für einen Wert, solange man glaubt, man kann ihn vorübergehend, um seiner selbst willen aussetzen?

Allein Frieden bewahrt Leben …

Frieden schließt manch „gutes“ Geschäft aus, das Krieg ermöglichen würde. Bezahlt wird mit Menschenleben …

Während des Krieges werden Felder in der Hoffnung bestellt, sein Brot in Frieden essen zu können. Manchmal erfüllte sich diese Hoffnung erst nach Jahrzehnten voll Elend.

Heute vor 77 Jahren fiel die 2. Atombombe auf Nagasaki. Sie beendete den II. Weltkrieg. Millionen Tote waren „nötig“, damit Frieden einkehrte. Wie viele werden den nächsten großen Krieg überleben …

Es geht nicht um Krieg, es geht um Frieden. Ja, für Frieden muss man streiten, er kommt nicht von selbst und bleibt ebensowenig von selbst

Allüberall galoppieren die apokalyptischen Reiter. Traumatisierte Missbrauchsüberlebende werden durch geschürte Panik schwer getriggert, ihr Leben ist gefährdet. Etliche töteten sich bereits selbst. Nur Frieden jetzt vermag uns wieder zu befrieden.

Frieden ist eine so große Sache, dass man sie, will man nicht scheitern, nur klein anfangen sollte …

Krieg ist grausam. Krieg ist Mord & Totschlag. Frieden ist nicht das Gegenteil von Krieg, sondern eine eigene, andere Dimension.

Es wird wieder Frieden … Doch dann wird es zigtausend traumatisierte Menschen geben, von denen etliche eine PTBS entwickeln werden. Frieden heilt keinen Krieg!

Frieden ist, wenn … 1965 saß ich 14jährig in Kneipen und hörte mir von traumatisierten einstigen Soldaten deren Kriegserlebnisse an. Im Gegenzug spendierten sie mir Bier.

Mit der Zeit steigt die Zahl der im Krieg ermordeten Menschen. Zeit kostet Leben. Nehmen wir uns die Zeit und sprechen über Frieden …

Machen sich die Mächtigen Gedanken, wie sie die Ohnmächtigen dienstverpflichten können, werden sie die Wehrpflicht wieder einführen und sagen, es geht nur um Frieden.

Stell dir vor es ist Frieden … und abertausende vom Krieg traumatisierte Menschen müssen lernen, weiterzuleben. Was für eine grauenvolle Vorstellung. Was für eine Wirklichkeit!

Friedenslieder sind Seufzer der Hilflosigkeit … dennoch zwischen zwei Kriegen herrscht Frieden und wartet darauf, erneut mit Füßen getreten zu werden. Wer tritt mit?

Sollten wir in der Tat die Krone der Schöpfung sein, so ist Krieg die Krone unserer Dummheit. Ein Friedenslied mit viel Pathos von Udo Jürgens selig. Aber ja, auch der Frieden kann Pathos ertragen …

Auch der 30jährige Krieg endete 1648 mit einem Friedensschluss. Nur selten wartete man so lange auf Frieden. Doch solange sich das Morden „rentiert“ hat Frieden keine Chance.

Frieden? Ach ja, bald, demnächst, ist nicht so wichtig, wir haben da noch was in der Pipeline … Ach, kostet nur ein paar Menschenleben. Ja, die Katze geht auch noch mit drauf …

Noch immer versprechen sich Mächtige was vom laufenden Krieg. Also gießen sie eifrig weiter Öl ins Feuer, damit der Krieg heiß und der Frieden fern bleibt.

Durch Kriege wurden – abgesehen von den Toten und Verkrüppelten – viele Menschen arm und ein paar wenige reich. Gleichwohl beugen sich die Verarmten, wie sie es durch alle Zeiten hindurch taten.

Der idiotische Glaube an einen Endsieg führt nie zum Sieg, sondern in den Untergang. Die Ultima Ratio ist einzig Frieden …

Lose Gedanken zur Gedankenlosigkeit

Gedankenleere © M. Mala

Ein Kapitel aus meinem Buch „Irrwege zur Spiritualität“

Wer Erleuchtung sucht, die Magie beherrschen will, sein Ego verlieren und im göttlichen Bewusstsein baden möchte, der sollte seine Gedankenmühle anhalten und sich in gedankenlose Seligkeit stürzen. Jedenfalls soll, glaubt man der Behauptung der Meister, Gurus und Weisen, Gedankenstille der Schlüssel zur wahren Spiritualität und damit der Weg zur Glückseligkeit, zur Erleuchtung und magischen Allmacht sein. Mit ihr sollen himmlische Harmonie und Schalmeienklang das Dasein versüßen und uns an dessen Ende ein „kerngesunder“ Tod samt endgültiger Himmelfahrt erwarten. Ein Tor also, wer weiterhin gedankenvoll seiner hartnäckigen Ichzentrierung frönt.

Die rechte Art zu fragen

Für gewöhnlich provoziert eine solche Behauptung meist Fragen wie: „Bewirkt Gedankenstille tatsächlich solche Sensationen? Wie erreiche ich Gedankenstille? Wie bewahre ich Gedankenstille? Werde ich meine Frau oder meinen Mann noch lieben, wenn ich ohne Ego und erleuchtet bin?“ Seltener wird die Frage gestellt: „Warum soll ich überhaupt Gedankenstille erreichen? Ist das Ego der Gedanke? Weshalb sollen fehlende Gedanken göttliches Bewusstsein provozieren? Wieso hindern Gedanken spirituelle Wahrnehmung? Wer verfügt über die magische Macht, wenn das Ego nicht mehr ist?“ Diese zweifelnden Fragen ließen sich beliebig erweitern. Tut man dies, demontiert man womöglich am Ende sein Ego sogar noch etwas mehr als mit jedem weiteren Versuch, seinen Gedanken Einhalt zu gebieten.

Erheblich ist zweifellos die Frage: “Warum soll ich Gedankenstille erreichen?“ Spannender ist jedoch die Frage davor: “Warum soll Gedankenstille überhaupt erstrebenswert sein?“ Wie konnte in der Religionsgeschichte überhaupt die Ansicht entstehen, dass das Denken göttlicher Inspiration hinderlich sei?

Drei Momente für die Annahme, dass uns Gedanken von der Wahrheit abhalten.

Opium für das Ego.

Ein Moment rührt sicher aus der Beobachtung, dass wer nicht mehr denkt, entweder tot oder bewusstlos ist. Wer aber ohne Gedanken wach, aktiv und bewusst ist, müsste folglich Tod und Bewusstlosigkeit überwunden haben. Es ist eine archetypische Vorstellung von Seligkeit, die sich in dieser Vorstellung verbirgt. Denn durch alle Zeiten hindurch waren und sind Gedanken die abbildende Rekapitulation alltäglicher Nöte, Sorgen und Hoffnungen. Stehen sie still, stehen auch die Sorgen still, und die Welt ist heil. Zeitlosigkeit stellt sich ein; sie aber ist ein Merkmal der Ewigkeit, die wiederum eine Eigenschaft des Göttlichen ist. Sprich, ein Ende der Gedanken bedingt ein Ende irdischer Not auf Erden. Wer seine Not nicht denkt, hat sich aus ihr befreit. Aus diesem Grunde meinte Karl Marx: „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“ In diesem Sinne könnte man mich, als jemanden, der die Mystik und damit mittelbar religiöses Streben bedient, einen Opiumbauern schimpfen. Sei’s drum, der Religiöse schlägt sich den Strick stets selbst, mit dem er sich rückbindet.

Vom paradiesischen Bewusstsein.

Ein zweites Moment ist womöglich das auf Selbstwahrnehmung basierende Empfinden, dass neben den Gedanken eine Bewusstheit existiert, die uns in ganz anderer Weise an der Welt teilhaben lässt. Rausch und Schlaf sind hiermit nicht gemeint, obwohl beide als verwandte Stufen dieser „stillen Bewusstheit“ aufgefasst werden können. Sie ist vielmehr eine ungedachte Wahrnehmung, die parallel sowie unabhängig vom Denken geschieht. Das Erkennen und Behaupten einer stillen Bewusstheit dürfte eine archetypische Prägung sein. In ihr schwingt etwas von jener frühkindlichen Glückseligkeit mit, deren Verlust mythisch mit der Vertreibung aus dem Paradies gleichgesetzt wird.

Ich und Du, der Beginn gottgleicher Spiegelung.

Dieser Archetyp verstetigte sich im Mythos vom Baum der Erkenntnis, respektive in der Sage von Prometheus, der den Menschen das Feuer brachte.[1] Ein Mythos, der sich in vielen Religionen wiederholt. Er ist das dritte Moment, das uns Gedankenstille als Gottesnähe behaupten lässt. Denn der menschliche Erkenntnisprozess fußt auf der Manifestation der Dualität: hier Mensch dort Gott, oder das Ich als das der Welt Gegenübertretende. So ist das Ich vom Du und damit das denkende Bewusstsein von der Welt abgesondert. Die Welt ist das wahre Ganze, das Ich ihr beschränkter Rezeptor. Ich ist somit das Fragmentierte, Nicht-Ich hingegen das Heile.

Das Ergebnis der Betrachtung dieser drei archetypischen Momente stiller Bewusstheitswahrnehmung: Das Denken ist das Weltbeschreibende, aber nicht das Weltwahrnehmende. Bliebe das Denken still, wäre Wahrnehmung und Welt ein und dasselbe, die Dualität wäre aufgehoben und wir wären nicht mehr gottesebenbildlich, sondern gottgleich. Diese Annahme ließe sich noch sehr viel tiefer differenzieren. Der Hinduismus hat es für sich bereits getan, und mit dem Yoga kamen seine Denkgebäude auch gen Westen. Mouna, das Schweigen, ist die Disziplin der Munis, die ihr Denken nach Belieben anhalten und wieder in Gang bringen können. „Antar Mouna“ nennen sie die Stille, in der sie gedankenlos weilen, „Chidakasha“ ihren Bewusstseinszustand, der dem allesdurchdringenden absoluten Bewusstsein entspricht und sie mit Brahman, dem höchsten Prinzip, vereint.

Die Katze beißt sich in den Schwanz.

Am Prinzip aber ändern alle religiösen Spitzfindigkeiten nichts: Das Axiom Gedankenstille gleich Erleuchtung bleibt im Kern erhalten. Aber dennoch, einmal abgesehen davon, dass sich das Denken selbst verneint, bleibt außer dem Erahnen der drei archetypischen Momente nichts Fassbares, das dieses Axiom bestätigt; außer der wiederholten Behauptungen der Gurus, Meister, Munis und Mystiker. Warum aber sind so viele Menschen bereit, ihnen zu glauben? Noch dazu, wenn der Unerleuchtete nie wissen kann, was Erleuchtung ist. Darum sparen wir dieses Phänomen auch hier aus und widmen uns weiter den rauschenden Gedanken. Bedenken wir, ehe wir als brave Schüler zu Füßen der Meister unser Denken verneinen, welch großartiges Instrument das Denken ist! Denken wir dabei nicht an die Wissenschaften, die Kunst, die Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme, vernachlässigen wir auch das Gute wie das Böse, das die Menschheit in die Welt hineindachte, denken wir dagegen nur an die wunderbaren Götter und himmlischen Gefilde, die wir durch unser Denken kreierten, ja für die wir bereit sind, unser Leben zu opfern. Welch kosmische Kraft muss also das Denken sein, das uns sogar dazu bringt, uns selbstverneinend aufzugeben. Ja, eigentlich müsste das Denken gar eine göttliche Eigenschaft sein, wäre es nicht so ersichtlich an Zeit und Leib gebunden.

Das sind zwar beachtliche, gleichwohl sinnwidrige Gründe, warum Suchende Gedankenstille für sich erstreben. Sinnwidrig deshalb, weil es das Denken selbst ist, das zur Ruhe kommen möchte. Das Denken aber ist der Denkende, der den Zustand bedachte, an dem er nicht mehr ist. Eine Sache, die zwar wie jeder andere Unsinn auch bedacht werden kann. Das Ergebnis solcher Nachdenklichkeit kann jedoch niemals das Bedachte, nämlich die Gedankenstille, sein. Was also mag es sein, das Menschen dazu drängt, sich dennoch einem solch vergeblichen Unterfangen auszusetzen?

Drei Gründe dafür, sein Denken ersticken zu wollen

An erster Stelle mag tatsächlich der harmlose Wunsch nach Erleuchtung stehen. Ein zunächst undefinierter Wunsch, der aus einer religiösen Grundstimmung heraus entsteht. Man möchte dem Heiligen nahe sein, womöglich mit ihm eins werden. Durch die eigene Vervollkommnung soll auch die Welt insgesamt vollkommener werden.

Bei der Beschäftigung mit dem Weg dorthin wird schnell das eigene Ich als die zu überwindende Barriere erkannt, wobei Ego und Denken als deckungsgleich angenommen werden. – Was sie jedoch nicht sind, wenn man auch andere nicht von der Sprache belegte Hirnareale als egoprägend hinzuzieht. – Gründet doch die Ablehnung des Denkens meist auf der Vorstellung, dass es mit dem Verworten der Welt, der ständig selbstreflektierenden Erlebnisbeschreibung identisch sei. Dabei ist das wörtliche Denken nur ein Aspekt der Denkleistung. Bildhafte, sensorische, emotionale und vor allem unbewusste Reflexionen bilden quasi das Hintergrundrauschen, vor dem das wörtliche Denken geschieht. Ja streckenweise stellt das Gesumme auch eigenständige Denkprozesse dar.

Sein Seelenleid im Nichts verlieren.

Wenden wir eine solche abgestufte Betrachtung auf Denken und Ego an, wird rasch deutlich, dass mit Gedankenstille nur Wortlosigkeit im Oberstübchen gemeint sein kann und dass Egolosigkeit demnach lediglich den Stillstand der Selbstreflexion bedeutet. Das das Du kontrollierende Ich scheint still zu sein. Der Beobachter scheint mit dem Beobachtenden eins zu sein. Womöglich aber trügt nur der Schein, weil sich das Ego für wenige Augenblicke einmal nicht in selbstreferenzieller Betrachtung ergeht und sich – weil selbstvergessen – gerade einmal nicht selbst kontrolliert. Dies wäre in der Tat ein ungewohntes Selbsterleben, das als außerordentlicher Bewusstseinszustand begriffen werden könnte, selbst wenn es nur einen banalen Perspektivwechsel provozierte.

Süße Qual des Vergessens.

Ein zweiter Grund, sich von sich selbst in die Erleuchtung verabschieden zu wollen, zeitigt durchaus neurotische Züge. Jedenfalls ist es schon ein merkwürdiger Wunsch, sein Selbst überwinden und sein Ego verlieren zu wollen. Selbstlosigkeit durch Selbstverneinung ist ein üblicher Terminus; deutlicher bereits der buddhistische Begriff vom Selbstauslöschungsbegehren[2]; seltener, dafür treffender formuliert, spricht man von religiös verbrämter Autoaggression. Es ist ein umgeleiteter suizidaler Wunsch, anstatt vom Hochhaus springt man ins Nirvana. Die Motive, warum ein Mensch sich selbst entsagen möchte, sind vielfältig; fehlende Liebe, mangelnde Anerkennung und verweigerter Respekt bedingen fehlende Selbstachtung, die in Selbstverachtung mündet. Es ist der Schatten einer elenden Kindheit, der das Gemüt verdunkelt. Die Überwindung des eigenen Ichs zu glorioser Selbstherrlichkeit, sprich Erleuchtung, erscheint da als ein hübscher Ausweg aus der Misere. Ein heldenhafter Hieb mit dem Schwert der Meditation, und dem Ego purzelt sein Haupt vor die Füße. Doch schon mit dem Ausholen schlägt die zweite Schneide des Schwertes eine klaffende Wunde in das Haupt des Henkers, sprich in die Psyche des sich selbst Entsagenden. Denn da das Vorhaben für gewöhnlich misslingt, nährt es den vorhandenen Selbsthass. Schließlich ist aus dieser Sicht ein sich nicht selbstentsagendes Ego ein versagendes Ego. Die Folge ist ein obsessives Verhalten, bei dem der Zwang zur Selbstverleugnung letztlich soweit siegt, dass man sein Selbst dauerhaft ignoriert und sich daraufhin ebenso beständig in Gedankenstille wähnt.

Allerdings bedarf es nicht zwingend einer traurigen Kindheit und Jugend, um den Wunsch der Egolosigkeit bis zur wirksamen Selbstvergessenheit zu pflegen. Eine fehlgeleitete masochistische Neigung genügt, um sich in gleicher Weise zu verneinen und zu kasteien. Betrachten wir hierzu nur die monastischen Übungen der Selbstkasteiung zwecks seelischer Läuterung und Verklärung im Westen wie im Osten. Dabei werden Körper und Seele malträtiert und der Schmerz als das wesentliche Moment verherrlicht, das das Ich verlöschen und die Gedanken versiegen lässt. Das Motiv mag sich von Mal zu Mal unterscheiden, das Gebaren bleibt indessen gleich: Selbstverachtung und Selbstmissbrauch als Mittel zum Zweck der Gedankenstille. Wobei auch hier gilt, dass die Mittel den Zweck bestimmen.

Die erwähnten psychischen Konditionierungen weisen auf eine dritte Ursache, warum sich so mancher den Zustand der Gedankenstille ersehnt. Es ist eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Verdecktes Grundmerkmal dieser Störung ist eine Selbstentfremdung und hierdurch bedingte mangelnde Eigenliebe. Hieraus resultieren unter anderem Größen- und Kleinheitswahn. Diese manischen Erscheinungsformen begünstigen das Verlangen nach Erleuchtung. Zum einen verspricht der Status eines Erleuchteten Ruhm und Ehre, zum anderen darf die eigene Nichtigkeit als Ausweis wahrer Demut weiter gepflegt werden. Das heißt: Durch das Bemühen um Gedankenstille kann man seine Störung kultivieren und leidlos konservieren.

Aber auch andere psychische Störungen begünstigen dies seltsame Streben nach egofreier Herrlichkeit, beispielhaft seien Burnout-Syndrom, posttraumatische Störungen oder phobische Ausformungen wie die Furcht vor Sterben und Tod erwähnt. Die Flucht in die Erleuchtung erscheint hier als Weg der Erlösung, dem Leid wird sein Bezugspunkt, das Ego, entzogen.

Vergebliche Versuche, sich zu enteilen

Das alles sind zweimal drei gute Gründe dafür, warum man „sich enteilen“ möchte. Nur wohin enteilt man sich wirklich? Wer findet sich in der Gedankenstille wieder?

Es wird stets der Enteilende sein, der sich am Ziel einholt. Gedankenstille ist eine Vorstellung des Denkenden. Nur wer denkt, kann Gedankenstille wollen, bewirken und bemerken. Es ist allein der Denkende, der seine Gedanken kontrolliert, sie sich verbietet, sich ihnen entsagt. Es ist der Denkende, der bedenkt, dass sein Denken Leid bedeutet. Doch es ist einzig sein Leid, nicht das eines anderen, auch nicht das eines Denkenden hinter dem Denken und erst recht nicht das jener Egoanteile, die, weil ungedacht, auch unbedacht bleiben. Der Denkende wird sich also niemals selbst entkommen. Würde wirklich Gedankenstille herrschen, gäbe es keinen Denkenden mehr und somit niemanden, der diesen Zustand reflektieren könnte. Gleiches gilt für das Ego; wobei, wie bereits angedeutet, das Ego nicht allein mit dem wörtlichen, bildlichen und emotionalen Denken verknüpft ist, sondern auch mit einer unspezifischen psychosomatischen Identität, vergleichbar mit dem Freudschen „Es“. Da aber der Denkende den Moment seiner Selbstauflösung zwingend beobachten muss, um sich sicher zu sein, dass sein Denken ruht, wird er selbst auch dann noch lauernd präsent sein, wenn er glaubt, seine Tätigkeit eingestellt zu haben.

Und fürwahr führt solches Sich-Enteilen in den Wahn. Der Denkende kontrolliert sich so sehr, dass er in der Tat seine Gedanken vor sich selbst unterdrücken kann. Der Zustand solcher Selbstbetäubung ist gewiss eine psychische Sensation und lässt einen, da mit ihm die Dualität scheinbar verwischt, in die Vorhöfe transzendenter Sphären blicken. Vor allem aber vermittelt er die Illusion von All-Einheit, die das Ich sehr durchsichtig und leise, sich vor sich selbst verbergend, höchst aufmerksam registriert. Jedoch wieder zurück im alltäglichen Hamsterrad der Denkmühle wähnt es sich nunmehr über dem Geschehen und bewahrt die Distanz zu sich. Diese schizoide  Spaltung aber deutet es für sich, da es zweifelsohne ein außergewöhnlicher, wenn auch nur verdrehter Zustand ist, als die Manifestation dauerhafter Erleuchtung, sprich Egolosigkeit. Ich nenne diesen Zu-stand „Erleuchtungsneurose“.

Doch wäre ich nicht der, der ich bin, gäbe es nicht zum Ende meines Spottgesangs auf die Gedankenstille die Umkehrung des Gesagten, indem ich Gedanken dazu künde, wie doch gehen könnte, was nicht geht, denn im Paradoxen liegt nun einmal der wahre Zugang zur Magie, und mit ein bisschen Zauber stellt sich bekanntermaßen gelegentlich auch ein, was sich gemeinhin nicht einstellen kann.

Empfehlungen für nichts und niemand

Aus Kavernen blitzt der Geist.

Halten wir fest: Gewollte Gedankenstille gibt es nicht. Was es gibt, ist die Möglichkeit, einen Gedanken zu Ende zu denken. Ist er zu Ende gedacht, entsteht entweder sofort ein neuer Gedanke oder das Denken ‑ speziell das Arbeitsgedächtnis ‑ ruht für eine Weile. Ruht das Denken, ist es nicht still. Es denkt nur nicht. Das assoziative Feuerwerk präkognitiver Präsenz sprüht derweil im Hintergrund prächtig weiter. Nennen wir diese Ebene „ruhendes Denken“. Jeder sensible Mensch kann dies bei der Beobachtung seines eigenen Denkens bemerken. Ehe ein Gedanke entsteht, gibt es einen nonverbalen Impetus, der zum Keim des Gedanken wird. Er bewirkt eine geistige Präsenz, die dem Gedanken Raum gibt, noch ehe er gedacht wird. Das Denken selbst ist dann häufig nur die strukturierte Abbildung dessen, was zuvor durch einen Impuls ins Bewusstsein blitzte. Neurobiologen konnten diese Präsenz vor dem bewussten Gedanken jüngst nachweisen. 500 Millisekunden sei die Differenz zwischen dem Handlungsimpuls und seiner bewussten Wahrnehmung. Ihre Schlussfolgerung war allerdings seltsam: Sie behaupteten nämlich, das Ergebnis ihrer Forschung belege, dass der Mensch keinen eigenen Willen besäße. Nun ja, das mit dem freien Willen wäre diskutabel, doch darüber sinniere ich wohl besser an anderer Stelle.

Wo Gedankenstille zu Hause ist.

Bleiben wir also bei der Gedankenstille. Gibt es so etwas wie eine präkognitive Wahrnehmung oder Präsenz, also eine Bewusstwerdung vor dem Denken, welche das Denken erst nachträglich erfasst und nachbilden kann, dann entspräche dies einem Bewusstsein vor dem Denken; dann schöpfte dieses Bewusstsein aber aus der Gedankenstille, einer Ebene vor dem ruhenden Denken. Das würde bedeuten, Gedankenstille ist ‑ da dem Gehirn immanent ‑ eine ursprüngliche Selbstverständlichkeit. Das Hecheln nach ihr wäre deshalb die Hatz nach einer Schimäre.

Ich nehme dies an. Denn aus meiner Selbstbeobachtung erfahre ich, dass die präkognitive Präsenz der Quellteich meiner Intuition ist. In ihn ergießt sich aus dem Quellmund der Quellstrahl. Er ist mein „Fühler“, über den ich „Führung“ erfahre. Dieser Born ist mein Lebensquell, er ist mein stiller Begleiter oder meine wahre Identität, die nicht mein Ego ist, sondern meinem Ego ein unbekanntes und unfassbares Gegenüber. Aus diesem Grunde ist mein Sagen darüber im Grunde Schweigen, und so viel wie an dieser Stelle habe ich bislang selten darüber mitgeteilt.

Sehen, was ist.

Eine Möglichkeit, seinen Blick auf das Unmögliche zu lenken, besteht vermutlich darin, dass man das Ziel Gedankenstille aufgibt und sich mit dem beschäftigt, was ist, nämlich ein rastloser Geist zu sein, der seine Gedankenmühle dreht und sich nach Einhalt sehnt. Lenken wir also unseren Blick darauf, dass unser Geist beständig schwatzt. Die Frage ist dann nicht: „Wie hört er zum Schwatzen auf?“, allenfalls kann zur Debatte stehen, warum das Schwatzen unablässig genährt wird. Doch selbst diese Frage führt nur zu weiterer geschwätziger Gedankenspielerei, jedoch zu keiner Einsicht. Einsicht wäre, wenn wir nichts weiter feststellten, als dass unser Geist schwatzt und die Gedanken uns und wir mit ihnen davonlaufen. Mehr ist nicht zu tun. Kein Ausweichen vor dieser Tatsache; kein Plan des Endens; nichts. Der Geist schwatzt. Mehr ist nicht, mehr gibt es nicht zu sehen. Es gibt keinen Ausweg. Auch präkognitive Präsenz ist kein Ausweg, denn sie hat nichts mit dem schwatzenden Geist zu tun. Was bleibt, ist nur das, was ist: ein schwatzender Geist. Das ist es.

Gehen wir so konsequent auf die Tatsache ein, kann sich etwas lösen, kann etwas geschehen. Doch was dann geschieht, ist und bleibt eine andere Dimension. Eine Dimension jenseits des Gedankens. Sie kann nicht geplant, nicht bedacht und nicht gewollt sein. Sie entsteht allein aus dem unbestechlichen Blick auf das, was ist. Dieser Blick muss Blick bleiben. Er ist kein Gedanke über das, was beobachtet wird. Er ist eins mit dem Beobachteten. Das Beobachtete ist der Beobachter. Dies ist Einsicht. Solche Einsicht gebiert unmittelbare Handlung. Sehen und Impetus sind eins. ‑ Lassen wir die sich anschickende Handlung geschehen. Sie wird konsequent anders sein als jedes vorbedachte Tun.

Aufmerksamkeit ist Achtsamkeit.

Eine weitere Möglichkeit, den Rhythmus der Gedankenmühle zu unterbrechen, ist Aufmerksamkeit. Auch sie ist ziellos. Sie richtet sich nicht darauf, dass wir aufmerksam sein wollen oder sollen. Solche Aufmerksamkeit wäre nur verrückte Disziplinierung. Denn die Aufmerksamkeit dafür, aufmerksam zu sein, würde alle Aufmerksamkeit verzehren. Wir stünden nicht nur zur Welt in Dualität, sondern würden uns in uns selbst in vielfältiger Dualität Aufmerksamkeit einfordernd bis zum Irrsinn zersplittern.

Wir können uns auch hier nur auf das beschränken, was ist. Entweder sind wir aufmerksam oder wir sind es nicht. Sind wir aufmerksam, geschieht nichts. Wir sehen, nehmen wahr und sind folglich in der Wahrheit. Hier müssen wir das Gesehene nicht bedenken, denn wir sind mit ihm eins. Sehen und das Gesehene sind voneinander nicht unterschieden. Tritt der Gedanke dazwischen, und denken wir, beschreibend oder aufzählend, was wir sehen, verliert sich die Aufmerksamkeit. Bemerken wir dies, kehrt Aufmerksamkeit zurück, ohne dass wir sie erzwingen. Wir wollen nicht aufmerksam sein. Wir bemerken nur unsere Unaufmerksamkeit. Mehr ist nicht zu tun. ‑ Gewollte Aufmerksamkeit ist unbemerkte Unaufmerksamkeit. Erkennen wir dies, werden wir bescheiden und verzichten darauf, uns zur Aufmerksamkeit zu drängen. Wir geben den Beobachter auf und lassen das Sein das Nichts beobachten. Gibt es hierbei eine Unterbrechung, sind wir bei uns und wissen um unsere Unaufmerksamkeit. Mehr ist nicht zu tun. Dann könnte es geschehen, dass Bewusstwerdung mehr ist, als den Inhalt seines Bewusstseins zu inventarisieren.

Der göttliche Trojaner in uns erwacht.

Erkennen wir, dass unser Bewusstsein stets begrenzt bleibt, müssen wir es nicht mehr durch erzwungene Stille entleeren, um es ins vermeintlich Grenzenlose zu heben. Denn dann, und dies wäre eine dritte Möglichkeit, das Unmögliche möglich zu machen, beschränken wir uns auf unsere Beschränktheit und lassen den Prozess einer Bewusstwerdung für sich zu, indem wir ihn nicht mehr verfolgen. Ich meine damit, die Wahrnehmung als eine das Ego unerreichbare Schwingung zuzulassen. Als ein Geschehen, das nicht einmal in uns, sondern in der Welt geschieht. Es ist die Selbstwahrnehmung des Geistes. Es geschieht durch sich selbst und ist sich selbst genug. In dieser Obsoleszenz erkennen wir womöglich augenblicklich die Illusion all unserer eitlen Konstruktionen. Dies wäre der Augenblick, in dem die Gedanken sich selbst loslassen und alle Kausalität endet. In diesem Augenblick leert sich das Bewusstsein und wird zum Gefäß für das, was sich in es hinein ergießt. Hierbei ist niemand mehr, der empfängt. Dies ist reine Bewusstwerdung. Sie ist ein Prozess der Schöpfung. Die Schöpfung bedient sich unserer Sinne. Die Welt betrachtet sich. Erkennt sich in uns. Heilsein ist.

Im Grunde habe ich damit schon viel zu viel gesagt. Denn jede Andeutung des Transzendenten ist ein Keim der Illusion. Schließlich sind diese Momente der Schöpfung keine Erlebnisse, denen wir beobachtend gegenüberstehen, sondern ein Geschehen, in dem wir aufgehen, in dem kein Beobachter mehr ist. Sobald wir uns wiederfinden, ist jedoch unser ganzes Wesen von diesem Geschehen durchdrungen. Es bleibt zurück und wird in Worte gefasst. Diese Worte aber sind nur ein Abbild vom Abbild. Es sind die gleichen Worte, mit denen wir den Weg zum Bahnhof beschreiben. Den Bahnhof werden wir nach diesen Worten finden, das Heilsein jedoch nicht. – Folgerichtig leitet uns jeder, der uns verspricht, uns auf den Erleuchtungsweg zu führen, in die Irre; und falls Sie meine Worte in diesem Sinne verstehen wollen, wäre ich auch für Sie ein solcher Scharlatan.

Nun habe ich Ihnen, zumindest nach meiner Absicht und meinem Verständnis, mit vielen Worten beschrieben, wie Sie den Weg zum Bahnhof nicht finden können. Falls Sie aber den Worten aufmerksam gefolgt sind, konnten Sie vielleicht die Schwingung erahnen, die diese Worte formten. Sie kann der Hauch sein, der sie so schauen lässt, dass Sie sich dort verlieren, wo Sie ankommen möchten. Seien Sie dabei sehr achtsam, denn die Täuschung wohnt in Ihnen. Sie ist das Ego, das sich staubkörnchenklein machen und mucksmäuschenstill verhalten kann. Es ist der nulldimensionale Punkt in Ihnen, mal zentral, mal als ein zig-fach verlinkter Zustand der Reflexion. Der Punkt, in dem sich die Schnittlinien Ihres Daseins kreuzen. Verteufeln Sie ihn nicht, seien Sie großmütig mit ihm, er ist ein nützlicher Idiot, einerseits Schwätzer, andererseits hervorragender Koordinator, aber er wird niemals derjenige sein, der durch das Tor geht. Darum bleiben Sie ziellos und achtsam, dann rückt Ihnen das Geschehen näher, als Sie ahnen. Haben Sie dazu noch eine Ahnung, was Schönheit und Liebe ist, und ist Ihnen die Tugend der Demut nicht fremd, sind Sie gut gerüstet für eine Wanderung durch ein pfadloses Land.


[1] Das Merkmal dieses Archetyps ist, dass mit der Erkenntnisfähigkeit der Mensch aus einem paradiesischen Zustand gerissen wird. Er erringt hierdurch zwar gottähnliche Züge, wird aber im Gegenzug mit Leid und Plage bestraft.

[2] Es wird Vibhava-Trishna (Skrt.) genannt und umschreibt das Verlangen, sein Selbst auszulöschen. Dies kann vereinzelt durchaus suizidal sein, da es aber meist ein nicht bewusstes Sehnen ist, sich restlos zu verlieren respektive seiner Welt zu entkommen, kann es sich auch hinter dem selbstsüchtigen Wunsch verbergen, sein Menschsein zu transzendieren.

8 Irritationen

Haiku © M. Mala

Nachstehende acht kontemplative Senryū wurden von mir jeweils zum Jahresende verschiedener Jahre verfasst. Jetzt wieder gelesen, konnten sie mich erneut bezaubern. Ein Senryū schildert im Gegensatz zum Haiku, dessen Augenmerk der Natur gilt, eine alltägliche Wahrnehmung oder Erlebnis.

1
Neues kehrt altes
Schicksal zur Beliebigkeit
Erschau dir was heut.

2
Wir sind weder Leib
Noch Seele, noch Geist, noch Gott
Es ist unsagbar.

3
Meine Träne fällt
In ein Meer reiner Weisheit
Ein Gedanke erblüht

4
Das Normale ist
Nur der Durchschnitt des Wahnsinns
Wer nimmt euch noch ernst.

5
Sich selbst verwechseln
Im glitzernden Lebenslicht
Frisch wie Morgentau.

6
Weiß alles besser
Weil ein gutes Mensch ich bin
Geht mir auf den Leim.

7
Sog ned, wos wean ko,
Wei dös wos is, dös langt scho
Füan ganzn Rest vom Lebm.

8
Der Hahn legt ein Ei.
Die Henne brütet es aus.
Ein Schicksal schlüpft aus.

Entwicklungslinien

Labyrinth Triangel © M. Mala

1977 beschloss ich Künstler zu werden. Ich begann, Landschaftsbilder mit Sepiatusche zu zeichnen, und verkaufte sie in Schwabing auf der Leopoldstraße. Sie verkauften sich recht gut. Ein Jahr später wollte ich mein Einkommen durch BAföG zusätzlich stabilisieren und bewarb mich dazu bei der Akademie der Bildenden Künste. Es war neben Günter Fruhtrunk vor allem Professor Rudi Tröger, der sich für meine Arbeit interessierte. Er meinte, ich solle den Bilderverkauf auf der Leopoldstraße aufgeben, die Straßenmalerei blockiere meine künstlerische Entwicklung. Dazu empfahl er mir das Aktzeichnen und die Übung an Stilleben. Ich tat, wie mir geheißen und fand mich kurz darauf beim Aktzeichnen wieder.

Die Modelle in diesen Kursen waren bereits vom Leben gezeichnet und folglich eine Herausforderung. Die Kursleiterin versuchte, unseren Blick auf die Modelle dahingehend zu öffnen, indem sie immer wieder anregte, nicht das Modell abzubilden, sondern die Luft um es herum, also quasi den Raum zu zeichnen. Nun, die Idee gefiel mir ganz gut, doch es haperte am Blickwechsel. Zu sehr hing ich am Körper und übersah seine Aura. Besonders ein Modell, eine ältere Russin, ging mir gegen Strich. Ich fand sie in ihrer Nacktheit abstoßend. Dementsprechend eindruckslos fielen auch meine Zeichnungen aus. Die Lehrerin erkannte wohl meine Not, und meinte, ich solle mich mehr heranwagen. – Keine Ahnung, was sie damit wirklich meinte. Doch ich sperrte mich noch mehr und da wir aber kein anderes Modell bekamen, beschloss ich schließlich, meine Aversion zu überwinden, indem ich das Modell so zeichnete, wie es mir in seiner ganzen Hässlichkeit erschien. Dieser Sprung in der Betrachtung weckte indes meinen Eifer. Mit einem Mal hatte ich echte Laune, sie zu zeichnen. Wie von selbst entstand ein Raum um sie und ihre Erscheinung vermittelte auf dem Blatt gar etwas verletzliches.

Die Kursleiterin war erstaunt über den Qualitätssprung meiner Zeichnungen, doch ihre Frage, was meine kreative Verwandlung ausgelöst habe, wollte ich nicht beantworten. Wer ist schon so frei und gibt zu, ich bilde diese arme Frau in ihrer ganzen Erbärmlichkeit ab; noch dazu wo es mir selbst offensichtlich war, dass sich meine Aversion nicht mit ihrer tatsächlichen Erscheinung deckte, sondern nur meiner überspitzten Wahrnehmung entsprang. Jedenfalls war dieser Durchbruch in meiner künstlerischen Haltung ganzheitlich. Von nun war ich derjenige, der die Gestaltung eines Bildes, Textes oder Objektes konzipierte und durchführte und sich nicht mehr von Stimmungen und Einwirkungen lenken ließ. Ich hatte zur Professionalität gefunden.

Nachdem ein Jahr vergangen war, stellte ich mich mit meiner Mappe erneut bei Rudi Tröger vor. Er sah meine Bilder und Zeichnungen lange an. Fragte nach dem Hintergrund des einen oder anderen Bildes. Interessierte sich für den Malprozess und gab mir schließlich die Mappe mit dem Kommentar zurück: „Das wird leider nichts mit uns. Sie haben sich zu sehr entwickelt. Sie sind ausgebildet, ich weiß Ihnen nichts mehr zu zeigen“. Beim Hinausgehen grüßte er mich mit: „Auf Wiederschauen, Herr Kollege.“

Tja, das schmeichelte mir nicht nur, sondern adelte mich geradezu, denn er bestätigte mir, was ich inzwischen auch selbst wusste, ich war zum Künstler geworden. Allerdings mein eigentliches Ziel, mein Auskommen durch zusätzliches BAföG zu arrondieren, hatte ich durch meinen Eifer, mir selbst die notwendigen Fertigkeiten beizubringen, verfehlt. Andererseits war das verfehlte BAföG kein echter Verlust, sondern allenfalls ein weiterer Ansporn; denn letztlich wurde mir meine Kunst zum Brotberuf, durch den ich seitdem mein Auskommen fand.

12 Haikus zum Frühling

Frühling © M. Mala

Zwitschernde Vögel
Zwischen Winter und Frühling
Halt Valentinstag.

Wildbienen purzeln
Im Liebestaumel durchs Gras
Der Frühling beginnt.

Später Schnee bedeckt
Das Windröschen am Waldrand:
Der Frühling verharrt.

Stumpf und welk das Gras
Gelb, braun, grün im Sonnenschein
Frostiger Märztag.

Trotz Sonnenflirren
Und verwehtem Wüstenstaub
Palmkätzchenblüte.

Strahlender Himmel
Schneeflocken und frisches Grün
April tanzt im Land.

Ein Storchenpaar kreist
Über schneefreien Wiesen
Kalter Frühlingstag.

Zwischen den Gleisen
Frisches Grün und braunes Gras
Löwenzahnblüte.

Bestellte Äcker
Zwischen hellgrünen Matten
Blühende Bäume.

Ein Storch sticht Frösche
Aus der Wiese. Der Zweite
Bebrütet das Nest.

Im Tal schon Sommer
Steige ich den Hang hinauf
Dem Lenz entgegen.

Die Blutbuche schmückt
Junges Laub tausendfach rot
Vor dem Finanzamt.

Goldene Hochzeit

Goldene Hochzeit © M. Mala

Für eine goldene Hochzeit muss man 50 Jahre verheiratet sein. Sie ist also kein Fest, dass man zweimal in seinem Leben begeht. 50 Jahre Ehe sind eine lange Zeit, für manche erstaunlich lang. Für meine Frau und mich, die wir am Monatsende goldene Hochzeit feiern werden, ist es eine hübsche Weile, die wir nun schon zusammen sind. Vor allem wir lieben und vertragen uns wie am ersten Tag. Ungelogen! Was besonders wichtig ist, wir mögen uns immer noch riechen. Ja, wir geben auch immer noch ein hübsches Paar ab. Das ist nicht selbstverständlich.

Eine gute Ehe … ach was, was können wir schon über gute Ehen sagen? Wir sind ja keine Eheberater, sondern nur ein Ehepaar, das sich gegenseitig respektiert. Wir sind uns in manchem ähnlich, in etlichem sehr vertraut und in einigem recht konträr. Sie mag die obere und ich die untere Hälfte der Semmel, was wir uns aber erst zur Perlenhochzeit also nach 30 Jahren Ehe eingestanden. Beim gebratenen Hühnchen mag sie das Bruststück und ich das Beinteil und zum Pinkeln setzt sie sich hin, während ich stehe. Durchaus beachtlich, denn in den 90er Jahren spann der feministische Zeitgeist von Gleichheit beim goldenen Strahl und manche Ehe zerbrach darüber. Vermeintlich! Sie zerbrach nicht daran, sondern am fehlenden Respekt. Seltsamerweise geht der bei vielen Paaren rasch flöten, weil sie es nicht lassen können, den anderen nicht nach ihrem eigenen Ebenbild formen zu wollen. Dort wo es dem einen oder anderen gelingt, ist die Ehe mit der gelungenen Angleichung vorbei. Der Schwung ist raus, bestenfalls langweilt man sich von da an gegenseitig zu Tode oder hasst einander ins Grab.

Gewohnheit ist ein weiterer Liebestöter in langjährigen Beziehungen. Sie ist wie Mehltau, der jede lebendige Zweisamkeit erstickt. Unbemerkt schleicht sie sich über Alltäglichkeiten ein und die Aufmerksamkeit füreinander verliert sich. Wir dürfen gemeinsam alt werden, doch sollten wir dabei nicht gemeinsam aneinander ermüden. Aufmerksamkeit für sich selbst steht deshalb davor. Wer sich selbst vernachlässigt, vernachlässigt auch seine Mitwelt, und die nächste „mit“ ist nun mal meine Frau. Ihr Lächeln ist meins. Ihre Liebe ist die meine.

Gleichwohl sollte man auch nicht die Würze der Leidenschaft vergessen. Wobei ich hier den herzlichen Streit als die leidenschaftliche Auseinandersetzung meine. Ich erinnere mich gut, wie wir uns am Anfang zusammenrauften, ein jeder Grenzen zog und überschritt, bis wir unsere Duldsamkeit füreinander, gegeneinander und miteinander erfasst hatten. Hieraus erwuchs zugleich auch unsere Distinguität als Brandmauer gegen unsere Mitwelt, gegen deren Destruktivität wir fortan gemeinsam anstanden. Wir hatten uns nicht nur zusammengerauft, sondern auch zusammengeschweißt.

Hierdurch waren wir auch gerüstet für die Wechselfälle des Lebens. Ein Kind kommt und stört die Zweisamkeit. Das Kind pupertiert und verlässt das Haus, man trifft wieder unmittelbar aufeinander. Unglücke geschehen und werden überwunden, Einschränkungen bleiben. Die Arbeit wandelt sich, neue Herausforderungen kommen hinzu, schließlich die Rente und manche Gebrechen, und wieder muss man sich zusammenraufen.

Das alles gemeinsam durchzustehen, ist nur möglich, solange die Liebe, das Zusammengehörigkeitsgefühl tief und verlässlich, wenn das Vertrauen wechselseitig und stabil ist. All das kommt nicht von alleine, sondern will gehegt werden, damit es bewahrt bleibt. So ist jeder Tag der Zweisamkeit eine geliebte Herausforderung, ein Dank und Gebet, auf dass der Schwung sich nicht verliert.

Wir beide, Dagmar und ich, haben uns gefunden als zwei seelenverletzte Menschen, die eine feindliche Kindheit und Jugend durchlebt hatten. Diese Deprivation prägte uns, und wird durchlitten gemeinsam eine schwere, lebensgefährliche Dekade, in der wir beide dem drogenbedingten Tod mehrmals nur zufällig entkamen. Schließlich wurden wir Ende der siebziger Jahre clean und begannen ein neues, drogenfreies Leben. Von da an durften wir einander – zutiefst vertraut – erneut entdecken, und diese Entdeckungsreise ist ohne Ende. Wir sind ein Stern geworden, der am Gründonnerstag 1972 aufging und seitdem leuchtet und den wir am 30. März in liebevoller Zuneigung erneut polieren.

Gendergaga

Diesen offenen Brief sandte ich heute an die Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst, deren Mitglied ich bin. Anlass war ein Rundbrief, der mit „Gendersternen“ übersät war und den ich deshalb nicht lesen konnte. Hier der Brief:

VG Bild-Kunst
z.Hd. Herrn Dr. Urban Pappi
Weberstraße 61
53113 Bonn

Ihre Informationspolitik per Exklusion und Gendergaga

Sehr geehrter Herr Dr. Pappi,
heute informierten Sie per Rundmail mit einem Sondernewsletter. Leider konnten Sie mich damit nicht informieren, denn Sie befleißigten sich einer ungehörigen Schreibweise, gemeinhin als Gendergaga bekannt. So beginnt der Newsletter: „Die Meldemöglichkeiten für Werke des stehenden Bildes wurden vereinheitlicht: Bildende Künstler*innen, Fotograf*innen, Illustrator*innen und Designer*innen“.

Wieso erdreisten Sie sich als mein Treuhänder, mir eine für mich unleserliche Mitteilung zu senden? Ich bin Asperger und kann solche Texte nicht rezipieren. Niemand hat die Wahrnehmungsgesellschaft, der Sie vorstehen, ermächtigt, sich in einer „artifiziellen Stammelsprache“ mitzuteilen.

Ich möchte Sie daher bitten, mir fortan nur Mitteilungen zu senden, die ich als Asperger rezipieren kann. Ihr Gestammel kann ich nicht lesen. Ich bitte auch darum, den Sondernewsletter in lesbarer Schreibweise noch einmal zu erhalten.

Da ich allerdings nicht annehme, dass Sie als „wokes“ Mitglied einer „woken“ Blase mein Anliegen auch nur annähernd verstehen und von daher ernst nehmen, habe ich diesen Brief zeitgleich in meinem Blog kontemplationen.wordpress.com veröffentlicht.

Mit freundlichen Grüßen

Covidiotie

Schlaganfall ©M. Mala

Ich bin ein Covidiot, jedenfalls in den Augen der Selbstgerechten, der Erwachten – der Woken, so nennt man sie gerade, ich nenne sie lieber Ann-Kathrin, wie die guten Menschen halt so heißen. Doch egal, offensichtlich hatte ich eine politisch inkorrekte Erkrankung, als ich am 17. Januar in einem engen zeitlichen Zusammenhang mit der Corona-Nachimpfung einen Schlaganfall erlitt. Er begann mit einer kaleidoskopartigen Verzerrung meiner Optik und mit einem einhergehenden heftigen Schwindel, begleitet von dem Gefühl, als hätte ich einen Krampf in meinem Oberstübchen. Da ich einen gleichartigen „Hirnkrampf“ schon zwei Wochen zuvor hatte, der Schwindel aber nach etwa zehn Minuten wieder abklang, verharrte ich zunächst in der Hoffnung, es ginge auch diesmal vorüber. Doch diesmal wollte nichts abklingen, vielmehr war der Schwindel samt Fallneigung nach links so stark, dass ich mich an der Wand entlangtasten musste, um nicht zu stürzen. So ergab ich mich dem Schicksal und sagte zu meiner Frau: „Schatzi, ich glaub, ich hab ‘nen Schlaganfall“, und beschrieb ihr kurz die Symptome; worauf sie sofort die Rettung anrief: „Mein Mann hat einen Schlaganfall!“. Es war 20:30 Uhr.

Wenige Minuten darauf waren die Sanitäter schon da und ebenso kurz darauf, hatten sie einen freien Platz in der nächsten „Stroke Unit“, zu deutsch „Schlag-Einheit“ gefunden. Eine viertel Stunde später, robbte ich bereits von der Trage auf die Pritsche des CT. Der Röntgenologe sah im Kleinhirn einen Verdacht auf Schlaganfall, der per MRT noch präziser visualisiert wurde. Daraufhin stand fest, ich hatte einen Schlaganfall erlitten. Die Ärzte begannen sofort mit der Therapie, indem man mir per Perfuser Lyse – ein Medikament zur Auflösung von Blutgerinnseln – verabreichte. Gegen elf Uhr wurde ich auf die Wachstation geschoben und verblieb danach für 72 Stunden in der Schlageinheit. Bis auf ein leichtes Taubheitsgefühl an der linken Wange überstand ich den Schlaganfall folgenlos.

Irritierend empfand ich freilich den Teil der Diagnostik, in dem mir mehrere zurückliegende Schlaganfälle, also wenigsten mehr als zwei, attestiert wurden. Meine Irritation verstärkte sich, als ich vom Mitpatienten im Zimmer, auf das ich verlegt wurde, erfuhr, dass er vierzehn Tage vor seinem Schlaganfall mit BioNTech geboostert worden war. Er war ein vierzigjähriger Mann, der zwei Jahre zuvor einen Gesundheitscheck ohne Auffälligkeiten durchlaufen hatte. Jetzt lag er mit konstantem Bluthochdruck von über 200, einer Hirnblutung und zwei Schlaganfällen im Krankenhaus. Seine Andeutung, ob es eine Korrelation zwischen Nachimpfung und Schlaganfall geben könnte, wurde von den Ärzten kategorisch verneint. Es war ein politisch inkorrekter Gedanke.

Drei Tage später auf der Heimfahrt vom Krankenhaus erzählte mir die Taxifahrerin, dass sie nach ihrer Auffrischimpfung ebenfalls auffällige Symptome hatte. So setzte bei ihr, obgleich längst in der Menopause, eine Blutung ein und auch sie sah Doppelbilder.

Anlass genug, um darüber nachzusinnen, wann denn bei mir die „unbemerkten“ Schlaganfälle geschehen seien. Erinnerlich war mir ein Schwindelanfall, den ich unlängst nachts erlitt. Ich musste bieseln und fiel aus dem Bett, weil ich vor lauter Schwindel oben und unten nicht mehr unterscheiden konnte. Also richtete ich mich auf, indem ich mich an einer Regalwange orientierte, die ich nach oben hin abtastete und mich dann den Weg zur Toilette und zurück ins Bett an der Wand entlang tastete. Damals suchte ich den Grund hierfür in privatem Disstress und meiner PTBS, die auch ursächlich für meinen chronischen psychogenen Schwankschwindel ist. Nur eine derart heftige Schwindelattacke hatte ich nie zuvor.

Jetzt durch den Schlaganfall aufgeschreckt, nahm ich mir meinen Kalender vor und stellte fest, dass ich mir damals knapp vier Wochen vorher die zweite Coronaimpfung verabreichen ließ. Zudem fand ich eine Notiz sechs Wochen später darüber, wie ich beim Schwimmen eine heftige Schwindelattacke erlitt. Auch hier empfand ich diesen seltsamen „Hirnkrampf“. Ich streckte mich dann auf dem Wasser aus und orientierte mich waagrecht wie eine Wasserwaage und horizontal mit Blick in den Himmel. So schwebte ich im Becken, bis der Schwindel vorbei war.

Nach der dritten Impfung mit BioNTech im Dezember war ich eine Woche lang so geschwächt, dass ich mehr oder minder sieben Tage durchschlief. Zwei Wochen später hatte ich den erwähnten heftigen Schwindel, der aber alsbald abklang. Danach erlitt ich dann den letzten Schlaganfall, den ich diesmal nicht verschlief. Somit sehe ich, wie nachstehend gelistet, eine zeitliche Koinzidenz – oder noch deutlicher eine naheliegende Korrelation – zwischen Impfung und Schlaganfällen.

21. Mai 2021: zweite Coronaimpfung BioNTech
18. Juni 2021: erster heftiger Schlaganfall, im CT als alter Schlag sichtbar. Ereignis festgehalten in meinem Kalender.
9. August 2021: zweiter leichter Schlaganfall, im CT als alter Schlag sichtbar. Ereignis festgehalten in E-Mail an Freundin

16. Dezember 2021: Auffrischimpfung BioNTech
30. Dezember 2021: leichter Schlaganfall, im CT als alter Schlag sichtbar.
17. Januar 2022: schwerer Schlaganfall, dokumentiert durch Stroke Unit.

Inwieweit dieser Zusammenhang auch ursächlich ist, steht auf einem anderen Blatt. Die Forschung scheint derzeit der möglichen Empirie auszuweichen; wie gesagt sie wäre momentan politisch inkorrekt. Jedenfalls habe ich meine Beobachtung dem Paul-Ehrlich-Institut online gemeldet. Ich erhielt nicht mal eine Eingangsbestätigung.

Dem Anlass entsprang zu guter Letzt folgendes Senryū:

Schwindel voll Schrecken
Oder flackerndes Lebenslicht?
Ein Schlag nach Impfung.

Noch ein Hinweis: Wer mehr über Impfnebenwirkungen bei Covid erfahren möchte, dem empfehle ich das Blog ScienceFiles. Hier der Link auf eine aktuelle Seite zum Einstieg in das Thema.

Unterbrechen

Unterbrechung © M. Mala

Wer seinen Weg geht, trifft auf Gabelungen, die eine Entscheidung fordern, in welche Richtung man weiter schreiten möchte. Wobei meist der Gedanke einer besseren Wahl ausmacht, in welche Richtung es geht. Als wenn es immer nur vorwärts, höher und vollkommener ginge? Mit derlei Annahmen setzt man sich nur selbst unter Druck, mit sich selbst in Wettstreit zu treten und sich und sein Leben zu optimieren. Wobei sich hierbei verschiedene Wesenszüge offenbaren, auch wenn es beim Ringen mit sich selbst nur selten unerwartete Entscheidungen gibt; es widerstreiten lediglich in der einen Person verschiedene Persönlichkeitsanteile und Selbstbilder. Eigentlich ein günstiger Augenblick, um sich selbst besser kennenzulernen. Doch dazu müsste man verharren, sich ein wenig Zeit nehmen, um mit sich selbst ins Gespräch zu treten. Ein Geschehen freilich, vor dem viele ein Leben lang davonlaufen; weshalb sie so gerne vom Weg als Ziel sprechen, als wäre, sich selbst zu enteilen, bereits ein Ziel.

Hinzukommt, dass selbst, wenn derlei Selbstbetrachtung glückt, es fraglich ist, ob auch der richtige Betrachter in einem den Blick auf die eigene Konstellation wirft. Schließlich besteht jeder Mensch mit seiner Persönlichkeit aus einem Konglomerat aus Widersprüchen, Unwissenheit, Meinungen und Perspektiven; dazu obendrein noch jede Art an Gusto, Lüsten, Moral und Moralinsaurem, das in seiner Mischung kaum einen vernünftigen, geschweige denn originären Gedanken zulässt. Die Person ist so gepackt und in sich verflochten, dass sie im Grunde keinen klaren Blick auf sich selbst zulässt. Einziger Ausweg aus diesem Dilemma bleibt, zu verharren. Keinen Schritt weiter, keinen zurück und auch nicht sich selbst zum Schiedsrichter seiner selbst erhöhen. Denn diese personale Annahme, mit der man sein halbes Leben gut bestritten hatte, ist die eigene Person, das Selbst und nichts anderes. Wir sind die Scharade unseres Selbst und lassen die Figuren spielen, indem wir uns gar einbilden, sie selbst zu sein. Und verflixt nochmal, es stimmt, wir sind es, das Bündel da an irgendeiner Weggabelung, sind wir selbst, unser Selbst, eine selbstverständliche Scharade.

Erfassen wir das in seiner Gesamtheit als unveränderliche Einheit, verliert sich die Weggabelung und mit ihr auch der Weg; denn durch die Gesamtschau entfällt die Notwendigkeit, sich zu entscheiden. Wir finden uns wieder – allein in einer Lebenslandschaft, die uns ausmacht und in der wir aus jedem Winkel zu erkennen sind, so wie wir uns wiederum in jedem ihrer Winkel selbst erkennen. Wir sind sowohl der Mittelpunkt des Universums als auch dieses unser Universum zugleich. Wir müssen nirgendwo hin, sondern sind da im Hier und Jetzt. Erlauben wir uns diese unverschämte, weil unverstellte Sicht, unterbrechen wir den üblichen Lauf der Dinge. Wir steigen aus dem Fluss, um in ihm zu bleiben. So lassen wir Wandlung zu. Nicht eine ausgedachte oder angenommene, sondern eine, die sich aus sich selbst und ihrem eigenen Impetus, nämlich der unbefangenen Erfassung seiner selbst, geschieht. Es ist eine Bewegung, die uns bewegt, sofern wir sie zulassen … können. Doch lassen Sie sie zu, werden Sie erfassen, dass es nicht Ihre Bewegung ist. Bitte bleiben Sie dabei bescheiden und eignen Sie sie sich nicht an, Sie würden sie andernfalls nur verlieren.

Nun denn, unterbrechen wir hier …

Harmonie ist wie Zucker und Salz

Haiga 2022 © Mattias Mala

Wir hatten die Wahl
Und haben sie verworfen
Gehen wir baden.

Mein Haiga zum Jahreswechsel zeigt in zwei sich gegenübergestellten Zweien, ein geöffnetes Herz, ein Gespräch zweier Personen oder eine Kluft. Es ist alles in ihm enthalten. Über die Problematik einer Wahl bloggte ich hier bereits 2013 (siehe Link); also bleibe ich bei dem Bild.

Es zeigt zwei Chimären, die eine rot mit Reißzähnen, die andere blau mit Schlangenzunge. Sie sind einander zugewandt, und in verschränkter, gleichwohl dissonanter Zeit verbunden. Es liegt an der Zahl Zwei, die die Jahreszahl dominiert. Sie gewichtet den symbolischen Kalender. Magische Tage wären demnach der 2., der 20. und der 22. Februar; wobei mir der 22.2.22 am besten gefallen würde. Selbstverständlich ist dieser Tag ebenso magisch wie jeder andere, sofern wir ihm einen Zauber verleihen und ihn hierdurch zauberhaft empfinden. Von der Zahlensymbolik her wäre er ein besonders weiblicher Tag, schließlich steht die Zwei für alles weibliche; dementsprechend werden ihr weibliche Metaphern wie die Erde, die Zwietracht, Tag und Nacht und alles andere Duale und sich rundende wie der Mond zugedacht.

Links zeigt das Bild mit dem roten Kopf einen Mann, denn rot ist der Mars, und mit dem blauen Kopf rechts eine Frau, denn blau ist der Himmel, den Venus schmückt. Zugleich werden beide von der Farbe ihres Gegenparts auf einer Woge getragen. In diesem Sinne vereint das Bild gegensätzliches, was von sich aus noch keine Harmonie bedeutet. Erst wenn Gegensätze zusammenwirken, entsteht Harmonie. Hierfür muss es neben dem Dissens auch Konsens geben. Beide sind für wohltönenden Zweiklang bedeutend. Wer den Dissens hingegen scheut – so wie das „Schneeflöckchen“ heute halten – der erstickt in Einheitssoße. Allein der Gegensatz ermöglicht Lebendigkeit. Das ist so simpel, dass es die Simpel von heute in ihren Blasen und Komfortzonen nicht wahrhaben wollen. Doch was soll’s, sie bleiben so flüchtig wie der Zeitgeist. Darum sollten wir es mit der letzten Zeile des Haiga halten und buchstäblich Badengehen, das entspannt und läutert Leib und Seele.

Kommen Sie gut in das neue Jahr, bleiben Sie gesund und verantwortlich für ihr Glück; beides liegt zuvorderst in Ihren Händen. – Übrigens Zucker und Salz, jede Speise rundet erst ihr Gegensatz: zum Salzigen gehört eine Prise Zucker und zum Süßen eine Spur Salz.

Irrwege zur Spiritualität – Noch ein Geschenkbuch

Vorsicht! Dies ist kein Buch für Suchende, sondern nur für Wandelnde, die etwas zu verlieren haben.

Irrwege zur Spiritualität können zu zielführenden Orten werden, sofern man sie als Irrwege erkennt. Ja, im Grunde halte ich jeden spirituellen Pfad als einen Irrweg. Dies rezipieren und reflektieren zu können entspricht meiner eigentlichen Vorstellung weißer Magie. In diesem Buch habe ich zwölf Kontemplationen versammelt, die sich mit derlei spirituellen Irrwegen befassen. Es ist also kein aufbauendes, sondern ein dekonstruierendes Werk, dass bestenfalls eine heilsame Leere (nicht Lehre) zurücklässt.

Sie lesen hier das Vorwort zum Buch. Falls Sie das Buch erwerben und verschenken wollen – eventuell auch an sich selbst – klicken Sie bitte auf das Titelbild.

Werfe alles von dir, willst du dem Höchsten begegnen.
Werfe geradeso das Höchste von dir, denn es ist Illusion.
Sieh, was du suchst, ist eng; so eng wie das Gefundene.
Suche nicht, werde leer; so leer wie das, was Fülle ist.
Ihm entspringt der Quell, der sich ins Leere ergießt.

Fünf Zeilen, die umschreiben, was Spiritualität ist und was sie nicht ist. Immer dann, wenn wir zu wissen glauben , was wir mit Spiritualität meinen, wissen wir, im Grunde unseres Herzens ‑ vorausgesetzt wir sind uns selbst gegenüber bedingungslos ehrlich ‑, dass wir nichts wissen, sondern uns nur wieder auf einem Irrweg zur Spiritualität verlaufen haben.

Die Wendeln aus Suchen und Verirren, die wir bei unserer Hinwendung an die Geistigkeit abschreiten, stehen im Zentrum meiner Betrachtungen. Sie entstanden 2009 als Rundbriefe an meine Leser. Zwölfmal machte ich mich auf, dem Weg zu folgen, den man nach allgemeiner Ansicht zu gehen hat, um dem Höchsten zu begegnen. Zwölfmal blieb ich dabei am Ende des Weges mit leeren Händen zurück. Obgleich sich auf meinen Irrwegen keines der Versprechen einlösen ließ, konnte sich das Unfassbare dennoch in meine Hände legen; da ich sie nicht schloss, blieb ich berührt. Dieser Kontakt besteht fort, solange meine Hände leer und offen bleiben.

In den zwölf Essays schreibe ich über meine Widerfahrung mit der geistigen Sphäre. Ich nenne das Geschehen „Widerfahrung“, weil es nicht dem gewohnten Erleben entspricht, dem ich üblicherweise als beteiligter Beobachter gegenüberstehe. Bei meinen Versuchen, mich dem Spirituellen zuzuwenden, handelt es sich um Kontemplationen und nicht um spekulative Nachdenklichkeit. Es ist ein lebendiges Hineinschauen in die spirituelle Dimension beziehungsweise in das, was wir dafür halten. Dementsprechend ist meine Art der Beschauung eine besondere Weise des Erforschens, nämlich das allmähliche Entblättern des Gegenstandes meiner Vertiefung. Hierzu verweigere ich mich einer positiven Vorgehensweise, indem ich keine Aussage darüber treffe, was etwas vermeintlich ist. Vielmehr übe ich mich in der Kunst der Negation, indem ich erkunde, was das Objekt meiner Beschauung nicht ist, und befasse mich im wesentlichen mit den Vorstellungen über Spiritualität, oder besser: mit dem vor sie Gestellten. Hierdurch enthüllt und erhellt sich allmählich das Phänomen der Geistigkeit, ihre gestaltlose Unbestimmtheit als auch ihre Vielbestimmtheit verliert sich und offenbart sich als Erscheinung, die mich mit ihrem ersten Aufscheinen in ihr Scheinen integriert. Wobei dieserart Aufnehmen und Einpassen eher ein Umhüllen als ein Überstrahlen oder Absorbieren ist; damit meine ich auch jene glücklichen Augenblicke, in denen sich die Verschiedenheit zwischen dem Beobachteten und Beobachter aufhebt und sich beide zu einem zeitlosen Moment der Wahrnehmung vereinen.

Von daher handelt es sich bei den zwölf Essays um lebendige Kontemplationen, sie entstanden aus praktizierter Versenkung. Sie entsprechen somit meinem spirituellen Verständnis wie meiner Auffassung von Theurgie. Verkürzt erkläre ich Theurgie stets als Gotteserkenntnis durch Selbsterkenntnis ‑ ein im Grunde ebenso verneinender Weg. Denn indem ich das Illusionäre und Scheinbare meines Wesens- und Selbstverständnisses erkenne und benenne, löse ich mich aus egozentrischen Strukturen. Hier wirkt Selbsterkenntnis. Das Ego wird als Funktion durchschaut, das Wesen in all seinen Färbungen angenommen. Der weiterführende Prozess der Gotteserkenntnis geht allerdings nicht mehr von mir aus, sondern ist eben jene Widerfahrung, um die die Essays thematisch kreisen und deren Aufscheinen zum Mittelpunkt wird, auf den sich bildhaft gesprochen die Coda[1] einstimmt. Am Schlusspunkt der Entkleidung, der zugleich die besondere Tiefe der Versenkung markiert, schwingen sich meine Worte ähnlich auf und aus, um im emphatischen Versuch, die unbeschreibbare Gestalt nachzuzeichnen, schließlich zu verstummen und in der Stille, die dem letzten Ton folgt, dem Unvorstellbaren Raum zu geben. Diesen Raum wahrzunehmen, zuzulassen und sich mutig in ihm zu lösen, ist nicht nur mein Angebot an den Leser, sondern auch der Effekt, sobald man der Schwingung, die sich unter dem Text als stille Botschaft und unausgesprochene Wahrheit gelegt hat, folgt und sich von ihr tragen lässt; auch das eine erbetene Durchdringung meiner Beschauung. In diesem Wirken erfasse ich Theurgie als ein Gehobenwerden und ein Gehobensein, als eine uns verwandelnde Ergriffenheit, der wir uns zwar anheimgeben können, die wir aber jäh verlieren, sobald wir sie beschreibend oder nachdenkend eingrenzen und uns habbar machen wollen.

Dementsprechend ventilieren die gesammelten zwölf Betrachtungen weder Angelesenes noch Spekulatives. Vielmehr sind sie Einladungen an den Leser, der unmittelbaren Beschauung zu folgen und den Prozess der Erhellung in sich selbst nachzuvollziehen. Das bedeutet, den Klang aufzunehmen; den Zorn und die Verwunderung zuzulassen, die einen erfassen, sobald man durch den kritisch, sezierenden Blick sich selbst erschüttert und dadurch seine verborgene Eitelkeit verletzt. Schließlich ist der Weg der Selbsterkenntnis keineswegs nur schmeichelhaft. Es bedeutet aber ebenso, da alle Seiten ihre Zeiten haben, dass man auch die Güte zulässt, die Erkenntnis und Befreiung vermitteln, sobald man sich frisch gehäutet in einer noch fremden, weil neuen Welt wiederfindet. Mit der Bereitschaft, sich solch widerstreitendes Empfinden auf seinem Erkenntnisweg zu erlauben, sich nicht für komplett zu halten, wo Zersplitterung herrscht, und sich ob seines Fehlens zu verzeihen, zeigt sich die Tugend der Demut als Wegbereiter zur Gnade.

An diesen Worten erkennen Sie, dass mir die mögliche Wirkung meiner Polemik bewusst ist. Allerdings war und ist es niemals meine Absicht, jemanden mit meiner unverblümten Benennung zu kränken. Vielmehr bitte ich Sie, lieber Leser, falls Sie die eine oder andere Formulierung verstimmt, zu bedenken, dass diese zwölf Essays auch eine Dokumentation meiner Kontemplationen sind. Sie zeigen mein Bemühen auf, durch mystische Beschauung des wahren Kerns der Vertiefung selbst zum Fruchtfleisch zu werden; das bedeutet, ihm mit meinem Sein Nahrung für sein Keimen zu sein. Lassen Sie sich selbst in gleicher Weise auf diesen Weg ein, wird er auch Ihr Weg sein, und Sie werden ebenso gegen sich selbst mit der gebotenen Ehrlichkeit polemisieren, um am Ende aus sich heraus der möglichen Gestalt der Geistigkeit eine angemessene Hülle zu sein.

Um aber zu erkennen, wie wir uns selbst in die Irre führen, sollten wir uns mit unseren eigenen Irrtümern konfrontieren. Wir sollten die Wege, die wir für so geradlinig halten, mit unbestechlichem und unbedingtem Blick abgehen. Dabei werden wir erkennen, dass uns diese Wege gleichsam in klassischer Manier durch unser seelisches und geistiges Labyrinth führen. Wir schreiten unser eigenes Wesen ab, betrachten unser Sehnen, Hoffen und Spekulieren sowie unseren Glauben, und prüfen unsere Motive zur fortwährenden Selbstverdrängung und Selbstverschleierung. Dieses schauende Erkunden ist zugleich der Weg des Lösens, er leitet uns durch unsere Irrtümer. Sein Ziel entpuppt sich schließlich als das Nichtziel. Im Zentrum unseres Selbst, dort, wo wir unserem Ego gegenüberstehen sollten, begegnen wir der Leere. Sie ist jedoch kein Nichts, sondern nur etwas Unfassbares, ein Sein, ohne Ich zu sein. Diese Begegnung mit der innersten Leere, der wir ein Leben lang davonlaufen wollten, ist der Höhepunkt der Selbsterkenntnis. Danach folgt ebensowenig Greifbares: Wir kehren um, schreiten an den Bildern unseres Wesens vorbei, ohne sie zu bejahen oder zu verneinen, sondern nur schauend. Denn diese Wesensbilder sind bildlich gesprochen nur das Pergamentpapier, das die Laterne ziert. Das Licht in uns illuminiert unsere Geschichte, unser Sein. So erkennen wir uns als etwas Unverwechselbares, was von einer Kraft erhellt wird, weil es sich für sie geöffnet hat; weil wir unsere inneren Vorhänge beiseitegezogen haben und das uns erhellende Licht in die Nacht einer egomanischen Welt leuchten lassen.

Schließlich verlassen wir auf unserem Weg ohne Ziel das Labyrinth als Gewandelte, die eine von nun an verwandelte Welt betreten. Was anfänglich Irrweg war, hat sich paradoxerweise allein durch unsere konsequente Beschauung in einen Heilsweg verkehrt, denn wir haben das Falsche und das Falsche im Falschen erkannt und suchen so nicht mehr nach dem Richtigen. Am Ende des Weges mag es uns als das Wahre in unsere offenen Hände fallen. ‑ Lassen Sie sie geöffnet, auf dass es geschieht!


[1] In der Musik bezeichnet man den Abschluss eines Werkes, der das Thema nochmals variiert, dazu erhöhend skizziert und ausklingen lässt, als Coda.

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1 Zur Magie der Weile

Losung

Zeitlos ist der Zeit habende. Sich Zeit zu nehmen vermag nur, wer Zeit hat. Zeit haben ist indes ein Luxus, der sich nicht erwerben lässt. Er fällt allein demjenigen zu, der klug zu verzichten weiß. Zeit ist aller Zauber Anfang.

Versenkung

Ich blicke weder zurück zum Anfang noch voraus auf das Ende des Pfades. Ich stehe an meinem Platz und sehe mich um, und in dieser Umschau entdecke ich die Richtung, in die mein nächster Schritt mich führt. Die Bewegung allein ist meine Freude. Sie ist ohne Richtung. Der Schatten dessen, der im Ziel stehen wird, weilt neben mir. Ich spanne meinen Bogen und sende meinen Pfeil in den Himmel. Ich verharre. Mein Pfeil stürzt aus dem Himmel zurück und trifft meinen Schatten. Ich lege den Pfeil in meinen Köcher zurück. Der mit mir weilende Schatten fällt von mir. Ich blicke mich um und setze erneut einen Schritt. Ich werfe keinen Schatten mehr. Die Bewegung fließt. Anfang und Ende sind entrückt. Wieder sende ich einen Pfeil in den Himmel. Er sirrt davon und fällt nicht mehr zurück. Die Bewegung fließt ohne Weile in alle Weile.

Kann ich mein Ziel aus den Augen verlieren, ohne mich darob zu ängstigen?

Stimmung

Handle ich im Augenblick, überwinde ich alle Vorsätze. Das, was ich jetzt tue, ist für sich bereits Erfüllung. Es zielt auf nichts. Darum darf ich meine Hände in den Schoß legen und auf das lauschen, was um mich waltet. Ich sammle mich und bitte um Teilhabe an diesem Walten. Ergreift mich seine Bewegung, bitte ich darum, mich auch ergreifen zu lassen. Ich bitte für diesen Tag und um die kraftvolle Leichtigkeit, auf ihn zu schauen. Möge mich diese ehrliche Bitte Tag um Tag durchs Jahr begleiten.