Umarmen, ja, aber nur herzlich

Umarmung © Matthias Mala

Jüngst dachte ich über Umarmungen nach, weil ich einen Menschen umarmen wollte, es aber dann doch unterließ und wenig später einen anderen herzlich umarmte. Was zeigt, aufeinander zuzugehen und sich zu umarmen, ist oft ebenso überlegt wie spontan – also menschlich.

Manch einer meint, Händeschütteln sei eine Kulturleistung, die die Welt friedlicher gemacht habe, da man aufeinander zuginge, einander Verbundenheit und Eintracht bezeuge. Allerdings handelt es sich dabei um eine relativ junge Kulturleistung. Sie soll in Zeiten der Gnosis, also um die Zeitenwende, als Erkennungszeichen der Gnostiker untereinander entstanden sein; so wie Banden überall auf der Welt und durch alle Zeiten hindurch ihre eigenen Begrüßungsrituale pflegten und pflegen. Durch das Christentum, einer ursprünglich gnostischen Sekte, soll das Händeschütteln im westlichen Kulturkreis überdauert haben. Sei’s wie’s sei, jedenfalls wurde die Welt dadurch nicht friedlicher, selbst unter Christen nicht. Vielleicht liegt es auch daran, dass man sich durchs Händeschütteln einen Mitmenschen auch auf Distanz hält.

Anders bei einer Umarmung. Hier gibt es keine Distanz, sondern nur noch Nähe. Zwei Menschen verschmelzen förmlich ihre Auren und nehmen einander innig wahr. Da muss schon Sympathie vorhanden sein, damit die Umarmung überhaupt möglich respektive angenehm ist; alles andere wäre übergriffig. Doch darüber machen sich heute offenbar die wenigsten Gedanken. So wie sich etwa Politiker und Prominenten einander umarmen und abbusseln, muss man vom zunehmenden Verlust körperlicher Selbstwahrnehmung ausgehen. Denn nur so ist es möglich, derartige Belästigung zu ertragen und nicht um sich zu schlagen oder vor Ekel schreiend davonzulaufen.

Ganz anders indessen eine gewollte oder ersehnte Umarmung. Geschieht sie, ist sie lauter und ein Zeichen herzlicher Verbundenheit. Bei Verliebten ist das ohnehin klar, ebenso bei Kindern, denen eine Umarmung Trost oder Schutz spendet und die Gewissheit vermittelt, gewollt und gemocht zu sein. Jede herzliche Umarmung ist ein wenig Seelennahrung und damit auch heilsam. Ja, es ist ein heiliger Moment, wenn zwei Herzen aneinander schlagen. Wir öffnen die Arme, zeigen uns verletzlich und wissen zugleich, diese Verletzlichkeit wird nicht ausgenutzt werden. Solche Umarmungen sind vertrauliche und vertrauensvolle Gesten, die fürwahr Frieden stiften … scheinbar!

Scheinbar, weil eine Umarmung zugleich auch eine Geste der Täuschung und des Verrats zu sein vermag. Der Judaskuss ist hierfür ein starkes Symbol. Er war politisch; so wie die Umarmungen von Politikern. Sie sind nicht herzlich, dafür ebenso symbolträchtig; wer wen umarmt, offenbart dabei schon Machtverhältnisse. Die Geste verfestigt zudem die Hierarchie. Trau, schau, wem, wird offenkundig. Solche Umarmungen sind nicht herzlich, sondern gewaltig. Judas ermöglichte so das Spektakel der Kreuzigung, die wiederum die christlichen Gnostiker unter allen anderen Sektierern hervorhob.

In den achtziger Jahren als alles Friede, Freude, Eierkuchen auf der Welt sein sollte, zumindest in der westlichen Welt oder genauer noch in der alternativen und insbesondere in der New-Age-Bewegung, waren Umarmungen die Seuche. Jeder Pickel und jede Vogelscheuche wollten einen Umarmen, sobald man sich traf oder auseinanderging. Ich hasste und verbat es mir; womit ich manch heilsame Frustration stiftete. Ja, auch eine verweigerte Umarmung kann heilsam sein, symbolträchtig ist sie jedenfalls; zeigt sie doch, dass wir nicht jedermanns Freund sein wollen und müssen.

Doch wer weiß heute noch, was New-Age oder Alternativbewegung waren? Egal, die unbeholfenen Umarmungen von damals sind jedoch geblieben. Ältere Herrschaften pflegen sie heute noch, auf grünen Parteitagen sind sie auch noch zu sehen. Man umarmt sich, achtet dabei tunlichst darauf, dass die Geschlechtsteile wenigstens zwei Handbreit auseinander sind, und streicht sich mechanisch mit einer Hand gegenseitig den Rücken. Es darf dabei keine Innigkeit, keine Ruhe aufkommen, man ist ja nicht schwul, bi oder gar übergriffig.

Dieses kleine Gedankenspiel zeigt, es ist recht schwierig, einander unbefangen und herzlich, vor allem zweckfrei und absichtslos zu umarmen, nur um seinem Nächsten zu zeigen, ich mag dich von Herzen; lass mich dein Herz berühren. So habe ich einige wenige Freunde, die ich umarme oder von denen ich mich gerne umarmen lasse. Alle anderen Menschen müssen leider darauf verzichten, von mir in den Arm genommen zu werden, und sehr vielen davon reiche ich nicht einmal die Hand. Ich mag es, mir auszusuchen, wen ich anfasse und wen nicht, und lasse mich dabei von keinen Konventionen mehr dominieren. Es ist für mich eine Frage des Wohlbefindens und der Reinheit meiner Aura. Wer das für überspannt hält, mag richtig liegen. Doch lieber gelte ich als überspannt, als dass ich mir freiwillig schlechte Gefühle zukommen lasse.

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Sich selbst entbinden

 

Schrei © Matthias Mala

Klar, es gibt kein Ich, ist doch logisch! Nur die Psyche ist nicht logisch, sondern seltsam. Also ist es da, das Ich, auch beim Erleuchteten – gerade darum, weil es bei ihm logischerweise nicht da sein sollte. Nur, auch der Erleuchtete besitzt eine Psyche, und damit auch seine ureigenen Seltsamkeiten. Doch das spielt alles keine Rolle. Denn eine Psychologie der Erleuchtung wäre, da nicht normativ, ohnehin für die Katz. Weiterlesen

Der Froschkönig, ein feministisches Märchen

Froschkönig © Matthias Mala

Kein Kuss verzauberte den Frosch in einen Prinzen. Nein, die Prinzessin schmetterte den Broz gegen die Wand, und aus dem blutigen Batz, der herabschmierte, formte sich der Prinz. – Nicht umsonst steht ein Broz, eine Kröte, für die Gebärmutter und damit auch für die Hysterie, die dem Weib solch ein Verhalten erlaubt.

Das ist die Geschichte, die das Leben auch heute schreibt. Männerklopfen allüberall: Männer sind verantwortlich für die Klimakatastrophe und für die niedrige Geburtenrate und dafür, dass Frauen, wenn sie weniger arbeiten, weniger verdienen. Männer werden gegen die Wand gedrückt. Frauen befreien die Welt!

Das fiel mir ein, als ich das Jahresbild für 2019 zeichnete. Dabei wollte ich eigentlich im vagen bleiben. Nur die Ziffern der Jahreszahl miteinander so arrangieren, so dass daraus ein Muster entstünde, das genügend für ein Bild hergibt. So wie ich es seit 2002 pflegte. Und diesmal war‘s ein Quakmaul, ein Frosch, was ich in der Skizze entdeckte. Weiterlesen

Fein und fürchterlich

Predigt © Matthias Mala

Predigten haben etwas einlullendes; sie kreisen meist monothematisch um einen Punkt, und ihr Kreisen wird zum Kreißen, und am Ende gebären sie eine Seifenblase an Erkenntnis, die kurz darauf platzt, sprich die Quintessenz, das heißt der fünfte Aufguss mystischer Verzückung, verpufft lautlos als feuchtes Lüftchen. Zurück bleibt nichts, außer allenfalls der Durst nach erneuter spiritueller Anmutung und belangloser Verzauberung; weswegen man sich am nächsten Sonntag wieder zur Kirche begibt, um demselben Prediger zu lauschen.

In meinem Sprengel predigt ein narzisstischer Priester, der sich mit jeder Predigt so schamlos in Selbstverzückung ergeht, dass man meint, ob dieser Leidenschaft müsse er, wenn nicht ausschließlich von sich doch auch vom Heiligen Geist beseelt sein. Also reisen Gläubige von weither, um ihn zu erleben und ihm zu lauschen. Seine Kirche ist auch stets gut gefüllt. Sie ist wie anderswo eine In-Kneipe eine In-Kirche. Man kommt und findet es doll, dabei gewesen zu sein, einen Priester beinahe beim evangelikalen Zungenreden erlebt zu haben.

Diesmal ging es um Trost, nicht in dieser Pfarre, sondern bei der Predigt zum 3. Advent Weiterlesen

Selbstbesonnen ist der Weg

Ein Geschenkbuch für alle, die die mystisch, spirituelle Versenkung schätzen.

Lied 148 Stundenbuch der weißen Magie

Losung

Mein erster Freund bin ich selbst. Versage ich mir meine Freundschaft, versage ich mir meine Freunde. Nicht von anderen geliebt zu sein, sondern mich selbst zu lieben, ist Voraussetzung, um liebenswert zu sein.

Versenkung

Die Einheit von Seele, Geist und Psyche mit seiner Welt zu leben ist höchste Glückseligkeit und wahre praktizierte Magie. Sich dieser Forderung immer wieder zu erinnern, ist der magische Weg. Obgleich unsere Seele in der Halle des magischen Raumes weilt, bleiben wir den Einflüssen unserer Welt ausgesetzt. Unsere Psyche erzittert unter dem Anprall dumpfer Schwingungen, die böse Menschen aussenden. Wir empfinden uns in solchen Augenblicken gespalten, als aus dem Himmel Gestürzte. Die Kommunikation zwischen Seele und Psyche ist gestört, weil der Geist durch die psychische Gewalt, der wir ausgesetzt sind, verstört ist. Erinnern wir uns jedoch der ursprünglichen Einheit, finden wir die Kraft, uns zu versiegeln und den Kreis zu schließen. Denn zur Einheit gelangen wir nicht, indem wir das Böse bezwingen. Einheit entsteht niemals im Gegensatz zu einer anderen Kraft, sondern stets nur durch die Sammlung der eigenen inneren Kräfte. Der Gegner ist nicht der böse Feind, sondern wir selbst, sobald wir unsere Integrität aufgeben. Bleiben wir in uns, bleiben wir letztlich unerschütterlich.

Lasse ich mich durch äußere Widrigkeiten soweit erschüttern, dass ich auch innerlich zerrüttet bin?

Stimmung

Mein Haupt ist bedeckt und mein Gürtel eng geschnürt, ich schließe mich in meinen Mantel. Mein Blick rundet den Kreis und seine Kraft wird mir zum Dom. Nun umkränzen Blüten mein Haupt und mein Mantel schwingt weit. Ich bitte darum, dass ich mir diese Offenheit nicht nehmen lasse.

Magische Klingelschilder

Ein Geschenkbuch für alle, die die mystisch, spirituelle Versenkung schätzen.

Lied 146 Stundenbuch der weißen Magie

Losung

Drei Schritte vor, zwei Schritte zurück, so bewegt man sich bei einer Sprungprozession. Ein Magier bewegt sich ebenso. Was er gestern erkannt hat, heiligt er heute, um es morgen zu zerbrechen. Nichts ist ihm von bleibender Gültigkeit.

Versenkung

Die Sprache der Psyche sind die fassbaren Zeichen. Die Sprache der Seele ist die Magie in Gestalt der himmlischen Räder. Der Magier nennt den ans Dingliche gebundenen Seelenaspekt Psyche. Die spirituelle Empfindsamkeit ist ihm dagegen die wesentliche Eigenschaft der Seele. Die Kommunikation zwischen Psyche und Seele führt der Geist. Er formt den Raum des Verständnisses.Also wird ein geklärter Geist auch zum Mittler zwischen magischem Raum und Seele. Die fassbaren Zeichen sind die Bildsprache der Symbole und der Träume. Die himmlischen Räder sind die Temperamente der Chakren und die Wehen der Aura. Es ist der geklärte Geist, der angeregt vom magischen Raum die Räder kreisen lässt. So verdichtet sich einerseits die Bewegung im Dinglichen; andererseits klärt sich dingliches Streben aufsteigend zum magischen Impuls. So durchwirkt sich das Wirkliche mit dem Unwirklichen. Freilich nützt dem Magier solche Spitzfindigkeit nichts. Denn wandert er durch diese Sphären, begleitet ihn sein Verstand, der nur beschwert, was seinem Herz leicht wäre; erahnt es doch allein den wahren Schein des Anscheins.

Stelle ich mir manchmal vor, dass ich keine Vorstellungen habe?

Stimmung

Räucherwerk umzirkelt den Kreis. Ich drehe das Stundenglas und sehe zu, wie eine Stunde zerfließt. Diese Stunde weihe ich meinen Gedanken. Sie zerrinnen mit dem Sand und finden ihr Ende. Ich zerbreche das Bild und bitte darum, dass ich die Scherben nicht noch einmal kitten werde.

 

Ideologiefreiheit

Religionsfreiheit © Matthias Mala

Das Wort Ideologiefreiheit kennt kaum einer, doch als Religionsfreiheit ist es heute allüberall im Munde jener, die sich die Freiheit herausnehmen im Auftrag ihrer Religion andere zu kujonieren. Es ist aber auch im Munde derer, die meinen, andere in ihrer Entfaltung einzuschränken, sobald sie sie daran hindern, ihre Mitwelt, die ihr Bekenntnis nicht teilt, zu schikanieren. Anscheinend ist Ideologie und insbesondere Religionsfreiheit eine komplizierte Angelegenheit.

Dabei ist es relativ einfach mit der Religionsfreiheit. Vom Standpunkt einer Religion aus gesehen, ist kein Gläubiger frei, sondern an seinen Gott, an den er glaubt oder zweifelt, gebunden. Seine Religion zu verlassen ist eine Todsünde. Gut, die Katholiken begnügen sich inzwischen mit dieser Feststellung und exkommunizieren den Abtrünnigen nicht einmal mehr. Die Protestanten laden den Flüchtigen womöglich noch zum Mandala ausmalen ein. Arg ist es hingegen bei den Muslimen, hier kann es dem Apostaten tatsächlich an den Kragen gehen, denn die nehmen es mit der Todsünde noch wörtlich. Entsprechend eifrig sind sie auch bei der Verfolgung ihrer Freiheit, ihre Religion ausüben zu dürfen. Weiterlesen