Harmonie ist wie Zucker und Salz

Haiga 2022 © Mattias Mala

Wir hatten die Wahl
Und haben sie verworfen
Gehen wir baden.

Mein Haiga zum Jahreswechsel zeigt in zwei sich gegenübergestellten Zweien, ein geöffnetes Herz, ein Gespräch zweier Personen oder eine Kluft. Es ist alles in ihm enthalten. Über die Problematik einer Wahl bloggte ich hier bereits 2013 (siehe Link); also bleibe ich bei dem Bild.

Es zeigt zwei Chimären, die eine rot mit Reißzähnen, die andere blau mit Schlangenzunge. Sie sind einander zugewandt, und in verschränkter, gleichwohl dissonanter Zeit verbunden. Es liegt an der Zahl Zwei, die die Jahreszahl dominiert. Sie gewichtet den symbolischen Kalender. Magische Tage wären demnach der 2., der 20. und der 22. Februar; wobei mir der 22.2.22 am besten gefallen würde. Selbstverständlich ist dieser Tag ebenso magisch wie jeder andere, sofern wir ihm einen Zauber verleihen und ihn hierdurch zauberhaft empfinden. Von der Zahlensymbolik her wäre er ein besonders weiblicher Tag, schließlich steht die Zwei für alles weibliche; dementsprechend werden ihr weibliche Metaphern wie die Erde, die Zwietracht, Tag und Nacht und alles andere Duale und sich rundende wie der Mond zugedacht.

Links zeigt das Bild mit dem roten Kopf einen Mann, denn rot ist der Mars, und mit dem blauen Kopf rechts eine Frau, denn blau ist der Himmel, den Venus schmückt. Zugleich werden beide von der Farbe ihres Gegenparts auf einer Woge getragen. In diesem Sinne vereint das Bild gegensätzliches, was von sich aus noch keine Harmonie bedeutet. Erst wenn Gegensätze zusammenwirken, entsteht Harmonie. Hierfür muss es neben dem Dissens auch Konsens geben. Beide sind für wohltönenden Zweiklang bedeutend. Wer den Dissens hingegen scheut – so wie das „Schneeflöckchen“ heute halten – der erstickt in Einheitssoße. Allein der Gegensatz ermöglicht Lebendigkeit. Das ist so simpel, dass es die Simpel von heute in ihren Blasen und Komfortzonen nicht wahrhaben wollen. Doch was soll’s, sie bleiben so flüchtig wie der Zeitgeist. Darum sollten wir es mit der letzten Zeile des Haiga halten und buchstäblich Badengehen, das entspannt und läutert Leib und Seele.

Kommen Sie gut in das neue Jahr, bleiben Sie gesund und verantwortlich für ihr Glück; beides liegt zuvorderst in Ihren Händen. – Übrigens Zucker und Salz, jede Speise rundet erst ihr Gegensatz: zum Salzigen gehört eine Prise Zucker und zum Süßen eine Spur Salz.

Irrwege zur Spiritualität – Noch ein Geschenkbuch

Vorsicht! Dies ist kein Buch für Suchende, sondern nur für Wandelnde, die etwas zu verlieren haben.

Irrwege zur Spiritualität können zu zielführenden Orten werden, sofern man sie als Irrwege erkennt. Ja, im Grunde halte ich jeden spirituellen Pfad als einen Irrweg. Dies rezipieren und reflektieren zu können entspricht meiner eigentlichen Vorstellung weißer Magie. In diesem Buch habe ich zwölf Kontemplationen versammelt, die sich mit derlei spirituellen Irrwegen befassen. Es ist also kein aufbauendes, sondern ein dekonstruierendes Werk, dass bestenfalls eine heilsame Leere (nicht Lehre) zurücklässt.

Sie lesen hier das Vorwort zum Buch. Falls Sie das Buch erwerben und verschenken wollen – eventuell auch an sich selbst – klicken Sie bitte auf das Titelbild.

Werfe alles von dir, willst du dem Höchsten begegnen.
Werfe geradeso das Höchste von dir, denn es ist Illusion.
Sieh, was du suchst, ist eng; so eng wie das Gefundene.
Suche nicht, werde leer; so leer wie das, was Fülle ist.
Ihm entspringt der Quell, der sich ins Leere ergießt.

Fünf Zeilen, die umschreiben, was Spiritualität ist und was sie nicht ist. Immer dann, wenn wir zu wissen glauben , was wir mit Spiritualität meinen, wissen wir, im Grunde unseres Herzens ‑ vorausgesetzt wir sind uns selbst gegenüber bedingungslos ehrlich ‑, dass wir nichts wissen, sondern uns nur wieder auf einem Irrweg zur Spiritualität verlaufen haben.

Die Wendeln aus Suchen und Verirren, die wir bei unserer Hinwendung an die Geistigkeit abschreiten, stehen im Zentrum meiner Betrachtungen. Sie entstanden 2009 als Rundbriefe an meine Leser. Zwölfmal machte ich mich auf, dem Weg zu folgen, den man nach allgemeiner Ansicht zu gehen hat, um dem Höchsten zu begegnen. Zwölfmal blieb ich dabei am Ende des Weges mit leeren Händen zurück. Obgleich sich auf meinen Irrwegen keines der Versprechen einlösen ließ, konnte sich das Unfassbare dennoch in meine Hände legen; da ich sie nicht schloss, blieb ich berührt. Dieser Kontakt besteht fort, solange meine Hände leer und offen bleiben.

In den zwölf Essays schreibe ich über meine Widerfahrung mit der geistigen Sphäre. Ich nenne das Geschehen „Widerfahrung“, weil es nicht dem gewohnten Erleben entspricht, dem ich üblicherweise als beteiligter Beobachter gegenüberstehe. Bei meinen Versuchen, mich dem Spirituellen zuzuwenden, handelt es sich um Kontemplationen und nicht um spekulative Nachdenklichkeit. Es ist ein lebendiges Hineinschauen in die spirituelle Dimension beziehungsweise in das, was wir dafür halten. Dementsprechend ist meine Art der Beschauung eine besondere Weise des Erforschens, nämlich das allmähliche Entblättern des Gegenstandes meiner Vertiefung. Hierzu verweigere ich mich einer positiven Vorgehensweise, indem ich keine Aussage darüber treffe, was etwas vermeintlich ist. Vielmehr übe ich mich in der Kunst der Negation, indem ich erkunde, was das Objekt meiner Beschauung nicht ist, und befasse mich im wesentlichen mit den Vorstellungen über Spiritualität, oder besser: mit dem vor sie Gestellten. Hierdurch enthüllt und erhellt sich allmählich das Phänomen der Geistigkeit, ihre gestaltlose Unbestimmtheit als auch ihre Vielbestimmtheit verliert sich und offenbart sich als Erscheinung, die mich mit ihrem ersten Aufscheinen in ihr Scheinen integriert. Wobei dieserart Aufnehmen und Einpassen eher ein Umhüllen als ein Überstrahlen oder Absorbieren ist; damit meine ich auch jene glücklichen Augenblicke, in denen sich die Verschiedenheit zwischen dem Beobachteten und Beobachter aufhebt und sich beide zu einem zeitlosen Moment der Wahrnehmung vereinen.

Von daher handelt es sich bei den zwölf Essays um lebendige Kontemplationen, sie entstanden aus praktizierter Versenkung. Sie entsprechen somit meinem spirituellen Verständnis wie meiner Auffassung von Theurgie. Verkürzt erkläre ich Theurgie stets als Gotteserkenntnis durch Selbsterkenntnis ‑ ein im Grunde ebenso verneinender Weg. Denn indem ich das Illusionäre und Scheinbare meines Wesens- und Selbstverständnisses erkenne und benenne, löse ich mich aus egozentrischen Strukturen. Hier wirkt Selbsterkenntnis. Das Ego wird als Funktion durchschaut, das Wesen in all seinen Färbungen angenommen. Der weiterführende Prozess der Gotteserkenntnis geht allerdings nicht mehr von mir aus, sondern ist eben jene Widerfahrung, um die die Essays thematisch kreisen und deren Aufscheinen zum Mittelpunkt wird, auf den sich bildhaft gesprochen die Coda[1] einstimmt. Am Schlusspunkt der Entkleidung, der zugleich die besondere Tiefe der Versenkung markiert, schwingen sich meine Worte ähnlich auf und aus, um im emphatischen Versuch, die unbeschreibbare Gestalt nachzuzeichnen, schließlich zu verstummen und in der Stille, die dem letzten Ton folgt, dem Unvorstellbaren Raum zu geben. Diesen Raum wahrzunehmen, zuzulassen und sich mutig in ihm zu lösen, ist nicht nur mein Angebot an den Leser, sondern auch der Effekt, sobald man der Schwingung, die sich unter dem Text als stille Botschaft und unausgesprochene Wahrheit gelegt hat, folgt und sich von ihr tragen lässt; auch das eine erbetene Durchdringung meiner Beschauung. In diesem Wirken erfasse ich Theurgie als ein Gehobenwerden und ein Gehobensein, als eine uns verwandelnde Ergriffenheit, der wir uns zwar anheimgeben können, die wir aber jäh verlieren, sobald wir sie beschreibend oder nachdenkend eingrenzen und uns habbar machen wollen.

Dementsprechend ventilieren die gesammelten zwölf Betrachtungen weder Angelesenes noch Spekulatives. Vielmehr sind sie Einladungen an den Leser, der unmittelbaren Beschauung zu folgen und den Prozess der Erhellung in sich selbst nachzuvollziehen. Das bedeutet, den Klang aufzunehmen; den Zorn und die Verwunderung zuzulassen, die einen erfassen, sobald man durch den kritisch, sezierenden Blick sich selbst erschüttert und dadurch seine verborgene Eitelkeit verletzt. Schließlich ist der Weg der Selbsterkenntnis keineswegs nur schmeichelhaft. Es bedeutet aber ebenso, da alle Seiten ihre Zeiten haben, dass man auch die Güte zulässt, die Erkenntnis und Befreiung vermitteln, sobald man sich frisch gehäutet in einer noch fremden, weil neuen Welt wiederfindet. Mit der Bereitschaft, sich solch widerstreitendes Empfinden auf seinem Erkenntnisweg zu erlauben, sich nicht für komplett zu halten, wo Zersplitterung herrscht, und sich ob seines Fehlens zu verzeihen, zeigt sich die Tugend der Demut als Wegbereiter zur Gnade.

An diesen Worten erkennen Sie, dass mir die mögliche Wirkung meiner Polemik bewusst ist. Allerdings war und ist es niemals meine Absicht, jemanden mit meiner unverblümten Benennung zu kränken. Vielmehr bitte ich Sie, lieber Leser, falls Sie die eine oder andere Formulierung verstimmt, zu bedenken, dass diese zwölf Essays auch eine Dokumentation meiner Kontemplationen sind. Sie zeigen mein Bemühen auf, durch mystische Beschauung des wahren Kerns der Vertiefung selbst zum Fruchtfleisch zu werden; das bedeutet, ihm mit meinem Sein Nahrung für sein Keimen zu sein. Lassen Sie sich selbst in gleicher Weise auf diesen Weg ein, wird er auch Ihr Weg sein, und Sie werden ebenso gegen sich selbst mit der gebotenen Ehrlichkeit polemisieren, um am Ende aus sich heraus der möglichen Gestalt der Geistigkeit eine angemessene Hülle zu sein.

Um aber zu erkennen, wie wir uns selbst in die Irre führen, sollten wir uns mit unseren eigenen Irrtümern konfrontieren. Wir sollten die Wege, die wir für so geradlinig halten, mit unbestechlichem und unbedingtem Blick abgehen. Dabei werden wir erkennen, dass uns diese Wege gleichsam in klassischer Manier durch unser seelisches und geistiges Labyrinth führen. Wir schreiten unser eigenes Wesen ab, betrachten unser Sehnen, Hoffen und Spekulieren sowie unseren Glauben, und prüfen unsere Motive zur fortwährenden Selbstverdrängung und Selbstverschleierung. Dieses schauende Erkunden ist zugleich der Weg des Lösens, er leitet uns durch unsere Irrtümer. Sein Ziel entpuppt sich schließlich als das Nichtziel. Im Zentrum unseres Selbst, dort, wo wir unserem Ego gegenüberstehen sollten, begegnen wir der Leere. Sie ist jedoch kein Nichts, sondern nur etwas Unfassbares, ein Sein, ohne Ich zu sein. Diese Begegnung mit der innersten Leere, der wir ein Leben lang davonlaufen wollten, ist der Höhepunkt der Selbsterkenntnis. Danach folgt ebensowenig Greifbares: Wir kehren um, schreiten an den Bildern unseres Wesens vorbei, ohne sie zu bejahen oder zu verneinen, sondern nur schauend. Denn diese Wesensbilder sind bildlich gesprochen nur das Pergamentpapier, das die Laterne ziert. Das Licht in uns illuminiert unsere Geschichte, unser Sein. So erkennen wir uns als etwas Unverwechselbares, was von einer Kraft erhellt wird, weil es sich für sie geöffnet hat; weil wir unsere inneren Vorhänge beiseitegezogen haben und das uns erhellende Licht in die Nacht einer egomanischen Welt leuchten lassen.

Schließlich verlassen wir auf unserem Weg ohne Ziel das Labyrinth als Gewandelte, die eine von nun an verwandelte Welt betreten. Was anfänglich Irrweg war, hat sich paradoxerweise allein durch unsere konsequente Beschauung in einen Heilsweg verkehrt, denn wir haben das Falsche und das Falsche im Falschen erkannt und suchen so nicht mehr nach dem Richtigen. Am Ende des Weges mag es uns als das Wahre in unsere offenen Hände fallen. ‑ Lassen Sie sie geöffnet, auf dass es geschieht!


[1] In der Musik bezeichnet man den Abschluss eines Werkes, der das Thema nochmals variiert, dazu erhöhend skizziert und ausklingen lässt, als Coda.

Ein Geschenkbuch

Ein Geschenkbuch für alle, die die mystisch, spirituelle Versenkung schätzen.

Dieses Buch ist ebenso grundsolide wie außergewöhnlich. Grundsolide, weil dieser Hartband mit Lesebändchen bedacht gesetzt und illustriert ist. Sie verschenken mit ihm ein Gesamtkunstwerk, das Sie zugleich adelt. Das Stundenbuch der Magie ist ein Born magischen Wissens und mystischer Räume. In ihm sind 183 Kontemplationen versammelt, die den Blick auf und in die Welt verrücken. Hier stelle ich Ihnen die erste vor. – Wollen Sie das Buch erwerben klicken Sie bitte auf das Titelbild.

1 Zur Magie der Weile

Losung

Zeitlos ist der Zeit habende. Sich Zeit zu nehmen vermag nur, wer Zeit hat. Zeit haben ist indes ein Luxus, der sich nicht erwerben lässt. Er fällt allein demjenigen zu, der klug zu verzichten weiß. Zeit ist aller Zauber Anfang.

Versenkung

Ich blicke weder zurück zum Anfang noch voraus auf das Ende des Pfades. Ich stehe an meinem Platz und sehe mich um, und in dieser Umschau entdecke ich die Richtung, in die mein nächster Schritt mich führt. Die Bewegung allein ist meine Freude. Sie ist ohne Richtung. Der Schatten dessen, der im Ziel stehen wird, weilt neben mir. Ich spanne meinen Bogen und sende meinen Pfeil in den Himmel. Ich verharre. Mein Pfeil stürzt aus dem Himmel zurück und trifft meinen Schatten. Ich lege den Pfeil in meinen Köcher zurück. Der mit mir weilende Schatten fällt von mir. Ich blicke mich um und setze erneut einen Schritt. Ich werfe keinen Schatten mehr. Die Bewegung fließt. Anfang und Ende sind entrückt. Wieder sende ich einen Pfeil in den Himmel. Er sirrt davon und fällt nicht mehr zurück. Die Bewegung fließt ohne Weile in alle Weile.

Kann ich mein Ziel aus den Augen verlieren, ohne mich darob zu ängstigen?

Stimmung

Handle ich im Augenblick, überwinde ich alle Vorsätze. Das, was ich jetzt tue, ist für sich bereits Erfüllung. Es zielt auf nichts. Darum darf ich meine Hände in den Schoß legen und auf das lauschen, was um mich waltet. Ich sammle mich und bitte um Teilhabe an diesem Walten. Ergreift mich seine Bewegung, bitte ich darum, mich auch ergreifen zu lassen. Ich bitte für diesen Tag und um die kraftvolle Leichtigkeit, auf ihn zu schauen. Möge mich diese ehrliche Bitte Tag um Tag durchs Jahr begleiten.

Herbsthaikus

Ein Haiku ist eine dichterische Skizze oder ein Moment der Natur in drei Zeilen. Die beiden ersten Zeilen geben eine Anmutung oder einen Ablauf der Natur wieder. Die letzte Zeile ist eine Konklusion, die jedoch offen bleibt, und somit den Gedanken über sich hinaus schwingen lässt. Das klassische Haiku besteht im Japanischen aus 17 Moren. Da dieses Versmaß nicht ohne weiteres auf andere Sprachen übertragen werden kann, spricht man im allgemeinen von 17 Silben. Fünf Silben bilden die erste und letzte Zeile, sieben Silben die Mittelzeile. Diese Regel gilt heute etlichen Autoren als obsolet. Ich folge dieser Auffassung nicht, sondern empfinde ihn als künstlerische Herausforderung, weswegen ich Haikus und seine Abarten wie Senryūs ausschließlich in klassischer Form verfasse.

Nachstehend präsentiere ich Ihnen 17 Haikus zum Herbst. Haben Sie Freude in dieser stiller werdenden und heimeligen Zeit.

Zum Sommerabend
Steigt der Herbst aus den Wiesen
Kraftlos die Alten.

Ein Blatt weht Herbstgold
Vom Ast ins offene Buch,
Lenz umweht mein Kind.

Rote Pfefferfrucht
Flammt im Farbspiel der Herbsttracht
Besonnen und scharf.

Verzaubertes Laub
Reigen mit dem Sonnenschein
Schönheit zum Weinen.

Störche sammeln sich
Zum Vogelzug gen Süden
Der Sommer neigt sich.

Laue Herbstsonne
Leises Trommeln im Hohlweg
Kastanienfall.

Späte Blüte? Nein!
Nur pure Lust am Leben.
Farbe, Duft, Bienen.

Kaum sind die Störche
Fort, sammeln sich die Schwalben
Zum Flug gen Süden.

Verfärbt sich das Laub
Finden sich Schwalben zum Schwarm
Gleich dunklen Wolken.

Der Nebel schwindet
Unter der Mittagssonne
Leuchtet bunter Herbst.

Trudelndes Laubblatt
Ein Falter taumelt im Glück
Marienkäfer.

Ein milder Herbsttag
Die Leute auf der Wiese
Blicken aufs Smartphone.

Geister heulen durch
den Wald, speien welkes Laub
Herbststurm fegt das Land.

Herbstgold schrägt durchs Land
Hebt Seelen aus den Gräbern
Nebel steigen auf.

Der Haufen Laub riecht
Nach Johannisbrot und Zimt
Schlafplatz für Igel.

Der alte Baum knarzt
Derweil ihn der Sturm entlaubt
Schon fällt er ins Moos.

Vorbei das Herbstgold
Leben von Knospen umhüllt
Verharrt still im Tod.

Ein Haiga

Ich bin, was ich bin
Und noch mehr, was ich nicht bin
Wer mag ich nur sein?

Der Text zu diesem Haiga entstand im Zug auf meiner Fahrt zur Traumatherapie. Es umreißt den Zustand meiner Depersonalisation, von der ich Jahrzehnte glaubte, ihr liege ein spiritueller Prozess zugrunde. Doch mit der seit einem Jahrzehnt laufenden psychotherapeutischen Auseinandersetzung mit meiner kPTBS gelangte ich zu der Einsicht, dass meine vermeintliche Erleuchtung schlicht eine Depersonalisation ist. Das ist ein gewaltiger und deswegen erschreckender Schritt zu mir selbst. Ich werde sehen, wie nah ich meinem Selbstverständnis in der bald beginnenden vierten Phase meiner Traumatherapie komme.

Depersonalisation ist kein angenehmer Gemütszustand. Personen, die an dieser psychischen Beeinträchtigung leiden, haben ihr Selbstverständnis verloren. Sie leiden unter Selbstentfremdung. Ihr ich erscheint ihnen als diffus und fremd, auch ihre Mitwelt wirkt fremd auf sie. Obgleich Depersonalisation eine der ersten beschriebenen psychischen Erkrankungen ist, ist sie relativ unbekannt, weswegen sie auch häufig von Psychotherapeuten verkannt und nicht gezielt behandelt wird.

Mehr zum Thema Depersonalisation erfahren Sie hier.

Perspektiven

Kleinkariert © M. Mala

Von München aus sieht man bei klarem Wetter die östliche Alpenkette mit der Zugspitze. Wobei die Zugspitze die Sicht nach rechts markant unterbricht. Man sieht eine steile hunderte Meter hohe Abbruchkante, die das Wettersteingebirge begrenzt. Doch dem ist nur dem Anschein nach so.

Seit einiger Zeit fahre ich öfters mit dem Zug nach Memmingen und sehe immer wieder mit erneuter Verwunderung, dass mein Blick begrenzt war. Denn nähert sich der Zug dem Lech und gibt damit den Blick auf die Ammerseer und Lechtaler Alpen frei, geht die scheinbare Abbruchkante der Zugspitze in eine weite Flanke über. Das Massiv zeigt sich aus dieser Sicht, zwar ebenso mächtig doch bei weitem nicht mehr so markant aufragend.

Perspektiven gründen auf Standpunkten. Wird ein Standpunkt verändert, ändert sich auch die Ansicht. Nicht das Betrachtete wandelt sich, sondern nur die Wahrnehmung des Betrachters. Für ihn kann ein solcher Perspektivwechsel erhellend sein, wobei die Erhellung sich auch als Enttäuschung einer eingefahrenen Sicht entpuppen kann. Wobei auch der Blickwinkel eine Rolle spielt. Der fokussierte Blick richtet sich auf die Details, während der Weitblick die gesamte Erscheinung erfasst. Beide Sichtweisen sind neben der Rundschau notwendig, um das Betrachtete in seiner Gesamtheit zu erfassen.

Allerdings ist das das Ideal. Manch einer kommt über Jahrzehnte nicht aus seinem Ort heraus und sieht somit stets nur den gleichen Prospekt, der ihm zu einer Weltsicht wird. Ein Tor, der deswegen die Sicht dieses Betrachters abwertet. Immanuel Kant hatte zum Beispiel das Weichbild Königsbergs nur selten verlassen; gleichwohl blickte er mit seiner Philosophie weit über seinen Horizont hinaus.

Diese kurze Betrachtung erhellt, ob kleinkariert oder weitblickend hängt nicht von der realen Perspektive ab. Es gibt weitgereiste Menschen, die ihre Engstirnigkeit nie überwanden und andererseits Leute, die aus ihrem Dorf nie herauskamen und gleichwohl eine Weisheit in sich tragen, als hätten sie die ganze Welt bis hinter die Sterne bereist und geschaut.

Und so wie der Blinde nichts sehen kann, vermag der Sehende nichts wahrhaftig zu schauen, solange er seine Sicht nicht hinterfragt, ob das, was er sieht, nicht doch anders sein könnte, als er es wahrnimmt. Hierzu aber braucht es die Tugend der Unbefangenheit, denn nur dann bewahrt man sich die innere Freiheit, eine andere Betrachtung annehmen zu wollen. Ohne diese Freiheit wären wir Menschen mit unserer Erkenntnis nicht dort, wo wir heute stehen. Allerdings sind für beachtlich viele gerade derlei Perspektiven verhasst und sie wünschen sich in eine Zeit zurück, wo allein der Blick vom Kirchturm sie bereits in Schwindel versetzen hätte können.

Zurück in die Stille

Herbstkranz von Ruth Mala

Die Welt ist laut … geworden. – Nein, unsere Welt ist laut geworden. Die Welt selbst ist leise, nicht still. Oder ist sie doch mehr still als leise?

Auch hier kommt es auf den Blickwinkel an. Aus einer spirituellen Sicht ist die Welt immer still. Sozusagen hinter dem Hintergrundrauschen herrscht Stille. Himmlische Stille. Göttliche Stille. Es ist schlicht das Ende aller Wahrnehmung. Hinter dem Wahrnehmungshorizont ist nicht mal nichts. – Mithin kein Grund, um sich weiter Gedanken darüber zu machen.

Bleiben wir also in irdischer Sphäre. Einerseits sehnen sich viele nach der Stille, andererseits fürchten sie sie vielfach auch. Darum entwickeln wir Menschen Konzepte, wie wir zur Ruhe kommen und es still um uns werden könnte. Gleichzeitig tun wir alles, um diesem Moment auszuweichen. Jede Ablenkung ist uns recht, sei es aus unserer Mitte heraus oder von außen. Dabei suchen die meisten Menschen nicht wahre Stille, sondern hegen nur eine faszinierende Idee von ihr. Diese Idee ist so schön, ein solch stimmungsvoller Einfall, dass sie ihn gar mit der Stille verwechseln. Geschwind vermag er die Illusion von wehender Stille bewirken. Gleich einer Gardine bläht sie sich, schwingt durch unser Gemüt und säuselt davon.

Ja, für einen Moment wähnen wir es so still, dass wir gar nicht bemerken, dass es gar nicht still wurde, weder in uns noch um uns. Gleichwohl merken wir, sobald wir den Zauber wieder verlieren, dass wir uns in einer lauten Welt verlieren, die wir bei derlei Gelegenheit gerne als uns fremd betrachten. Sie wirkt dann auf uns disharmonisch, schrill und kakophon. Schon wollen wir sie in solchen Augenblicken korrigieren, ihre schrägen Umstände verschieben, unsere Wahrheit einbringen, um so vom Umstand her das Inständige zu heilen. Freilich, gäben wir diesem Drängen nach, würden wir unsere Illusion nur um eine weitere verschleiern.

Darum: Es ist nicht still. Das ist der Fakt, dem wir ausweichen, weil unsere Illusion von Stille uns eine angenehmere Weile verspricht. Erkennen wir das, können wir unser Desaster annehmen, oder es wehrhaft verwischen – so wie wir es bislang taten. Nehmen wir es jedoch an, vermag es inmitten der kakophonen Wirklichkeit still zu werden. Denn die wahre Stille ist stets um und in uns. Wir können sie einladen, sobald wir den Mut haben, zu erkennen, dass wir es nicht können. In diesem Moment erhellter Vergeblichkeit, vermögen wir gelegentlich für eine Weile aufzugeben und alles Streben leise lassen und leiser Teil der Stille zu sein; geschieht es, sind wir für den Moment begnadet.

Derealisation

Nun sind unser zwey © M. Mala

Derealisation ist, wenn die Wirklichkeit sich selbst entrückt und zwischen Welt und Weltwahrnehmung ein Abstand entsteht. Das ist das an sich normale in der Welt. Wo immer ein bewusstes Wesen in die Welt blickt, gibt es mit ihm einen Beobachter, der seine Welt wahrnimmt, in ihr agiert und mit ihr interagiert. Die Katze sieht die Maus, fängt sie, oder bleibt sitzen, weil sie satt ist. Die Distanz zwischen Welt und Wahrnehmung bedingt eine subjektive Welt. Hierzu muss das Geschöpf, das in die Welt blickt sich nicht zwingend selbst bewusst sein. Hier wirkt eine selbstverständliche Derealisation.

Dagegen gibt es eine morbide Form der Derealisation, die als Persönlichkeitsstörung eingestuft wird. Personen, die an dieser Störung leiden, erleben die Wirklichkeit als unwirklich. Sie wähnen sich als Teil einer Matrix in einer Mitwelt, mit der sie sich nicht verbunden fühlen; so als würden sie im falschen Film sein. Doch gestern, als ich in der Therme von Bad Endorf weilte, blickte ich auf meine Mitwelt und erkannte einmal mehr, wir sind nicht im falschen Film, sondern wir leben ihn. Hierbei ist unsere Selbstbewusstheit kein Merkmal, das uns über die Tierwelt hebt. Vielmehr sind Primaten wir geblieben, und unser Menschsein ist nur eine dünne Tünche, die unsere Animalität kaschiert. Stattdessen entrückt uns unsere Selbstbewusstheit noch mehr der Natur und somit der Wirklichkeit. Die „gesunde“ Derealisation verstärkt sich.

Das Animalische, das ich in der Therme wahrnahm und das mich denken ließ: Ja, wir sind Affen geblieben!, war nichts ungewöhnliches; es war nur die Beobachtung des ganz normalen Miteinander und Fürsichsein um mich herum, die mich die anderen Badegäste als entrückt von unserem Menschsein anmuten ließ. Zugleich sah ich ungeteilt – ohne wertenden Beobachter in mir – wie wir Menschen zugleich eine Idee von uns leben, die uns weitaus wirklicher scheint als unsere eigentliche Natur. Im Grunde ist der moderne Mensch und insbesondere der „digitale“ massiv derealisiert. Er befindet sich in einer digitalen Blase, die sein Leben beherrscht und regelt. Das was wir am Bildschirm sehen tangiert uns mehr, als das was wir mit der Natur vor unseren Sinnen haben. Mehr noch, dass Abbild der Welt am Bildschirm können wir eher erfassen, als den Blick in die reale Welt. Es vermag uns leichter zu fesseln, als eine imposante Natur.

Folglich sind es weitaus mehr die Ideen von der Welt, die unser Verhalten lenken als unsere wahren Bedürfnisse; schließlich filtern und verfärben die Ideen, oder besser gesagt die großen und kleinen Ideologien des Alltags unsere Wahrnehmung. Nicht das, was wir sehen, lenkt uns, sondern das, was andere denken, und von dem wir annehmen, dass wir es aus eigener Erkenntnis dächten. Womit wir noch eine weitere irreale Ebene einziehen, von der aus wir unsere Wahrnehmung konstruieren. In dieser Weise setzt sich die Weltentfremdung fort, bis die reale Welt als ein Konstrukt verstanden wird, das nur eine mögliche Alternative zu den vielen anderen Konstrukten ist. Wir können nicht mehr sehen, was ist, sondern sehen, was uns in der beliebigen Auswahl gerade dünkt. Womit das Narrenhäusl komplett ist. Wir feiern das Richtfest des Irrsinns; weswegen ich schließe: Wohl dem, der nur an einer morbiden Derealisation leidet und nicht an die anscheinende Realität unserer Realität glaubt.

Nein, einen Schlusspunkt mag ich hier noch nicht setzen; denn das Leiden an einer Derealisation ist ein seelischer Schmerz und somit eine konkrete Wirklichkeit. Nur das gebotene Therapieziel wäre die Rückkehr zum allgemeinen Wahnsinn. Darum meine Empfehlung: Tun Sie sich das nicht an, lassen Sie sich nicht weiter von der realen Beliebigkeit verdummen. Setzen Sie sich an den Rand des Schwimmbeckens und blicken sie über das Tal zur Bergkette auf der anderen Seite der Therme. Bleiben Sie dabei gleichwohl achtsam, denn der Wahnsinn kann schneller zur allgemeingültigen Wirklichkeit werden als Sie denken. Hitler brauchte nur wenige Wochen, um die Wirklichkeit von 60 Millionen Menschen im Land auf den Kopf zu stellen. Bewahren Sie sich also einen Fluchtweg. Sie werden gewiss nicht in „die“ Realität flüchten können, doch sie werden sich dem Wahnsinn entziehen, und wenn es nur der Weg in die innere Emigration ist … und aus dieser grüße ich Sie hiermit herzlich.

Ziele erzielen

Ziele © M. Mala

Was ist ein Ziel? Mit dieser Frage begann ich zunächst diese Betrachtung, fand  eine Reihe an Punkten, die sich zudem hübsch widersprachen, was an sich schon mal gut in dieses Blog passt, doch letztlich war dieser Ansatz nicht zielführend, sondern verknotete sich nur zum Knäuel, weswegen ich ihn strich, anders begann, nur um mir letztlich wieder dieselbe Frage zu stellen.

Dieser Satz hat 300 Zeichen, doch das war nicht mein Ziel, er entstand. Wäre ich Gott, würde ich notwendigerweise eine Welt schöpfen wollen und dabei nicht zielgerichtet vorgehen. Denn kraft meiner Göttlichkeit könnte meine Welt nur perfekt sein. Obgleich, ich müsste dazu gar nicht Gott sein; schließlich schöpfte ich schon einmal 1977 in einem magischen Ritual eine Welt. Damals war ich voll bekifft und seitdem expandiert irgendwo neben zig anderen Universen Malas Universum. Denn mein Ritual war perfekt. War ich zwar als Schöpfer ziemlich stoned, jedenfalls mittelbar, doch seitdem gibt es ein perfekt stonedes Universum, schließlich bin ich ebenbildlicher Eingeborener einer göttlichen Welt, und somit nicht einmal mittelbar, sondern unmittelbar selbst göttlicher Natur.

Und da ich gottgleich bin, bin ich stets vollkommen und folglich omnia in omnibus, was heißt zu jeder Zeit am Ziel und das in alle Ewigkeit, was letztlich wiederum ein göttliches Paradoxon ist, denn Ewigkeit ist zeitlos und somit zu keiner Zeit. Also präzisiere ich, ich bin jederzeit zu keiner Zeit am Ziel, folglich nirgendwo, jedoch zwingend irgendwo.

Das klingt bekifft? Nein, ist es nicht! Ich lebe inzwischen seit 42 Jahren drogenfrei. Ich mag naturstoned sein, doch selbst wenn, wäre dies wiederum nur eine Eigenart meiner Gottesebenbildlichkeit. Wozu also dieser Althippiequatsch? Nun, das ist bereits die dritte Frage, womit ich achtlos meine drei Fragen an die Fee verplemperte. Da ich freilich meistens hinhöre, was der große Zampano, der unbewegte Beweger, so vor sich hingrummelt, weiß ich: „Ick bün all hier“ und somit des Hasen Tod.

Warum erzähle ich Ihnen das? Nun, weil mich heute eine Freundin nach dem Weilen der Seele in der Transzendenz fragte. Und da ich davon, gerade weilend in der Immanenz, keine Ahnung hatte, besann ich mich auf die Transzendenz und sah, ich bin ein Teil, doch kein Teil,  weil kein Ich, sondern Bewegung des Unbewegten und somit Sein im Sein und stets all hier.

Fazit: Wir sind am Ziel. Zu jeder Zeit und immerdar. Erfassen Sie das, wandelt sich für Sie die Bedeutung Ihrer Ziele, sie verflüssigen sich, denn Sie steigen in den Fluss und werden selbst zum Fluss. Fröhliches Fließen im sich neigenden Mittsommer …

Geist ist Dada

Dada lux © Mala

Er ist ein kluger Mensch und versteht über Gott und die Welt zu parlieren. Nein, eigentlich, sagt er, verstünde er nur über die Welt zu parlieren, von dem anderen verstünde er nichts, sondern fabuliere nur. Wie auch, wie könne man über etwas reden, das man weder schauen noch überschauen kann.

Aber gerade diese Zurückhaltung mache seine Glaubwürdigkeit aus. Man habe den Eindruck, dass er, auch wenn er es verneine, doch tiefer und weiter sähe als andere.

Er lächelte, bedauernd aber irgendwie auch wissend, und sah in den Raum, als sähe er bis zum Horizont. Nein, meinte er, der Eindruck, den wir gewönnen, sei eine Selbsttäuschung. Es sei nur unser eigener Blick, den wir nicht wagten und deshalb auf ihn projizierten. Wir würden diesen eigenen Blick nur deshalb nicht wagen, weil wir, mit jeder Bewegung auch die Perspektive wechselten und somit Weite und Tiefe neu justieren müssten. Also blickten wir weg und suchten in anderen, im äußeren die Konstante, die wir in uns selbst vermissten. Doch die gäbe es dort auch nicht; wie wir längst durch eigene Erfahrung wüssten. Wir wandeln uns, die Welt wandelt sich, alles fließt und bleibt im Fluss.

Der Geist ist ebenso keine Konstante, die wie bei einem Altarbild als Täuberl vom Himmel strahlt, sondern der Geist ist die Wahrnehmung und die wandelt sich mit jedem Atemzug und mit jedem Schritt; und selbst die Wahrnehmung an sich ist nicht konstant, sondern gewinnt Weite und Tiefe solange man lernt. Lernen verändert uns und unsere Wahrheit. Wir werden allerdings hierdurch nicht wahrer, vollendeter, sondern nur anders und bestenfalls differenzierter. Ja, panta rhei … Eine jahrtausendealte Weisheit, die auch bei Nachdenklichen vor Heraklit ein Lichtlein aufleuchten ließ.

Ich atme. Atme die Luft. Atme meinen Nächsten. Atme die ganze Welt. Die Welt atmet mich. Alles ist Atem. Einatmen, ausatmen … Der Geist ist Atem. Atem ist Leben. Alles ist Leben. Stets.

Also ist der Geist so beständig, wie unbeständig, im steten Wandel. Verharrt er, verliert er sich. So wird er sich selbst zum Pfad, zum Fluss, der sich schlängelt und sich dabei immer wieder selbst erkundet. Auch wenn er seit Ewigkeiten dasselbe Bett durchströmt, ist er nie derselbe. Man kann nicht zweimal im selben Fluss baden, sagt eine andere ewige Weisheit. Erkunde ich sie, und nehme sie nicht als ein Wissen an, muss ich sie immer wieder neu erkunden, und erlebe sie somit immer wieder erneut als neu. Doch nie ist das Neue sich jemals gleich, andernfalls wäre es nicht neu, sondern bekannt.

Diese Form der steten Verneinung, um etwas zu bejahen, ist die Essenz des Geistes, und diese Art der Weltbetrachtung ist Dadaismus, der inmitten der Weltenkatastrophe des Ersten Weltkrieges entstand, indem man den kreativen Geist entfesselte. Er ist entwichen, so wie er schon immer entwichen ist, ein paar Künstler haben es bemerkt, das Publikum hat ihn nicht verstanden, sondern ihm Museen gebaut. – So ist es.

Vor 2000 Jahren im Tempel zu Jerusalem war das nicht anders. Für einen Moment war der Geist entfesselt und einige Hundert verstanden ihn, dann aber wurde er wieder eingefangen und durch Theologie in den Kirchen gefesselt. Für Augenblicke blitzt er immer wieder auf, doch er ist zu flüchtig, als dass er einem bleibt …

Ein Papst ist tot

Als Papst Pius XII. im Sterben lag, war ich ein Kind. Meine Eltern besuchten einen Freund, einen Journalisten. Es war ein sonniger Herbsttag und man wollte einen Ausflug machen. Der Bekannte hatte keine Zeit, er saß am Radio, rauchte und trank Likör und lauschte im abgedunkelten Zimmer den Nachrichten. Er wartete auf den Tod des Papstes. Mir graute bei diesem Gedanken. Und doch fand ich ihn mutig, wie er da hinter herabgelassenen Rollos dem Tod im fernen Rom auf der Schliche war. Durch diese Begebenheit erst erfuhr ich, daß auch ein Papst sterblich war und daß sein naher Tod ein Ereignis war, das die Menschen bekümmerte.

Noch ehe die Glocken die Botschaft in die laue Märznacht trugen, noch bevor Laufbänder auf dem Bildschirm die Nachricht verkündeten, erfuhr ich dieses Mal vom Tod des Papstes übers Internet. Erst später ging ich auf den Balkon und hörte die dunkle Glocke vom Dom her schlagen, dazwischen das hellere Geläut der nahen Pfarrkirche. Im Hintergrund durch die geöffnete Balkontüre das Geschwätz aus dem Fernseher: „Was empfanden Sie, als Sie die Botschaft vom Tod des Heiligen Vaters …“. Die Glocken verhallten. Wir beschlossen zum Dom zu gehen.

Auf der Straße war das Samstagsnachtfieber ungebrochen. Die laue Nacht lockte die Leute ins Viertel. Endlich, nach langem Winter konnte man sich ohne Anorak zeigen. Und man zeigte sich. Schwul, lesbisch, hetero, das Leben pulsierte. Man zog von einer Kneipe in die nächste, gierig auf Augen und Augenweide, gierig danach, erkannt zu werden, gierig nach Erleben. Der Tod des Papstes war Anknüpfungspunkt, leichter als sonst kam man ins Gespräch, das Morbide und die Lust waren sich ungewohnt nahe, der Duft, die Geräusche, die Bewegungen dichter und vergeilter als sonst. Man redete laut, gickerte grell, als wollte man das Brummen der Autos, die dicht an dicht nach Parkplätzen durch die Gassen rollten übertönen.

Nahe dem Dom die Tür zur neu eröffneten Diskothek. Tage zuvor warb man im Boulevard damit, daß in diesen Räumen einst Mike Jagger schon abgetanzt habe. Doch das war eine Straßenecke weiter. Dennoch pilgerten die Leute dorthin, herausgeputzt, in verboten engen Jeans, tiefen Decolletes, offenen Hemden, glitzernden Tennisschuhen, allesamt mit der passiv-aggressiven Spannung von Bittstellern. Nahe der Tür drückten sie das Kinn nach oben, blähten den Brustkorb, um die Auswahl vorm Türsteher zu überstehen. Tür auf, Tür zu, schnell war man drin, die Nacht war noch jung. Ein paar Burschen, die sich unsicher waren, ob sie die Gesichtskontrolle passieren würden, lungerten im Hauseingang daneben herum. Taxis rollten vor, Schlag auf, Tür auf, rein, Tür zu. Dann ein Paar, sichtlich aus der Vorstadt, trat in den Scheinwerferkegel vor die Pforte. Sie blieb ihm verschlossen. Abgewiesen waren sie ein Niemand, das schnell im Schatten der Straße verschwand. Es war beinahe unheimlich still vor der Tür zur Diskothek.

Kurz darauf traten wir in den Dom. Es war Mitternacht und er war gefüllt bis auf den letzten Platz. Die Orgel klang aus. Die Messe für den verstorbenen Papst war gerade zu Ende gegangen. Rasch leerte sich die Kirche. Dagegen drängten die, die später gekommen waren, nach vorne zum Altar. Dort, nahe dem auf einer Staffelei aufgestellten Bild des heiligen Vaters, knieten sie nieder, beteten innig. Manchen sah man an, daß sie geweint hatten. Es waren überwiegend junge Menschen. Ihnen war nicht nach Party. Auf dem Bild des Papstes stand in frühlingshaftem Gelb „totus tuus“, ganz Dein. Er winkte ein letztes Mal. Das milde Licht im Dom, dazu die raumhohen nachtschwarzen Fensterflächen machten den Altarraum heimelig, ließ uns länger verweilen.

Vor dem Dom sang man geistliche Lieder. Wir zündeten eine Kerze an. Blieben noch eine Weile vor dem Lichterpult stehen. Als wir hinausgingen, sang der Chor ein letztes Lied. Es war eine Jugendgruppe. Sie hatten Gitarren dabei. Dann verklang das Lied. Von der Fußgängerzone herüber hörte man das Gegröle von Betrunkenen. Als wir am nahen Jagdmuseum vorbeigingen turnten beschwipste japanische Touristen auf der bronzenen Wildsau herum.

Drei Wochen später wurde dann der einstige Kardinal der Diözese zum Papst gewählt. „Wir sind Papst“, titelte darauf die Bildzeitung. – Die Party geht weiter.

Fuji

Erstarrte Woge
Von Himmel und Schnee bekrönt
Tosende Stille.

Ohrenbetäubende, brüllende oder hier in meinem Haiku „tosende Stille“ ist eine Metapher für verschiedene Momente, wie man Stille erleben kann. Insbesondere aus spiritueller Sicht wird Stille als ein außerordentlicher Zustand der Erweckung glorifiziert. Nun, ich schließe mich dem selbstverständlich nicht an; denn ich halte gerade diese Art der spirituellen Disziplinierung für Geschwätz – für geschwätzige Stille. Sie stellt eine eigene Form spirituellen Masochismus dar, in die man sich versetzt, um besonders zu werden: Ein Erwachter, Erleuchteter oder einfach nur „woke“ oder genauer gesagt eitel und anderen überlegen. Da ist nichts still, weder außen noch innen.

Stille ist nicht Geräuschlosigkeit, auch auf dem Fuji herrscht keine Stille; nicht mal zur Mitternacht, wenn keine Touristen um den Kraterrand grabbeln. Stille ist ein Raum, in dem man sich findet, um sich zu verlieren und als ein anderer wiederzufinden. Stille ist Einkehr. Hierbei kann eine ruhige Umgebung hilfreich sein; muss es aber nicht. Manchmal ist es auch mitten in der Stadt still. Nicht die Stadt wird dann still, sondern das eigene Gemüt. Mitten im Trubel öffnet sich der Raum innerer Stille. Man wird mit sich allein, ist eingekehrt und verharrt in Ruhe. Schon öffnet sich ein weiter stiller Raum und wir empfinden Transzendenz, ohne sie uns vorzustellen. Derlei Stille steht nicht still; sie wogt und weht. Sie ist Bewegung. Sie kann heilig sein, sofern uns dabei die Ewigkeit berührt.