Zombiade oder Gedankenblüte

ideologische Zombiade © Matthias Mala

ideologische Zombiade © Matthias Mala

Verzaubertes Laub
Reigen mit dem Sonnenschein
Schönheit zum Weinen.

Jahreszeiten ohne Ende. Jahraus, jahrein, wechselt das Licht, wandelt sich das Wetter und bleibt dennoch scheinbar gleich. Doch in Wirklichkeit ist das einzige, was gilt, das nichts gleich, jedoch sich vieles ähnlich bleibt. So wissen wir heute, dass die Alpen um 400 v. Chr., als Makedoniens Aufstieg zur Großmacht begann, und eineinhalbtausend Jahre später, als Kaiser Heinrich IV. sich zum Bußgang nach Canossa aufmachte, eisfrei waren. Damals, so wird berichtet, badeten die Leute zu Weihnachten im Rhein. Der Wechsel von wärmeren zu kälteren Zeiten ist ein natürlicher Zyklus, der uns kaum auffällt, da ein Menschenleben hierfür meist zu kurz ist.

Dafür erscheinen uns menschliche Zyklen zwischen Krieg und Frieden, Freiheit und Bevormundung oder von Skandal zu Skandal viel zu dicht, so dass wir meinen, das ganze Wechselspiel von Mit- und Gegeneinander sei eine unglaubliche Hatz. Dabei ist der stete Wechsel von gemütlicher Gemeinsamkeit zur feindlichen Schrecklichkeit ein Kontinuum unter Menschen und der Natur überhaupt.

Beständig ist nur der Wandel; weshalb die Unbeständigkeit per se das einzig verlässliche bleibt. Demnach ist der Augenblick die längste Weile – oder Einheit – von wirklichem Bestand. Weil aber das Leben kein Fotoapparat ist, wird aus dem Augenblick Zeit und aus der Zeit Geschichte. Erst im Rückblick erkennen wir unsere Entwicklung vom Kind zum Greis. Sähen wir in ihr auch nur einen Moment des Stillstands, entspräche das der Beschauung unseres Exitus.

Stillstand ist folglich unmöglich. Die einzige Möglichkeit, die Stillstand zulässt, ist unser Denken. Ich meine damit nicht die Gedankenlosigkeit, die viele Menschen während ihrer Meditation anstreben. Zu dieser speziellen Form spiritueller Dissoziation wäre viel zu sagen, doch das würde von dem Faden ablenken, dem ich hier folge. Nein, Gedankenstillstand herrscht, sobald wir uns von einer Ideologie leiten lassen. Von diesem Moment an ist der geistige, aber auch der geistliche Exitus bereits vollzogen. Der freie Gedanke ist hier verglüht, der nachdenkliche Kopf erkaltet, jegliche gedankliche Bewegung ist von da an nur noch eine Illusion von Wirklichkeit. Einer Wirklichkeit in der gedankliche Zombies schwätzend durch Gedankenwelten tappen und versuchen, andere Gedankenzombies zu verzehren. – Wir erleben diese Zombiade seit Menschengedenken und derzeit mal wieder besonders heftig.

Folgen wir einer Ideologie, wandelt sich nichts mehr und findet folglich keine Entwicklung mehr statt. Was sich aber nicht mehr entwickelt, ist tot. Und was tot ist, verrottet. Verrottung aber ist nur scheinbar Wandlung; in Wirklichkeit ist sie ziellose Zersetzung, die Freiraum hinterlässt.  Ideologie ist demnach schlicht raumfüllender Schall und Rauch. Verstummt das Getöse und verwehen die Schwaden, bleibt Raum für freie Gedanken, die aus freier Beschauung erstehen. So entsteht Gedankenblüte, deren einziges Ziel im Selbstverständnis und der Selbsterkenntnis liegt. Wobei derlei Erhellung, sofern sie gründlich verläuft, das Selbst in der Welt verortet, also auch ihre wissenschaftliche Erkenntnis bedingt. Dieserart Gedankenblüte bleibt stets autonom, aufgeschlossen und selbstkritisch und entzieht sich somit jeglicher Ideologie.

Ein solcher kontemplierender Freigeist ist ebenso religiös ungebunden. Er erforscht das Transzendente wie das Diesseitige, ohne sich durch Dogmen oder Kosmogonien einengen zu lassen. Doch anders als die wissenschaftliche Erkenntnis ist die Durchdringung von Transzendenz immer ein Mysterium, das ein Privatissimum jedes Mystikers bleibt. Weshalb die Transzendenz auch einem Chamäleon ähnelt, das jedem so erscheint, wie er in sie hineinblickt und sie hierdurch determiniert. Ob bei dieser Widerspiegelung sich die Transzendenz auch tatsächlich offenbart, zeigt sich deshalb weniger an der Ähnlichkeit ihrer Erscheinung, als am Staunen des Schauenden. Denn solange Erstaunliches geschieht, ist man in Bewegung und folglich im Wandel. Und nur was sich wandelt ist lebendig …

Meine Träne fällt
In ein Meer reiner Weisheit
Ein Gedanke erblüht

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