… und der Erwachte lachte

Bayerischer Buddha © Matthias Mala

Bayerischer Buddha © Matthias Mala

Als Siddhartha unter einem Feigenbaum meditierte, näherte sich ihm eine Gazelle und legte sich ihm zu Füßen. Siddhartha lächelte darüber milde, galt ihm doch das zutrauliche Verhalten des Tieres als Zeichen für seine innere Ruhe und die grenzenlose Weite seines Bewusstseins. Das zutrauliche Tier zog aber auch einen Schwarm von Mücken mit, die den Asketen umschwirrten und piesackten. Schließlich wurde es Siddhartha zu viel. Er sprang auf, mit ihm die Gazelle, lief zum nahen Fluss und stürzte sich hinein. Die Gazelle sprang davon, die Mücken folgten ihr. Vielfach gestochen von den Quälgeistern, doch von ihrer weiteren Verfolgung endlich erlöst, stieg Siddharta aus dem Wasser.

Befreiung

Als er so befreit ans Ufer watete, wurde er gewahr, dass er in einem noch viel weiteren Sinne befreit war. Die ihm gewährte Zuneigung der Gazelle, die erlittene Qual der Mückenstiche, sein Spurt zum Fluss, die schlagartige Erfrischung und die Erlösung von irdischer Plage hoben ihn in eine andere Sphäre. Er war nun ein anderer. Als er so vom nahen Fluss zurückkam, bemerkten seine Begleiter, die mit ihm meditiert hatten, seine plötzliche Wandlung und hielten ihn für erleuchtet. Doch Siddhartha entgegnete ihnen, es seien nur die Mücken gewesen. Hierauf lachten sie herzlich, denn sie wussten, es war die Erleuchtung, was den Meister verklärte. Siddhartha jedoch blieb hartnäckig dabei, es seien nur Mücken gewesen.
Dies verdrießte seine Jünger zunehmend. Einer nach dem anderen wandte sich von ihm ab, ging seiner Wege und berichtete von dem Geschehen. So kündeten sie von der Erleuchtung ihres Meisters und verbreiteten seine Reden. Seine letzte Erklärung aber, dass alle Erleuchtung nicht mehr als ein paar Mückenstiche zuviel sei, verschwiegen sie. Siddhartha kümmerte das nicht. Er war mit sich und der Welt eins und blieb dies bis zu seinem Lebensende.

Der Meister und sein Fliegenwedler

So hätte sich die letzte und höchste Weisheit beinahe aus der Welt verloren, hätte es nicht den Fliegenwedler gegeben, der Siddhartha treu geblieben war. Seine Aufgabe war es fortan, dem Erwachten alle Mücken und Fliegen aus seiner Aura zu wedeln, auf dass sein Geist weiterhin von irdischer Dichte verschont blieb. Zugleich wedelte er das Bewusstsein des Erwachten in die Weite.
Die beiden hatten ihr Vergnügen bei der Betrachtung der Welt. Die meisten der Gedanken und Sorgen, die man ihnen antrug, fanden sie lachhaft und lachten deshalb viel und herzlich, wenn Schüler den Erwachten aufsuchten und sich bemühten, ihm mit trickreichen Fragen die letzte Wahrheit zu entlocken. Die meisten der Besucher verließen daraufhin das seltsame Paar irritiert und sprachen später vom Erwachten und seinem Narren. Obgleich nur der Erwachte ein wahrer Narr war, sein Mückenwedler war bloß ein Schelm. Einige wenige aber begannen, selbst zu lachen. Worauf Siddhartha sie fragte, warum sie lachten. Die meisten wussten darauf keine rechte Antwort. Einige wenige antworteten lachend, dass sie über sich selbst und ihre einfältigen Fragen lachten.
Daraufhin wurde der Erwachte ernst und schwieg mit ihnen eine Weile. Zum Abschied umarmte er sie und wünschte ihnen eine gute Reise auf ihrem weglosen Pfad.

Der Erwachte als Narr

Nur so mag ich mir den Buddha vorstellen: als einen entspannten Geist, der über den Eifer seiner Mitwelt nach Sein und Haben nur noch lachen konnte. Ein Mensch, der über die blinden und eingeschlossenen Seelen aus grenzenlosem Mitleid lachte. Denn oft ist das Lachen über eine eingefleischte Dummheit das einzige und beste Argument. Indem der Narr sagt, lieber Mensch, was du machst und anstrebst, ist nicht einmal lustig, sondern so traurig, dass ich in meinem mitleidigen Schmerz über soviel Unverstand nur noch lachen kann. Einem solchen Buddha würde ich statt der Ushnisha (dem Haarknoten, den der Erwachte in den frühbuddhistischen Darstellungen trug) gerne eine Narrenkappe aufsetzen, um seine grenzenlose Weisheit und seinen feinsinnigen Humor hervorzuheben.
Jedenfalls sollten wir einem Narren von dieser Statur keine Überheblichkeit unterstellen, auch wenn es viele, die sich ob seines Gelächters auf den Schlips getreten fühlen, so anmutet. Schließlich ist es das besondere Talent eines Narren, dass er unsere Regeln und Notwendigkeiten hinterfragt und erkennt, dass sie selten dem Zweck dienen, der ihnen zugedacht wurde, sondern vielmehr einem komplizierten Geflecht der Anpassung, Unter- und Überordnung.
Wir uniformieren uns in jeder Beziehung und Lebensäußerung und glauben zugleich, uns dadurch zu individualisieren. Dabei fürchten sich die meisten unter uns, in ihrer tatsächlichen Eigenartigkeit erkannt zu werden, weswegen sie sich lieber durch Gleichartigkeit tarnen. Ein weiser Narr hingegen erfasst all diese Verdrehtheit mit einem Blick. Er durchschaut sein Gegenüber, und er durchschaut die Gleichförmigkeit von Moden und Meinungen. Und weil er so ihren Unsinn zutiefst erkennt, bleibt ihm nur himmlisches Gelächter.

Den Narren meiden

Andernfalls müsste er weinen. Womit er in die Rolle des Harlekins schlüpfte, des Narren mit der kullernden Träne. Doch zerbricht der Harlekin, anders als der anarchische Narr, nicht die übliche Sicht, sondern bemäntelt sie mit seiner Träne. Er ist ein Tröster und Reformer, ein Kabarettist und kein Umstürzler und Erschütterer. Das aber ist der weise Narr unbedingt. Er weiß, sobald sein Gegenüber die Welt mit seinen Augen sieht, wird er aus ihr fallen und selbst zum Narren werden. Weswegen die meisten von uns einen solchen Narren meiden oder wie einst Siddharthas Jünger schnell das Weite suchen.
Wahrscheinlich gibt es deswegen so wenig erkennbar echte Narren in der spirituellen Szene. Schließlich will kaum jemand in seinem Wahrheits- und Erkenntnisstreben zum Gegenstand des Spottes eines Durch- und Überblickers werden, der ihm zuruft: Vergiss deine Erleuchtung! Erleuchtung ist doch nur ein Mückenstich zuviel. Auch will niemand, dem die Beine im Lotossitz erbärmlich schmerzen, hören, dass sein Kasteien nur eitler Unsinn ist. Ebensowenig verträgt es ein religiöser Mensch, wenn ein heiliger Narr die Dogmen seiner Religion zerpflückt und so seine Glaubensgewissheit erschüttert. Solche Narreteien bezahlten viele Narren mit ihrem Leben, denn ein gläubiger Mensch versteht in Glaubensdingen keinen Spaß. Sein Glaube ist ihm existentiell: Wer ihn infrage stellt, der stellt den Menschen infrage und verneint seinen Daseinsgrund. Der Narr nimmt dem Menschen seine Wichtigkeit, obwohl er ihn zugleich aus tiefstem Herzen ernst nimmt.

Auf Erleuchtung verzichten

Mensch, nimm dich nicht so wichtig! Dies geben wir anderen im Gefühl unserer eigenen Bedeutung gerne zum Rat. Doch wenn jemand das zu uns sagt, empören wir uns ob der Anmaßung. Das ist zwar närrisch, macht aber noch keinen Narren aus uns, sondern nur einen Selbstverblendeten.
Lassen wir diese offensichtliche Einsicht hingegen für uns zu, können wir uns selbst zum Narren machen und zu uns selbst sagen: Vergiss deine Erleuchtung, du wirst sie eh nicht bekommen. Und der Erleuchtung ist es gleich dreimal egal, ob du sie erlangst. Also ernsthaft: Sich nicht so wichtig zu nehmen, bedeutet auf Erleuchtung ernsthaft zu verzichten!

Dieser Beitrag erschien aktuell im letzten Heft der Zeitschrift connection spirit. Die Zeitschrift wird mit dieser Ausgabe nach dreißig Jahren fortan nicht mehr in Papierform erscheinen. Die Webseite connection.de wird jedoch weiter betrieben werden.

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2 Kommentare zu “… und der Erwachte lachte

  1. Hallo Matthias,
    habe den Beitrag schon in der neuesten Connection gelesen – sehr schön!
    Mit herzlichem Gruß
    Marianne 🙂

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