Ein Mensch verschwindet

Auflösung © Matthias Mala

Wieder einmal kann ich beobachten, wie ein Mensch allmählich bei lebendigem Leib verschwindet. Es ist eine ältere Frau, die zunehmend dement wird. Sie war ihrer Lebtag eine zwiespältige Person. Sie hielt sich für herzensgut, war es aber nur selten. Völlig niederträchtig war sie aber auch nie. Manchmal schon, aber nicht ausnahmslos. Sie war schlicht eine Narzisstin, die ihre Mitwelt in ihrem Sinne kontrollieren und beherrschen wollte. Sie war das stabile Zentrum ihrer Welt, um das alle anderen Menschen zu kreisen hatten. Wer sich diesem Planetengetriebe widersetzte, der war wenig gelitten und wurde immer wieder attackiert, und wenn es ging, auch bloßgestellt.

Nun aber verwischt sich all das, es ist noch da, wird von ihr auch immer wieder aufgezogen; indes es ist im Prinzip nur Schmierentheater eines eingefleischten Klischees, um sich selbst für seine Mitwelt darzustellen. Sie wurde zum Abklatsch ihrer selbst, nur noch bemüht, wie einst zu triggern, auf das sich andere so verhalten, wie es ihrem Bild von ihnen entspricht – Schmiere eben -. Man ärgert sich über die gleichen alten Bosheiten von ihr und hört die immergleichen Vorurteile, nur die Person, die sie einst ausstieß, zischte oder mit verächtlichem Lachen begleitete, steht nicht mehr dahinter. So lebt die Alte eine eingeübte Rolle, um sich wohl einen letzten Zusammenhalt ihrer Person zu bewahren.

Person stammt von per sonare. Das bedeutet: das was durch die Maske – des Schauspielers im antiken Theater – dringt. Durchklingen, durchtönen, das innere Wesen dringt nach außen, offenbart den Menschen hinter seiner Maske. Übrigens ein Zug, auf den man achten sollte, denn die meisten Menschen verraten sich in dem, wie und worüber sie sich äußern. Doch mit dem Verblassen ihrer Rolle dringt etwas anderes aus ihr, das sie zeitlebens sorgsam verborgen hatte. Ein unbekannter Zug. Es ist ein lieber Zug. Ja, es ist ein Zug, der tatsächlich Liebe aufdeckte; man vermag es nicht anders zu deuten. Es ist ein irritierender Zug, den man – selbst ein vorurteilsbeladener Mensch – an ihr nicht vermutete und der einem fremd erscheint. Ja, er würde einem als falsch und aufgesetzt erscheinen, wüsste man nicht, dass sie hierfür kognitiv gar nicht mehr in der Lage ist.

Dieser Zug kommt aus ihr, und es ist erschreckend, dabei Zeuge zu sein; denn er zeigt sie als ein Opfer ihrer selbst und ihrer Herkunft und Konditionierung. Sie war sechs Jahre alt, als Hitler an die Macht kam. Sie lernte, ihr Innerstes zu verbergen und Überlegenheit zu zeigen. Die gesellschaftlichen Umstände kamen ihrem narzisstischen Charakter entgegen. Später dann im Wirtschaftswunderland war Fassade alles, und so hatte sie einen guten Stand. Liebe musste sie nicht zeigen, durfte sie nicht zeigen, Tatkraft und Dominanz waren von Bedeutung.

Jetzt also, am Ende ihres Lebens zeigt sie sich, kehrt ihr Innerstes nach außen, ohne es zu wollen, ohne es richtig zu wissen, es ist nur möglich weil sie ihre Person verliert, weil sie sich keine Maske mehr vorhält, durch die die Narzisstin dringt, die ihre innerste Verletzlichkeit womöglich schützen wollte. Dabei ist sie als dieser Mensch nicht verletzlich, sondern nur noch eine liebe alte demente Frau. Sie ist aber auch zu spät gekommen und kann sich selbst nicht mehr erleben. Sobald sie in ihrer Demenz die Wirklichkeit touchiert, verschwindet auch dieser Zug, und die alte böse Narzisstin tönt durch ihre Person.

Also bleibt mir die Frage, an mich, an alle, die mir lauschen: Sind wir in unserem Leben noch imstande, unsere Maske fallen zu lassen und den Menschen zu zeigen, der wir sind und der wir eigentlich mit anderen gemeinsam sein wollen? Denn wenn es zu spät ist, wenn unsere Person verblasst, bestraft uns nicht einmal frei nach Gorbatschow das Leben, sondern dann entfleucht nur sein letzter Rest als lieber Hauch. Ein letzter Atemzug voll Liebe …

Wollen wir dazu nicht bis zum dementen Abgesang in unserer Rolle warten, sondern wollen wir davor noch die Liebe im Leben leben, sollten wir den Aufzug vorzeitig beenden und unsere Rolle ablegen.

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