Akzeptanz

Akzeptanz © Matthias Mala

Akzeptanz © Matthias Mala

Akzeptanz bedeutet, etwas anzunehmen, sich etwas geben zu lassen, etwas gutzuheißen, hinzunehmen oder zu billigen. Manchmal wird der Begriff mit Toleranz, also Duldsamkeit, gleichgesetzt. Jedoch ist Toleranz eher ein teilnahmsloses Dulden und somit der Gleichgültigkeit näher, als dies bei Zustimmung durch Akzeptanz geschieht; sprich wir tolerieren mehr als wir akzeptieren. Dies ist im Religiösen ebenso. Toleranzedikte gewährten religiösen Minderheiten Schonung vor Verfolgung, ohne jedoch ihre Andersartigkeit zu akzeptieren; man ertrug den anderen, weil man gute, meist ökonomische Gründe dafür hatte. Akzeptanz hingegen entspräche einer Gleichwertigkeit des Anderen, wir würden den Bruder und nicht den Geduldeten in ihm sehen. Dies bedeutete aber auch, dass wir um ihn wissen und ihn aufgrund dessen auch bejahen. Er wäre mit uns und nicht parallel zu uns.

Was geschieht, wenn wir etwas akzeptieren? Oder anders gefragt, was muss geschehen, damit wir etwas akzeptieren? Denn gemeinhin ist Akzeptanz der Schlußstein eines Prozesses. Am Anfang steht die Begegnung mit etwas, einer Erscheinung, einem Menschen, einer Idee oder einem Verhalten. Es ist uns zunächst fremd oder widerspricht unseren Vorstellungen. Es mag uns gar beunruhigen und wir mögen es zunächst ablehnen, doch es weckt soweit unser Interesse, dass wir uns ihm nähern, es beäugen, befragen und darüber sinnen. Dann kategorisieren wir es, vergleichen es mit Bekanntem und Vorstellbarem, fügen es unserem Wissen zu und machen es uns so zueigen. Diese Zueignung bedeutet allerdings nicht, dass wir mit ihm konform gehen; wir werden, nur weil wir als Christ den Muslim akzeptieren, nicht zum Islam konvertieren. Vielmehr geschieht, weil wir um seine Besonderheit, Andersartigkeit und Ähnlichkeit wissen, dass wir ihn annehmen und nicht befremden. Akzeptanz ist folglich der Beginn eines wohlgesonnenen Miteinanders, bei dem wir den anderen in seinem Sosein belassen können, ohne uns selbst hierdurch aufzugeben. In diesem Sinne wäre Akzeptanz eine freundliche Bereicherung unseres Daseins.

Meistens ist damit aber der Prozess der Näherung abgeschlossen. Der Augenblick der Akzeptanz ist auch das Ende der Neugier und des Bemühens. Der Alltag mit seinem ganzen Für und Wider umschließt uns wieder. Das Akzeptierte wird zum alltäglichen und verblasst im Bekannten. Folglich ist solcherlei Akzeptanz im Grunde nur eine Form allmählicher Konditionierung, wohlmeinender Gewöhnung und Anpassung und somit kein Thema für mich; richte ich doch meine Aufmerksamkeit eher auf jene Wahrnehmungsmomente, die unsere Seele erschüttern und in heilsame Unruhe versetzen; weil nur diese Momente uns aus dem Gewohnten katapultieren können.

Allerdings gibt es noch eine weitere Dimension der Akzeptanz, bei der der Prozess des Annehmens zu psychischer Genesung, ja zu spirituellen Einsichten führen kann. Betrachten wir, um diese Möglichkeit zu verstehen, zunächst, was geschieht, sobald wir etwas nicht akzeptieren. Verweigern wir die Akzeptanz entsteht ein Konflikt. Das Unakzeptable ist zwar ein unleugbarer Fakt, dennoch wollen wir es nicht hinnehmen, sondern aus der Welt schaffen. Es wird abgelehnt und an seine Stelle soll das Fiktive, das Annehmbare, treten. Für die meisten von uns scheint eine solche verhaltenslenkende Einstellung normal, da ähnliches tagtäglich geschieht. Akzeptieren wir zum Beispiel das gebotene Gehalt nicht mehr, fordern wir eine Gehaltserhöhung, und wird diese nicht gewährt, wechseln wir die Stellung. Der dabei entstandene Konflikt wird oft als solcher gar nicht erkannt, sondern als normaler Reibungsverlust, sprich alltäglicher Stress, angesehen. Der Stellungswechsel ist demzufolge kein Konflikt, sondern Konsequenz.

Anders sieht es aus, wo Akzeptanz und Konsequenz aufeinander bezogen bleiben. Wir akzeptieren den Fakt als solchen, folgen ihm allerdings nicht, sondern leiten aus seiner Tatsächlichkeit eine andere Konsequenz ab. Im gegebenen Beispiel würden wir die verweigerte Gehaltsanpassung akzeptieren, dafür aber unseren Eifer dem vermeintlich geringen Niveau der Bezahlung anpassen. In einer Eltern-Kind-Beziehung geschieht verwandtes allerdings in viel diffizilerer Weise. Das Kind wird mit seinen Wünschen akzeptiert; auch wenn diese manchmal maßlos und unrealistisch sind, werden sie ihm als Eigenart zugerechnet und bejaht. Dies hat allerdings nicht zur Folge, dass sie erfüllt werden. Sondern ihre Erfüllung wird, solange sie maßlos und unrealistisch sind, konsequent verweigert. Wie gesagt, müssen wir also dem Akzeptierten nicht entsprechen. ‑ Begreifen wir dies, besitzen wir auch ausreichend Konfliktfähigkeit, um einen aus der Diskrepanz von Akzeptanz und Konsequenz entstehenden Konflikt lösungsorientiert auszutragen; schließlich orientiert sich die Lösung am Akzeptierten und nicht am Unakzeptablen, also am Tatsächlichen und nicht am Fiktiven.

Gleichwohl ist die bewusste Bejahung einer Tatsache, die in ihrer Konsequenz nicht hingenommen wird, für die meisten Menschen eine Herausforderung für ihr Gemüt, widerspricht sie doch ihrem grundlegenden Harmoniebedürfnis respektive Konsensstreben. Wie kann man etwas bejahen, was man indirekt doch verneint? So ihre Frage, die sich aus dieser Konstellation ergibt. Allerdings stellt sich die Frage in dieser Form nur solange, wie unsere Bejahung halbherzig bleibt. Erst wenn wir zu einer Sache oder Angelegenheit sagen können: sie ist, wie sie ist; sie soll nicht sein, wie sie sein soll; sie soll auch nicht sein, wie sie nicht ist; ja, sie ist und soll nichts, nehmen wir sie ohne Wenn und Aber an.

Eine derlei konsequente Bejahung einer Gegebenheit ist ebenfalls eine ungewohnte Herausforderung, vor allem dann, wenn es sich bei ihr um ein schreckliches Geschehen und nicht um etwas leichthin annehmbares handelt. Deswegen ist zum Beispiel Trauer mit so viel Wut verknüpft, weil man das Unabänderliche des Todes nicht akzeptieren will. Auch wenn man den Toten vor sich liegen sieht, ihn gewaschen und gekleidet hat, will man seinen Tod nicht akzeptieren, obwohl man ihn mit jeder dieser Handlungen und mit seiner Trauer annimmt. Für gewöhnlich ist es ein wochenlanger Prozess, in dem man sich mit dem Unabänderlichen versöhnt. Ist dies geschehen, findet auch die Trauer ihr Ende. Akzeptanz ist demnach auch ein langwieriges Geschehen. Sie geschieht nicht von jetzt auf nachher. Seien wir darum ehrlich und gestehen uns ein, dass dieser Prozess des Annehmens auch ein schwellender Konflikt ist, bei dem sich unser „So soll es nicht sein“ erst allmählich zu einem „So ist es“ wandelt. Man mag einwenden, so sei das Leben, alles andere sei Wunschdenken. Doch müsste man sich, will man ehrlich zu sich bleiben, dann auch fragen, ob dieserart Einwand nur die eigene Trägheit bemänteln soll, mit der wir versuchen, der unerbittlichen Konfrontation mit einer Tatsache auszuweichen. Wir blicken von ihr weg und verleugnen so die Wirklichkeit, um in unserer Unwirklichkeit verharren zu können. Dies geschieht tagtäglich in der großen Politik wie im kleinen Leben, vor den Altären wie im stillen Bekenntnis. Hören Sie nur zu, wie Kriege von der einen wie der anderen Partei gerechtfertigt werden. Das ist Verdrängung pur. Blicken Sie auf Ihr eigenes Leben, wie Sie sich scheinbar in das Korsett des Faktischen zwängen, dabei aber nur das wahre Geschehen umdichten, um unentschieden bleiben zu können. Wir akzeptieren nun mal lieber das Scheinbare als uns womöglich vom Tatsächlichen überwältigen zu lassen.

So stelle ich fest, wir akzeptieren nichts außer dem Schein, der unserem Geisteslicht entspricht. Nur dort, wo die Tatsächlichkeit so unverrückbar wirklich ist wie der Tod, arrangieren wir uns. Akzeptieren tun wir darob die Tatsächlichkeit noch lange nicht. Den Tod löschen wir mit unserer Wiedergeburt aus; eine Niederlage verkehren wir mit einer Dolchstoßlegende zum Sieg; und unsere Schuld wird stets nur die Folge anderer Sünde sein. Also führen wir, weil wir im Grunde nichts akzeptieren, ein Leben voll fortgesetzter Konflikte. Es ist ein Streiten und ein Schachern wider die Wirklichkeit, ein Leugnen und Fantasieren eigener und fremder Identitäten und somit eine beständige Flucht vor dem was ist. Es ist somit ein Leben im freien Fall, oder anders gesagt unser unaufhaltsamer Absturz vorm Leben.

Darum an dieser Stelle einmal hin zum wahren Leben! Was werde ich machen, wenn ich bei einer Wanderung durch unbekanntes Terrain unvermittelt vor einem unüberwindbaren Abgrund stehe? Ich werde mich nicht hinabstürzen; ich werde auch nicht versuchen, auf die andere Seite zu springen; ebensowenig werde ich an der Abbruchkante kauern und mein Schicksal bejammern oder versuchen, den Abgrund mit Steinen zu füllen. Stattdessen werde ich zurückgehen und eine sichere Stelle suchen, von der aus ich meinen Weg fortsetzen kann. ‑ Auch Sie werden nichts anderes machen.

Was aber haben wir an diesem Abgrund anderes gemacht, als am Abgrund unseres Haderns? Wir haben gesehen, was ist – ein Abgrund! Wir haben augenblicklich akzeptiert: dieser Abgrund ist nicht zu überwinden. Wir haben daraufhin aus der Akzeptanz heraus gehandelt. Eine ganz banale Selbstverständlichkeit! Warum aber verweigern wir uns dieser Selbstverständlichkeit im Alltag? Sind wir womöglich gar noch so animalisch, dass wir nur das Konkrete, das Steinharte, die Mauer, gegen die wir physisch rennen, als gegeben akzeptieren können? Während wir mit unserem Geist wie Kinder gegen jede Beschwernis antrotzen? Sind wir am Ende gar nicht in der Lage, eine feiner gesponnene Wirklichkeit zu erkennen? Wäre es so, müssten wir über unsere einfältige Indifferenz gegenüber unserem „Akzeptanzproblem“ nicht weiter nachdenken; dafür bliebe unser Leben ein beständiger, nun aber gottgewollter Konflikt. Ja, es gab Zeiten, in denen der Mensch so lebte, in denen er Elend und Krieg als göttliche Schicksalsschläge und nicht als menschliches Versagen verstand und dies seufzend und betend als Bürde akzeptierte. Das war Fatalismus pur! Doch heute verhalten wir uns nur wenig anders, wenn wir unser Versagen mit immer neuen Regeln und Erklärungen mindern wollen.

Doch muss das so sein? Handelt es sich dabei gar um eine anthropologische Konstante? Oder gibt es einen Ausweg, weg vom Abgrund, weg vom Geist und Seele lähmenden und zersetzenden Konflikt? Fragen wir uns also darum, was geschah am wirklichen Abgrund? Wir hielten an, sahen hinab und hinüber und stellten fest, dieser Abgrund ist unüberwindbar.

In vergleichbarer nur bildhafter Weise sollten wir deshalb auch unseren psychologischen Abgrund aufsuchen, uns an seine Abbruchkante stellen und ihn in seiner ebenso unverrückbaren Tatsächlichkeit beschauen. Was sehen wir? Wir sehen unser Versagen, uns den Tatsachen zu stellen; unsere Unwilligkeit, die Tatsachen anzunehmen und unsere Unehrlichkeit, uns dieses Versagen einzugestehen; wir sehen all die kleinen Schwindeleien, mit denen wir das „Es ist, wie es ist“ verwischen. Nein, versuchen Sie nicht, sich diese Einfältigkeit zu erklären. Akzeptanz braucht keine Erklärung. Akzeptanz heißt, das, was ist, zu erfassen. Seine Tatsache zu bejahen und diesem Ja kein „weil“ hinterher zu schieben. Gelingt es uns, gegenüber unserem fortwährenden Konflikt mit der Wirklichkeit ebenso wie vor einem natürlichen Abgrund zu stehen, werden wir ihn gleichermaßen ganz und gar erfassen und handeln. Wir benötigen dazu keine Analyse, wir sehen die Unlösbarkeit und finden darob den Ausweg.

Und dieser Ausweg ist simpel: wir werden den nächsten Konflikt ebenso grundehrlich betrachten. Und wir werden die Tatsache des Konflikts akzeptieren und hierdurch wie von selbst seine Ursache erkennen, und auch sie werden wir ebenso als Tatsache akzeptieren und danach handeln. Sehe ich zum Beispiel, dass ich Unrecht hatte, werde ich es unumwunden eingestehen und nicht erklären weil … Denn das ist das eigenartige an wahrer Akzeptanz, sie ist konfliktfrei und erlaubt deshalb ungewöhnliche Lösungen. Solcherart Konfliktlosigkeit aber ist eine heilsame Erschütterung; schließlich bleibt das Gewöhnliche, die Fortdauer konfliktbesetzten Handelns, aus, wodurch wir gleichzeitig mit einer ungeahnten geistigen Freiheit konfrontieren werden. Wir sind nicht mehr durch konfliktbedingte Entscheidungen eingeengt. Wir sind frei, die Dinge in ihrem Wesen zu erkennen und ihrem Wesen gemäß zu behandeln. Es ist im Grunde ein gottgleicher Blick, der uns da lenkt. So wie der Schöpfer auf seine Schöpfung sieht, so sehen wir dann auf unsere Welt und ihre Probleme. Betrachten wir sie so, befreien wir uns ebenso von unserer Schöpfung samt unserer Idee von ihr, denn jede Schöpfung trägt letztlich ihren Auflösungsimpuls in sich. Dieserart Befreiung entspricht daher einer vollkommenen geistigen Unbedingtheit. Ein derart freier Geist aber ist offen für wahre Spiritualität.

Andererseits werden Sie, sobald Sie mit dieserart freiem, weil unvoreingenommenen Blick auf die Dinge sehen, nur noch das akzeptieren, was Sie selbst in dieser Weise geschaut haben. Das heißt man wird Ihnen nichts mehr einreden können. Sie werden schauen, erfassen und handeln. In dieser Weise lassen Sie sich etwas geben, um es letztlich selbst anzunehmen. ‑ Dies gilt auch für meine Zeilen. Sie werden sie nicht akzeptieren, ohne ihren wahren Grund selbst geschaut zu haben.

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Ein Kommentar zu “Akzeptanz

  1. Lieber Matthias, vielen DANK für Deine Artikel. Ich freue mich immer sehr, wenn ich etwas von Dir lesen darf. Es fordert ein hohes Maß an Konzentration, um mich in Deine Gedanken hineinzudenken. Sehr geholfen haben mir speziell bei diesem Artikel Deine Beispiele (Gehalt + Abgrund), um für mich sicherzugehen, es richtig verstanden zu haben und um mich besser hineindenken zu können, weiter so mit vielen Beispielen bitte!!! Du bist spirituell sehr weit und ich freue mich sehr darauf, mehr von Dir zu lesen und zu lernen!

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