Gedenktag der Vertreibung

Das letzte große Pogrom in Europa fand 1968 in Polen statt, als Gomulka die restlichen nach dem Hollocaust verbliebenen polnischen Juden aus dem Land warf. Er machte sie für seine Misswirtschaft und für das Anwachsen der Opposition gegen sein Regime verantwortlich (siehe Bericht von hagalil.com).

In der arabischen „Jasmin-Revolution“ (2010/2011) wurden die letzten noch in arabischen Ländern lebenden Juden vertrieben. Seitdem sind die arabischen Länder so gut wie „judenfrei“.

Es waren hier wie dort nicht nur politische, sondern auch religiöse Motive, die die Machthaber veranlassten, ihre jüdischen Bürger zu vertreiben. Oberflächlich gesehen mögen die Motive Vergeltung und Antisemitismus sein. Antisemitismus halten manche Psychologen gar für eine neurotische Störung. Das kann ich insbesondere da nachvollziehen, wo es Judenfeindlichkeit aber keine Juden gibt. Doch liegen meines Erachtens die Wurzeln des Antisemitismus noch tiefer, nämlich in den Religionen und speziell im Christentum, das das Schisma von den Juden (Birkat ha-Minim) nie überwunden hat und seitdem im Judentum die von Gott abgefallenen Brüder sah. Wobei hier grundsätzlich der zoroastrische Dualismus von Gut und Böse als ein unhinterfragter, weil nicht bewusster Archetyp zur Geltung gelangt.

Ich halte deswegen alle missionierenden Religionen und Ideologien, die einer Gut-Böse-Dichotomie nachhängen, für prinzipiell gewalttätig. Schließlich erkennen sie als einen existentiellen Teil ihrer Kosmogonie einen Erzfeind, den es in einem eschatologischen Ringen endgültig zu überwinden gilt. Ein solcher Gegner ist weit mehr als ein irdischer Feind, er ist der gottlose Widersacher per se, der Weltenfeind, das Urböse schlechthin.

Vor diesem Hintergrund fiel mir eine Meldung des israelischen Außenministeriums zum Gedenktag der Vertreibung der Juden aus den arabischen Ländern auf. Verweist sie doch auf ein seit Jahrzehnten von der Weltöffentlichkeit ignoriertes Unrecht. Wer jedoch Unrecht wissentlich übersieht und verschweigt, der macht sich mitschuldig, und er schmäht die Opfer und beschämt sich selbst.

Doch vielleicht liegt in der Erinnerung an dieses Unrecht auch eine Chance für eine undogmatische, offene und zweifelnde Spiritualität. Denn nur solange wir aus unserer geistlichen Beschauung keine letzten Wahrheiten schöpfen, bleiben wir offen für das allgegenwärtige Floaten des Transzendenten ‑ was auch immer Sie, lieber Leser, sich darunter vorstellen mögen; schließlich steht ihrer Ansicht stets auch eine andere zur Seite. Können Sie die vielfältigen Ansichten hierzu akzeptieren, ohne auf Ihre davon abweichende verweisen zu müssen, sondern es schlicht zulassen, dass sich das Höchste jedem Menschen in seiner spezifischen Einzigartigkeit offenbart, tragen Sie unermesslich viel zum Frieden in der Welt bei. Nehmen Sie es als kleine Wahrheit an, haben Sie zugleich diesem Frieden einen guten Grund verschafft.

Also komme ich zum Anlass dieses Blogbeitrages, dem nachstehenden Statement des israelischen Außenministeriums:

 

Eine jemenitisch-jüdische Familie wandert durch die Wüste zu einem Aufnahmelager bei Aden © Israel National Photo Archive

Eine jemenitisch-jüdische Familie wandert durch die Wüste zu einem Aufnahmelager bei Aden © Israel National Photo Archive

Am 23. Juni 2014 verabschiedete das israelische Parlament ein Gesetz, das den 30. November als jährlichen landesweiten Gedenktag der Vertreibung von 850.000 Juden aus den arabischen Ländern und dem Iran im 20. Jahrhundert festlegt.

Juden lebten schon seit Jahrtausenden in den arabischen Ländern und viele der Gemeinden reichten in die vorislamische Zeit zurück. Bedeutende jüdische Gemeinden befanden sich im gesamten Nahen Osten, in Nordafrika, Babylonien, in der Levante, auf der Arabischen Halbinsel, im Jemen und in der Golfregion. Mit dem Aufstieg des arabischen Nationalismus und dem Konflikt um das historische Palästina begannen die neuen arabischen Regime eine Kampagne gegen die jüdischen Bürger ihrer Länder, wobei deren Menschenrechte massiv verletzt wurden. Die einheimischen Juden wurden enteignet, man entzog ihnen die Staatsbürgerschaft, sie wurden vertrieben, eingesperrt, gefoltert und viele auch ermordet.

Die Berichte der Juden aus den arabischen Ländern unterscheiden sich je nach Land und nach Familienschicksal im Detail, doch im Kern gleichen sie sich.

Die jüdische Gemeinde im Irak etwa bestand mehr als 2500 Jahre und war nicht nur als Wiege des Babylonischen Talmuds lange ein kulturelles Zentrum des Judentums. Diese alte Gemeinde wurde im Zuge der Staatsgründung Israels von der irakischen Regierung drangsaliert. Nachdem es zu physischen Angriffen gekommen war, wurden die Juden im Irak ihres Vermögens und ihres Besitzes enteignet und vertrieben.

Ministerpräsident Benjamin Netanyahu sagte: „Es ist nicht ohne Grund, dass der Tag der Erinnerung an die Vertreibung der Juden aus den arabischen Ländern und dem Iran auf den Tag nach dem 29. November fällt. Die arabischen Länder, die nie die UN-Erklärung zur Errichtung eines jüdischen Staates akzeptiert haben, zwangen die Juden in ihren Gebieten, ihre Häuser zu verlassen und ihr Gut zurückzulassen. In mehreren Fällen wurden die Vertreibungen von Pogromen und Gewalt gegen Juden begleitet. Wir haben uns eingesetzt und werden uns weiter dafür einsetzen, dass die Anrechte dieser Juden nicht vergessen werden.“

(Außenministerium des Staates Israel, 30.11.15)

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Ein Kommentar zu “Gedenktag der Vertreibung

  1. #PrayForThe World ? ihr solltet nicht weiter einen unsichtbaren gott anbeten, während ihr unsere sichtbare natur zerstört. wisst ihr nicht, dass diese natur, die ihr vernichtet, dieser unsichtbare gott ist, den ihr so verehrt?
    europa sollte nicht, wie schon seit jahrhunderten, die welt weiter besiedeln, kolonialisieren, völker unterdrücken und quasi die welt überehmen wollen. die ökologische krise könnte zusammen mit der zerstörung der ökologischen vielfalt zum ende der spezies mensch führen. ohne frieden bleibt klimaschutz eine illusion. ein „weiter so“ führt nur zu weiteren unruhen und kriegen.

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