Wellness

Wellness © Matthias Mala

Wellness © Matthias Mala

Nach dem Yoga in einer körperwarmen Saline bei Sphärenklängen schweben. Danach einen Fruchtsaftcocktail vom Bio-Obst. Im Tepidarium findet man Entspannung. Anschließend geht es zur ayurvedischen Massage, die mit einer Hot-Stone-Massage aus angewärmten Halbedelsteinen gekrönt wird, damit die Chakren kreisen und mit ihnen der Energiefluss pulsierend strömt. Ein leichtes Abendessen, ein Gespräch über Achtsamkeit beim spirituellen Coach. Schließlich schlafen auf naturbelassenen Matratzen, mit einem Kräuterkissen unterm Kopfkissen. Der nächste Morgen beginnt dann mit einem Sonnengebet und einer Mediation. Und der Tag setzt sich in selbstverständlicher Leichtigkeit fort. Man hat sein Leben verlangsamt, man kommt zu sich, tankt Energie und findet wieder Sinn im Leben. Denn man rückt dem Transzendenten ja so nah.

Das ganze nennt sich Wellness. Ich nenne es Lifestyle-Kitsch! Früher sagte man dazu Wohlfühlen, aber Wohlfühlen ist zu banal, verkauft sich nicht so gut ‑ wie ein Anglizismus. Und Wellness verkauft sich sehr gut: auf über 70 Milliarden Euro wird der Jahresumsatz in Deutschland geschätzt. Warum aber Wellness überwiegend mit Anleihen aus der Esoterik oder Spiritualität vermarktet wird, hat etwas mit der Einstellung ihrer Kundschaft zu tun. Um in einem Wellnesshotel ein paar Tage abzuhängen, braucht man schon einige Hundert überflüssiges Geld. Man muss also schon zum Mittelstand zählen, wenn man den Flow während einer Wellnessbehandlung erleben möchte. ‑ Und der Mittelstand ist in hohem Maße esoterisch infiziert.

All die hübschen Mittelchen und Behandlungen, die einen von seiner spießigen Ermattung befreien sollen, firmieren zudem unter dem Topos Gesundheit oder komplementäre Medizin, so wie ein Stretching als Yoga und ein vor sich Hindämmern als Meditation verkauft werden. Dazu wird derlei Ringelpiez affektiv aufgeladen und mit sanfter Stimme in vermeintlich himmlische Sphären gesäuselt.

Ja, wer hierfür Geld auf den Tisch gelegt hat, darf am Ende der Veranstaltung auch Selbstverklärung und geistliche Erhöhung erwarten. Man ist schließlich ein guter Mensch, friedfertig, trennt Müll und isst Bio. Schon allein das, stärkt einen in der Gewissheit, elitäre Avantgarde und im Rad der Wiedergeburt ein paar Speichen weiter gerückt zu sein.

Vor den Kirchentüren werden derlei eifernde Menschen Kerzenschlucker oder Bettschwester geheißen, im esoterisch-spirituellen Umfeld heißen sie hingegen Erwachte oder Sannyasins. Doch wie sie sich auch nennen, sie bleiben scheinheilige, dünkelhafte und egomanische Personen. Nervensägen im privaten Kreis, die einen mit ihren schrägen Ansichten belästigen, aber nicht in der Lage sind, jemanden zuzuhören. Ja, sie hören sich nicht einmal gegenseitig zu, sondern missbrauchen ihren Nächsten nur als Wohlfühlfaktor für ihre Selbstbestätigung. So laden sie voreinander ihren belanglosen Seelenmüll ab, spekulieren über die neuesten Trends auf dem Psycho- und Sektenmarkt und nötigen sich wechselseitig mit guten Ratschlägen zur Selbstoptimierung. ‑ Ja, sie sind im Grunde niederträchtig, gegen sich und andere.

Ich kenne diese verkitschte, spießige und narzisstische Gesellschaft schon seit über 40 Jahren. Ich habe sie mit Themen beliefert, bemühte mich dabei, sie auf die Dynamik von Einsicht und Demut aufmerksam zu machen, und blieb dennoch unverstanden. Das nährte meinen Schmerz und meine Verlassenheit. Nur wenige folgten mir so weit, dass sie es wagten, ihre eigene mystische Schau zu beginnen, und durch Selbstreflektion und Ziellosigkeit, das Wunder der Wandlung für sich wahr werden zu lassen. Das wiederum verband uns in chymnischer Harmonie und machte mich weniger einsam.

In diesen vier Jahrzehnten erlebte ich aber auch, wie viele gute Ansätze für ein spirituelles Leben banalisiert und kommerzialisiert wurden, wie aus Zen, New Age, und daraus ein Wassermannzeitalter wurde, dem zugleich die Alternativbewegung und das Neuheidentum und so vieles anderes mehr folgte, und wie sich das ganze noch weiter zersplitterte und sich unter dem Codewort Esoterik für eine kurze Weile wieder zusammenfand. Doch mit der Ausweitung der esoterischen Bücherecken in den Buchhandlungen, verflachte auch diese Bewegung zur Bedeutungslosigkeit, ja das Wort Esoterik wurde gar zum Schimpfwort. Doch alsbald gab es den gleichen Mist wie zuvor, nur in anderer Verpackung und Konnotation als psychologische Ratgeber, Lebenshilfe und Spiritualität, wieder auf denselben Regalmetern. Derzeit wird gerade der Begriff Spiritualität geschreddert, verkitscht und in die Niederungen allgegenwärtiger Belanglosigkeit gezogen. Als nächstes wird die Mystik und Achtsamkeit zur Beliebigkeit werden, und danach findet man einen neuen Code für das immergleiche Schlamassel nach Sinnsuche und Transzendenz entsprechend dem Motto: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Denn ein wirklich geistliches und kontemplatives Leben möchte keiner dieser Spaßvögel führen, die stets im neuesten Karussell auf dem Jahrmarkt pseudospiritueller Beliebigkeit und Wohlfühlreligiosität kreisen.

Dafür kann ich mich mit einem Blick auf die Geschichte trösten. Diese Form kollektiver ekklesiogener Neurosen gab es seit Menschengedenken. Die Gnostiker um die Zeitenwende sind hierfür ebenso beispielhaft wie die Alchemisten zu Beginn der Aufklärung oder die Okkultisten des 17. und 18. Jahrhunderts. Alle kreierten immer neue Trends und verblasene Systeme, um Anhänger zu fischen und Geld zu schöpfen. So entzifferte etwa der Magier Éliphas Lévi bereits die Hieroglyphen noch ehe der Stein von Rosetta gefunden wurde. Das vergangene Jahrhundert war in dieser Hinsicht nicht weniger hirnlos und versponnen. Vor und nach dem ersten Weltkrieg waren es die Theosophen und Spiritisten, die eine esoterische Springflut initiierten, die die gesamte westliche Welt überschwemmte. Nach dem zweiten Weltkrieg rollte sie mit unverminderter Kraft wieder durch die Lande. Und sie ist nie wirklich verebbt, sondern hat sich immer nur rasant gewandelt, sobald ein Markt abgegrast war. So begeisterte Hanussen die Menschen Anfang der dreißiger Jahren; Bruno Gröning heilte gleich nach dem Krieg die Massen mit Kügelchen aus Stanniolpapier; Buchela sagte kurz darauf dem Wirtschaftswundervölkchen die Zukunft voraus; und dergleichen Figuren könnte ich noch viele aufzählen, die richtig Kasse machten und den Leuten Flausen in den Kopf setzten und dazu gar noch billigen Trost schenkten.

Doch mit Spiritualität haben derlei Geschäfte und Schwindeleien nichts zu tun. Sie bleiben im Grunde Unterhaltung für Übersättigte, für Suchende, die nichts suchen. Es bleibt billiger Trost für Trostlose. Und es bleibt eine süße, zähe Verführung wie Fliegenleim für alle, die sich gerne streicheln und einlullen lassen, und die so der harten Wirklichkeit entrücken wollen, um ihr gleichförmiges Leben möglichst ungestört zu Ende bringen zu können. – Dagegen ist auch nichts zu sagen, nur sollte man diesen Wunsch nicht mit Spiritualität, mit Transzendenz und geistlicher Liebe verwechseln. Es bleibt Wellness, mit all ihrem Lug und Trug, mit all ihren Illusionen und Phantasien, mehr nicht …

Das neue Heft der Connection Spirit (3-4/2015) hat zum Schwerpunktthema „Pop-Spiritualität“. In ihm findet sich unter anderem auch ein Aufsatz von mir, sein Thema lautet „Transzendentale Schwadronage“. Einen Einblick in das neue Heft finden Sie hier.

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