Selbstsuche

Kotz
Selbstentdeckung © Matthias Mala

Eines Tages begann er oder sie zu suchen. Sie suchten nichts spezielles, ja sie wussten eigentlich nicht, was sie suchten, somit fanden sie zwar einiges, aber nicht das, was sie meinten, zu suchen; weshalb sie ihre Suche, selbst wenn gar Goldadern darunter waren, nicht befriedigte. Also hielten sie inne und überlegten, was denn das Objekt ihrer Suche sein könnte. Manche meinten, man solle Gott suchen. Doch der sei ja schon da, wussten andere, glaubhaft zu versichern. Wieder andere meinten, dass man nach Gott gar nicht suchen könne, weil sich dieser offenbaren würde. Und ehe daraus ein fürchterlicher Streit entbrannte, an dessen Ende man sich die Köpfe einschlagen würde – denn das so etwas geschähe, dafür genügte ein Blick in die Geschichte – hing man die ganze Suche ein wenig tiefer und begann, sich selbst zu suchen.

Zwar wusste niemand, der sich selbst zu suchen begann, was denn sein Selbst sei, doch hatte jeder so sein Selbstverständnis davon, was es denn sein könnte. Einige setzten sich vor Spiegel und fragten ihr Spiegelbild tagelang „Wer bist du?“ und wurden darüber verrückt. Die, die nicht verrückt wurden, fanden ihr Selbst zwar auch nicht, doch sie glaubten es gefunden zu haben, just nachdem sie gemeinsam mit ihrem Spiegelbild einschliefen und meinten fortan, erleuchtet zu sein. Andere machten andere verrückte Dinge, sie hatten Sex oder nahmen Drogen bis sie delirierten, andere schufteten 16 Stunden am Tag, wieder andere gründeten Familien oder gingen in die Politik, allesamt fanden sie ihr Selbst und bewahrten es. In Wahrheit aber sperrten sie sich selbst in den Käfig ihrer eigenen Vorurteile von sich selbst. Jedoch die meisten von ihnen waren damit glücklich. Gelegentliche Zweifel überwanden sie, indem sie andere darüber belehrten, wie man zu sich selbst finden konnte. Letztlich starb ihr Selbst mit ihnen selbstzufrieden. Weiterlesen

Die Schamlosen

Altes Grauen © Matthias Mala

Altes Grauen © Matthias Mala

Dieser Tage sind Gutachten über die pädophilen Zusammenhänge beim Kinderschutzbund  und bei den Grünen in Berlin veröffentlicht worden. Beide Schriftstücke offenbaren einen Abgrund von Herzlosigkeit und Zynismus. Sie sind Belege institutioneller Schamlosigkeit und bei den Grünen eines geradezu kriminellen Gutmenschentums. Im Bestreben immer exotischere Außenseiter zu finden, die man unter seine Fittiche nehmen und deren Forderungen man auf sein Panier schreiben kann, um für sie zu streiten, haben sie die Sprachlosen, die Geschändeten nicht wahrgenommen. Sie haben nicht nur schlicht nicht hingesehen, nein, sie waren ihnen egal. Und das macht ihren Eifer so schäbig, wenn sie weiter für andere Minderheiten und Ausgestoßene streiten. Denn all ihr Bemühen, sich anscheinend für Minderheiten einzusetzen, ist im Grunde nur ein narzisstisches Spiel ihrer Scheinheiligkeit. Weiterlesen

Kainsmal

Kainsmal © Matthias Mala

Kainsmal © Matthias Mala

Ein Schandmal für eine schändliche Tat. Ein Kainsmal. Es bedeutet, meide diesen Schuft, geh ihm aus dem Weg, lass dich nicht mit ihm ein. Der biblische Gott markierte so Kain, damit ihn niemand etwas anhaben sollte; denn die Strafe, mit seiner Schmach zu leben, sollte Kain lange erhalten bleiben. Ja, sein Gott wünschte ihm ein langes Leben, um seinen Brudermord ausreichend zu sühnen. Ja, mehr noch, Er verstieß ihn in das Land der Wiedergänger, in das Land Nod, was wörtlich bedeutet „ruhelos umherwandern“. Somit sühnte Kain als Untoter über seinen Tod hinaus.

Das moderne Kainsmal ist das Führungszeugnis. Es listet erfolgte Verurteilungen auf. Doch es kennt auch – anders als Gott – Gnade und Vergessen. Nach einer gewissen Zeit werden die Schandtaten im Register gelöscht. Das Kerbholz ist wieder geglättet.

Doch das Kainsmal findet sich auch in anderer Weise, nämlich als ein Zeichen unverschuldeter Schande. Der Markierte wird zum Gegenstand moralischer Empörung, denn er weist durch sein Dasein in beschämender Weise auf die Schuld seiner Mitwelt und das Unrecht, das ihm durch sie angetan wurde. Der Markierte wird so zum Mal ihrer Schändlichkeit. Allein durch seine Sichtbarkeit weist er auf die Täter und ihre scheinbar unbescholtenen Kumpanen. So empfanden nach dem Zweiten Weltkrieg viele Deutsche die „Displaced People“ (DP) ‑ das waren durch Krieg, Verfolgung und Internierung heimatlos gewordene Menschen ‑ als ein Zeichen ihrer Schande, da sie durch sie an ihr eigenes schuldhaftes Handeln und Mitläufertum erinnert wurden. Die Anwesenheit des Verfolgten in ihrer Nähe, war ihnen darum ein Greuel. Weiterlesen

Alles dir gilt mir

liebevolle Vernachlässigung © Matthias Mala

liebevolle Vernachlässigung © Matthias Mala

 Ihr Kind sollte es einmal besser haben als sie. Sie war im Waisenhaus aufgewachsen, kam dann zu Verwandten, die sie nicht mochten, aber aufnahmen, weil sie Geld für die Pflege bekamen. Entsprechend trost- und lieblos war ihre Kindheit und Jugend. Bald nach der Geburt ihres Kindes trennte sie sich von seinem Vater und entzog ihm das Kind, denn sie wollte es ganz für sich alleine. Es war ihr Schmuckstück, das sie behütete und an dem sie sich immer wieder erneut ergötzte. Da konnte sie keinen Vater gebrauchen, der das Kind von ihr ablenkte und zur Eigenständigkeit anhielt. Nein, sie wusste stets, was das beste für ihr Kind war, und das war vor allem, seinen Launen zu entsprechen.

So wuchs ihr Kind ohne Einschränkungen auf, jede Schwierigkeit wurde ihm aus dem Weg geräumt und jeder Wunsch wurde ihm von den Augen abgelesen. Als es in der Schule zu sehr gefordert wurde, weil es immer unausgeschlafen zum Unterricht kam, nahm sie es lieber von der Schule, anstatt feste Schlafzeiten einzurichten. Als es in der Ausbildung versagte, nahm sie das Kind ganz nach Hause, damit ihr die Welt nicht weiter übles antun konnte. So lebte das Kind scheinbar seine Freiheit, doch in Wirklichkeit verwirklichte es nur die Vorstellung seiner Mutter von einer unbeschwerten Jugend – es wurde zu deren fleischgewordenem Traum. Entsprechend eigenartig und launisch verhielt es sich auch zu seiner Mitwelt. In der Folge wurde das mittlerweile erwachsen gewordene Kind immer einsamer und neigte zunehmend der Mutter zu, und diese ließ es nicht los. Weiterlesen