Ankommen

kretisches Labyrinth © Matthias Mala

kretisches Labyrinth © Matthias Mala

Jeden Sonntag, den das Wetter erlaubte, wanderte sie den Waldsaum entlang. Rechter Hand lagen Wiesen und Felder, die sich mit den Jahreszeiten wandelten, mal dunkel erdig, mal grün, mal strohgelb und dann wieder brach oder mit Dungpflanzen bedeckt, die im Frühjahr untergepflückt wurden. Auch der Wald wandelte sich übers Jahr von winterlicher Offenheit zum hellen Frühlingskleid hin zur sommerlichen tiefgrünen Dichte, um dann im Herbst sein Blattwerk vielfarbig abzuwerfen. Jeden Sonntag war so die Aussicht eine andere und doch blieb der Weg stets derselbe.

Er endete auf einem Hügel in einem Hain. Dort gab es eine Quelle, die einen Weiher speiste, und eine Kapelle, die der heiligen Ottilie geweiht war. Im Sommer konnte man im Weiher schwimmen und im Winter verschloss ihn manchmal eine Eisdecke, bis auf jene offene Stelle, an der die Quelle unermüdlich sprudelte.

Wenn sie bei der Ottilienkapelle angekommen war, stiftete sie eine Kerze und meditierte eine Weile vor ihrem Licht. Abschließend sprach sie leise ein Gebet. Danach ging sie denselben Weg wieder zurück. Dabei betrachtete sie die Landschaft und wunderte sich immer wieder darüber, wie unterschiedlich der Eindruck beim Hin- und Rückweg war. Sie empfand es häufiger so, als würde sie über zwei verschiedene Wege schreiten und nicht denselben Pfad zurückgehen.

Irgendwann stellte sie die sonntägliche Wanderung ein, sie war ihr für ihr zunehmendes Alter zu anstrengend geworden. Stattdessen hielt sie ihre sonntägliche Mediation zu Hause oder in der nahen Kirche ab. Dabei war es ihr jedesmal so, als würde sie in der Kapelle der heiligen Ottilie meditieren. Die befriedende und erbauende Kraft dieses Quellortes barg sie in ihrem Herzen, und sie wusste, sie würde bis an ihr Lebensende nicht erlöschen. – Ja, sie war schon vor geraumer Zeit in diesem Frieden angekommen.

Im Grunde war sie auf ihren sonntäglichen Wanderungen stets wiederkehrend durch ein Labyrinth gegangen. Denn der Weg zur inneren Wandlung wird häufig als Labyrinth symbolisch dargestellt. Ein Labyrinth sollte man nicht mit einem Irrgarten verwechseln, in dem es neben einem richtigen Weg vom Eingang zum Ausgang viele Irrwege, Kreuzungen oder Sackgassen gibt.

Beim Labyrinth sind dagegen Ein- und Ausgang dasselbe. Dort wo es hineingeht, geht es auch wieder heraus. Und es führt auch nur ein Weg kreuzungsfrei zum Zentrum des Labyrinths, auf dem man hinein- und wieder herausgelangt. In einem Labyrinth kann man sich also nicht verlaufen. Allerdings ist der Weg in einem Labyrinth ungewöhnlich lang. Er führt wiederholt zum Zentrum hin, um gleich danach wieder von ihm wegzuführen.

Ein Labyrinth ist gleichnishaft für den Weg der Initiation. So wie man sich dem Zentrum immer wieder nähert, nähert man sich auch auf seiner Erkenntnissuche immer wieder einer Wahrheit und meint für eine kurze Weile, tatsächlich die letzte Erkenntnis gefunden zu haben. Doch dann führt einen das Leben wieder weiter und man erkennt, dass die große Erkenntnis nur eine bescheidene Erhellung war. Einer von vielen Geistesblitzen, die uns auf unserem spirituellen Weg ein Stück weitergebracht haben, durch die wir zwar abgeklärter wurden, jedoch nicht die letzte Wahrheit schauten.

Zudem ist der Erkenntnisweg in erster Linie ein Weg der Selbsterkenntnis. Die letzte Wahrheit liegt demnach in vollkommener Selbsterkenntnis, die letztlich auch bedeutet, seine Begrenzung zu sehen und zugleich zu verstehen, dass alles Transzendente in Wahrheit ein Nichtwissen bleibt. Und dass die Einlassung auf dieses Nichtwissen auch zur Marginalisierung des eigenen Ichs führt. ‑ Man wird und bleibt offen für das Unbekannte und Nichterfassbare.

Diese gründliche Form der Selbsterkenntnis entspricht einem Ankommen in einem unbekannten Land, das einem stets ein Mysterium bleiben wird, denn es lässt sich nicht in das Hier und Jetzt übertragen. Es mag das Hier und Jetzt tragen, doch es ist nicht in ihm. Nur wenn wir ganz still werden, hebt sich die Trennung zu ihm auf, und wir werden eins.

Aus diesem Grund ist im Zentrum eines Labyrinths nichts. Es ist leer. Ein leerer Raum, in dem man still verweilen kann. Man ist mit sich bei sich angekommen. Verlässt man das Labyrinth ist man buchstäblich ein Gewandelter. Man ist einen weiten Weg gegangen, um von seiner eigenen Nichtigkeit berührt zu werden. Erst durch diese mystische Berührung aber werden wir in einer seltsamen und eigentlich nicht mitteilsamen Art authentisch.

Hinweis: Das Schwerpunktthema in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift Connection Spirit befasst sich mit spirituellen Aspekten des Ankommens. In ihr finden Sie auch unter dem Titel „Reinkarnation bei lebendigem Leib“ einen Aufsatz von mir.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s