Entwicklungslinien

Labyrinth Triangel © M. Mala

1977 beschloss ich Künstler zu werden. Ich begann, Landschaftsbilder mit Sepiatusche zu zeichnen, und verkaufte sie in Schwabing auf der Leopoldstraße. Sie verkauften sich recht gut. Ein Jahr später wollte ich mein Einkommen durch BAföG zusätzlich stabilisieren und bewarb mich dazu bei der Akademie der Bildenden Künste. Es war neben Günter Fruhtrunk vor allem Professor Rudi Tröger, der sich für meine Arbeit interessierte. Er meinte, ich solle den Bilderverkauf auf der Leopoldstraße aufgeben, die Straßenmalerei blockiere meine künstlerische Entwicklung. Dazu empfahl er mir das Aktzeichnen und die Übung an Stilleben. Ich tat, wie mir geheißen und fand mich kurz darauf beim Aktzeichnen wieder.

Die Modelle in diesen Kursen waren bereits vom Leben gezeichnet und folglich eine Herausforderung. Die Kursleiterin versuchte, unseren Blick auf die Modelle dahingehend zu öffnen, indem sie immer wieder anregte, nicht das Modell abzubilden, sondern die Luft um es herum, also quasi den Raum zu zeichnen. Nun, die Idee gefiel mir ganz gut, doch es haperte am Blickwechsel. Zu sehr hing ich am Körper und übersah seine Aura. Besonders ein Modell, eine ältere Russin, ging mir gegen Strich. Ich fand sie in ihrer Nacktheit abstoßend. Dementsprechend eindruckslos fielen auch meine Zeichnungen aus. Die Lehrerin erkannte wohl meine Not, und meinte, ich solle mich mehr heranwagen. – Keine Ahnung, was sie damit wirklich meinte. Doch ich sperrte mich noch mehr und da wir aber kein anderes Modell bekamen, beschloss ich schließlich, meine Aversion zu überwinden, indem ich das Modell so zeichnete, wie es mir in seiner ganzen Hässlichkeit erschien. Dieser Sprung in der Betrachtung weckte indes meinen Eifer. Mit einem Mal hatte ich echte Laune, sie zu zeichnen. Wie von selbst entstand ein Raum um sie und ihre Erscheinung vermittelte auf dem Blatt gar etwas verletzliches.

Die Kursleiterin war erstaunt über den Qualitätssprung meiner Zeichnungen, doch ihre Frage, was meine kreative Verwandlung ausgelöst habe, wollte ich nicht beantworten. Wer ist schon so frei und gibt zu, ich bilde diese arme Frau in ihrer ganzen Erbärmlichkeit ab; noch dazu wo es mir selbst offensichtlich war, dass sich meine Aversion nicht mit ihrer tatsächlichen Erscheinung deckte, sondern nur meiner überspitzten Wahrnehmung entsprang. Jedenfalls war dieser Durchbruch in meiner künstlerischen Haltung ganzheitlich. Von nun war ich derjenige, der die Gestaltung eines Bildes, Textes oder Objektes konzipierte und durchführte und sich nicht mehr von Stimmungen und Einwirkungen lenken ließ. Ich hatte zur Professionalität gefunden.

Nachdem ein Jahr vergangen war, stellte ich mich mit meiner Mappe erneut bei Rudi Tröger vor. Er sah meine Bilder und Zeichnungen lange an. Fragte nach dem Hintergrund des einen oder anderen Bildes. Interessierte sich für den Malprozess und gab mir schließlich die Mappe mit dem Kommentar zurück: „Das wird leider nichts mit uns. Sie haben sich zu sehr entwickelt. Sie sind ausgebildet, ich weiß Ihnen nichts mehr zu zeigen“. Beim Hinausgehen grüßte er mich mit: „Auf Wiederschauen, Herr Kollege.“

Tja, das schmeichelte mir nicht nur, sondern adelte mich geradezu, denn er bestätigte mir, was ich inzwischen auch selbst wusste, ich war zum Künstler geworden. Allerdings mein eigentliches Ziel, mein Auskommen durch zusätzliches BAföG zu arrondieren, hatte ich durch meinen Eifer, mir selbst die notwendigen Fertigkeiten beizubringen, verfehlt. Andererseits war das verfehlte BAföG kein echter Verlust, sondern allenfalls ein weiterer Ansporn; denn letztlich wurde mir meine Kunst zum Brotberuf, durch den ich seitdem mein Auskommen fand.

Ankommen

kretisches Labyrinth © Matthias Mala

kretisches Labyrinth © Matthias Mala

Jeden Sonntag, den das Wetter erlaubte, wanderte sie den Waldsaum entlang. Rechter Hand lagen Wiesen und Felder, die sich mit den Jahreszeiten wandelten, mal dunkel erdig, mal grün, mal strohgelb und dann wieder brach oder mit Dungpflanzen bedeckt, die im Frühjahr untergepflückt wurden. Auch der Wald wandelte sich übers Jahr von winterlicher Offenheit zum hellen Frühlingskleid hin zur sommerlichen tiefgrünen Dichte, um dann im Herbst sein Blattwerk vielfarbig abzuwerfen. Jeden Sonntag war so die Aussicht eine andere und doch blieb der Weg stets derselbe.

Er endete auf einem Hügel in einem Hain. Dort gab es eine Quelle, die einen Weiher speiste, und eine Kapelle, die der heiligen Ottilie geweiht war. Im Sommer konnte man im Weiher schwimmen und im Winter verschloss ihn manchmal eine Eisdecke, bis auf jene offene Stelle, an der die Quelle unermüdlich sprudelte.

Wenn sie bei der Ottilienkapelle angekommen war, stiftete sie eine Kerze und meditierte eine Weile vor ihrem Licht. Abschließend sprach sie leise ein Gebet. Danach ging sie denselben Weg wieder zurück. Dabei betrachtete sie die Landschaft und wunderte sich immer wieder darüber, wie unterschiedlich der Eindruck beim Hin- und Rückweg war. Sie empfand es häufiger so, als würde sie über zwei verschiedene Wege schreiten und nicht denselben Pfad zurückgehen.

Irgendwann stellte sie die sonntägliche Wanderung ein, sie war ihr für ihr zunehmendes Alter zu anstrengend geworden. Stattdessen hielt sie ihre sonntägliche Mediation zu Hause oder in der nahen Kirche ab. Dabei war es ihr jedesmal so, als würde sie in der Kapelle der heiligen Ottilie meditieren. Die befriedende und erbauende Kraft dieses Quellortes barg sie in ihrem Herzen, und sie wusste, sie würde bis an ihr Lebensende nicht erlöschen. – Ja, sie war schon vor geraumer Zeit in diesem Frieden angekommen. Weiterlesen