Alltag

Alltag © Matthias Mala

Alltag © Matthias Mala

Wenige Tage zuvor, als wir über den alten Friedhof gingen, prägte der späte Winter noch die Wiesen. Schneeglöckchen formten weißgrüne Flecken im stumpfen Gras. Jetzt beim nächsten Spaziergang waren die Wiesen von einem violetten Blütenteppich überzogen. Abertausende von wilden Krokussen hatten ihre zarten Blüten geöffnet. Es war ein traumhaftes Wogen frühlingsfrischen Flaums, in dem die Schneeglöckchen wie Inseln wirkten. Man konnte sich kaum sattsehen an dieser Fülle, die sich wie jedes Frühjahr, zwar diesmal recht früh, wiederholte und die Menschen, die sie betrachteten, lächeln ließ. So verharrten wir immer wieder, um uns von der Schönheit des Anblicks noch intensiver berühren zu lassen, die der eine oder andere Durchblick bot. – Es war eine schöne Weile. Alltag im Lenz.

Ein Tag wie jeder andere. Morgens die üblichen Verrichtungen, ein Frühstück wie gewohnt, aus dem Haus gehen, zur Arbeit fahren, Mittagspause, eine Mahlzeit einnehmen, mit Kollegen plaudern, übers Wetter, Sport, Politik, ein wenig Privates, die Arbeit wieder aufnehmen, Feierabend, Heimweg, wie war’s, die gleichen Worte für das Immergleiche, ein wenig Bewegung, Freunde treffen, heimgehen, die üblichen Ecken im Internet abklicken, Nachtwäsche, schlafen. – Und wieder ein neuer Tag.

Das ist Alltag. Viele solche Tage formen ein Leben. Gleichwohl ist jeder dieser Tage ein wenig anders. Das Frühstück, das Wetter, die Begegnungen, die Gespräche, die Arbeit, die Abendgestaltung, alles variiert, doch im Erleben bleibt es sich mehr oder minder gleich. Selbst besondere Ereignisse, wie ein Theaterbesuch, ein Kinoabend, Urlaub, Essengehen, Feste feiern, haben etwas alltägliches an sich. Sie sind ritualisiert, verlaufen schematisch und bleiben damit auch gewöhnlich.

Erst Sensationen, Katastrophen, Schicksalsschläge unterbrechen das Gewohnte und heben uns für eine Spanne aus dem Alltäglichen, doch sobald das Außergewöhnliche etwas länger währt, wird es zum Alltag. Ja, selbst Krieg, Krankheit und Qual können Alltag sein. Sobald der eine Tag dem anderen zu gleichen beginnt, schleicht sich Alltag ein. Gleichförmigkeit ist seine Struktur. Sie hat etwas beruhigendes, denn sie bietet uns durch die Fortsetzung des Bekannten ein gewisses Maß an Verlässlichkeit, was wir zugleich auch als Sicherheit empfinden. Folglich besteht der Alltag für die meisten Menschen aus dem Gleichklang von Arbeit und Freizeit, um einigermaßen über die Runden zu kommen. Dementsprechend empfinden sie ihn mal als Trott, mal als Glück.

Trott ist das Alltagsgrau. Man zieht seine Kreise wie der Esel am Brunnen, um seine Felder zu bewässern. Man sieht weder den ausgetretenen Rundlauf noch die Gegend rundherum, man bemerkt nicht wie der Tag vergeht, alles ist Routine, auch der Rhythmus von Tag und Nacht. Morgenrot und Abendrot wirken wie eins.

Glück hingegen ist die Ausnahme, ein schöner Augenblick, der heraussticht, der die gewohnte Sicht unterbricht und das Alltägliche besonders macht. Wobei das überraschende daran oft ist, dass das Besondere durchaus auch das Gewöhnliche sein kann. Zum Beispiel seinen Partner für einen Moment mit neuen Augen zu betrachten und die Zuneigung und Freude über das Zusammensein so frisch zu empfinden, als kenne man sich gerade nur wenige Stunden.

Ein Zenspruch verweist auf diese Frische: „Vor der Erleuchtung Holz hacken und Wasser holen, nach der Erleuchtung Holz hacken und Wasser holen.“ Er besagt, dass sich der Alltag nicht verändert, nur weil das Bewusstsein erwacht ist; gleichwohl sind Holzhacken und Wasserholen nach der Erleuchtung nicht mehr dasselbe, ja noch nicht einmal mehr das gleiche. Die gewohnte Tätigkeit ist nicht mehr gewohnt, sondern wird von Mal zu Mal neu erfasst und frisch erfahren. Es ist als hätte man nie zuvor einen Scheit auf den Hackklotz gelegt und nie zuvor den Krug mit Wasser gefüllt.

Das ist nur möglich, wenn der erfahrende Geist vollends entleert ist; wenn er außer dem faktischem Wissen um die notwendigen Fertigkeiten nichts Angesammeltes in seine Tätigkeit einfließen lässt. Sein Tätigsein rückt dann tatsächlich aus der Alltäglichkeit, weil es unvergleichlich wird. Es wird ein solitäres Tun. Nur die gegenwärtige Handlung zählt. Sie wird zur ungeteilten Beschäftigung, der man sich mit vollkommener Achtsamkeit widmet. Die Tätigkeit wird jetzt getan, sie füllt jetzt den Raum und formt das Sein. Da ist nichts daneben, nichts davor und nichts danach. Selbst wenn es sich um eine Fließbandarbeit handelte, wäre jeder der regelmäßigen Handgriffe einmalig und jedes serielle Produkt ein Unikat. Hierdurch wird jedes Tun in seiner Unvergleichbarkeit zu einem schöpferischen Akt.

Freilich stellt sich dazu die berechtigte Frage: Warum sollte man so handeln? Wäre es nicht besser, eine uniforme Tätigkeit mit Routine und reduzierter Aufmerksamkeit zu erledigen? Man hätte dann den Kopf frei und könnte über dies und das nachdenken, könnte schwatzen, singen, lauschen und den Blick wandern lassen. Puristen würden dagegen ihre Einwände haben. Doch Purismus ist im Grunde ebensowenig lebendig, wie fortwährende Unachtsamkeit; denn die hierfür notwendige Selbstkontrolle erlaubt keine vollkommene Achtsamkeit. Entweder sind wir achtsam und unmittelbar und somit lebendig, oder wir kontrollieren uns selbst und sind folglich mittelbar und der Lebendigkeit fern. Beides zusammen geht nicht, da jede Haltung für sich unsere ganze Aufmerksamkeit erfordert.

Darum meine ich, sollte man das, was man tut, aufmerksam tun. Wobei Routinetätigkeiten wie zum Beispiel Autofahren durchaus möglich sind, während man zugleich mit uneingeschränkter Achtsamkeit einem Hörbuch lauscht. So kann man auch als Erwachter Holz hacken und dabei in Gedanken Verse schmieden. Es geht nur darum, dass man sich dem Eigentlichen bedachtsam, achtsam und wach widmet. Dann nämlich erhält unser Handeln jene Frische und Lebendigkeit, die sie unvergleichlich macht. Diese Einzigartigkeit ist zugleich lebendig und damit wahr und echt. Dies ist meiner Meinung nach auch der einzige Grund, warum man so handeln sollte, als gelte das augenblickliche Tätigsein seinem ganzen Sein. In einem solchen Moment sind wir komplett, nicht nur als lediglich selbstbezogenes Ganzes, sondern in einem weiteren Sinn von Ganzheit. Wir sind komplett in zeitloser Einheit! Es ist ein Hauch von Ewigkeit, der uns da umspielt und die Momente wachen Tuns ins zauberhafte, unfassbare und überirdische hebt. Diese Augenblicke so empfindend zu durchleben, ist Teilhabe an der Frische steter Schöpfung. Es ist ein Eintauchen in den Quell ursprünglichen Lebens. Ja, es ist ein spiritueller Jungbrunnen – oder profan gesagt, erst durch diese Quelle wird der Alltag rundum prickelnd.

Wer will das nicht? Womit sich sofort die zweite Frage stellt: Was muss geschehen, um diese schöpferische Frische in seinem Alltag erleben zu können? Es muss ein Geschehen sein, denn durch Handlung oder Plan wird man nicht dorthin kommen; auch durch Zen, Meditation und andere Übungen gelangt man nicht zum Ziel. Schließlich dienen Zen und alle anderen Techniken, die zur Erleuchtung führen sollen, nicht ihrem vermeintlichen Zweck; vielmehr ist ihr eigentlicher Zweck, den Adepten dahin zu führen, einzusehen, dass ihn nichts zur Erleuchtung führt. Wobei dies wortwörtlich gemeint ist. Es ist Nichthandlung, die jenseitigem Wirken diesseitige Impulse ermöglicht. Nicht der Wille zur unvergleichbaren Handlung führt zu ihr, sondern die Einsicht ihrer Unmöglichkeit ermöglicht sie. Sie tritt ein, wenn man aufgibt, wenn man wie einst Buddha erschöpft und müde, vom vergeblichen Wollen, sich an den Fluss schleppt, um schlicht Wasser zu trinken. Dann kann die Lücke entstehen, die Unterbrechung, durch die das Transzendente in die Immanenz wirkt. Nur etwas schlicht zu tun, birgt die Kraft der Wandlung in sich. Dazu bedarf es im Grunde nur ehrlicher Bescheidenheit.

Ja, simple Bescheidenheit, um nicht das missverständliche Wort Demut zu gebrauchen, ist die Voraussetzung. Und ihre tätige Eigenschaft ist einzig die Achtsamkeit auf die Achtlosigkeit. Denn dort wo wir achtlos sind, wird sich nichts Unvergleichliches offenbaren, sondern lediglich die gewohnte Alltäglichkeit. Ungewohnt wird sie, wo sich verblüffende Achtsamkeit einstellt, ein ganz natürliches Staunen über etwas zuvor noch nie Gesehenes; und so etwas ist in der Tat nicht alltäglich, selbst wenn wir es alle Tage in gleicher Weise wiederholen. Nur was unvergleichlich ist, ist niemals gleich. – Versuchen wir uns darin. Und sollten wir dabei scheitern, sind wir auf dem richtigen Weg …

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4 Kommentare zu “Alltag

  1. Toll! Es ist seltsam: Ich denke über ein Thema nach und prompt erscheint immer der passende Artikel von Dir dazu. Danke dafür, dass Du meine Gedanken lesen kannst 🙂

    Ich war vor kurzem auf einer Beerdigung eines Kollegen. Dort sagte der Redner zu der Familie, dass diese sich in der jetzigen Lage am Alltag festhalten soll, trotz Trauer zur Arbeit gehen und die Dinge tun, die man sonst auch gemacht hat. Ich persönlich kenne viele Menschen, die das tun, wenn sie eine schwere Phase im Leben durchmachen (Scheidung, etc.). Es ist eine beliebte Strategie, sich den Tag mit Terminen möglichst vollzustopfen, so dass man abends nur noch erledigt ins Bett fällt. So muss man sich nicht mit der Problematik auseinandersetzen, nicht darüber nachdenken. Ich denke, dass es eine zeitlang helfen kann, um nicht vor Schmerzen „ohnmächtig“ zu werden, aber früher oder später sollte man sich mit viel Zeit in einen ruhigen Raum setzen, nur mit sich selbst und das Problem in Angriff nehmen. Es wird nicht von allein verschwinden. Was ich sagen möchte: ich persönlich sehne mich oft nach diesen besonderen Augenblicken, die aus dem Alltag herausstechen (Musical, Kino, Essengehen, Freunde treffen, etc.), aber: der (graue) Alltag ist nicht nur schlecht. Er kann wie oben erwähnt auch ein Helfer sein! Richtig bewusst ist mir das erst nach der Beerdigung und den gefallenen Worten dort geworden!

    Danke für Deinen Artikel, lieber Matthias!

  2. Danke für Deine Zeilen, liebe Anni. Ja, Arbeit als Ablenkung von sich selbst kann zur Sucht werden. Gleiches gilt inzwischen für die Smartphones. Auch sie beamen viele in einen Pseudoraum. Dieser Raum scheint aufgrund der gebotenen Abwechslung quicklebendig, dabei bietet er nur Kopfkino und kein Leben. Auf diesen Wahrnehmungen gründen übrigens die Mythen von den Untoten. – Man nimmt sich Leben und Lebenserfahrung, sobald man die Offenheit in seinem Tun verliert. Dagegen ist wenig zu machen, als nur aufmerksam zu sein, damit man spürt, wann man wieder ins Virtuelle oder ins Alltagsgrau abgleitet.

  3. Mir fällt grad eine Tätigkeit ein, die du voll und ganz mit Achtsamkeit ausführen musst. Da hast du keinen gedanklichen Freiraum für etwas anderes.
    Am Wochenende habe ich einem Freund beim Holz stapeln geholfen.
    Wir haben einen ganzen Winterbedarf an trockenem Kaminholz vom Freien in seinen Holzkeller geräumt.
    Du musst jeden Holzscheit so setzen, dass er sich einfügt, das Gefüge übereinander stabil bleibt. Krumme Scheite musst du so unterbringen, dass sie zusammen anderen krummen Scheiten wieder eine Gerade ergeben.
    Das ganze Gefüge darf sich nicht nach vorne neigen. Wenn es das gelegentlich in einer Reihe tut, musst du in der darüber liegenden Reihe wieder ein Gegengewicht dazu schaffen.

    Wenn du das drei bis vier Stunden konzentriert gemacht hast, bist du erstmal gedanklich geschafft. Du stapelst später im Schlaf weiter.
    Aber du bist auch befriedigt, weil du siehst was du gemacht hast.
    Gestapelte Wärme für kalte Tage.
    Gute Gespräche neben dem heissen Kachelofen.

    Lieber Matthias, ich wünsch dir einen täglich erfrischenden grauen Alltag.

    G.

    • Ja, und wie entleert erst eine Holzmiete den Schädel von unnützen Gedanken. – Schön beschrieben, wie Stabilität in eine Scheiterreihe kommt.
      Ach ja, Federzeichnungen sind auf andere Art ebenso kontemplativ. Aus tausend und mehr Strichen ein Bild zu formen, gelingt nicht ohne Bedacht- und Achtsamkeit. Da muss man bei der Sache bleiben, freilich ratschen und singen geht da schon nebenbei.
      Servus Matthias

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