Neujahrsgruß

Viola alba © Matthias Mala

Viola alba © Matthias Mala

Manche Dinge kreieren sich vermutlich selbst. Sie gebären sich aus einem Nukleus unverbrauchtem Etwas. Einem Irgendetwas, das nicht gelebt, das übersehen, das nicht gesagt wurde oder keinen Ausdruck fand. Es ist dann nur noch eine kleine Bewegung, auf dass das die ungedachte Kreatur Form annimmt.

Einmal entdeckte ich während eines österlichen Schneeschauers weiß blühende Veilchen neben klassisch violetten am Straßengraben. Sie fielen mir ins Auge und in die Seele. Seitdem blühen sie in ihr fort, im Graupelbett, das hell wie Hagelzucker ihr zartes Cremeweiß unterstrich. Fortan wirkt ihr Bild in mir als ein sich beständig erneuernder und wandelnder assoziativer Impuls gleich einer mystischen Kreation, die nur für sich oszillierend gleichwohl in mir einen Reigen wundersamer Zeichen begleitet.

Freilich waren es weder die Veilchen noch ich selbst, die diese Wirklichkeit stifteten, sondern es war ein schöpferischer Moment, der hinfort für sich selbst neben mir, mit mir, bei mir und für Meins schwingt, egal ob ich darauf blicke oder nicht. Dieser Augenblick ist zu einer Melodie geworden, die mich wiegt. Es ist der Kammerton, der mein konzertantes Sein trägt.

Was soll dagegen anklingen? Nichts! – Nur was selbst rein aus sich schöpft und dennoch mitschwingt, mag mit dieser mich tragenden Weise schwingen.
Letztlich bleibt darum so vieles unerhört und unbeachtet, weil es der Leichtigkeit entbehrt, die meine Seele wiegt.

Ein gesegnetes neues Jahr, himmlische Fügung und Glück, Gesundheit und Harmonie wünsche ich all meinen Lesern und Begleitern.

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Geistlose Geschwätzigkeit

Wahrheit © Matthias Mala

Wahrheit © Matthias Mala

Treten wir durch stille Betrachtung unseres Seins und Mitseins in jene Sphäre über, in der die Betrachtung nicht mehr die unsere, sondern scheinbar eine fremde ist, also in jenen geistigen Ausnahmezustand der Mystiker ein, in dem sie von ihrer Mitwelt schlicht für irre gehalten und womöglich später heiliggesprochen wurden, dann … Dann gibt es zwei Möglichkeiten: entweder wir verstummen, weil uns das Unermessliche überwältigte, oder aber wir werden geschwätzig und beginnen, wie Pfingstler zu stammeln, indem wir das Unermessliche in die begrenzte Dimension der Worte zwängen wollen. Was dabei herauskommt, vermitteln uns die Religionen seit einer gefühlten Ewigkeit.

Kündete doch Johannes mit dem ersten Satz seines Evangeliums in gnostischer Manier von der Macht des Wortes: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott“. Und er erzählt weiter, wie der Seelenfunkenfischer, der Archont Jesus Christus, auf die Erde niederkam, Weiterlesen

Auf ein Wort von Gott zu Gott

Von Gott zu Gott © Matthias Mala

Von Gott zu Gott © Matthias Mala

Er reiste durch Indien, um Erleuchtung, Erkenntnis oder wenigstens ein noch tieferes Wissen von Transzendenz zu gewinnen. Er fragte sich weder vorher noch nachher was Erleuchtung, Erkenntnis oder Transzendenz sein könnten, denn er wusste es zu jeder Zeit, schließlich war er auf dem Weg. Was er wirklich suchte, sich aber nicht selbst zugestand, war Bestätigung. Gleichwohl verstand er sich als ein durch und durch spiritueller Mensch; deshalb konnte man mit ihm auch reden über was man wollte, spätestens mit dem dritten Satz war er bei seinem Thema: das Höhere Selbst und die göttliche Liebe.

So innerlich gefestigt traf er auf verschiedene Gurus, um ihnen zuzuhören, sie zu befragen und nach ihrer Zustimmung zu heischen. Dabei traf er überwiegend auf seltsame Gestalten. Der eine zeigte billige Zaubertricks, die andere massierte vorwiegend das dritte Auge ihrer Besucher, der nächste bat um eine Million Euro, um die Welt zu retten, wieder ein anderer empfahl Haschisch zu rauchen, bis man sich übergeben musste und dergleichen Absurditäten mehr. Selbstverständlich durchschaute er all die Verdrehtheiten der Gurus, aber er erkannte bei jedem auch die Essenz seiner Botschaft und achtete sie darob; quasi nach dem Motto: Er ist zwar ein Lump, doch er besitzt ein großes, weises Herz. Weiterlesen

Mouches volantes

Mouches volantes © Matthias Mala

Mouches volantes © Matthias Mala

Viele Jahre schon legen wir uns zum Baden stets an dieselbe Lichtung am See. Es ist ein lauschiges Plätzchen, etwas abgesondert von den weitläufigen Liegewiesen rundherum. Ich mag es, auf dem Rücken liegend in den Himmel zu schauen und den Schwalben und Mauerseglern beim Tanzen und Gleiten zuzusehen. In den letzten Jahren wurden es immer weniger Vögel; dieses Jahr sind es nur noch vereinzelte, die ab und an im Himmel kreuzen. Dafür sehe ich nun die Mouches volantes deutlicher. Es sind feine Verklumpungen im Glaskörper des Auges, die einem tanzende Punkte, Figuren und Schleier im Himmel oder vor hellen Flächen sehen lassen. Schließe ich abwechselnd die Augen, veränderte sich dieser trügerische Tanz.

Jahr um Jahr waren es auch weniger Insekten, die uns auf unserer Wiese umschwirrten. Kaum noch Mücken, Fliegen oder Bremsen. In den letzten Jahren sah ich überhaupt keine Bremse mehr, deren Stiche ich besonders unangenehm empfand. Auch Bienen, Spinnen, Ameisen und Käfer sind rar geworden. Selbst die Wespen, die dieses Jahr angeblich eine Plage sein sollen, sind erheblich weniger geworden. Weiterlesen

All Ein Sein

Sommertage © Matthias Mala

Sommertage © Matthias Mala

Es war ein heißer Tag, draußen brütete die Sonne. Die Stadt glühte förmlich, es war staubig und die Menschen schwitzten, rochen und waren grantig. Nur dort, wo es Kühlung gab, an den Brunnen, in den Freibädern oder in klimatisierten Kinos und Museen, wandelten sich die Menschen wieder, wurden freundlich und waren einander zugewandt.

In der Wohnung war es angenehm lau. Die Fensterläden waren geschlossen, die Fenster dahinter geöffnet. Das Licht war gedämpft, und es wehte eine kühlende Brise durch die Räume; denn die Türen standen offen und so konnte sich die Luft von der Schattenseite des Hauses zu seiner Sonnenseite austauschen. Die Gardinen blähten sich ab und an. Es tat gut, hier zu sitzen und eine kühle Limonade von frisch gepressten Limonen zu trinken. Man träumte, lauschte leiser Musik und plauderte.

Am Abend zog ein Gewitter auf. Während draußen die Temperaturen durch den Platzregen sanken, staute sich die verbliebene Wärme in der Wohnung. Nun war es in den Räumen stickig. Man ging hinaus auf die Terrasse und beobachtete das Unwetter. Als es abgezogen war, war es sehr still. Der Regen tropfte von den Blättern und die reglosen Bäume entfalteten nach der Erfrischung ihre Aura weit in die Dunkelheit hinein. Weiterlesen

Gleichklang

Gleichklang © Matthias Mala

Gleichklang © Matthias Mala

Noch ehe sie überhaupt voneinander wussten, harmonierten sie bereits miteinander, indem sie gleich zwei Sternen in einem Doppelsternsystem um einen gemeinsamen Schwerpunkt kreisten. Mit ihrem Kennenlernen entdeckten sie ihre mannigfachen Gemeinsamkeiten und bemerkten die zahlreichen Gelegenheiten, wo sie einander schon hätten begegnen können. Auch nach dem ersten Kennenlernen erlebten sie oft Momente, als wären sie sich schon einmal ‑ wenn nicht in diesem, dann in einem anderen Leben zuvor ‑ begegnet. Rückblickend erschien es ihnen, als hätten sie sich schon immer gesucht und schließlich, nach vielem auf und ab und überwundenen Hindernissen, endlich ihre Bestimmung gefunden. – Ja, es war schon Liebe vor dem ersten Blick, die ihre Sehnsucht zueinander lenkte. Und ähnlich wie zwei Sterne, die um ihre gemeinsame Mitte kreisten, war auch ihre Beziehung aufeinander bezogen und keineswegs frei von Spannung. Ihre von außen gesehene Harmonie, die ihrerseits so viele Menschen verzückte, war aus ihrer Sicht eine stete Auseinandersetzung und ein austarieren der Kräfte, die sie miteinander verbanden.

Die Aufmerksamkeit für die eigene wie die gemeinsame Bewegung aber war ihr beider Verständnis von Harmonie und stiftete in ihnen das Gefühl einer überirdischen aufeinander Bezogenheit. Dieserart dynamische Beziehung war eine Wirklichkeit, die sich nur in wacher Gegenwärtigkeit mitteilte. Sobald ihre Wachsamkeit verflogen war, verlor sich auch der Zauber. Das Empfinden dieses Verlustes aber war der stete Impetus, der sie in ihrer Bahn und somit in ihrer zweisamen Bewegung hielt. Nicht die Harmonie selbst, sondern vielmehr ihre stete Erneuerung durch die Wahrnehmung ihrer Flüchtigkeit stiftete letztlich das Glück, das sie erlebten, und das durch sie für ihre Mitwelt sichtbar wurde. Schließlich waren sie in ihrem gemeinsamen Glück auch ein Gral für ihre Mitwelt, der sie, durch ihre gelebte Harmonie, auch ein Hoffnungszeichen waren. Weiterlesen

Regelungen

Regelungen © Matthias Mala

Regelungen © Matthias Mala

Er wollte für seine verstorbene Frau einen schönen Grabstein setzen. Im Lapidarium eines Steinmetzes fand er ein schmuckes Exemplar aus dem Jugendstil. Dieser besondere Grabstein würde dem Andenken an seine Frau gerecht werden; entsprach er doch auch ihren Vorstellungen, die sie bei vergangenen Friedhofsgängen geäußert hatte. Also beauftragte er den Steinmetz, den alten Stein wieder herzurichten und mit einem neuen Epitaph zu vollenden. Der Grabstein wurde errichtet und die Familie fand, dass es eine traute Grabstätte geworden sei.

Indes verweigerte das Friedhofsamt seine Zustimmung zur Grabgestaltung, denn in diesem Sektor des Friedhofes durften keine antiken Grabsteine neu gesetzt werden. Er widersetzte sich dem Ansinnen des Amtes, den Grabstein zu entfernen. Doch letztlich musste er den Grabstein nach einem Rechtsstreit gegen einen neuen austauschen. Die Regeln der Friedshofssatzung kannte nun mal keine Ausnahme. Weiterlesen