Yin und Yang

Yin und Yang © Matthias Mala

Yin und Yang © Matthias Mala

Gleich filigranem Eisenschmuck ragten die kahlen Kronen der Bäume in den strahlenden Winterhimmel. – Eisenschmuck kam während der napoleonischen Kriege in Mode, als man der Parole „Gold gab ich für Eisen“ folgte. Mit einem Eisenkollier demonstrierte die patriotische Frau ihre Gesinnung. Heute ist dieser Kriegsschmuck ein begehrtes Objekt von Sammlern.

Unter der Wintersonne taute die Schneedecke an und vereiste zugleich wieder zu Harsch, denn es wehte ein frostiger Wind. Durch die Schneedecke hörte man das leise Glucksen von Schmelzwasser, und dort, wo die Schneedecke aufgebrochen war, lugte dunkle feuchtglänzende Erde hervor. Der Frost reichte nicht mehr in den Boden, sondern hing nur noch in der Luft. An windgeschützten Stellen blühten erste Schneeglöckchen.

Winter und Frühling rangen miteinander, vermischten und trennten sich wieder. Allein an diesem sonnigen Tag wechselten sie ihre Herrschaft mehrmals. Mal war es als würde der Winter wieder an Kraft gewinnen und die dunklen Schneewolken von den Bergen herunterdrücken, ein andermal schien es, als wollte just in dem Moment der Frühling durchbrechen und die Schneedecke in kurzer Zeit weglecken.

Yin und Yang, der helle Ton ist weiblich, der dunkle männlich. Yin und Yang, teilen die Welt in zwei Temperamente auf, die einander gegenüberstehen, mal im Gleichgewicht, mal einander wechselseitig dominierend. Doch keiner der beiden Zustände ist absolut, denn ein jeder birgt in sich das andere. Mittels der Reduktion aller Erscheinungen auf diese beiden Eigenschaften kann man sich die Welt erklären.

In der Kosmogonie jeder Kultur finden wir die gleiche Konstellation. Mann und Frau respektive das männliche und weibliche Prinzip sind demnach zwei Verschiedenheiten, die erst in ihrer Vereinigung Sinn ergeben, weswegen sie von Anfang an aufeinander bezogen waren. Schon die allen Ursprung symbolisierenden Gottheiten vereinten in sich dieses Prinzip. Sie waren Androgyne, und die vielfältigen Schöpfungsmythen folgten dieser Vorstellung; so etwa wenn in der biblischen Genesis Wasser und Licht den Urstoff formen, dann sind damit symbolisch auch die Weiblichkeit im Wasser und Männlichkeit im Licht gemeint. Womit sich letztlich der biblische Gott ebenfalls als ein Androgyn herausstellt. Was auf unsere Welt verkürzt bedeutet: himmlische Zustände formen sich aus der Harmonie der beiden Geschlechter. Wobei wir dabei allerdings nicht vergessen sollten, dass Harmonie erst durch die Disharmonie lebendige Spannung erhält. Das vorschöpferische Chaos war somit die notwendige Voraussetzung für die nachschöpferische himmlische Harmonie. Gleichwohl setzt sich das Chaos als strukturierendes Moment in der Schöpfung fort.

Heute tragen sich besonders verkopfte Menschen mit der Idee der Geschlechtslosigkeit der Geschlechter, indem sie behaupten, Mann und Frau seien nur das Ergebnis gesellschaftlicher Konstruktion. Diese Idee ist freilich eher ein politisches als ein gesellschaftliches Konstrukt; wenig praktikabel und soweit chaotisch, dass sich in ihm die Eigenschaften von Yin und Yang nur zu einem unifarbenen Dunst vermischen – als drückte Nebel auf die Winterlandschaft und verwischte alle Konturen. Hier fehlt wegen dem verleugneten Androgyn auch der schöpferische Impuls, der das Chaos ins Substantielle hebt; schließlich verneint, wer die Geschlechter leugnet, auch das Androgyne und somit die Schöpferkraft.

Im antiken China wurde das Prinzip von Yin und Yang in ungewöhnlich differenzierter Weise perfektioniert. Das entstandene symbolische System der beiden widerstrebenden und sich vereinigenden Kräfte ist hochkomplex und erlaubt immer wieder Lösungsansätze, um sich natürliches wie menschliches Wirken zu erklären. Vor allem erklärt es viele unserer Seelenlagen und kann somit als eine Form archaischer Seelenheilkunde und Sozialtherapie verstanden werden. Jederman kann dies nachvollziehen, sofern er bereit ist, unsere Welt aus diesem Blickwinkel zu betrachten. Denn männliche wie weibliche Temperamente durchdringen unsere gesamte Kultur. Seien es Formen, Töne oder Worte, immer wieder entdecken wir die beiden Kräfte in unterschiedlicher Verdichtung und Vermengung; ähnlich wie es die chinesische Tradition über Jahrtausende formulierte.

Allerdings wer die Welt nur aus den Prinzipien von Yin und Yang deutet, der verstellt sich damit auch seine Sicht. Um das zu verstehen, betrachten wir das Fuchi-Zeichen wie das Yin-Yang-Symbol auch genannt wird. Das erste Zeichen in dieser Art hoben übrigens die Weströmer um 400 n. Chr. buchstäblich auf das Schild einer Infanterieeinheit. Wobei es damals wahrscheinlich nicht den ideellen Hintergrund besaß, der ihm heute zugedacht wird. Das Fuchi-Zeichen selbst ist in China erst 700 Jahre später nachweisbar, während die Idee von Yin und Yang, der beständigen Wandlung und somit permanenten Schöpfung, Jahrtausende älter ist.

Optisch wirkt das Fuchi seiner Natur gemäß sowohl zwiespältig als auch komplett. Zwiespältig ist das Arrangement der beiden Hälften, die sich aneinander zum Kreis fügen. Besäße nicht eine jede in sich einen Farbkreis seines gegenläufigen Pendants blieben sie nur zwei sich voneinander absetzende eigenständige Farbflächen. So aber erscheint das Zeichen in sich komplett und wird als ein unterteilter Kreis wahrgenommen, was auch durch die Dynamik der beiden Hälften begünstigt wird. Genau diese Wahrnehmung ist gewollt, schließlich symbolisiert das Zeichen auch das Ganze, trotz der Trennung in zwei einander entsprechende Teile. Erst die Vereinigung zur Gesamtheit erschafft das Rund und damit eine lebendige Wirklichkeit.

Aber das Fuchi zeigt noch mehr. So wie eine strahlende Winterlandschaft über ihr karges, filigranes Schwarz-Weiß hinaus auf den pastellblauen Himmel weist, so weist das Fuchi über sich hinaus auf einen Raum, in dem es ruht. Es erschafft diesen Raum nicht durch seine Anwesenheit, denn der war notwendigerweise zuerst da, um dem Zeichen Grund und Rahmen zu verleihen. Jedoch macht das Fuchi den Raum erst wahrnehmbar, indem es in ihn tritt. Wirklich sichtbar, wird der Raum dadurch nicht. Er bleibt bei einem weißen Blatt Papier ungezeichnet und bei einem figurativen Fuchi einfach nur Umgebung oder Luft.

Wir sehen den Raum also nicht, wir wissen nur um ihn, weil wir das in ihn Hineingetretene sehen. Und da alles Gegenständliche Raum braucht, um zur wahrnehmbaren Erscheinung zu werden, erkennen wir den Raum, auch wenn er selbst nicht akzentuiert ist. Würden wir uns so tief in den Raum begeben, dass wir die Kontur unseres Gegenstandes verlieren, würden wir auch den Raum verlieren. Ja, noch mehr, wir würden damit auch uns selbst verlieren. Wir würden uns entgrenzen und in der Verlorenheit, das heißt im verlorenen Raum, aufgehen. ‑ Das Unbestimmte ginge ins Unbestimmte über, was einem vorschöpferischen Zustand gleichkäme.

Indem wir unser Gegenüber verloren haben, haben wir den Raum und uns selbst verloren, und indem somit nichts von uns konkret bleibt, haben wir die Zweiheit überwunden und sind in die Einheit eingekehrt. – Das ist zwar eine recht abstrakte Überlegung, allerdings kann sie auch zu einer sehr konkreten Anmutung werden, sobald wir uns auf diese Sicht einlassen. Freilich ist diese Sicht nicht risikolos, denn wer sich erst einmal gänzlich selbst verloren hat, vermag sich nur als ein anderer wiederzufinden.

Das aber ist das eigentliche, das das Fuchi-Zeichen in dem, was es nicht zeigt, darstellt, nämlich einen Entwurf allgegenwärtiger Einheit, die jeder Zweiheit zugrundeliegt. Furchtlos sollte darum jeder sein, der dieser Betrachtung folgt und das Zeichen samt seiner Semiotik transzendiert und sich auf den sich öffnenden Raum einlässt. ‑ Furchtlos deswegen, weil er ins Leere tritt …

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