Irrwege zur Spiritualität – Noch ein Geschenkbuch

Vorsicht! Dies ist kein Buch für Suchende, sondern nur für Wandelnde, die etwas zu verlieren haben.

Irrwege zur Spiritualität können zu zielführenden Orten werden, sofern man sie als Irrwege erkennt. Ja, im Grunde halte ich jeden spirituellen Pfad als einen Irrweg. Dies rezipieren und reflektieren zu können entspricht meiner eigentlichen Vorstellung weißer Magie. In diesem Buch habe ich zwölf Kontemplationen versammelt, die sich mit derlei spirituellen Irrwegen befassen. Es ist also kein aufbauendes, sondern ein dekonstruierendes Werk, dass bestenfalls eine heilsame Leere (nicht Lehre) zurücklässt.

Sie lesen hier das Vorwort zum Buch. Falls Sie das Buch erwerben und verschenken wollen – eventuell auch an sich selbst – klicken Sie bitte auf das Titelbild.

Werfe alles von dir, willst du dem Höchsten begegnen.
Werfe geradeso das Höchste von dir, denn es ist Illusion.
Sieh, was du suchst, ist eng; so eng wie das Gefundene.
Suche nicht, werde leer; so leer wie das, was Fülle ist.
Ihm entspringt der Quell, der sich ins Leere ergießt.

Fünf Zeilen, die umschreiben, was Spiritualität ist und was sie nicht ist. Immer dann, wenn wir zu wissen glauben , was wir mit Spiritualität meinen, wissen wir, im Grunde unseres Herzens ‑ vorausgesetzt wir sind uns selbst gegenüber bedingungslos ehrlich ‑, dass wir nichts wissen, sondern uns nur wieder auf einem Irrweg zur Spiritualität verlaufen haben.

Die Wendeln aus Suchen und Verirren, die wir bei unserer Hinwendung an die Geistigkeit abschreiten, stehen im Zentrum meiner Betrachtungen. Sie entstanden 2009 als Rundbriefe an meine Leser. Zwölfmal machte ich mich auf, dem Weg zu folgen, den man nach allgemeiner Ansicht zu gehen hat, um dem Höchsten zu begegnen. Zwölfmal blieb ich dabei am Ende des Weges mit leeren Händen zurück. Obgleich sich auf meinen Irrwegen keines der Versprechen einlösen ließ, konnte sich das Unfassbare dennoch in meine Hände legen; da ich sie nicht schloss, blieb ich berührt. Dieser Kontakt besteht fort, solange meine Hände leer und offen bleiben.

In den zwölf Essays schreibe ich über meine Widerfahrung mit der geistigen Sphäre. Ich nenne das Geschehen „Widerfahrung“, weil es nicht dem gewohnten Erleben entspricht, dem ich üblicherweise als beteiligter Beobachter gegenüberstehe. Bei meinen Versuchen, mich dem Spirituellen zuzuwenden, handelt es sich um Kontemplationen und nicht um spekulative Nachdenklichkeit. Es ist ein lebendiges Hineinschauen in die spirituelle Dimension beziehungsweise in das, was wir dafür halten. Dementsprechend ist meine Art der Beschauung eine besondere Weise des Erforschens, nämlich das allmähliche Entblättern des Gegenstandes meiner Vertiefung. Hierzu verweigere ich mich einer positiven Vorgehensweise, indem ich keine Aussage darüber treffe, was etwas vermeintlich ist. Vielmehr übe ich mich in der Kunst der Negation, indem ich erkunde, was das Objekt meiner Beschauung nicht ist, und befasse mich im wesentlichen mit den Vorstellungen über Spiritualität, oder besser: mit dem vor sie Gestellten. Hierdurch enthüllt und erhellt sich allmählich das Phänomen der Geistigkeit, ihre gestaltlose Unbestimmtheit als auch ihre Vielbestimmtheit verliert sich und offenbart sich als Erscheinung, die mich mit ihrem ersten Aufscheinen in ihr Scheinen integriert. Wobei dieserart Aufnehmen und Einpassen eher ein Umhüllen als ein Überstrahlen oder Absorbieren ist; damit meine ich auch jene glücklichen Augenblicke, in denen sich die Verschiedenheit zwischen dem Beobachteten und Beobachter aufhebt und sich beide zu einem zeitlosen Moment der Wahrnehmung vereinen.

Von daher handelt es sich bei den zwölf Essays um lebendige Kontemplationen, sie entstanden aus praktizierter Versenkung. Sie entsprechen somit meinem spirituellen Verständnis wie meiner Auffassung von Theurgie. Verkürzt erkläre ich Theurgie stets als Gotteserkenntnis durch Selbsterkenntnis ‑ ein im Grunde ebenso verneinender Weg. Denn indem ich das Illusionäre und Scheinbare meines Wesens- und Selbstverständnisses erkenne und benenne, löse ich mich aus egozentrischen Strukturen. Hier wirkt Selbsterkenntnis. Das Ego wird als Funktion durchschaut, das Wesen in all seinen Färbungen angenommen. Der weiterführende Prozess der Gotteserkenntnis geht allerdings nicht mehr von mir aus, sondern ist eben jene Widerfahrung, um die die Essays thematisch kreisen und deren Aufscheinen zum Mittelpunkt wird, auf den sich bildhaft gesprochen die Coda[1] einstimmt. Am Schlusspunkt der Entkleidung, der zugleich die besondere Tiefe der Versenkung markiert, schwingen sich meine Worte ähnlich auf und aus, um im emphatischen Versuch, die unbeschreibbare Gestalt nachzuzeichnen, schließlich zu verstummen und in der Stille, die dem letzten Ton folgt, dem Unvorstellbaren Raum zu geben. Diesen Raum wahrzunehmen, zuzulassen und sich mutig in ihm zu lösen, ist nicht nur mein Angebot an den Leser, sondern auch der Effekt, sobald man der Schwingung, die sich unter dem Text als stille Botschaft und unausgesprochene Wahrheit gelegt hat, folgt und sich von ihr tragen lässt; auch das eine erbetene Durchdringung meiner Beschauung. In diesem Wirken erfasse ich Theurgie als ein Gehobenwerden und ein Gehobensein, als eine uns verwandelnde Ergriffenheit, der wir uns zwar anheimgeben können, die wir aber jäh verlieren, sobald wir sie beschreibend oder nachdenkend eingrenzen und uns habbar machen wollen.

Dementsprechend ventilieren die gesammelten zwölf Betrachtungen weder Angelesenes noch Spekulatives. Vielmehr sind sie Einladungen an den Leser, der unmittelbaren Beschauung zu folgen und den Prozess der Erhellung in sich selbst nachzuvollziehen. Das bedeutet, den Klang aufzunehmen; den Zorn und die Verwunderung zuzulassen, die einen erfassen, sobald man durch den kritisch, sezierenden Blick sich selbst erschüttert und dadurch seine verborgene Eitelkeit verletzt. Schließlich ist der Weg der Selbsterkenntnis keineswegs nur schmeichelhaft. Es bedeutet aber ebenso, da alle Seiten ihre Zeiten haben, dass man auch die Güte zulässt, die Erkenntnis und Befreiung vermitteln, sobald man sich frisch gehäutet in einer noch fremden, weil neuen Welt wiederfindet. Mit der Bereitschaft, sich solch widerstreitendes Empfinden auf seinem Erkenntnisweg zu erlauben, sich nicht für komplett zu halten, wo Zersplitterung herrscht, und sich ob seines Fehlens zu verzeihen, zeigt sich die Tugend der Demut als Wegbereiter zur Gnade.

An diesen Worten erkennen Sie, dass mir die mögliche Wirkung meiner Polemik bewusst ist. Allerdings war und ist es niemals meine Absicht, jemanden mit meiner unverblümten Benennung zu kränken. Vielmehr bitte ich Sie, lieber Leser, falls Sie die eine oder andere Formulierung verstimmt, zu bedenken, dass diese zwölf Essays auch eine Dokumentation meiner Kontemplationen sind. Sie zeigen mein Bemühen auf, durch mystische Beschauung des wahren Kerns der Vertiefung selbst zum Fruchtfleisch zu werden; das bedeutet, ihm mit meinem Sein Nahrung für sein Keimen zu sein. Lassen Sie sich selbst in gleicher Weise auf diesen Weg ein, wird er auch Ihr Weg sein, und Sie werden ebenso gegen sich selbst mit der gebotenen Ehrlichkeit polemisieren, um am Ende aus sich heraus der möglichen Gestalt der Geistigkeit eine angemessene Hülle zu sein.

Um aber zu erkennen, wie wir uns selbst in die Irre führen, sollten wir uns mit unseren eigenen Irrtümern konfrontieren. Wir sollten die Wege, die wir für so geradlinig halten, mit unbestechlichem und unbedingtem Blick abgehen. Dabei werden wir erkennen, dass uns diese Wege gleichsam in klassischer Manier durch unser seelisches und geistiges Labyrinth führen. Wir schreiten unser eigenes Wesen ab, betrachten unser Sehnen, Hoffen und Spekulieren sowie unseren Glauben, und prüfen unsere Motive zur fortwährenden Selbstverdrängung und Selbstverschleierung. Dieses schauende Erkunden ist zugleich der Weg des Lösens, er leitet uns durch unsere Irrtümer. Sein Ziel entpuppt sich schließlich als das Nichtziel. Im Zentrum unseres Selbst, dort, wo wir unserem Ego gegenüberstehen sollten, begegnen wir der Leere. Sie ist jedoch kein Nichts, sondern nur etwas Unfassbares, ein Sein, ohne Ich zu sein. Diese Begegnung mit der innersten Leere, der wir ein Leben lang davonlaufen wollten, ist der Höhepunkt der Selbsterkenntnis. Danach folgt ebensowenig Greifbares: Wir kehren um, schreiten an den Bildern unseres Wesens vorbei, ohne sie zu bejahen oder zu verneinen, sondern nur schauend. Denn diese Wesensbilder sind bildlich gesprochen nur das Pergamentpapier, das die Laterne ziert. Das Licht in uns illuminiert unsere Geschichte, unser Sein. So erkennen wir uns als etwas Unverwechselbares, was von einer Kraft erhellt wird, weil es sich für sie geöffnet hat; weil wir unsere inneren Vorhänge beiseitegezogen haben und das uns erhellende Licht in die Nacht einer egomanischen Welt leuchten lassen.

Schließlich verlassen wir auf unserem Weg ohne Ziel das Labyrinth als Gewandelte, die eine von nun an verwandelte Welt betreten. Was anfänglich Irrweg war, hat sich paradoxerweise allein durch unsere konsequente Beschauung in einen Heilsweg verkehrt, denn wir haben das Falsche und das Falsche im Falschen erkannt und suchen so nicht mehr nach dem Richtigen. Am Ende des Weges mag es uns als das Wahre in unsere offenen Hände fallen. ‑ Lassen Sie sie geöffnet, auf dass es geschieht!


[1] In der Musik bezeichnet man den Abschluss eines Werkes, der das Thema nochmals variiert, dazu erhöhend skizziert und ausklingen lässt, als Coda.

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