Wandlung ist unumkehrbar

Kleines Labyrinth © Matthias Mala

Jedes Leben ist eine unumkehrbare Entwicklung. Es beginnt mit seiner Entstehung und endet mit dem Tod. Jeder Moment dieser Entwicklung ist ebenso eine Wandlung. Körper und Geist sind einer steten Entwicklung und somit Wandlung unterworfen. Auch wenn die meisten Zeitgenossen meinen, sie blieben für jetzt und immer dieselben, ist dem nicht so. Dabei müssen es keine großartigen Anstöße sein, die uns zeigen, dass wir uns beständig wandeln, es genügt, die beiden Silvesterbilder über ein Jahr miteinander zu vergleichen. Wir haben uns in dieser überschaubaren Spanne bereits sichtbar verändert.

Den Wandel des Körpers nehmen die meisten von uns in selbstverständlicher Weise als den Lauf der Dinge hin. Wir reifen, altern und vergehen. Schwierig wird es hingegen, wenn wir die eigene geistige und soziale Entwicklung leugnen oder verdrängen. So gab es zu allen Zeiten Alte, die ernstlich meinten, sie zählten noch zur Jugend. Heute ist diese verstellte Selbstwahrnehmung gang und gäbe. Doch weit auffälliger ist es, wenn Junge wie Greise denken, während sich Greise einen jungen Geist bewahren konnten. Wobei es nicht irgendwelche juvenilen Einfälle sind, die einen jungen Geist ausmachen, sondern neben Aufgeschlossenheit die Fähigkeit, selbstreflektiert zu bleiben und sich selbst korrigieren zu können. – Allerdings braucht es für dieses Vermögen auch eine entsprechend lebendige Mitwelt, die den Wandel anregt.

Die aber wird seit der Coronakrise eingeschränkt, was mit einer unumkehrbaren Entwicklung einhergeht. Unsere Lebenserfahrung verändert sich gerade grundlegend und bedingt eine ebenso tiefgreifende Wandlung unseres Lebenskreises und damit auch von uns selbst. Wir meiden körperliche Nähe, begegnen einander mit Abstand, tragen Masken, die unsere Mimik weitgehend verbergen, treffen uns nur mehr über Video- oder Telefonkonferenzen und sehen in unserem Nächsten vor allem einen potentiellen Virenträger. Dazu leben wir in einem steten Gefühl konkreter Bedrohung schwer zu erkranken und womöglich zu sterben.

Es gab immer wieder derart bedrückende Zeiten, wenn Pest oder Cholera durchs Land zogen. Dann mieden sich die Menschen ebenso einander und schoben Gott oder den Juden die Schuld an der Seuche zu. Andere nutzten eine Seuche für Eroberungskriege, sofern die eigene Streitmacht noch nicht durch sie geschwächt war. Isolation und Gewalt veränderten die Menschen und wirkten traumatisch über Generationen fort.

Heute verändert sich unser Zusammenleben erneut und das schneller als wir den Wandel selbst bemerken. Das gleicht den Alterungsschüben, bei denen die Mitwelt unsere rasche körperliche Veränderung deutlicher bemerkt als wir selbst, weil unser Selbstbild mit ihr nicht schritthalten kann. Eingeschränkte Kommunikation, soziale Distanz, Einkommensverluste, Angst, Ausgangssperren und Konsumbeschränkung bedingen, dass sich unser Selbstverständnis als auch unser Blick auf unsere Mitwelt verändern. Wir bleiben nicht mehr dieselben, sondern unterliegen diesem rasanten Wandel. Allein durch die wirtschaftlichen Einbrüche und die autoritären staatlichen Maßnahmen beschädigen wir unseren bisherigen Commonsense aktuell in unabsehbarer Weise.

Die gegenwärtige Pandemie beeinträchtigt unsere seelische Gesundheit, so wie jede Seuche zuvor auch. Manch verborgene psychische Belastung wird durch soziale Restriktion überhaupt erst getriggert und bricht aus. Nur diesmal sind die Beeinträchtigungen noch spezieller. Bereits seit einem Jahr ist unsere direkte Kommunikation reduziert und ist durch den vermehrten Gebrauch elektronischer Kommunikationshilfen noch unsinnlicher geworden. Wir hören die andere Stimme überwiegend durch die Maske oder reduziert über Lautsprecher. Wir fühlen, riechen und sehen den anderen nicht mehr oder sehen ihn nur auf einem grießigen Display. Wir vereinsamen bei gleichzeitig hunderten von „Freunden“ in „sozialen“ Netzwerken.

In dieser Form der sensorischen Deprivation erkenne ich auch eine Anlehnung an weiße Foltermethoden. Vereinsamung und Reizentzug bei gleichzeitiger Überwältigung durch artifizielle Reize wie elektronische Medien lassen die Seele verkümmern und das Selbst hinsichtlich Selbstwahrnehmung und Selbstwertgefühl darben. Wir verlieren unseren Selbstbezug. Was gegenwärtig geschieht gleicht einem großen zynischen Experiment. Nicht umsonst sehen Verschwörungsmythiker – ja, Mythiker, denn Mystiker sind sie nicht – hinter der Krise eine große Weltverschwörung. Doch da steckt in Wahrheit nichts dahinter. Die konstriktiven Ereignisse in Zusammenhang mit der Krise sind ebenfalls Entwicklungen und keine Verschwörungen, sonst wären sie auch nicht derart dilettantisch angelegt, dass wir zum Beispiel im Gegensatz zu anderen Staaten kaum Impfstoff haben.

Jedenfalls werden wir, sollte die Pandemie irgendwann erliegen, nicht mehr dieselben sein und deswegen wird auch unsere Welt nicht mehr dieselbe als vor 2020 sein und werden. Vielmehr wird sich der angestoßene Wandel mit seiner eigenen Dynamik und Gesetzmäßigkeit fortsetzen. Wie unser Dasein danach aussieht, weiß niemand, und ich mag darüber auch nicht spekulieren. Jedenfalls sagt mir meine Lebenserfahrung, dass schlechte Entwicklungen nur selten einen positiven Wandel einläuten, sondern bestenfalls einen längeren Stillstand als Basis für eine Nachdenklichkeit begünstigten. Meistens jedoch setzen sie sich als malevolente Kräfte solange fort, bis sie sich in ihrem Tiefpunkt selbst zersetzen.

Diesen Beitrag illustrierte ich mit einem Bild vom kleinstmöglichen Labyrinth. Ein Labyrinth ist kein Irrgarten, so wie uns diese Pandemie anmuten mag; sondern ein Weg der ins Zentrum führt und wieder hinaus. Im Zentrum sollte dem Kandidat, der diesen Weg geht, eine mystische Wandlung widerfahren und er das Labyrinth als ein gewandelter verlassen. Im kleinstmöglichen Labyrinth ist dieser Weg naturalemente auch der kürzeste. Dies wünsche ich uns auch für den Weg der Wandlung, auf dem wir uns gegenwärtig befinden. Dafür brauchen wir eine gute, eine benevolente Kraft, die wir nur aus uns selbst schöpfen können; womit ich mich dem Phänomen der Resilienz nähere, über das ich verschiedentlich bloggte. Warten wir es ab, wohin sie uns federt …