Goldene Hochzeit

Goldene Hochzeit © M. Mala

Für eine goldene Hochzeit muss man 50 Jahre verheiratet sein. Sie ist also kein Fest, dass man zweimal in seinem Leben begeht. 50 Jahre Ehe sind eine lange Zeit, für manche erstaunlich lang. Für meine Frau und mich, die wir am Monatsende goldene Hochzeit feiern werden, ist es eine hübsche Weile, die wir nun schon zusammen sind. Vor allem wir lieben und vertragen uns wie am ersten Tag. Ungelogen! Was besonders wichtig ist, wir mögen uns immer noch riechen. Ja, wir geben auch immer noch ein hübsches Paar ab. Das ist nicht selbstverständlich.

Eine gute Ehe … ach was, was können wir schon über gute Ehen sagen? Wir sind ja keine Eheberater, sondern nur ein Ehepaar, das sich gegenseitig respektiert. Wir sind uns in manchem ähnlich, in etlichem sehr vertraut und in einigem recht konträr. Sie mag die obere und ich die untere Hälfte der Semmel, was wir uns aber erst zur Perlenhochzeit also nach 30 Jahren Ehe eingestanden. Beim gebratenen Hühnchen mag sie das Bruststück und ich das Beinteil und zum Pinkeln setzt sie sich hin, während ich stehe. Durchaus beachtlich, denn in den 90er Jahren spann der feministische Zeitgeist von Gleichheit beim goldenen Strahl und manche Ehe zerbrach darüber. Vermeintlich! Sie zerbrach nicht daran, sondern am fehlenden Respekt. Seltsamerweise geht der bei vielen Paaren rasch flöten, weil sie es nicht lassen können, den anderen nicht nach ihrem eigenen Ebenbild formen zu wollen. Dort wo es dem einen oder anderen gelingt, ist die Ehe mit der gelungenen Angleichung vorbei. Der Schwung ist raus, bestenfalls langweilt man sich von da an gegenseitig zu Tode oder hasst einander ins Grab.

Gewohnheit ist ein weiterer Liebestöter in langjährigen Beziehungen. Sie ist wie Mehltau, der jede lebendige Zweisamkeit erstickt. Unbemerkt schleicht sie sich über Alltäglichkeiten ein und die Aufmerksamkeit füreinander verliert sich. Wir dürfen gemeinsam alt werden, doch sollten wir dabei nicht gemeinsam aneinander ermüden. Aufmerksamkeit für sich selbst steht deshalb davor. Wer sich selbst vernachlässigt, vernachlässigt auch seine Mitwelt, und die nächste „mit“ ist nun mal meine Frau. Ihr Lächeln ist meins. Ihre Liebe ist die meine.

Gleichwohl sollte man auch nicht die Würze der Leidenschaft vergessen. Wobei ich hier den herzlichen Streit als die leidenschaftliche Auseinandersetzung meine. Ich erinnere mich gut, wie wir uns am Anfang zusammenrauften, ein jeder Grenzen zog und überschritt, bis wir unsere Duldsamkeit füreinander, gegeneinander und miteinander erfasst hatten. Hieraus erwuchs zugleich auch unsere Distinguität als Brandmauer gegen unsere Mitwelt, gegen deren Destruktivität wir fortan gemeinsam anstanden. Wir hatten uns nicht nur zusammengerauft, sondern auch zusammengeschweißt.

Hierdurch waren wir auch gerüstet für die Wechselfälle des Lebens. Ein Kind kommt und stört die Zweisamkeit. Das Kind pupertiert und verlässt das Haus, man trifft wieder unmittelbar aufeinander. Unglücke geschehen und werden überwunden, Einschränkungen bleiben. Die Arbeit wandelt sich, neue Herausforderungen kommen hinzu, schließlich die Rente und manche Gebrechen, und wieder muss man sich zusammenraufen.

Das alles gemeinsam durchzustehen, ist nur möglich, solange die Liebe, das Zusammengehörigkeitsgefühl tief und verlässlich, wenn das Vertrauen wechselseitig und stabil ist. All das kommt nicht von alleine, sondern will gehegt werden, damit es bewahrt bleibt. So ist jeder Tag der Zweisamkeit eine geliebte Herausforderung, ein Dank und Gebet, auf dass der Schwung sich nicht verliert.

Wir beide, Dagmar und ich, haben uns gefunden als zwei seelenverletzte Menschen, die eine feindliche Kindheit und Jugend durchlebt hatten. Diese Deprivation prägte uns, und wird durchlitten gemeinsam eine schwere, lebensgefährliche Dekade, in der wir beide dem drogenbedingten Tod mehrmals nur zufällig entkamen. Schließlich wurden wir Ende der siebziger Jahre clean und begannen ein neues, drogenfreies Leben. Von da an durften wir einander – zutiefst vertraut – erneut entdecken, und diese Entdeckungsreise ist ohne Ende. Wir sind ein Stern geworden, der am Gründonnerstag 1972 aufging und seitdem leuchtet und den wir am 30. März in liebevoller Zuneigung erneut polieren.

Offen für Führung

Führung © Matthias Mala

Führung © Matthias Mala

Wir gingen ans Ende der Halbinsel. Vor uns ragte die Bergflanke gen Himmel. Sie war durch die Baumkronen hindurch gut zu sehen. Wir begannen mit dem Aufstieg durch den Wald. Hin und wieder blitzte durch eine Schonung der See in der Herbstsonne zu uns herauf. Dann öffnete sich der Wald und wir stiegen weiter über blühende Matten den steilen Hang hinauf. Die Wiese wurde allmählich karger und die Grasbüschel kleiner. Dann kam die Felswand, die es zu queren galt. Wir rasteten. Blickten auf den See tief unter uns. Man saß sicher, trotzdem zog die Tiefe. Das leichte Kribbeln in den Füßen nahm allmählich ab. Wir lehnten uns zurück, lagen ausgestreckt im mageren Gras mit den spärlichen Blumen. Die milde Sonne wärmte uns. Unter uns das Tal mit dem See. Über uns griff der Berg nach den wenigen Wolken, die langsam gen Osten zogen. Sein Gipfel war nicht zu sehen. –  Es war still um uns und sehr weit.

Nach einer Weile machten wir uns auf, den schmalen Pfad, der über eine Abbruchkante an der Felswand entlang führte, zu passieren. Die von der Sonne erhitzte Wand empfing uns mit ihrem warmen Hauch aus Herbst und Stein, ein Duft, der an ein bergbäuerliches Brotbackhäusel erinnerte. Ein im Fels verankertes Drahtseil gab zur Linken hin Halt. Zur rechten schob sich tief unten am Fuß der Wand ein Geröllfeld zum Waldrand hin. Es war kein gefährlicher Steig, dennoch musste man achtsam schreiten, denn ein Fehltritt hätte auch hier zum Absturz führen können. Wir passierten die Wand ohne Zwischenfall. Mittendrinn, als wir aus luftiger Höhe wie aus einem Adlerhorst über das Tal blickten, strichen zwei Dohlen nahe an uns vorbei. – Für einen Augenblick empfanden wir uns als Eindringlinge in eine heile Welt. Weiterlesen