Wie man selbst zum Engel wird

Zum Advent eine Kontemplation aus meinem Stundenbuch der weißen Magie.

Losung

Wer in den Himmel greifen möchte, wird den Boden unter den Füßen verlieren; und wer auf festem Boden steht, wird den Himmel nicht erfassen. Die Welt ist gerecht im Ungerechten, weil sie im Ungleichen keinen Ausgleich bietet.

Versenkung

Die Pole bedingen einander, um die Form zu halten. Jenseits der Form herrscht das Formlose. Doch auch das Formlose ist Gestalt. Magie wirkt im Geformten wie im Ungeformten. Das eine ist wie das andere und doch ist beides grundverschieden. Reduzieren wir die Welt auf ihr Kleinstes, machen wir sie ebenso gleich, wie wenn wir sie ins Höchste verklären wollten. In beiden aber ist die Welt nicht mehr, sondern nur noch ihre Idee. Die Liebe weht zwischen diesen Nichtigkeiten und gar über sie hinaus, ins Unvorstellbare. Liebe ist die Spanne, die die Welt erstehen lässt. Liebe ist das milde Licht der Morgensonne, die den Tau der Nacht von den Blüten leckt und uns das Leben in die Glieder träuft. Bewahren wir die Frische dieser Stunde im Gemüt, werden wir uns selbst zum Engel, der uns führt. Ein Engel versteht es, die Schöpfung zu bewahren, indem er sie von Jetzt zu Jetzt wiederholt. Dies ist sein Anruf an das Unermessliche, sein immer neues Lied, durch das die Wiederkehr stets zur erneuten Schöpfung wird. Nicht die Erscheinung der Form oder des Formlosen ist der Akt solcher Weltwerdung, sondern das gelauschte Lied der Anrufung. Seine Stimmung temperiert die Kreation durch die harmonische Folge wohl gesetzter Töne.

Vermag ich das rechte Maß zu finden, ohne Maß zu nehmen?

Stimmung

Ich singe das Lied und wiederhole es, bis sich der Kreis schließt. Nun tönt der Kreis. Er schwingt im Widerhall der stillen Weise. Wen sie erfasst, der schwingt mit ihr. Ich bitte darum, dass meinem Ohr die Weise zeitlos schmeichelt

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Liebe, das unbekannte siebte Element

Rangoli © Matthias Mala

Rangoli © Matthias Mala

Losung

Schweigen wir über die Liebe. Die Liebe ist die Kraft des sich selbst erkennenden Geistes. Sich in seinem Nächsten zu erkennen, ist der Keim der Liebe. Im anderen aufzugehen, ohne sich zu verleugnen, ist der praktizierte Zauber der Liebe.

Versenkung

Liebe ist jenseits aller Magie. Liebe ist jenseits der Welt. Liebe ist jenseits des Geistes. Liebe ist heiliger Duft. Liebe ist die Aufhebung allen Gegenübers. Liebe ist Einkehr. Liebe ist All-Einsein. Liebe ist die Gegenwart Gottes. Die Idee von der Liebe ist Abkehr von ihr. Ihr nachzustreben mag den Strebenden adeln, doch Adel erhebt und sinkt nicht ein. Liebe lässt sich nicht suchen. Wer sie sucht, flieht vor ihr. Wer flieht, verhärtet sich. Liebe ist Gnade. Gnade sucht den Begnadeten. Der Begnadete ist bereit. Bereitschaft ist kein Weg. Bereitschaft ist Da-Sein. Bin ich bereit, mag mich die Liebe streifen, mag mich ihr Duft umwehen. Will ich sie erhaschen, greife ich ins Leere. Bereit zu sein ist das einzige, was bleibt. Bin ich in Liebe, bin ich jenseits des Ursprungs, bin ich jenseits allem Bekannten, bin ich in absolutem Schweigen. Kein Wort wird dieses Schweigen je aufheben. Hier ist keine Magie mehr. Hier ist Liebe, nichts weiter, nichts mehr. Liebe ist der Ursprung des Ursprungs. Was ohne Liebe ist, ist leer. Also ist Magie ohne Liebe nichts.

Kann ich lieben, ohne das Geliebte besitzen zu wollen?

Stimmung

Der Wind spielt mit meinem Haar. Ich sitze unter Bäumen, und mein Kreis besteht aus abgefallenen Gedanken. Zwanglos fließt das eine und das andere von mir ab. Ich wähle nicht aus. Ich bin das Befreite. Das Bleibende ist das Geliebte. Ich bitte darum, ohne Ziel auf meinem Weg voranschreiten zu können.

Quelle: Lied 77 aus dem Stundenbuch der weißen Magie