Der blinde Fleck

Objet trouvé von Ruth Mala © Matthias Mala

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Jeder Mensch besitzt natürlicherweise einen Punkt, den sein Auge nicht sieht. Er wird blinder Fleck genannt. Er ist notwendig für die Sehfähigkeit des Auges, denn es ist der Sehnerv selbst, der die Sicht ein wenig verblindet. Das spezielle des blinden Fleckes ist, dass wir ihn nicht erkennen, sondern das fehlende Sichtfeld einfach ergänzen. Unser Hirn täuscht uns dazu eine optische Wahrnehmung vor, wo keine ist.

Soweit so gut. Wir sehen trotz physiologisch beschränkter Wahrnehmung ausreichend genau und sind deswegen in unserem Alltag nicht behindert. Ja, bis ins 17. Jahrhundert hinein wusste die Menschheit nicht einmal, dass jeder Mensch einen blinden Fleck mit sich herumträgt. Seitdem aber ist er eine beliebte Metapher für die beschränkte Sicht auf die Dinge und die Welt, der jeder Einzelne grundsätzlich ausgesetzt ist, da wir uns so oder so buchstäblich auch mit Scheuklappen durch die Welt bewegen. Weiterlesen

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Einsam sein

Einsam © Matthias Mala

Einsam © Matthias Mala

Sein Glauben war unerschütterlich. Er betete jeden Tag die Horen, und auch seine Arbeit verstand er als stete Zwiesprache mit Gott. Er war ein eifriger Mönch und seinen Ordensbrüdern ein Vorbild. Dennoch empfand er sich von Gott verlassen, denn sein Glaube schien ihm nur ein wie unerfülltes Sehnen. Es war ihm daher, als wäre sein Herz unheilbar verschattet. Also beschloss er eines Tages, seine Aszese zu verstärken und sich in eine Rekluse zu begeben.

Seine Ordensbrüder rieten ihm eindringlich davon ab, derlei selbstgewählte Isolation sei nicht mehr zeitgemäß, ja sie habe etwas unbarmherziges an sich. Womit sie zum Teil auch richtig lagen, denn sein Wunsch, sich in einer dämmrigen Zelle einmauern zu lassen, entsprang nur seinem düsteren Herzensgrund. Dennoch, er setzte seinen Willen durch, und wurde zur Weihnachtsnacht eingemauert. Nach einem Jahr wollte er, mit glühendem Herzen und dem in der Einsamkeit gefundenen Christus in sich, die dunkle Kammer wieder verlassen. Weiterlesen

Ein Licht geht auf

Kerzenlicht © Matthias Mala

Kerzenlicht © Matthias Mala

Aufgehende Lichter sind Momente der Erkenntnis. Sobald der Morgen die Nacht vertreibt, erkennen wir die Welt wieder als die unsere. Die Geister der Nacht verschwinden in der schattenlosen Dämmerung und was uns nächtens noch ängstigte nimmt wieder seine altbekannte Gestalt an. Seit jeher symbolisiert die Wintersonnenwende diese Form der Erkenntnis und erhöht sie – wie könnte es auch anders sein, wenn Götter sterben und wiedergeboren werden – ins metaphysische. In dem Moment, in dem die Dunkelheit am längsten und tiefsten ist, befindet sich ihre Macht bereits im Niedergang. Die Geister toben zwar noch in ihrer Wilden Jagd über Land und Flur, reißen alles Schwache mit sich und schrecken alles, was sich regt; doch es bleibt ein verebbender Sturm. Der Gott ist wiedergeboren, sein Licht erhellt die Dunkelheit, und das Poltern der Wilden Jagd ist nur Tribut an seine Macht. – So das gnostische Bild vom Sieg des Lichtes über die Dunkelheit, das sich Jahr um Jahr wiederholt und uns Weihnachten ist.

Ein Kind wächst heran. Die erste Zeit noch unbeholfen aber bereits fordernd; seine ganze Kraft ist aufs Überleben gerichtet. Liebe, Wärme, Fürsorge sind sein Verlangen. Tasten, lauschen, schauen sind sein Behuf. Aus der dunklen Mutterhöhle in die lichte Welt geworfen, bemerkt es und erkennt bereits Bemerktes. Es lernt und erkennt. Es ist ganz Welt. Ungeteilt lebt es mit ihr. Die Welt ist ihm Geschwister. Sie ist mit ihm. Mal ist sie mütterlich umhüllend, mal spröde Begrenzung und schmerzhafter Widerstand. Doch sie ist noch nicht getrennt vom Kind. Noch herrscht magische Einheit. Ein scheinbar paradiesischer Zustand.

Doch irgendwann kommt der Moment der Erkenntnis, zu dem sich das Paradies öffnet und der Mensch sich selbst erkennt und vom Wir zum Du gelangt. Er schlüpft unter dem Gottesmantel hervor und stellt sich seinem Schöpfer, stellt sich seiner Welt gegenüber. Sein Ich wird geboren.

An einem Sommertag durfte ich Zeuge einer solchen Wandlung werden. Mein kleiner Sohn hatte irgendeine Kleinigkeit angestellt, ich weiß nicht mehr was. Jedenfalls fragte ich ihn, ob er es war. Und er wollte es eigentlich zugeben, doch mitten im Impuls, dies zu tun, hielt er inne und verneinte es. Im selben Augenblick erschrak er zutiefst und gleichzeitig zeichnete sich ungläubiges Staunen in seinem Gesicht. Es war seine erste bewusste Lüge. Es war zugleich ein Moment, mit dem er die Zauberglocke der einheitlichen Welt durchbrach. Er war nicht mehr eingebunden Handelnder, sondern vermochte unabhängig von der Wirklichkeit der Welt zu handeln. Er konnte nein sagen, wo zweifelsfrei ein Ja stand. Er konnte also die Welt in seinem Sinne ändern. Seine kleine Lüge war ein schöpferischer Akt und ein immenser Akt der Selbsterkenntnis. Er war sich selbst bewusst geworden. Diesen Augenblick erlebte er einerseits staunend, als Entdecker dieser Möglichkeit, andererseits war sie ihm ein gewaltiger Schreck, denn es war für ihn buchstäblich eine Vertreibung aus dem Paradies. Ein Weltenbruch samt Neugeburt! Die alte magische allumfassende einheitliche Welt war ihm zerbrochen, warf ihn aus und stellte ihn allein der Welt gegenüber.

All dies geschah mit einem Wimpernschlag. Und für den Augenblick war er zerbrechlich wie ein frisch geworfenes Fohlen und gleichzeitig voller Mut und Neugier, sich dieser neuen Welt zu stellen, sie zu entdecken und soweit zu erkunden, bis er sich womöglich irgendwann das Geheimnis des allgegenwärtigen Paradieses wieder erschlösse und somit in anderer, gleichwohl äquivalenter Form mit seiner Welt wieder heil werden würde. Schließlich ist der Verlust des Paradieses nur der Weg in eine Welt, die in einem selbst erkannt werden will. Hier, in solcher Bewusstheit, mag sich uns letztlich auch als wirkende Liebe die vielbesprochene Gottesebenbildlichkeit des Menschen erschließen.