Rollentausch

Rollentausch @ Matthias Mala

Oh ja, ihm geht’s gut. Nein, der ganze Wahnsinn interessiere ihn nicht. Er habe ordentlich zu tun … Wieder mal ein Mann, der sich über seine Arbeit definiert, obgleich er gar keine mehr hat. Ja, es gibt ebenso jene Frauen, die sich regelmäßig mit ihren Freundinnen im Caféhaus treffen und dort trällern, wie prima es bei ihnen daheim läuft, obgleich ihre Familien auseinanderfallen und sie nur noch mit pharmazeutischer Seelenschminke über die Runden kommen.

Oh ja, die Welt ist eine Bühne und viele von uns spielen ihre Rolle bis ins Grab. Wobei ein jeder Mensch seine eigene kleine Theatergruppe ist, die durchs Leben tingelt. An jeder Ecke, auf jedem Stuhl ist er eine Variante seiner selbst; nur wo ist er echt? Wer weiß es? Ich denke, die wenigsten wissen es. Ja, die meisten haben noch nie darüber nachgedacht, dass sie Selbstdarsteller sind, ohne zu wissen, wer dieses Selbst ist. Gerade deswegen wirken sie auch für sich selbst und somit erst recht nach außen authentisch.

Andere wieder sind in religiöse oder esoterische Zusammenhänge eingebunden, in denen es das höchste Ziel ist, keine Rolle mehr zu spielen, sondern eine entpersonalisierte Person, eine vom Ego entkernte Seele zu sein. Was immer das auch sein soll, sie nennen es Erleuchtung, Samadhi, Moksha, Satori, Kenshō oder Bodhi. Eine Menge Bezeichnungen für einen Zustand, in dem man selbst für sich selbst keine Rolle mehr spielt … oder besser gesagt spielen sollte. Denn eigentlich ist Erleuchtung nur die Krönung des Narzissmus. Die erleuchtete Person hat sich derart zentriert, dass sie zum Nabel Gottes geworden ist. – Ein recht infantiler Zustand …

Gesünder ist es, hin und wieder die Rollen zu wechseln. So kann man sich aus verschiedenen Perspektiven erleben und bei guter Reflexion die Selbstdarstellung derart optimieren, dass man zum Prätendenten für jedermann wird. Ja, man wird zum Star im Quartier, im Dorf, der Stadt, im Land oder gar weltweit. Nur legt man damit seine Rolle nicht mehr selbst fest, sondern bekommt sie von seinem Publikum zugewiesen. Will man sie wechseln, hat man die Wahl zwischen Pension, Verbannung oder Häme. Man kann sich dann – einmal geprägt – niemals mehr enteilen.

Bemerkenswert an diesem Spiel ist, egal wie wir es spielen, wir leben meistens die Figur, die andere in uns sehen. Es ist offensichtlich problemloser, dem Bild der anderen als dem eigenen zu entsprechen; weswegen wir fast wie selbstverständlich so leben, wie wir meinen, dass die anderen uns sehen. Nur manchmal ereilt uns die Enttäuschung, sobald diese Blase platzt und wir erkennen müssen, dass man uns ganz anders erlebte, als wir meinten, dass es geschähe. Was lernen wir daraus? Für gewöhnlich nur, dass wir die erwünschte Rolle proben und präsentieren; andernfalls müssten wir uns von uns selbst ein wahres Bild machen. Doch da das nicht geht, denn dann müsste etwas konkretes in uns selbst wirken … Wäre etwas konkret, wäre es unveränderlich; wäre es unveränderlich, wäre es inexistent, denn die Eigenschaft jeder Existenz ist ihre Veränderung.

Oh ja, wir müssten Gott sein, könnten wir die ultimative Rolle unserer Selbst spielen. Da diese Rolle aber göttlicherseits für niemanden vorgesehen ist, bleibt uns nur, uns immer wieder neu zu schöpfen, in neue Rollen zu schlüpfen, alte abzulegen und hierdurch lebendig zu bleiben. Darum, fürchten wir uns nicht vor den Rollen, die uns zugewiesen werden, sondern vor unserem inneren Hang, sie zu bewahren, um in ihnen zu verkrusten. Es wäre der Tod im Leben! Blicken wir hingegen in den Spiegel des Lebens, erkennen wir uns als der, der wir sind, indem wir uns sagen: Das bist du nicht! – Das bist du nur vorübergehend.

Also gehen wir weiter …

Gedankenleere

Gedankenleere © Mala

Ihrer Lebtag strebte sie nach Erleuchtung – allerdings nicht nach Einsichten durch Erkenntnis, also nicht nach mehr und tieferem Wissen, das ihr so manchen weltlichen Zusammenhang erhellte, sondern einzig nach spiritueller Erleuchtung. Wobei sie daran verschiedene Bedingungen knüpfte. Hierfür klaubte sie sich aus östlichen Religionen und abendländischer Esoterik ihren maßgeschneiderten Synkretismus zusammen. Ein wenige Hinduismus, ein wenige Buddhismus aller drei Fahrzeuge und Weisheiten von so manchem Guru. Sie nahm an vielen Retreats teil, fastete, schwieg und meditierte alleine wie in Gruppen. Ihre Idee war ihre unmittelbare Wahrnehmung durch Gedankenlosigkeit zu schulen. Jedenfalls meinte sie die himmlische Wahrheit der Schöpfung teile sich nur einem entleerten Geist mit. Entleert sei ein Geist, wenn er nur noch schaue, aber das geschaute nicht bedenke, denn alle Gedanken seien Trug. Man schaute und erkannte, von keinem Gedanken getrübt, die reine Wahrheit. Auf meine Frage hin, wie sie denn dann im erleuchteten Zustand wieder nach Hause fände, schimpfte sie mich einen Defätisten.

Andererseits half ihr ihre Weltsicht auch, sich von störendem Gedankengut abzugrenzen. Denn ihre Gedanken basierten auf Einsichten, die sie durch ihre Einkehr gewann; sie waren also inspiriert und somit von göttlicher Natur, zumindest himmlisch befruchtet – was auch immer sie damit meinte. So lebte sie angenehm und ungestört in ihrer Filterblase, hatte Freunde, die ihre Weltsicht teilten und ebenso kritisches nicht zuließen. Auf diese Weise sorgten sie gemeinsam auch um ihr eigenes Wohlergehen, indem sie Wasser von rechts auf links polten, Strichkodes auf Lebensmittel energetisch neutralisierten und ähnlichen Humbug mehr. Es war eine gemütlich Welt, die sie sich da schufen, vergleichbar mit der fiktiven Grafschaft Midsomer des Inspektors Barnaby.

Inzwischen ist sie alt und dement geworden. Ihre Freundinnen haben sich zerstreut, sie starben oder sind gleichfalls dement oder haben den Kontakt aufgegeben, da sie nichts mehr zur Freundschaft beitragen kann. Im Grunde eine eigene Art seelischer Grausamkeit: Vernachlässigung durch Alter. Jedenfalls sitzt oder liegt sie auf ihrer Couch oder in ihrem Bett und schaut in die Welt mit großen Augen. Es ist ein meist leerer, gelegentlich suchender Blick, als sähe sie einen Gedanken, den sie zwar denken aber nicht erhaschen möchte. So lebt sie sich in sich zurückgezogen und ist zumindest dahingehend gedankenleer, als dass sie anscheinend keinen Gedanken mehr verfolgt. Im Grunde hat sie nun jenen Zustand erreicht, um den sie sich zeitlebens bemüht hatte. Allerdings ist dieserart geistige Reizlosigkeit nicht die Art der Vergeistigung, die ihr einst vorschwebte.

So ist sie am Ende ihres Lebens, das ein langer Lebensweg war, erschöpft. Ihrem Dasein, ihrem Status quo eilte sie dabei stets davon, um sich in einem Ideal zu veredeln. Sie ist müde geworden und würde gerne sterben, wenn ihr Leib ihre Seele nicht weiter fesselte. Manchmal sagt sie spontan: Ich will hier raus, und meint damit wohl, dass sie als Seele in ein Jenseits frei von quälender Leiblichkeit entfleuchen möchte. Wenn sie könnte, würde sie ihrem Lebensziel wahrscheinlich wie gehabt wieder folgen. Sie war zufrieden, solange sie Gedankenleere üben konnte, und als sie durch Demenz eintrat, hatte sie Ihre Urteilskraft darüber verloren. Es sind nur noch Oberflächlichkeiten, die ihr einfallen, die sie anders hätten machen sollen, ansonsten scheint sie mit sich zufrieden zu sein.

Den Weg, den sie ging, war belanglos, er war nicht schlecht und auch nicht gut, es war ein Weg, so wie wir ihn alle gehen, ein wenig angepasst, ein wenig eigen. Immer war auch Ablenkung dabei, um seine Belanglosigkeit ertragen zu können. Und Ablenkung gleich welcher Art war ihr auch eine Art von Meditation, um nicht schon vor dem Ende lebensmüde zu werden. Fernsehen war ihr so eine Mediationsmaschine, um sich selbst zu entkommen. Heute sind es Smartphone und „soziale“ Netzwerke. Schauen wir in die öffentlichen Verkehrsmittel, wie die Menschen einander weltweit entrücken. Abgestöpselt fixieren sie sich auf den Bildschirm ihres Wischi-Waschis, blicken nicht mehr auf, sondern bleiben in sich eingekehrt. So werden sie alt und vergehen irgendwann.

Es ist alles so unbedeutend, so gänzlich unbedeutend …

Jetzt hat sie das große Nichts, das Samadhi erreicht, das diskursive Denken ist mit sich selbst erloschen. Glücklich ist sie erkennbar nicht. Falls das Erleuchtung ist, verzichte ich lieber darauf.