Sich selbst entbinden

 

Schrei © Matthias Mala

Klar, es gibt kein Ich, ist doch logisch! Nur die Psyche ist nicht logisch, sondern seltsam. Also ist es da, das Ich, auch beim Erleuchteten – gerade darum, weil es bei ihm logischerweise nicht da sein sollte. Nur, auch der Erleuchtete besitzt eine Psyche, und damit auch seine ureigenen Seltsamkeiten. Doch das spielt alles keine Rolle. Denn eine Psychologie der Erleuchtung wäre, da nicht normativ, ohnehin für die Katz.

Bleiben wir darum auf dem Boden der gesunden Abweichungen und schrägen Konditionierungen. Sie beschweren und kümmern die Psyche. Werden sie jedoch erkannt, verblassen sie im Licht der Erkenntnis. Es kann ein rasanter aber auch ein allmählicher Prozess sein. Das zwingende an diesem Geschehen ist, dass es sich um eine Befreiung handelt. Es fällt etwas bindendes weg, doch es kommt nichts zum Ersatz hinzu. Dies ist das Wesen der Freiheit. Es ist zugleich das Beängstigende an ihr. Etwas stirbt ersatzlos. Es ist eine kleine Begegnung mit dem Tod. Das Gewohnte, mit dem man sich arrangierte, ersatzlos aufzugeben, ist ein Sterben. Aus diesem Grund pflegen so viele lieber ihre kleinen Marotten, als sie infrage zu stellen. Denn sie sind ihnen lieb und Teil ihrer selbst geworden; ohne sie wähnten sie sich weniger als zuvor. – Es bleibt dabei völlig unerheblich, dass dem nicht so wäre, dass Befreiung vielmehr Bereicherung wäre und die entstehende Leere zur Fülle würde. Dagegen beherrscht uns der Unwille, uns nicht selbst befremden zu wollen; denn der Gewandelte ist nicht mehr derselbe.

Soweit so „normal“. Doch was geschieht, wenn eine traumatische Struktur aufbricht (Diagnose: Posttraumatisches Belastungssyndrom PTBS)? Ein Flashback oder ein Trigger werden häufig zum drängenden Signal, sich verdeckter Verletzungen wieder anzunehmen, alte Wunden endlich zu heilen. In diesem Augenblick steht man stets im Zwiespalt, die Wunde wieder zu verkleistern oder sie aktiv zu behandeln. Es ist zugleich ein Moment der Orientierungslosigkeit, denn man erlebt perzeptiv, dass das Ich viel tiefgründiger ist, als es sich selbst erlebte; schließlich negierte es bislang den Schmerz, der es nunmehr erschüttert. Es sind überwiegend unreflektierte Prozesse, die die komplette Seinsvorstellung eines Menschen in Frage stellen. Wegen seiner Wucht wird ein solcher Ablauf häufig als ein exogenes Geschehen erlebt, obgleich es ein endogenes Ereignis ist. Selbst der Trigger ist ein innerer Prozess. Der äußere Impuls bliebe ohne die bestehende innere Struktur wirkungslos.

Die Negation des Ichs, ist hierbei keine Lösung. Manch einer spaltet sein Ich in solchen Krisen sogar vielfältig auf und erledigt die Traumatisierung gewissermaßen durch verschiedene Charaktere auf multiplen Ebenen. Andere verlieren ihr Zentrum, indem es unter der Wucht der traumatischen Implosion restlos zersplitterte und sich ihr Ich fortan frei und vorübergehend um Notwendigkeiten formiert, um sich danach wieder aufzulösen. Doch gleichwohl wie sehr die verletzte Psyche auch dissoziiert, das Ich bleibt erhalten.

Im Grunde ist es nur eine Frage, wie weit ein Ich sich selbst entbindet. Hierdurch entsteht womöglich die Freiheit, die es benötigt, um zu heilen. Ein heiles Ich ist ein offenes Ich, das das Risiko beständiger Wandlung nicht mehr fürchtet. Das keine Angst mehr davor hat, sich zu verlieren, weil es kein Selbst mehr konstruiert, das sich schlichtweg verlieren könnte. Selbstlosigkeit im wahren Sinn des Wortes wäre die heilsame Wahrnehmung. Ein solches Ich würde seine Psyche transzendieren und sich seiner Seele verantworten. Es wäre ein furchtloses Ich.

Dieser Beitrag war meine Antwort auf den Blogbeitrag „Verletzungsmuster“ im Blog „Was mich bewegt“ von Maria-Anne Gallen.

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Lallen und Zungenreden

Zungenreden © Matthias Mala

Zungenreden © Matthias Mala

 

Endlich begann das Wasser zu sinken. Die jährliche Überflutung war diesmal stärker und länger als sonst. Für die Menschen am Fluss war die Flut ein fester Bestandteil der Jahreszeiten und keine Katastrophe. Seit Menschengedenken lebte man mit den jedes Frühjahr wiederkehrenden Wassermassen.

Er stand an den Stufen zu seinem Garten. Große Lachen dunkelsandigen Wassers bedeckten noch Teile der Beete. Es war fruchtbare Erde, die sich da ablagerte. Sobald der Boden fester geworden war, würde er mit dem Anpflanzen beginnen. Die Sonne lugte zwischen zwei Wolken hervor und die Pfützen im Garten glänzten wie schwarze Spiegel, die für den Kundigen das Wissen um die Zukunft in sich bargen. Weiterlesen