Geliebtsein

Liebe © Matthias Mala

Liebe © Matthias Mala

Ein Sandsturm aus der Sahara trug den Wüstensand übers Meer und über die Berge. Hier verschleierte er den Himmel und bedeckte allmählich jeden Grashalm und jedes Blatt mit einer feinen Staubschicht. Die Autobesitzer fuhren ihre vom schöngelben Sand bepuderten Fahrzeuge durch die Waschstraßen. Der über Jahrtausende durch die Wüste wehende Wind hatte die Sandkörnchen so rund geschliffen, dass sie im Zement keine Bindungskraft mehr entfalten. Es war nur Sand, unnützer Sand.

Auch die Liebe weht. Sie weht durch die Welt, durchweht jeden ihrer Winkel und das von Anbeginn an. Liebe ist Schöpfungskraft. Liebe trat in den Raum, noch ehe der Raum Raum war. Liebe war da, noch ehe die Welt war. Indem die Liebe ohne sich zu bewegen in Bewegung geriet, wurde sie sich selbst zum Wind und die Schöpfung nahm ihren Anfang. Weiterlesen

Schmerz und Angst

Schatten des Schmerzes © Matthias Mala

Schatten des Schmerzes © Matthias Mala

Das Viertel, in dem ich wohne, kenne ich seit gut 50 Jahren. Ich erkundete es erstmals als Lehrling bei einem Hotelausstatter, und manche meiner Botengänge führten hier in die Hinterhöfe der Handwerker, manchmal auch in ein Bordell oder eine Spelunke, wohin ich Stapel Kartons mit Sektgläsern tragen musste. Damals war das Viertel noch ein Arbeiterviertel, in dem mehrere Fabriken standen. Es gab auch einige Flüsterkneipen, in die sich kaum einer der vielen Fremden gewagt hätte, die heute hier durch die Straßen ziehen.

Seit etwa dreißig Jahren wohne ich hier. Damals, als ich hierherzog, war es immer noch ein Arbeiterviertel. Jeden Morgen und jeden Abend hörte ich das Stakkato der Schritte der Arbeiter und Angestellten, die in einem langen Zug unter meinem Fenster zu den Fabriken oder nach Hause gingen. Irgendwann wurden die Schritte spärlicher, die Fabriken zogen vor die Stadt. Dafür kauften sich gutverdienende Leute in neue Wohnungen ein, die auf Bombenbrachen und geräumten Fabrikgeländen entstanden. Mit ihnen wurden allmählich auch die Schritte vor meinem Fenster wieder mehr. Ich höre sie jetzt spät abends bis tief in die Nacht. Es sind die Schritte der Nachtschwärmer, denn das Viertel ist jetzt ein Ausgehviertel und eine angesagte Wohnlage in der Stadt geworden. Die alten Bewohner sterben indessen langsam weg, ziehen ob der steigenden Mieten fort oder wechseln in Altenheime oder folgen ihren Kindern weit vor die Stadt. Weiterlesen