Offen für Führung

Führung © Matthias Mala

Führung © Matthias Mala

Wir gingen ans Ende der Halbinsel. Vor uns ragte die Bergflanke gen Himmel. Sie war durch die Baumkronen hindurch gut zu sehen. Wir begannen mit dem Aufstieg durch den Wald. Hin und wieder blitzte durch eine Schonung der See in der Herbstsonne zu uns herauf. Dann öffnete sich der Wald und wir stiegen weiter über blühende Matten den steilen Hang hinauf. Die Wiese wurde allmählich karger und die Grasbüschel kleiner. Dann kam die Felswand, die es zu queren galt. Wir rasteten. Blickten auf den See tief unter uns. Man saß sicher, trotzdem zog die Tiefe. Das leichte Kribbeln in den Füßen nahm allmählich ab. Wir lehnten uns zurück, lagen ausgestreckt im mageren Gras mit den spärlichen Blumen. Die milde Sonne wärmte uns. Unter uns das Tal mit dem See. Über uns griff der Berg nach den wenigen Wolken, die langsam gen Osten zogen. Sein Gipfel war nicht zu sehen. –  Es war still um uns und sehr weit.

Nach einer Weile machten wir uns auf, den schmalen Pfad, der über eine Abbruchkante an der Felswand entlang führte, zu passieren. Die von der Sonne erhitzte Wand empfing uns mit ihrem warmen Hauch aus Herbst und Stein, ein Duft, der an ein bergbäuerliches Brotbackhäusel erinnerte. Ein im Fels verankertes Drahtseil gab zur Linken hin Halt. Zur rechten schob sich tief unten am Fuß der Wand ein Geröllfeld zum Waldrand hin. Es war kein gefährlicher Steig, dennoch musste man achtsam schreiten, denn ein Fehltritt hätte auch hier zum Absturz führen können. Wir passierten die Wand ohne Zwischenfall. Mittendrinn, als wir aus luftiger Höhe wie aus einem Adlerhorst über das Tal blickten, strichen zwei Dohlen nahe an uns vorbei. – Für einen Augenblick empfanden wir uns als Eindringlinge in eine heile Welt. Weiterlesen

Vor der Schwarzen Madonna in Altötting

Schwarze Madonna in Altötting

Schwarze Madonna in Altötting © Karl Kraft – Mainz


Unzählige Sonnen scheinen auf, pulsierenden Raum füllt goldenes Licht, in seiner Mitte zwei dunkle Gesichter, Kraft durchströmt den Körper, öffnet sich über dem Kopf zu einem strahlenden Lotos, Gedanken verwehen, Leere wird zur Fülle, nichts ist zu halten, zu deuten, zu denken. Allein Dasein ist.

Vor der Schwarzen Madonna in Altötting. Eigentlich eine Fahrt für den Spötter in mir, der sich über den Kult und den Devotionalienhandel erheitern und erheben möchte. Eine Pilgergruppe vor der Gnadenkapelle gibt Anlass, sie singen ihre Marienlieder herrlich schräg, doch ihre offensichtliche Glaubenskraft macht jeden Spott billig.

Später kniend an der Altarschranke, einfach das Gebet suchend, nicht an ihn, nicht an sie, sondern die eigene Not und Sorge als Lösung formulierend, weder sprechend, noch in flüsternden Gedanken, sondern sehend, in den goldenen Herzschlag hineinfließend, aus mir zum Unermesslichen. Fühlendes Sein, verebbende Not, flutende Gnade. Angenommensein, das Gefühl, das mir in letzter Zeit so fehlte. Nur die Dunkelheit meiner dünkelhaften Einsamkeit, meines Anspruches nach spürbarer himmlischer Präsenz in meinem Lichtkleid, nach sichtbarer Führung, beherrschte und umnachtete mich.

Kniend vor der Schwarzen Madonna, Freude über die Sensation, über das Gefühl transzendenter Berührung, spürend wie der Dünkel wieder erwacht, ihn erkennend und die Woge in sich selbst brechend. Wieder ruhige See; die Seele zerrinnt, fließt ein, strömt über. Hingabe ist die Handlung. Hingabe um nichts, auch nicht für Gnade, kein Schachern mehr, nur Wahrnehmung, die eigene Unerheblichkeit angesichts unendlich waltender Stille. Hingabe zur Einkehr, ja Heimkehr. Das Licht in meinem Herzen tragen; nein, das Herz öffnen, damit geschieht, was geschehen mag. Nur Gefäß sein, das von der Fülle durchweht wird, niemals voll und niemals leer in zeitloser Bewegung.

Die goldenen Lichter werden wieder zu silbergeschmiedeten Engeln, die Madonna mit dem Jesuskind zu zwei naiven Puppen – alles zusammen ein unübersichtlicher Kapellenkitsch. Ich erhebe mich von der Altarschranke, flüstere meinen Begleitern zu, macht es auch, es ist irre. – Was bleibt wenige Tage danach, von Mal zu Mal tiefe Sehnsucht, die in wiederkehrender Berührung Erfüllung findet.