Wintersonnenwende

Wintersonnenwende © Matthias Mala

Wintersonnenwende © Matthias Mala

Als ich um die Ecke biegend in meine Straße schwenkte, blendete mich kupfergoldenes Licht. Ich blinzelte in den orangenen Sonnenball, sah wie silberhelle Fäden durch den Abenddunst auf die Sonne wiesen, als wollten sie mir den Weg durch das goldene Tor flankieren. Ja, mit jedem Schritt, den ich in meine Gasse hineinging, war es mir, als wollte mich die Sonne erheben und mit ihrer milden Wärme umschließen. In mir regte sich ein Gefühl, als wäre ich am Ziel, einem Ziel, das ich nie suchte, geschweige denn je verfolgt hätte. Es war ein himmlisches Gefühl von Heimat. Vielleicht war es das Gefühl, das ich einst als vierjähriger Bub erheischen wollte, als ich an einem Sommerabend nahe unserem Haus über die Heide auf die untergehende Sonne zulief, die zum greifen nahe dem Horizont entgegenrollte. Je näher sie der Himmelslinie rückte, desto schneller lief ich, denn sie schien sich gleichzeitig auch mir immer weiter zu nähern. Nur noch wenige Wiesenflecken überwinden, dann hätte ich sie erreicht. Doch mit jedem Schritt entfernte sich die Sonne wieder, bewahrte ihre nähernde Distanz. Dann berührte sie den Horizont und ich sank atemlos ins Gras. Sie war unerreichbar und doch so nah. Wie gerne hätte ich sie eingefangen, hätte sie berührt, mich an ihrem Glanz erfreut. Nun aber versank sie hinter der Heide. Schmollend wandte ich mich ab. Doch das nächste Mal, ganz gewiss, würde ich sie erwischen. – Ich kann mich allerdings an keinen weiteren Versuch erinnern, die Sonne einzufangen.

Doch jetzt lockte sie mich, als erinnere sie sich, an den kleinen Jungen, der ich einmal war, und als wollte sie sich, für ihre damalige Flucht um Verzeihung heischend, mit mir vermählen. Ich lächelte darüber und sah dabei in die lächelnden Gesichter der Menschen auf der Straße. Wir waren allesamt verzaubert, vereint an diesem späten Herbsttag, der trotz seiner Frische noch Wärme versprach. In einer Woche würden wir wieder grüne Weihnachten haben. Weiterlesen

Stille Kommunikation

Stille Kommunikation © Matthias Mala

Stille Kommunikation © Matthias Mala

Noch vor gar nicht so langer Zeit lebten drei Äbte, die man die drei Meister nannte. Ein jeder stand einem altehrwürdigen Kloster vor und lehrte dort Mönchen wie Laien. Sie waren hochgeschätzt, und viele Menschen kamen zu ihren Vorlesungen. Doch der weltliche Trubel ließ ihnen nur noch wenig Beschaulichkeit und zehrte an ihrer Spiritualität. Also berieten sie sich miteinander und beschlossen, fortan in Klausur zu leben. Zu diesem Zweck zogen sie sich in die Einsamkeit der Berge zurück.

Ein jeder bezog eine Einsiedelei auf einem eigenen Berg in Gipfelnähe. Dort meditierten sie und rückten so allmählich der Glückseligkeit wieder Stück um Stück näher. Man sprach deswegen von den drei Bergen auch vom Meistergebirge. Einmal im Jahr zur Sommersonnenwende stiegen die drei Meister von ihren Gipfeln herab und trafen sich im Tal, es hieß darob auch das Tal der Meister. Zahlreiche Menschen pilgerten zur selben Zeit herbei, um die Treffen zu beobachten, denn die Meister erörterten dabei hochgeistliche Themen. Sie sprachen über Gott und die Welt und wie das Leid der Menschen gemildert werden könnte. Weiterlesen