Einsam sein

Einsam © Matthias Mala

Einsam © Matthias Mala

Sein Glauben war unerschütterlich. Er betete jeden Tag die Horen, und auch seine Arbeit verstand er als stete Zwiesprache mit Gott. Er war ein eifriger Mönch und seinen Ordensbrüdern ein Vorbild. Dennoch empfand er sich von Gott verlassen, denn sein Glaube schien ihm nur ein wie unerfülltes Sehnen. Es war ihm daher, als wäre sein Herz unheilbar verschattet. Also beschloss er eines Tages, seine Aszese zu verstärken und sich in eine Rekluse zu begeben.

Seine Ordensbrüder rieten ihm eindringlich davon ab, derlei selbstgewählte Isolation sei nicht mehr zeitgemäß, ja sie habe etwas unbarmherziges an sich. Womit sie zum Teil auch richtig lagen, denn sein Wunsch, sich in einer dämmrigen Zelle einmauern zu lassen, entsprang nur seinem düsteren Herzensgrund. Dennoch, er setzte seinen Willen durch, und wurde zur Weihnachtsnacht eingemauert. Nach einem Jahr wollte er, mit glühendem Herzen und dem in der Einsamkeit gefundenen Christus in sich, die dunkle Kammer wieder verlassen. Weiterlesen

Wissen

Wissen © Matthias Mala

Wissen © Matthias Mala

Dass er weiß, dass er nichts weiß, zählte zu seinen Standardsätzen. Doch dafür wusste der Swami recht viel. So kannte er zum Beispiel die Abläufe der Reinkarnation; sah auf den ersten Blick, wer welchen spirituellen Grad erreicht hatte; war bewandert in allen Graden der Erleuchtung und vertraut mit den Weisen von Akasha, mit denen er sich im Geiste regelmäßig beriet. Er sprach viel zu seinen Adepten über all das, von dem er vorgeblich nichts wusste. Man lauschte ihm ehrfürchtig, auch wenn sich seine Botschaften nur wenig von dem unterschieden, was seit hundert und mehr Jahren von fernöstlichen Gurus zu uns getragen wurde. Ja, gerade weil sich seine Rede von deren kaum unterschied, waren seine Adepten davon überzeugt, dass er von den Meistern direkt inspiriert wurde.

Aus der steten Beschäftigung mit seinem Glauben entsteht häufig Glaubensgewissheit; dabei handelt es sich um eine Glaubensüberzeugung, die einem Wissen um das Geglaubte gleichkommt. Hierdurch wird der Glauben zur Wahrheit. Das Geglaubte wird für den Gläubigen objektiv und ist ihm fortan eine wahrnehmbare Größe in der Welt. Weiterlesen