Unterbrechen

Unterbrechung © M. Mala

Wer seinen Weg geht, trifft auf Gabelungen, die eine Entscheidung fordern, in welche Richtung man weiter schreiten möchte. Wobei meist der Gedanke einer besseren Wahl ausmacht, in welche Richtung es geht. Als wenn es immer nur vorwärts, höher und vollkommener ginge? Mit derlei Annahmen setzt man sich nur selbst unter Druck, mit sich selbst in Wettstreit zu treten und sich und sein Leben zu optimieren. Wobei sich hierbei verschiedene Wesenszüge offenbaren, auch wenn es beim Ringen mit sich selbst nur selten unerwartete Entscheidungen gibt; es widerstreiten lediglich in der einen Person verschiedene Persönlichkeitsanteile und Selbstbilder. Eigentlich ein günstiger Augenblick, um sich selbst besser kennenzulernen. Doch dazu müsste man verharren, sich ein wenig Zeit nehmen, um mit sich selbst ins Gespräch zu treten. Ein Geschehen freilich, vor dem viele ein Leben lang davonlaufen; weshalb sie so gerne vom Weg als Ziel sprechen, als wäre, sich selbst zu enteilen, bereits ein Ziel.

Hinzukommt, dass selbst, wenn derlei Selbstbetrachtung glückt, es fraglich ist, ob auch der richtige Betrachter in einem den Blick auf die eigene Konstellation wirft. Schließlich besteht jeder Mensch mit seiner Persönlichkeit aus einem Konglomerat aus Widersprüchen, Unwissenheit, Meinungen und Perspektiven; dazu obendrein noch jede Art an Gusto, Lüsten, Moral und Moralinsaurem, das in seiner Mischung kaum einen vernünftigen, geschweige denn originären Gedanken zulässt. Die Person ist so gepackt und in sich verflochten, dass sie im Grunde keinen klaren Blick auf sich selbst zulässt. Einziger Ausweg aus diesem Dilemma bleibt, zu verharren. Keinen Schritt weiter, keinen zurück und auch nicht sich selbst zum Schiedsrichter seiner selbst erhöhen. Denn diese personale Annahme, mit der man sein halbes Leben gut bestritten hatte, ist die eigene Person, das Selbst und nichts anderes. Wir sind die Scharade unseres Selbst und lassen die Figuren spielen, indem wir uns gar einbilden, sie selbst zu sein. Und verflixt nochmal, es stimmt, wir sind es, das Bündel da an irgendeiner Weggabelung, sind wir selbst, unser Selbst, eine selbstverständliche Scharade.

Erfassen wir das in seiner Gesamtheit als unveränderliche Einheit, verliert sich die Weggabelung und mit ihr auch der Weg; denn durch die Gesamtschau entfällt die Notwendigkeit, sich zu entscheiden. Wir finden uns wieder – allein in einer Lebenslandschaft, die uns ausmacht und in der wir aus jedem Winkel zu erkennen sind, so wie wir uns wiederum in jedem ihrer Winkel selbst erkennen. Wir sind sowohl der Mittelpunkt des Universums als auch dieses unser Universum zugleich. Wir müssen nirgendwo hin, sondern sind da im Hier und Jetzt. Erlauben wir uns diese unverschämte, weil unverstellte Sicht, unterbrechen wir den üblichen Lauf der Dinge. Wir steigen aus dem Fluss, um in ihm zu bleiben. So lassen wir Wandlung zu. Nicht eine ausgedachte oder angenommene, sondern eine, die sich aus sich selbst und ihrem eigenen Impetus, nämlich der unbefangenen Erfassung seiner selbst, geschieht. Es ist eine Bewegung, die uns bewegt, sofern wir sie zulassen … können. Doch lassen Sie sie zu, werden Sie erfassen, dass es nicht Ihre Bewegung ist. Bitte bleiben Sie dabei bescheiden und eignen Sie sie sich nicht an, Sie würden sie andernfalls nur verlieren.

Nun denn, unterbrechen wir hier …