Erinnerungen

Erinnern © Matthias Mala

Erinnern © Matthias Mala

 

  Die Klangschale wurde angeschlagen. Ihr schwingender Ton hob sie aus ihrer Versenkung. Diesmal war die Meditation besonders tief und von keinem Gedanken getrübt gewesen. Als sie sich ihrer selbst wieder bewusst wurde, sah sie sich als kleines Mädchen durch den heimischen Garten laufen, sah wie sie über den Zaun stieg und sich am nahen Weiher niederließ und Enten fütterte. Es war ein so glücklicher Moment, der für sie so viel Bedeutung mit sich trug, dass sie beschloss, alsbald diese Stätte ihrer Kindheit wieder aufzusuchen, um an ihr zu meditieren.

Einige Wochen später reiste sie mit ihrem Mann dorthin, denn sie wollte ihm zeigen, wo sie ihre ersten Lebensjahre verbracht hatte. Als sie mit ihm in ihrem alten Viertel auf Kindespfaden spazierte, umfasste sie eine seltsame Befremdung. Einerseits erkannte sie einiges wieder, anderseits war ihr vieles fremd, und auch das, was sie wiedererkannte, erschien ihr unwirklich, weil nicht mehr vertraut. Ja, so manches zeigte sich gar ganz anders, als sie es erinnert hatte. Ihr Besuch am Ort ihrer Kindheit besaß etwas traumhaftes und zugleich verwirrendes. Sie sah sich in Situationen, die sie glasklar im Gedächtnis hatte und die nun, da sie wieder am Ort war, sich als unmöglich herausstellten, denn in ihrer Erinnerung rückten Plätze zusammen, die weit auseinanderlagen. Auch der Weiher lag nicht hinterm Gartenzaun, sondern ein paar Straßen weiter. Ja, ihre Reise in die Vergangenheit war für sie letztlich eine Enttäuschung, denn was sich in ihrer Erinnerung so anmutig zusammengefügt hatte, entpuppte sich als ein schlichtes Viertel, dem sie lieber den Rücken kehrte, anstatt in seiner Mitte zu meditieren. Weiterlesen

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Resilienz

Resilienz © Matthias Mala

Resilienz © Matthias Mala

Das Elend interessiert niemanden. Das Glück und Unglück der Reichen regt dagegen jedermanns Interesse. Weswegen sich auch eine Zeitschrift wie Gala prima verkauft, während die Obdachlosenzeitungen eine Randerscheinung im Blätterwald sind. Häufig werden sie nur deswegen gekauft, um dem noch im Elend verwurzelten Verkäufer einen Obolus zukommen zu lassen. Diese Verkäufer sind Menschen, die wahrlich nicht mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurden, die es aber dennoch wagen, ihrem Abgrund zu entkommen und eine bescheidene bürgerliche Existenz zu beginnen. Die Hindernisse auf ihrem Weg sind groß, manche schaffen es, viele stürzen wieder ab und verschwinden im Elend.

Es gibt viele Berufe, die mit dem Elend konfrontiert sind. Polizisten, Sozialarbeiter, Priester, Psychologen. Es sind ganz unterschiedliche Ausformungen von Elend, denen sie begegnen; doch fast immer handelt es sich um Gewalt und Gemeinheit, die Menschen anderen Menschen an Leib und Seele antaten. Das Elend auf dieser Welt ist fast immer von Menschen gemacht. Selbst Katastrophen wie beispielsweise die Erdbebenfolgen in Haiti vom 12. Januar 2010 sind Menschenwerk. Denn wäre der Staat dort nicht so durch und durch korrupt, hätte man Häuser gebaut, die einem Erdbeben standhielten. Ein vergleichbar kräftiges Erdbeben erschütterte am 4. September des gleichen Jahres Christchurch in Neuseeland, die Schäden waren auch dort groß, aber die Erdbebenfolgen keine Katastrophe. Weiterlesen