Mouches volantes

Mouches volantes © Matthias Mala

Mouches volantes © Matthias Mala

Viele Jahre schon legen wir uns zum Baden stets an dieselbe Lichtung am See. Es ist ein lauschiges Plätzchen, etwas abgesondert von den weitläufigen Liegewiesen rundherum. Ich mag es, auf dem Rücken liegend in den Himmel zu schauen und den Schwalben und Mauerseglern beim Tanzen und Gleiten zuzusehen. In den letzten Jahren wurden es immer weniger Vögel; dieses Jahr sind es nur noch vereinzelte, die ab und an im Himmel kreuzen. Dafür sehe ich nun die Mouches volantes deutlicher. Es sind feine Verklumpungen im Glaskörper des Auges, die einem tanzende Punkte, Figuren und Schleier im Himmel oder vor hellen Flächen sehen lassen. Schließe ich abwechselnd die Augen, veränderte sich dieser trügerische Tanz.

Jahr um Jahr waren es auch weniger Insekten, die uns auf unserer Wiese umschwirrten. Kaum noch Mücken, Fliegen oder Bremsen. In den letzten Jahren sah ich überhaupt keine Bremse mehr, deren Stiche ich besonders unangenehm empfand. Auch Bienen, Spinnen, Ameisen und Käfer sind rar geworden. Selbst die Wespen, die dieses Jahr angeblich eine Plage sein sollen, sind erheblich weniger geworden. Weiterlesen

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Geliebtsein

Liebe © Matthias Mala

Liebe © Matthias Mala

Ein Sandsturm aus der Sahara trug den Wüstensand übers Meer und über die Berge. Hier verschleierte er den Himmel und bedeckte allmählich jeden Grashalm und jedes Blatt mit einer feinen Staubschicht. Die Autobesitzer fuhren ihre vom schöngelben Sand bepuderten Fahrzeuge durch die Waschstraßen. Der über Jahrtausende durch die Wüste wehende Wind hatte die Sandkörnchen so rund geschliffen, dass sie im Zement keine Bindungskraft mehr entfalten. Es war nur Sand, unnützer Sand.

Auch die Liebe weht. Sie weht durch die Welt, durchweht jeden ihrer Winkel und das von Anbeginn an. Liebe ist Schöpfungskraft. Liebe trat in den Raum, noch ehe der Raum Raum war. Liebe war da, noch ehe die Welt war. Indem die Liebe ohne sich zu bewegen in Bewegung geriet, wurde sie sich selbst zum Wind und die Schöpfung nahm ihren Anfang. Weiterlesen

Zeichen setzen

Cabame © Matthias Mala

Cabame © Matthias Mala

 Am Vorabend zu Heilig Drei König hatte er die Cabame von der Haustüre gewischt und ein Stück Kreide zur Weihe in Salz gelegt. Cabame heißt das Zeichen der Sternsinger. Doch bei ihm kommen schon lange keine Sternsinger mehr vorbei. Er gilt dem Pfarrer als Heide, weil er so ganz eigene Vorstellungen von Gott und der Welt hat. Am Dreikönigsmorgen ging er räuchernd durch sein Haus und räucherte in allen Räumen die Ecken aus, um die Geister und schlechten Stimmungen, die sich dort übers Jahr eingenistet haben mögen, zu vertreiben. Schließlich ließ er frische Luft über die Haustüre herein und zeichnete die Cabame für dieses Jahr auf das Türblatt. Er räucherte davor, machte Kreuzzeichen und sprach ein Gebet. Dann ging er singend mit der Weihrauchampel erneut durch alle Räume und räucherte sie aus. Schließlich öffnete er die Fenster und frische Winterluft durchflutete das ganze Haus. Wohlgefühl und Frieden umstimmten ihn. Es war ein guter Morgen. Es war ein guter Anfang. Weiterlesen

Offen für Führung

Führung © Matthias Mala

Führung © Matthias Mala

Wir gingen ans Ende der Halbinsel. Vor uns ragte die Bergflanke gen Himmel. Sie war durch die Baumkronen hindurch gut zu sehen. Wir begannen mit dem Aufstieg durch den Wald. Hin und wieder blitzte durch eine Schonung der See in der Herbstsonne zu uns herauf. Dann öffnete sich der Wald und wir stiegen weiter über blühende Matten den steilen Hang hinauf. Die Wiese wurde allmählich karger und die Grasbüschel kleiner. Dann kam die Felswand, die es zu queren galt. Wir rasteten. Blickten auf den See tief unter uns. Man saß sicher, trotzdem zog die Tiefe. Das leichte Kribbeln in den Füßen nahm allmählich ab. Wir lehnten uns zurück, lagen ausgestreckt im mageren Gras mit den spärlichen Blumen. Die milde Sonne wärmte uns. Unter uns das Tal mit dem See. Über uns griff der Berg nach den wenigen Wolken, die langsam gen Osten zogen. Sein Gipfel war nicht zu sehen. –  Es war still um uns und sehr weit.

Nach einer Weile machten wir uns auf, den schmalen Pfad, der über eine Abbruchkante an der Felswand entlang führte, zu passieren. Die von der Sonne erhitzte Wand empfing uns mit ihrem warmen Hauch aus Herbst und Stein, ein Duft, der an ein bergbäuerliches Brotbackhäusel erinnerte. Ein im Fels verankertes Drahtseil gab zur Linken hin Halt. Zur rechten schob sich tief unten am Fuß der Wand ein Geröllfeld zum Waldrand hin. Es war kein gefährlicher Steig, dennoch musste man achtsam schreiten, denn ein Fehltritt hätte auch hier zum Absturz führen können. Wir passierten die Wand ohne Zwischenfall. Mittendrinn, als wir aus luftiger Höhe wie aus einem Adlerhorst über das Tal blickten, strichen zwei Dohlen nahe an uns vorbei. – Für einen Augenblick empfanden wir uns als Eindringlinge in eine heile Welt. Weiterlesen