Das Christentum stirbt

Engel_Chiemsee

Engel überm Chiemsee © Matthias Mala

„Das Christentum stirbt, doch der wahre Christus überlebt.“ Die Nonne, die wir seit Jahrzehnten in ihrem Konvent besuchen, sagte nicht der wahre Christ, sondern Christus. Inzwischen ist sie recht hinfällig, und jedes Gespräch mit ihr kann das letzte sein. Sie ist im wahren Sinne eine Grenzgängerin, die weiß, was Überleben bedeutet, schließlich hatte sie als Schulmädchen nach dem Krieg Lebensmittel geschmuggelt. Dazu gehört Verschwiegenheit wie Offenheit, man muss nur wissen, wo das eine und wo das andere angebracht ist.

Der Niedergang des Christentums ist offensichtlich, das Kloster, in dem sie seit über 50 Jahren lebt, hat sich geleert. Heute ist es Dienstleister für spirituelle Seminare und Exerzitien. Wobei die Seminare, die von externen Kursleitern angeboten werden, allesamt zur altbekannten esoterischen Beliebigkeit hinzuzurechnen sind, die sich inzwischen zwecks Steigerung ihres Marktwertes mit dem Begriff Spiritualität schmückt. Und so ist auch das Kloster Teil am Niedergang des Christentums, das zunehmend seinen Glauben verliert und seine Erkenntnis vergisst. Der Anfangs zitierte Satz der Nonne wirkte auf uns wie ein Vermächtnis und eine Weisung. Denn zuvor sprachen wir über die zunehmende Einsamkeit der Vernünftigen, die im Logos nicht nur die Ratio erkennen, sondern hinter dessen denkbarer Begrenzung noch eine lebendige Kraft als Dynamis erahnen, die tiefe Erkenntnis begleitet, sobald der Nachdenkliche zu stammeln beginnt. Weiterlesen

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