Zeitfinder

Zeitlassen © Matthias Mala

Zeitlassen © Matthias Mala

Früher war alles besser! Wir kennen diese Klage, seit es eine erinnerte menschliche Vergangenheit gibt. Doch was nützt die Klage. Die guten alten Zeiten sind weg, verloren, nicht mehr auffindbar. Die Zeit ist eine andere geworden, und sie wird altern und dabei zu einer besseren werden.

Zeit schwindet, sobald man sie beobachtet, und sie verliert sich völlig, wenn man sie festhalten möchte. Zeit ist Bewegung. Was sich nicht bewegt ist zeitlos, und was zeitlos ist, ist tot – oder Ewigkeit. Doch selbst der unbewegte Beweger, der aristotelische Ursprung der Welt, bewegt sich in seiner Unbewegtheit. Weiterlesen

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Alltag

Alltag © Matthias Mala

Alltag © Matthias Mala

Wenige Tage zuvor, als wir über den alten Friedhof gingen, prägte der späte Winter noch die Wiesen. Schneeglöckchen formten weißgrüne Flecken im stumpfen Gras. Jetzt beim nächsten Spaziergang waren die Wiesen von einem violetten Blütenteppich überzogen. Abertausende von wilden Krokussen hatten ihre zarten Blüten geöffnet. Es war ein traumhaftes Wogen frühlingsfrischen Flaums, in dem die Schneeglöckchen wie Inseln wirkten. Man konnte sich kaum sattsehen an dieser Fülle, die sich wie jedes Frühjahr, zwar diesmal recht früh, wiederholte und die Menschen, die sie betrachteten, lächeln ließ. So verharrten wir immer wieder, um uns von der Schönheit des Anblicks noch intensiver berühren zu lassen, die der eine oder andere Durchblick bot. – Es war eine schöne Weile. Alltag im Lenz. Weiterlesen

Zen und die Lust, ein Rasiermesser zu führen

Messerrasur © Matthias Mala

Messerrasur © Matthias Mala

Blitzender Schmerz. Die Hand mit dem Messer schnellt zurück. Du blickst in den Spiegel, auf den weißen Schaum, nichts ist zu sehen. Ein, zwei Wimpernschläge später, nur so lang wie der Donner dem Blitz nacheilt, färbt ein hellroter Strich die schaumigen Flocken. Du setzt das Messer wieder an, grollst mit dir ob deiner Unachtsamkeit, führst die Klinge nun schräg zum Schnitt, um die Haut nicht weiter zu öffnen und doch die gewohnte Glätte in dein Gesicht zu schleifen.

Nachdem du dir die Schaumreste von den Wangen gewaschen hast, wirst du genüsslich über dein Gesicht streichen und einmal mehr jugendfrischen Samt ertasten. Eine selbstverliebte Berührung widerborstenfreier Haut. Dann aber wird sich der haarfeine Faden der Fissur wieder zeigen, hellrot, blutfrisch. Du wirst darüber wischen, doch das Blut wird weiter in einer dünnen Linie aus deiner Wange perlen. Der Schnitt wird dunkeln und du wirst den Makel wie die Narbe aus einer Mensur durch den Tag tragen. Morgen wird die Linie verblasst sein, zu fein ist die Fissur, als dass sie eine Nacht überdauert. Dafür werden die Frauen, die dir heute auf die Wange blicken, an deine Katze denken, die dich beim Schmusen kratzte. Weiterlesen