Zurück in die Stille

Herbstkranz von Ruth Mala

Die Welt ist laut … geworden. – Nein, unsere Welt ist laut geworden. Die Welt selbst ist leise, nicht still. Oder ist sie doch mehr still als leise?

Auch hier kommt es auf den Blickwinkel an. Aus einer spirituellen Sicht ist die Welt immer still. Sozusagen hinter dem Hintergrundrauschen herrscht Stille. Himmlische Stille. Göttliche Stille. Es ist schlicht das Ende aller Wahrnehmung. Hinter dem Wahrnehmungshorizont ist nicht mal nichts. – Mithin kein Grund, um sich weiter Gedanken darüber zu machen.

Bleiben wir also in irdischer Sphäre. Einerseits sehnen sich viele nach der Stille, andererseits fürchten sie sie vielfach auch. Darum entwickeln wir Menschen Konzepte, wie wir zur Ruhe kommen und es still um uns werden könnte. Gleichzeitig tun wir alles, um diesem Moment auszuweichen. Jede Ablenkung ist uns recht, sei es aus unserer Mitte heraus oder von außen. Dabei suchen die meisten Menschen nicht wahre Stille, sondern hegen nur eine faszinierende Idee von ihr. Diese Idee ist so schön, ein solch stimmungsvoller Einfall, dass sie ihn gar mit der Stille verwechseln. Geschwind vermag er die Illusion von wehender Stille bewirken. Gleich einer Gardine bläht sie sich, schwingt durch unser Gemüt und säuselt davon.

Ja, für einen Moment wähnen wir es so still, dass wir gar nicht bemerken, dass es gar nicht still wurde, weder in uns noch um uns. Gleichwohl merken wir, sobald wir den Zauber wieder verlieren, dass wir uns in einer lauten Welt verlieren, die wir bei derlei Gelegenheit gerne als uns fremd betrachten. Sie wirkt dann auf uns disharmonisch, schrill und kakophon. Schon wollen wir sie in solchen Augenblicken korrigieren, ihre schrägen Umstände verschieben, unsere Wahrheit einbringen, um so vom Umstand her das Inständige zu heilen. Freilich, gäben wir diesem Drängen nach, würden wir unsere Illusion nur um eine weitere verschleiern.

Darum: Es ist nicht still. Das ist der Fakt, dem wir ausweichen, weil unsere Illusion von Stille uns eine angenehmere Weile verspricht. Erkennen wir das, können wir unser Desaster annehmen, oder es wehrhaft verwischen – so wie wir es bislang taten. Nehmen wir es jedoch an, vermag es inmitten der kakophonen Wirklichkeit still zu werden. Denn die wahre Stille ist stets um und in uns. Wir können sie einladen, sobald wir den Mut haben, zu erkennen, dass wir es nicht können. In diesem Moment erhellter Vergeblichkeit, vermögen wir gelegentlich für eine Weile aufzugeben und alles Streben leise lassen und leiser Teil der Stille zu sein; geschieht es, sind wir für den Moment begnadet.

Fuji

Erstarrte Woge
Von Himmel und Schnee bekrönt
Tosende Stille.

Ohrenbetäubende, brüllende oder hier in meinem Haiku „tosende Stille“ ist eine Metapher für verschiedene Momente, wie man Stille erleben kann. Insbesondere aus spiritueller Sicht wird Stille als ein außerordentlicher Zustand der Erweckung glorifiziert. Nun, ich schließe mich dem selbstverständlich nicht an; denn ich halte gerade diese Art der spirituellen Disziplinierung für Geschwätz – für geschwätzige Stille. Sie stellt eine eigene Form spirituellen Masochismus dar, in die man sich versetzt, um besonders zu werden: Ein Erwachter, Erleuchteter oder einfach nur „woke“ oder genauer gesagt eitel und anderen überlegen. Da ist nichts still, weder außen noch innen.

Stille ist nicht Geräuschlosigkeit, auch auf dem Fuji herrscht keine Stille; nicht mal zur Mitternacht, wenn keine Touristen um den Kraterrand grabbeln. Stille ist ein Raum, in dem man sich findet, um sich zu verlieren und als ein anderer wiederzufinden. Stille ist Einkehr. Hierbei kann eine ruhige Umgebung hilfreich sein; muss es aber nicht. Manchmal ist es auch mitten in der Stadt still. Nicht die Stadt wird dann still, sondern das eigene Gemüt. Mitten im Trubel öffnet sich der Raum innerer Stille. Man wird mit sich allein, ist eingekehrt und verharrt in Ruhe. Schon öffnet sich ein weiter stiller Raum und wir empfinden Transzendenz, ohne sie uns vorzustellen. Derlei Stille steht nicht still; sie wogt und weht. Sie ist Bewegung. Sie kann heilig sein, sofern uns dabei die Ewigkeit berührt.

Weihnachtsansprache

Art trouvé African von Ruth Mala © Matthias Mala

Art trouvé African von Ruth Mala © Matthias Mala

Weihnachtsansprache vom Bundesgaukler, Silvesteransprache von der Pfarrerstochter, Neujahrsansprache vom Oberpoppen … Niemand hört zu, niemand spricht darüber, nur mediale Oberfurzer kommentieren das Verblasene und Nichtgehörte.

Was bilden sich die Lackaffen denn nur ein, wie wichtig und bedeutend sie wären, auf dass ihre schmalen, von keinem Fettauge beschimmerten Gedanken … Gedanken? Das sind keine Gedanken, das sind Phrasen, Plattitüden, Gemeinplätze, verwortetes Styropor … Also, bilden die sich tatsächlich ein, wir haben ein Jahr lang unser Maul gehalten, um dann aus ihrem Mund noch einmal im Feiertagstempre zu hören, was man uns schon übers Jahr vorgekaut hatte? Weiterlesen

Der blinde Fleck

Objet trouvé von Ruth Mala © Matthias Mala

Objet trouvé von Ruth Mala © Matthias Mala

Jeder Mensch besitzt natürlicherweise einen Punkt, den sein Auge nicht sieht. Er wird blinder Fleck genannt. Er ist notwendig für die Sehfähigkeit des Auges, denn es ist der Sehnerv selbst, der die Sicht ein wenig verblindet. Das spezielle des blinden Fleckes ist, dass wir ihn nicht erkennen, sondern das fehlende Sichtfeld einfach ergänzen. Unser Hirn täuscht uns dazu eine optische Wahrnehmung vor, wo keine ist.

Soweit so gut. Wir sehen trotz physiologisch beschränkter Wahrnehmung ausreichend genau und sind deswegen in unserem Alltag nicht behindert. Ja, bis ins 17. Jahrhundert hinein wusste die Menschheit nicht einmal, dass jeder Mensch einen blinden Fleck mit sich herumträgt. Seitdem aber ist er eine beliebte Metapher für die beschränkte Sicht auf die Dinge und die Welt, der jeder Einzelne grundsätzlich ausgesetzt ist, da wir uns so oder so buchstäblich auch mit Scheuklappen durch die Welt bewegen. Weiterlesen

Gleichklang

Gleichklang © Matthias Mala

Gleichklang © Matthias Mala

Noch ehe sie überhaupt voneinander wussten, harmonierten sie bereits miteinander, indem sie gleich zwei Sternen in einem Doppelsternsystem um einen gemeinsamen Schwerpunkt kreisten. Mit ihrem Kennenlernen entdeckten sie ihre mannigfachen Gemeinsamkeiten und bemerkten die zahlreichen Gelegenheiten, wo sie einander schon hätten begegnen können. Auch nach dem ersten Kennenlernen erlebten sie oft Momente, als wären sie sich schon einmal ‑ wenn nicht in diesem, dann in einem anderen Leben zuvor ‑ begegnet. Rückblickend erschien es ihnen, als hätten sie sich schon immer gesucht und schließlich, nach vielem auf und ab und überwundenen Hindernissen, endlich ihre Bestimmung gefunden. – Ja, es war schon Liebe vor dem ersten Blick, die ihre Sehnsucht zueinander lenkte. Und ähnlich wie zwei Sterne, die um ihre gemeinsame Mitte kreisten, war auch ihre Beziehung aufeinander bezogen und keineswegs frei von Spannung. Ihre von außen gesehene Harmonie, die ihrerseits so viele Menschen verzückte, war aus ihrer Sicht eine stete Auseinandersetzung und ein austarieren der Kräfte, die sie miteinander verbanden.

Die Aufmerksamkeit für die eigene wie die gemeinsame Bewegung aber war ihr beider Verständnis von Harmonie und stiftete in ihnen das Gefühl einer überirdischen aufeinander Bezogenheit. Dieserart dynamische Beziehung war eine Wirklichkeit, die sich nur in wacher Gegenwärtigkeit mitteilte. Sobald ihre Wachsamkeit verflogen war, verlor sich auch der Zauber. Das Empfinden dieses Verlustes aber war der stete Impetus, der sie in ihrer Bahn und somit in ihrer zweisamen Bewegung hielt. Nicht die Harmonie selbst, sondern vielmehr ihre stete Erneuerung durch die Wahrnehmung ihrer Flüchtigkeit stiftete letztlich das Glück, das sie erlebten, und das durch sie für ihre Mitwelt sichtbar wurde. Schließlich waren sie in ihrem gemeinsamen Glück auch ein Gral für ihre Mitwelt, der sie, durch ihre gelebte Harmonie, auch ein Hoffnungszeichen waren. Weiterlesen

Neumond

Neumond © Matthias Mala

Neumond © Matthias Mala

Der neue Mond scheint und wird bald untergehen. Hier in der Stadt werde ich diesen Untergang nicht sehen. Ich habe ihn im Winter auf Malta gesehen, als der neue Mond als blutrote Sichel der Sonne folgend im Meer versank. Ich habe ihn einmal um Johannis in der Uckermark gesehen, als er als milchiger Bogen der untergehenden Sonne folgend im abendhellen Horizont verschwand. Ich weiß, obwohl ich es nicht sehen werde, dass dies auch heute geschehen wird. Realität ist nicht nur unmittelbare Wahrnehmung, sondern auch das Wissen um die Dinge. So kann ich mir denken, da der Jupiter eine Atmosphäre hat, dass dort die Stürme ohrenbetäubend sein müssen. Wer das nicht weiß, wird es für Irreal halten.

Jede Realität ist subjektiv. Andererseits ist sie auch objektiv, da wir unabhängig voneinander das Gleiche als gleich erkennen. Es gibt objektive Übereinstimmungen und subjektive Abweichungen, so wie es auch intersubjektive Wirklichkeiten gibt, die nur innerhalb einer Gruppe als Realität erkannt werden.

Doch nun einen Schritt weiter. Es gibt ein Erleben, dass mich sprachlos macht. Ich stehe manchmal in einer Dimension, für die ich keine Worte habe, sie zu beschreiben, weil mir etwas widerfährt, was ich mit meiner Realitätserfahrung nicht deuten kann. Und ich erlebe diese Dimension als ein in mir und ein um mich sein. Hier bin ich nicht mehr ich, der deutet und benennt, sondern hier ist Wesen. Diese Dimension erscheint mir unermesslich, sie ist still und doch voll Klang, sie ist von einer Wirklichkeit, die meine Wirklichkeit übertrifft. Sie kann nicht geglaubt werden, sondern sie widerfährt.

Sie ist der Raum, aus dem heraus wahrer Zauber in die Welt tritt. – Dies ist allerdings wieder Meinung und subjektive Deutung. Und doch glaube ich, dass es etliche Menschen gibt, die diesen Raum erfahren und mit ihm verbunden sind.

Am 20. Mai ist der neue Mond wieder nahe der Abendsonne zu sehen.

Fremd

Noch fremd © Matthias Mala

Noch fremd © Matthias Mala

Das Wort „fremd“ meinte in seiner ursprünglichen Bedeutung „fortsein“ oder „von etwas entfernt sein“. Fremd ist uns also, was uns nicht nahe ist. Ebenso sind wir Fremde, solange wir nicht nahe, nicht eingebunden sind. Fremdsein verliert sich darum rasch, sobald wir in der Fremde Gastfreundschaft erfahren oder in eine Gemeinschaft aufgenommen werden. Auch das Bekannte kann einen befremden, wenn es sich entfernt, indem es sich anders zeigt, oder wir es anders sehen. Wir kennen alle die seltsame Anwandlung, wenn wir zum Beispiel längere Zeit nicht zu Hause waren und uns bei der Heimkunft beim Blick auf das altbekannte Interieur, dieses sehr befremdet; es mutet uns ein wenig wie eine Traumwirklichkeit an.

Das Gefühl von Fremde ist ambivalent. Das Fremde vermag uns ebenso zu locken wie zu ängstigen. Das Fremdsein selbst scheint mal bedrückend, mal befreiend. In jedem Fall ist das Fremde eine Unterbrechung des Bekannten, es entrückt uns, fordert von uns Aufmerksamkeit, zwingt uns zur Auseinandersetzung mit ihm. Deswegen mögen wir das Fremde eigentlich nur, solange es sich – quasi nur ein wenig fremd ‑ im Erwarteten und Bekannten zeigt. Ist es hingegen ganz fremd, lässt es uns entweder wie kleine Kinder fremdeln oder wir neigen dazu, es zu übersehen, indem wir ihm mit unseren Vorurteilen begegnen und es uns so angenehm machen. Können wir ihm jedoch nicht ausweichen, setzen wir uns notgedrungen mit ihm auseinander, indem wir es abwägen und deuten. Dies ist ein Prozess der Aneignung, bei dem sich das Fremde zum Bekannten wandelt. Indem es für uns handbar und erklärbar wurde, haben wir das Fremde kennengelernt. Wer das Fremde kennt, fürchtet es nicht mehr. Weiterlesen

Bewusstheit zum Bewusstsein

Bewusstheit © Matthias Mala

Bewusstheit © Matthias Mala

Bewusstsein ist sein Inhalt,
Bewusstheit ist sein Gefäß.

Bewusstsein ist Wissen.
Bewusstheit ist Dasein.

Bewusstsein ist Immanenz.
Bewusstheit ist Transzendenz.

Bewusstsein ist, was mir bewusst ist.
Bewusstheit ist Fähigkeit zum Bewusstsein,
ergo Beseelung.
Bewusstlosigkeit ist fehlendes Bewusstsein.
Fehlende Bewusstheit ist Tod.

Stille Kommunikation

Stille Kommunikation © Matthias Mala

Stille Kommunikation © Matthias Mala

Noch vor gar nicht so langer Zeit lebten drei Äbte, die man die drei Meister nannte. Ein jeder stand einem altehrwürdigen Kloster vor und lehrte dort Mönchen wie Laien. Sie waren hochgeschätzt, und viele Menschen kamen zu ihren Vorlesungen. Doch der weltliche Trubel ließ ihnen nur noch wenig Beschaulichkeit und zehrte an ihrer Spiritualität. Also berieten sie sich miteinander und beschlossen, fortan in Klausur zu leben. Zu diesem Zweck zogen sie sich in die Einsamkeit der Berge zurück.

Ein jeder bezog eine Einsiedelei auf einem eigenen Berg in Gipfelnähe. Dort meditierten sie und rückten so allmählich der Glückseligkeit wieder Stück um Stück näher. Man sprach deswegen von den drei Bergen auch vom Meistergebirge. Einmal im Jahr zur Sommersonnenwende stiegen die drei Meister von ihren Gipfeln herab und trafen sich im Tal, es hieß darob auch das Tal der Meister. Zahlreiche Menschen pilgerten zur selben Zeit herbei, um die Treffen zu beobachten, denn die Meister erörterten dabei hochgeistliche Themen. Sie sprachen über Gott und die Welt und wie das Leid der Menschen gemildert werden könnte. Weiterlesen

Sehen, was ist

Weg in und aus einem Labyrinth © Matthias Mala

Weg in und aus einem Labyrinth © Matthias Mala

Vor ihr lag das vor Jahrtausenden von einem Gletscher ausgewaschene Tal. Sie blickte hinab und sah, wie die Menschen beschäftigt hin- und herfuhren. Das Surren der Motoren drang leise bis zu ihr hinauf. Die Schatten der Bäume drehten über den Tag von Westen nach Osten. Wolkenschatten tanzten die Hänge hinauf und hinab. Die Farben des Tals veränderten sich mit dem Sonnenlauf. Nie war das Bild gleich.

Sie saß öfters an diesem Fleck, um ins Tal zu blicken und die Bewegungen dort unten aus der Stille um ihre Hütte zu betrachten. Oft erfasste sie dabei Frieden und ließ sie einfach nur schauen, hören und riechen. Da war keine Ablenkung, jede Bewegung ob in der Nähe am Haus oder in der Tiefe im Tal war gleichwertig. Nichts hob sich hervor. Allein übers Jahr veränderten sich die Stimmung, die Farbe, der Duft und auch die Geräusche, um im nächsten Jahr im gleichen Rhythmus wieder zu erstehen. Ihre Schau war häufig stille Einsicht. Weiterlesen

Bewegte Stille

Stille © Matthias Mala

Stille © Matthias Mala

 Mit einem Male war es still in der Schwimmhalle. Ich zog jetzt meine Bahnen alleine im Becken. An Laut war nur noch das blubbernde Geräusch meines Atems unter Wasser, das rhythmische Plätschern der Schwimmbewegung und das ferne Strömen der Wasserumwälzung. Leise war es nicht, doch dafür still, denn es kehrte Ruhe in mir ein und das Schwimmen wurde zur Meditation.

Was ist an Stille so heilig, dass wir sie so erhöhen? Wieviel Geräusch lässt Stille zu? Wann ist Stille unerträglich? Ist Gott still? Weiterlesen