Wohin der Blick am Abgrund?


Mein Weg zur Mystik führte mich über die Befassung mit der weißen Magie und ihrer Beschreibung. Eine Station dabei war mein Buch „Magie des Abendlandes“. In ihm schilderte ich die Wandlung Aufstieg der Magie zur Religion und schließlich zu ihrer Domestizierung durch die Liturgie der Kirche. Allerdings entzogen Mystiker die Magie durch die Jahrtausende hindurch immer wieder dieser Gängelung, indem sie sie als einen Weg der Erkenntnis benannten. Wobei es dabei weniger um die magischen Rituale ging, sondern um den Zauber der Wandlung durch Erkenntnis, der den Suchenden erhebt und ihm mit einem ersichtlich wirkenden Geist verbindet. Über diesen Moment, in dem der Mystiker die Magie überwindet und aus seiner Gotteserkenntnis heraus wirkt, habe ich in nachfolgendem Abschnitt reflektiert. Gleichzeitig aber warnte ich davor, diesen Moment nicht zur Läuterung zu nutzen, sondern dass wir ihn in selbstherrlicher Machtverblendung dahingehend umdeuten könnten, um uns, vom Dämon der Religion befreiend, mit dem Dämon des Narzissmus, dem ureigensten Götzendienst, zu verbünden. Hier also ein kurzer Blick auf diesen besonderen Stolperstein zur geistlichen – nicht geistigen – Umnachtung:

Am Abgrund blicken wir ins Weite

Unsere Psyche verliert zwar die ihr eingeborene Affinität zur Magie nicht, doch durch die Erkenntnis der Naturgesetze und der Macht der Ratio „verkümmert“ ihr magisches Potenzial. Was einst noch magisch gedeutet wurde, lässt sich heute verständlich erklären, etwa die Wirksamkeit von Kräutern oder das Besprechen von Warzen, ein Zauber übrigens, den Dermatologen heute vor allem bei geplagten Kindern ganz bewusst wieder aufleben lassen. Gleichwohl verliert die Magie in unserer alltäglichen Wirklichkeit zunehmend an Raum und wird mehr und mehr in eine lebensferne Sphäre verdrängt. Erst wenn uns wie beim Exorzismus das Ringen mit magischen Gewalten erschreckt, erleben wir in hilfloser Furcht dieses archetypische Walten als verstörenden Zwiespalt in uns.

Doch auch wenn wir die Magie aus der Wirklichkeit unserer Psyche verdrängen, bleibt ihr Raum in unserer Seele erhalten. Er mag uns zwar entleert erscheinen, doch genügt oft ein kleiner Anstoß aus der Zauberwelt, um die verdrängten Bilder zu beleben. Es ist eine abgründige Erschütterung, die uns erfasst. Solchermaßen mit einem Schatten unseres Selbst konfrontiert, erscheint uns magisches Geschehen oft ungewöhnlich bedrohlich. Anstatt uns jedoch in atavistischer Weise übermannt zu fühlen, vermögen wir, eben weil unsere Psyche ihrer inneren Magie zuneigt, die uns anrührenden Kräfte zu lenken. Hierzu allerdings müssen wir uns dem scheinbar Paradoxen öffnen und bejahen, was wir in unserem Tagbebewusstsein verneinen.

Gelingt es uns, blicken wir in jene lebensferne Sphäre der Magie und überwinden ihre Transzendenz. In verwandtem Sinne meint Stanislav Grof in seiner Schrift „Kosmos und Psyche“:

„Die transpersonale Psychologie hat entdeckt, dass es in holotropen Zuständen möglich ist, die Identität mit fast jedem Aspekt der physischen Realität aus Vergangenheit und Gegenwart wie auch mit verschiedenen Aspekten anderer Dimensionen des Seins zu erfahren. Sie hat bestätigt, dass der gesamte Kosmos auf geheimnisvolle Weise der Psyche eines jeden von uns eingeschrieben ist und der tiefen systematischen Selbsterforschung zugänglich wird.“

Mit dem von ihm geprägten und aus dem Griechischen abgeleiteten Begriff „holotrop“ bezeichnet Grof die Annäherung an ein Ganzes, durch mehrdimensionale Aufschlüsselung der Tiefendimension der persönlichen Verfassung (holos = ganz, trepein = sich auf etwas zubewegen). Es ist also kein analytisches oder deutendes Schauen der magischen Sphäre, sondern eine umfassende und unmittelbare Einsicht, durch die sich uns diese Dimension öffnet. Wir treten ins Transzendente und das Transzendente tritt in uns. Hierdurch wird uns der magische Raum gegenwärtig und mit ihm beginnen wir, in selbstverständlicher Weise magisch zu leben und zu wirken. Das heißt, magische Disziplinen wie Mantik und Theurgie wachsen uns sozusagen als Talente zu, wodurch unser Handeln auch ohne explizites Ritual magische Unterfütterung erfährt.

So könnte sich eine Annäherung an eine magische Dimension vollziehen. So könnte der Blick ins Weite sein! Doch durch die allgemeine Verdrängung der Magie in die Schatten der Psyche verschieben wir ihren transzendenten Raum immer weiter in unerreichbare Ferne und erklären uns, wenn uns dennoch magische Berührung widerfährt, die Magie rational fort. Indes bleibt die magische Struktur der Psyche erhalten, nur findet sie keinen Widerhall. In dieser Situation mag sie in der einen Person in der Tat verkümmern, während sie in einer anderen Person umso heftiger nach Belebung drängt. Dort aber, wo solches Drängen virulent wird, ist die Gefahr groß, dass die scheinbar entleerten nahen Räume unerkannt bleiben und die aus rationaler Abwehr konstruierte Ferne als Gegebenheit erachtet wird. Da das Drängen indessen nach einem Grund verlangt, wendet man sich auf der Suche nach Widerhall nicht nach innen, dem nahen Raume zu, sondern nach außen und findet ihn im Dämonischen, das sich offenbar leichter beleben lässt. Jedenfalls ist der Hang zum Schwarzmagischen, zur Dämonenbeschwörung und zur bedrängenden Zauberei heute eine unverkennbar starke Tendenz, während die Hinwendung zur lebendigen ganzheitlichen Magie eher als unattraktiv, weil machtlos gilt.

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Liebe, das unbekannte siebte Element

Rangoli © Matthias Mala

Rangoli © Matthias Mala

Losung

Schweigen wir über die Liebe. Die Liebe ist die Kraft des sich selbst erkennenden Geistes. Sich in seinem Nächsten zu erkennen, ist der Keim der Liebe. Im anderen aufzugehen, ohne sich zu verleugnen, ist der praktizierte Zauber der Liebe.

Versenkung

Liebe ist jenseits aller Magie. Liebe ist jenseits der Welt. Liebe ist jenseits des Geistes. Liebe ist heiliger Duft. Liebe ist die Aufhebung allen Gegenübers. Liebe ist Einkehr. Liebe ist All-Einsein. Liebe ist die Gegenwart Gottes. Die Idee von der Liebe ist Abkehr von ihr. Ihr nachzustreben mag den Strebenden adeln, doch Adel erhebt und sinkt nicht ein. Liebe lässt sich nicht suchen. Wer sie sucht, flieht vor ihr. Wer flieht, verhärtet sich. Liebe ist Gnade. Gnade sucht den Begnadeten. Der Begnadete ist bereit. Bereitschaft ist kein Weg. Bereitschaft ist Da-Sein. Bin ich bereit, mag mich die Liebe streifen, mag mich ihr Duft umwehen. Will ich sie erhaschen, greife ich ins Leere. Bereit zu sein ist das einzige, was bleibt. Bin ich in Liebe, bin ich jenseits des Ursprungs, bin ich jenseits allem Bekannten, bin ich in absolutem Schweigen. Kein Wort wird dieses Schweigen je aufheben. Hier ist keine Magie mehr. Hier ist Liebe, nichts weiter, nichts mehr. Liebe ist der Ursprung des Ursprungs. Was ohne Liebe ist, ist leer. Also ist Magie ohne Liebe nichts.

Kann ich lieben, ohne das Geliebte besitzen zu wollen?

Stimmung

Der Wind spielt mit meinem Haar. Ich sitze unter Bäumen, und mein Kreis besteht aus abgefallenen Gedanken. Zwanglos fließt das eine und das andere von mir ab. Ich wähle nicht aus. Ich bin das Befreite. Das Bleibende ist das Geliebte. Ich bitte darum, ohne Ziel auf meinem Weg voranschreiten zu können.

Quelle: Lied 77 aus dem Stundenbuch der weißen Magie

Zeichen setzen

Cabame © Matthias Mala

Cabame © Matthias Mala

 Am Vorabend zu Heilig Drei König hatte er die Cabame von der Haustüre gewischt und ein Stück Kreide zur Weihe in Salz gelegt. Cabame heißt das Zeichen der Sternsinger. Doch bei ihm kommen schon lange keine Sternsinger mehr vorbei. Er gilt dem Pfarrer als Heide, weil er so ganz eigene Vorstellungen von Gott und der Welt hat. Am Dreikönigsmorgen ging er räuchernd durch sein Haus und räucherte in allen Räumen die Ecken aus, um die Geister und schlechten Stimmungen, die sich dort übers Jahr eingenistet haben mögen, zu vertreiben. Schließlich ließ er frische Luft über die Haustüre herein und zeichnete die Cabame für dieses Jahr auf das Türblatt. Er räucherte davor, machte Kreuzzeichen und sprach ein Gebet. Dann ging er singend mit der Weihrauchampel erneut durch alle Räume und räucherte sie aus. Schließlich öffnete er die Fenster und frische Winterluft durchflutete das ganze Haus. Wohlgefühl und Frieden umstimmten ihn. Es war ein guter Morgen. Es war ein guter Anfang. Weiterlesen

Gradus Mystica

Weihnachten © Matthias Mala

Weihnachten © Matthias Mala

Magie ist das Klingeln,
um Gott ins Gespräch zu zwingen.

Theurgie ist,
das Gespräch zu führen.

Weisheit ist,
zu Schweigen
und das Gespräch zu sein.