Fremd

Noch fremd © Matthias Mala

Noch fremd © Matthias Mala

Das Wort „fremd“ meinte in seiner ursprünglichen Bedeutung „fortsein“ oder „von etwas entfernt sein“. Fremd ist uns also, was uns nicht nahe ist. Ebenso sind wir Fremde, solange wir nicht nahe, nicht eingebunden sind. Fremdsein verliert sich darum rasch, sobald wir in der Fremde Gastfreundschaft erfahren oder in eine Gemeinschaft aufgenommen werden. Auch das Bekannte kann einen befremden, wenn es sich entfernt, indem es sich anders zeigt, oder wir es anders sehen. Wir kennen alle die seltsame Anwandlung, wenn wir zum Beispiel längere Zeit nicht zu Hause waren und uns bei der Heimkunft beim Blick auf das altbekannte Interieur, dieses sehr befremdet; es mutet uns ein wenig wie eine Traumwirklichkeit an.

Das Gefühl von Fremde ist ambivalent. Das Fremde vermag uns ebenso zu locken wie zu ängstigen. Das Fremdsein selbst scheint mal bedrückend, mal befreiend. In jedem Fall ist das Fremde eine Unterbrechung des Bekannten, es entrückt uns, fordert von uns Aufmerksamkeit, zwingt uns zur Auseinandersetzung mit ihm. Deswegen mögen wir das Fremde eigentlich nur, solange es sich – quasi nur ein wenig fremd ‑ im Erwarteten und Bekannten zeigt. Ist es hingegen ganz fremd, lässt es uns entweder wie kleine Kinder fremdeln oder wir neigen dazu, es zu übersehen, indem wir ihm mit unseren Vorurteilen begegnen und es uns so angenehm machen. Können wir ihm jedoch nicht ausweichen, setzen wir uns notgedrungen mit ihm auseinander, indem wir es abwägen und deuten. Dies ist ein Prozess der Aneignung, bei dem sich das Fremde zum Bekannten wandelt. Indem es für uns handbar und erklärbar wurde, haben wir das Fremde kennengelernt. Wer das Fremde kennt, fürchtet es nicht mehr. Weiterlesen

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Wellness

Wellness © Matthias Mala

Wellness © Matthias Mala

Nach dem Yoga in einer körperwarmen Saline bei Sphärenklängen schweben. Danach einen Fruchtsaftcocktail vom Bio-Obst. Im Tepidarium findet man Entspannung. Anschließend geht es zur ayurvedischen Massage, die mit einer Hot-Stone-Massage aus angewärmten Halbedelsteinen gekrönt wird, damit die Chakren kreisen und mit ihnen der Energiefluss pulsierend strömt. Ein leichtes Abendessen, ein Gespräch über Achtsamkeit beim spirituellen Coach. Schließlich schlafen auf naturbelassenen Matratzen, mit einem Kräuterkissen unterm Kopfkissen. Der nächste Morgen beginnt dann mit einem Sonnengebet und einer Mediation. Und der Tag setzt sich in selbstverständlicher Leichtigkeit fort. Man hat sein Leben verlangsamt, man kommt zu sich, tankt Energie und findet wieder Sinn im Leben. Denn man rückt dem Transzendenten ja so nah.

Das ganze nennt sich Wellness. Ich nenne es Lifestyle-Kitsch! Früher sagte man dazu Wohlfühlen, aber Wohlfühlen ist zu banal, verkauft sich nicht so gut ‑ wie ein Anglizismus. Und Wellness verkauft sich sehr gut: auf über 70 Milliarden Euro wird der Jahresumsatz in Deutschland geschätzt. Warum aber Wellness überwiegend mit Anleihen aus der Esoterik oder Spiritualität vermarktet wird, hat etwas mit der Einstellung ihrer Kundschaft zu tun. Um in einem Wellnesshotel ein paar Tage abzuhängen, braucht man schon einige Hundert überflüssiges Geld. Man muss also schon zum Mittelstand zählen, wenn man den Flow während einer Wellnessbehandlung erleben möchte. ‑ Und der Mittelstand ist in hohem Maße esoterisch infiziert. Weiterlesen

Erinnerungen

Erinnern © Matthias Mala

Erinnern © Matthias Mala

 

  Die Klangschale wurde angeschlagen. Ihr schwingender Ton hob sie aus ihrer Versenkung. Diesmal war die Meditation besonders tief und von keinem Gedanken getrübt gewesen. Als sie sich ihrer selbst wieder bewusst wurde, sah sie sich als kleines Mädchen durch den heimischen Garten laufen, sah wie sie über den Zaun stieg und sich am nahen Weiher niederließ und Enten fütterte. Es war ein so glücklicher Moment, der für sie so viel Bedeutung mit sich trug, dass sie beschloss, alsbald diese Stätte ihrer Kindheit wieder aufzusuchen, um an ihr zu meditieren.

Einige Wochen später reiste sie mit ihrem Mann dorthin, denn sie wollte ihm zeigen, wo sie ihre ersten Lebensjahre verbracht hatte. Als sie mit ihm in ihrem alten Viertel auf Kindespfaden spazierte, umfasste sie eine seltsame Befremdung. Einerseits erkannte sie einiges wieder, anderseits war ihr vieles fremd, und auch das, was sie wiedererkannte, erschien ihr unwirklich, weil nicht mehr vertraut. Ja, so manches zeigte sich gar ganz anders, als sie es erinnert hatte. Ihr Besuch am Ort ihrer Kindheit besaß etwas traumhaftes und zugleich verwirrendes. Sie sah sich in Situationen, die sie glasklar im Gedächtnis hatte und die nun, da sie wieder am Ort war, sich als unmöglich herausstellten, denn in ihrer Erinnerung rückten Plätze zusammen, die weit auseinanderlagen. Auch der Weiher lag nicht hinterm Gartenzaun, sondern ein paar Straßen weiter. Ja, ihre Reise in die Vergangenheit war für sie letztlich eine Enttäuschung, denn was sich in ihrer Erinnerung so anmutig zusammengefügt hatte, entpuppte sich als ein schlichtes Viertel, dem sie lieber den Rücken kehrte, anstatt in seiner Mitte zu meditieren. Weiterlesen

Vampirismus

Vampir © Matthias Mala

Vampir © Matthias Mala

Vampire waren in den Mythen zu allen Zeiten gegenwärtig; schließlich geschahen zu jeder Zeit blutige Grausamkeiten, hinter denen die Menschen einen blutrünstigen Geist vermuteten, der zwanghaft umging: der Untote, der Wiedergänger, der Vampir. Heutzutage erschaffen wir uns einen neuen Vampirmythos, nämlich den des smarten Vampirs, des verzweifelten Schönlings, der daran leidet, dass er seiner Natur nicht entfliehen kann. Vampirromane dieses Typs verkaufen sich mehr als gut. Mittlerweile avancieren auch bissige Frauen zu Protagonisten. Für Kinder gibt es ja schon seit gut drei Jahrzehnten die Mär vom kleinen vegetarischen Vampir als Gutenachtgeschichte. Somit haben warmduschende Vampire einer Generation das Gruseln gelernt und einen Mythos vergegenwärtigt, der sich von der Anbindung an Bluttaten vergangener Epochen scheinbar abgelöst hat. Das heutige millionenfache Morden rund um den Globus hat aus unserer aufgeklärten Sicht demnach nichts mehr mit den Wiedergängern von einst gemein; es mutet uns vielmehr wie ein Stück Wirklichkeit an, das in keiner Anderswelt verankert ist. ‑ Meint man! Weiterlesen

Zen und die Lust, ein Rasiermesser zu führen

Messerrasur © Matthias Mala

Messerrasur © Matthias Mala

Blitzender Schmerz. Die Hand mit dem Messer schnellt zurück. Du blickst in den Spiegel, auf den weißen Schaum, nichts ist zu sehen. Ein, zwei Wimpernschläge später, nur so lang wie der Donner dem Blitz nacheilt, färbt ein hellroter Strich die schaumigen Flocken. Du setzt das Messer wieder an, grollst mit dir ob deiner Unachtsamkeit, führst die Klinge nun schräg zum Schnitt, um die Haut nicht weiter zu öffnen und doch die gewohnte Glätte in dein Gesicht zu schleifen.

Nachdem du dir die Schaumreste von den Wangen gewaschen hast, wirst du genüsslich über dein Gesicht streichen und einmal mehr jugendfrischen Samt ertasten. Eine selbstverliebte Berührung widerborstenfreier Haut. Dann aber wird sich der haarfeine Faden der Fissur wieder zeigen, hellrot, blutfrisch. Du wirst darüber wischen, doch das Blut wird weiter in einer dünnen Linie aus deiner Wange perlen. Der Schnitt wird dunkeln und du wirst den Makel wie die Narbe aus einer Mensur durch den Tag tragen. Morgen wird die Linie verblasst sein, zu fein ist die Fissur, als dass sie eine Nacht überdauert. Dafür werden die Frauen, die dir heute auf die Wange blicken, an deine Katze denken, die dich beim Schmusen kratzte. Weiterlesen

Bewegte Stille

Stille © Matthias Mala

Stille © Matthias Mala

 Mit einem Male war es still in der Schwimmhalle. Ich zog jetzt meine Bahnen alleine im Becken. An Laut war nur noch das blubbernde Geräusch meines Atems unter Wasser, das rhythmische Plätschern der Schwimmbewegung und das ferne Strömen der Wasserumwälzung. Leise war es nicht, doch dafür still, denn es kehrte Ruhe in mir ein und das Schwimmen wurde zur Meditation.

Was ist an Stille so heilig, dass wir sie so erhöhen? Wieviel Geräusch lässt Stille zu? Wann ist Stille unerträglich? Ist Gott still? Weiterlesen

Ich schließe mich diesem Aufruf an und bitte meine Leser sich ein Abo dieser schätzenswerten Zeitschrift zu überlegen. Es wäre schade, wenn sie nicht mehr in Papierform erhältlich wäre.
Herzlichen Gruß
Matthias Mala

Was mich bewegt ...

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Liebe Leserinnen und Leser meines Blogs,

heute möchte ich an dieser Stelle die Aufmerksamkeit auf einen Aufruf des Connection-Verlags lenken:

Wolf Schneider hat in seinem aktuellen Verlags-Newsletter unmissverständlich deutlich gemacht, dass er – aus wirtschaftlichen Gründen – mit den Print-Ausgaben aller Connection-Hefte nur weiter machen kann, wenn eine große Zahl neuer Abonnenten (mindestens 150) hinzu kommt.

Falls das im nächsten Monat nicht geschieht, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Umstellung auf reines E-Publishing geben.

Hier der ausführliche Text: Verlags-Newsletter

Der Erfolg der heute ausgerufenen Abo-Aktion, an der sich möglichst viele Freunde und Freundinnen des Connection-Verlags beteiligen mögen, ist an einem Newsticker auf der Connection-Website abzulesen: http://www.connection.de.

Diese Info bitte in alle Himmelsrichtungen weiter geben!!

Mit herzlichem Gruß

Marianne

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