Ein guter Mensch

Memoria Robert © Matthias Mala

Memoria Robert © Matthias Mala

Letzte Woche haben wir Robert begraben. Er war 77 Jahre alt. Ich kannte Robert seit fast 40 Jahren. Robert war gewissermaßen eine Institution in den Sucht-Selbsthilfegruppen. Die ersten zehn Jahre seiner Sauberkeit stand er noch unter Vormundschaft, da die Psychiater damals nicht annehmen konnten, dass er noch zu einem selbstständigen Leben fähig sein würde. Doch Robert blieb sauber und seine geistige Gesundheit verfestigte sich immer mehr. Robert ging seit seiner Entlassung aus der Psychiatrie mehrmals in der Woche in Selbsthilfegruppen, um weiterhin ein stabiles Leben zu führen. Am Ende starb er sauber. Er war Jahrzehnte clean gewesen. Weiterlesen

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… und der Erwachte lachte

Bayerischer Buddha © Matthias Mala

Bayerischer Buddha © Matthias Mala

Als Siddhartha unter einem Feigenbaum meditierte, näherte sich ihm eine Gazelle und legte sich ihm zu Füßen. Siddhartha lächelte darüber milde, galt ihm doch das zutrauliche Verhalten des Tieres als Zeichen für seine innere Ruhe und die grenzenlose Weite seines Bewusstseins. Das zutrauliche Tier zog aber auch einen Schwarm von Mücken mit, die den Asketen umschwirrten und piesackten. Schließlich wurde es Siddhartha zu viel. Er sprang auf, mit ihm die Gazelle, lief zum nahen Fluss und stürzte sich hinein. Die Gazelle sprang davon, die Mücken folgten ihr. Vielfach gestochen von den Quälgeistern, doch von ihrer weiteren Verfolgung endlich erlöst, stieg Siddharta aus dem Wasser.

Befreiung

Als er so befreit ans Ufer watete, wurde er gewahr, dass er in einem noch viel weiteren Sinne befreit war. Die ihm gewährte Zuneigung der Gazelle, die erlittene Qual der Mückenstiche, sein Spurt zum Fluss, die schlagartige Erfrischung und die Erlösung von irdischer Plage hoben ihn in eine andere Sphäre. Er war nun ein anderer. Als er so vom nahen Fluss zurückkam, bemerkten seine Begleiter, die mit ihm meditiert hatten, seine plötzliche Wandlung und hielten ihn für erleuchtet. Doch Siddhartha entgegnete ihnen, es seien nur die Mücken gewesen. Hierauf lachten sie herzlich, denn sie wussten, es war die Erleuchtung, was den Meister verklärte. Siddhartha jedoch blieb hartnäckig dabei, es seien nur Mücken gewesen.
Dies verdrießte seine Jünger zunehmend. Einer nach dem anderen wandte sich von ihm ab, ging seiner Wege und berichtete von dem Geschehen. So kündeten sie von der Erleuchtung ihres Meisters und verbreiteten seine Reden. Seine letzte Erklärung aber, dass alle Erleuchtung nicht mehr als ein paar Mückenstiche zuviel sei, verschwiegen sie. Siddhartha kümmerte das nicht. Er war mit sich und der Welt eins und blieb dies bis zu seinem Lebensende.

Der Meister und sein Fliegenwedler

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Fremd

Noch fremd © Matthias Mala

Noch fremd © Matthias Mala

Das Wort „fremd“ meinte in seiner ursprünglichen Bedeutung „fortsein“ oder „von etwas entfernt sein“. Fremd ist uns also, was uns nicht nahe ist. Ebenso sind wir Fremde, solange wir nicht nahe, nicht eingebunden sind. Fremdsein verliert sich darum rasch, sobald wir in der Fremde Gastfreundschaft erfahren oder in eine Gemeinschaft aufgenommen werden. Auch das Bekannte kann einen befremden, wenn es sich entfernt, indem es sich anders zeigt, oder wir es anders sehen. Wir kennen alle die seltsame Anwandlung, wenn wir zum Beispiel längere Zeit nicht zu Hause waren und uns bei der Heimkunft beim Blick auf das altbekannte Interieur, dieses sehr befremdet; es mutet uns ein wenig wie eine Traumwirklichkeit an.

Das Gefühl von Fremde ist ambivalent. Das Fremde vermag uns ebenso zu locken wie zu ängstigen. Das Fremdsein selbst scheint mal bedrückend, mal befreiend. In jedem Fall ist das Fremde eine Unterbrechung des Bekannten, es entrückt uns, fordert von uns Aufmerksamkeit, zwingt uns zur Auseinandersetzung mit ihm. Deswegen mögen wir das Fremde eigentlich nur, solange es sich – quasi nur ein wenig fremd ‑ im Erwarteten und Bekannten zeigt. Ist es hingegen ganz fremd, lässt es uns entweder wie kleine Kinder fremdeln oder wir neigen dazu, es zu übersehen, indem wir ihm mit unseren Vorurteilen begegnen und es uns so angenehm machen. Können wir ihm jedoch nicht ausweichen, setzen wir uns notgedrungen mit ihm auseinander, indem wir es abwägen und deuten. Dies ist ein Prozess der Aneignung, bei dem sich das Fremde zum Bekannten wandelt. Indem es für uns handbar und erklärbar wurde, haben wir das Fremde kennengelernt. Wer das Fremde kennt, fürchtet es nicht mehr. Weiterlesen

Über den Sinn des Lebens

Sinnerkundung © Matthias Mala

Sinnerkundung © Matthias Mala

Nachstehend veröffentliche ich Gedanken aus einem Schriftwechsel, den ich vor kurzem führte. Wäre es nicht eine Freundin gewesen, die mir die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt hatte, hätte ich nicht darauf geantwortet. Ich wäre mir veralbert vorgekommen. So aber wusste ich um die Ernsthaftigkeit und überwand meine Vorurteile, denen ich bei solchen Ansätzen gerne nachgebe, um mich nicht veralbern zu lassen. Nachstehend also ein kurzer und gar nicht alberner Dialog zum Sinn des Lebens. Weiterlesen