Glauben, Wissen und Planeten

Glauben Wissen © Matthias Mala

Jupiter, Saturn, Mars und Venus als Morgenstern, das waren die vier Himmelslichter, die zuletzt die späte Sommernacht in diesem Jahr schmückten. Einst galten diese Wandelsterne den Menschen als Götter, heute sind es Planeten, die wir mit Sonden untersucht und uns bildlich näher gebracht haben. Sie wurden zu astronomischen Körpern in einem Sonnensystem und spielen allenfalls noch in der Astrologie eine menschenbewegende Rolle. Unser Wissen über die Welt hat den Glauben relativiert. Einst waren Glaubensdeutungen gleichermaßen Weltdeutungen. Blitz und Donner schleuderten Thor, Zeus oder der große Manitu auf die Erde. Not und Elend, Heil und Segen waren durch Götter gewollt, die sich im Grunde sehr menschlich benahmen, also schlicht willkürlich und machtbesessen und selten mitfühlend und gemeinsinnig. Das zunehmende Wissen über die Natur der Welt hüteten zunächst die Priester, die dazu den Lauf der Dinge scharf beobachteten, wollten sie doch den wirkenden Gott dahinter erkennen. Also forschten sie, denn Wissen war Macht. Entsprechend setzten sie ihr erworbenes Wissen auch selbstsüchtig ein. So bauten sie etwa auditive Tempelanlagen, in denen sie einerseits die Gläubigen über größere Entfernung belauschen und andererseits ebenso als Orakel ansprechen konnten. Dementsprechend inszenierten sie eine allwissende Gottheit und lenkten so unmittelbar wie mittelbar das Gemeinwesen. Ja, sie waren die eigentlichen Götter auf Erden. Dementsprechend gilt der Papst den Katholiken heute noch als der irdische Stellvertreter der Dreifaltigkeit auf Erden.

Wir sehen, trotz vieltausendjähriger Kulturgeschichte auf Erden hat sich nur wenig an den eigentlichen Strukturen geändert. Ja, wir fallen vielmehr wieder zurück in Zeiten, in denen Glaubensgewissheit über faktische Gewissheit gesetzt wird. So werden etwa heutzutage Wissenschaften als politisch nicht korrekt denunziert; womit man sich indirekt an stalinistische Zeiten anlehnt, als in der Sowjetunion beispielsweise der Lyssenkoismus (siehe Link) viele Menschenleben forderte.

Forschen unter ideologischen respektive religiösen Bedingungen ist ohnehin wenig effizient. Denn die unerlässlichen Dogmen zum Schutz der Ideologie schließen viele mögliche Perspektiven aus; schließlich besagt ein Dogma, was ist, und nicht, was nicht ist. So gab es schon 500 und 300 Jahre vor Christus in Indien wie Griechenland die Vorstellung eines heliozentrischen Weltbildes (siehe Link), was allerdings in der christlichen Welt erst mit Kopernikus bekannt wurde und sich mit Keppler trotz Widerstand beider Kirchen durchsetzte; denn der Eifer der Menschen, sich die Welt zu erklären, bedingt auch ihre gründliche Erkundung. Folglich werden auch die unaufgeklärten Schatten irgendwann überwunden sein. Bei einigen dauert es freilich ungewöhnlich „gewöhnlich“ lange; da der Mensch sich eben nur schwer von seinen Gewohnheiten trennt. So lebt etwa die Idee des Sozialismus immer noch, obgleich sie seit ihrem Bestehen immer wieder spektakulär scheiterte. Das gleiche gilt für die Religionen, obgleich sie Quell wiederkehrender Konflikte sind, lässt der gewöhnliche Mensch nicht von seinem Glauben und vertraut den magischen Ritualen seiner Religion.

Doch inzwischen Zeit scheint sich auch hier etwas zu bewegen. Die Religionen schwächeln, indem ihnen die Menschen davonlaufen. Die Ursachen hierfür sind vielfältig, eine ist gewiss die zunehmend erodierende Glaubensgewissheit. Die Gläubigen glauben ihren Priestern und Gurus immer weniger. Allgemeine Bildung und zunehmender Wohlstand sind einerseits den Religionen feind, andererseits lässt der Mensch von seiner eingefleischten Gewohnheit nicht, lieber zu glauben, als zu wissen. Wir können dies in den sozialen Medien, in der Berichterstattung und im Gespräch ablesen. Wir entwickeln allgemein Meinungen zu Themen, die wir nicht überschauen können. Unsere Meinungen basieren auf unserer Glaubensbereitschaft, unseren Vorurteilen und dem gesellschaftlichen Trend. Was gerade im Schwange ist, hat eher eine Chance, allgemein geglaubt und gemeint zu werden. Die aktuelle Pandemie ist der Spiegel, den wir uns hier vorhalten könnten. Doch die wenigsten tun es und bleiben bescheiden in ihrer Meinungsbildung, indem sie beobachten und sich eingestehen, dass sie hierzu zu wenig wissen.

Derlei Bescheidenheit war den Religionen schon immer fremd. Sie wussten über das, was sie nicht wussten, allerhand und fabulierten munter drauf los. Und damit ihr System in sich geschlossen blieb, entwickelten sie die Theologie, indem sie einen Quark auf den anderen schichteten, bis er zu steinhartem Käse trocknete. In ähnlicher Weise geht es heute weiter, denn die Glaubensbereitschaft ist weit höher als die Bereitschaft, sein Unwissen anzunehmen und zu bekunden. Jedenfalls haben allerlei Sekten Auftrieb, wobei ich hierfür nicht zwischen sektiererischen politischen und religiösen Weltanschauungen unterscheide. Beide drehen in kleinen Zirkeln ihren intellektuellen Magerquark, und damit er nicht zu schnell vergammelt, schotten sie sich gegen störende Einflüsse ab. Das ist, was gegenwärtig in den asozialen Medien massiv geschieht. Die Gesellschaft fragmentiert virtuell, und die virtuelle Zersplitterung etabliert sich auch im wirklichen Leben. – Die Welt wird scheinbar einfacher, aber auch gefährlicher, denn sie kann leicht erschüttert werden und zerbröseln. Denn mit einer widerlegten Meinung werden für viele auch Persönlichkeitsanteile infrage gestellt; schließlich sind sie mit ihrem Wesen das, was sie glauben und meinen. Werden diese Überzeugungen entwertet, wird auch die Person entwertet, wodurch für gewöhnlich das Aggressionspotential und nicht die korrigierende Einsicht steigt. – Gut, wer sich in einer solchen wahnhaften Welt noch selbst modifizieren kann; schlecht für all jene, die mit ihrem zerbrechenden Glauben und Meinen selbst zerbrechen.

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