Langes Sterben ist ein schwerer Tod

Meine Schwiegermutter stirbt. Sie stirbt schon lange. Eigentlich seit dem 6. Januar 2019. Da ereilte sie ein Herzstillstand, vor dem Speisesaal ihres Altenheimes. Man reanimierte sie. Daraufhin setzte ihre Atmung aus. Man reanimierte sie ein zweites Mal. Damals war sie 92 Jahre alt, inzwischen ist sie 94 Jahre alt geworden.

Seit einem halben Jahr liegt sie im Bett und wird sechsmal am Tag umgelagert, damit sie keine entzündlichen Druckstellen bekommt. Sterben möchte sie schon seit drei Jahren, nachdem sie einen zweiten Schenkelhalsbruch erlitt. Jetzt ist sie sterbenssiech und fleht ihren Tod herbei.

Sie war zeitlebens eine zwiespältige Person, die durch ihren toxischen Narzissmus ihre Tochter und ihr Enkelkind vergiftete. Ihre Tochter vergiftete sie, indem sie ihr ihre Jugend neidete und darüber rasend wurde, dass sie ihr eigenes Leben und nicht das von ihr vorbedachte führte. Ihren Enkelsohn vergiftete sie, indem sie ihm Geld zusteckte, obgleich er ein Hallodri ist. Zudem stiftete sie ihn an, seine Mutter ebenso wie sie zu hassen. Dazu erzählte sie ihm, dass seine Mutter an seiner Gehörlosigkeit Schuld trüge, die die Folge einer Meningitis und Enzephalitis war, an der er mit zwei Jahren erkrankte.

Derzeit zeichne ich Bilder, die die Schwiegermutter und ihr Sterben zeigen. Dazu verfasse ich meist Senryūs, die das Temperament des jeweiligen Bildes hintergründig skizzieren. In ähnlicher Weise begleitete ich zeichnend und bloggend das Sterben meines Schwiegervaters (siehe Link).

Hier das erste Bild zur Schwiegermutter. Es entstand vor zwölf Wochen. Als wir sie verließen, meinten wir einmal mehr sie überlebe die nächsten Tage nicht mehr, gleichzeitig bezweifelten wir diese Prognose, denn ihr Überleben ist ungewöhnlich zäh und stark.

Nachdem wir gingen sahen wir von einer Anhöhe dem davonziehenden Regen nach und unterm Regenbogen einen Schwarm Tauben. Die Stimmung des Bildes ergreift dieser Senryū:

Und dann starb sie – nicht
Sie hatte noch nicht genug
Von ihrer Bosheit.

Das nächste Bild ist eine Federzeichnung. Mit ihr hielt ich die archaische Kraft fest, die ich empfand, wie sie das Leben, dem sie längst überdrüssig war, festhielt. Ja, das Leben ließ sie nicht los; und so erschien sie mir als gleich einem Baum, der nie keimen musste, sondern aus seinem alten Holz wieder und immer wieder Wurzeln schlug und sich fest in der Erde verkrallte.

Das Senryū zum Bild:

Der alte Baum knarzt
Derweil ihn der Sturm entlaubt
Schon fällt er ins Moos.

Bei unserem letzten Besuch bei ihr vor drei Wochen machte ich im Abendlicht ein paar Fotos von ihr. Sie war nun in einem Zustand, in dem sie uns vollkommen fremd geworden war. In den vier vergangenen Wochen, in denen wir sie nicht mehr sahen, hatte sich ihr Gesicht vollkommen verändert. Auch wenn sie apathisch und dissoziiert wirkte, war sie dennoch präsent. Sie erkannte Fotos von ihrer Mutter und ihrem Mann wieder und konnte sich auch zeitlich zuordnen. Ich machte eine Skizze von ihr, dazu schrieb ich folgenden Vers:

Sie sieht so fremd aus
Wie wenn sie sich vergessen
Ihr wahres Gesicht?

Vier Fotos druckte ich aus und übermalte sie, dazu entstanden folgende Senryūs:

Sieh deine Tochter
Sie fleht nach deiner Liebe
Doch du weist sie ab.

Traurig ihr Anblick
Schmerzlich ihre Ablehnung
Sie stirbt unversöhnlich.

Gegen Wundliegen
Dreht man sie sechsmal am Tag
Ihr Hass bleibt stabil.

Sie will längst sterben
Nur ihr Leben hält sie fest
Augen ohne Glanz.

Nachstehend sehen sie alle Bilder in der Reihenfolge ihrer Erwähnung.

Und dann starb sie – nicht

 

Der alte Baum knarzt

 

Sie sieht so fremd aus

 

Sieh deine Tochter

 

Traurig ihr Anblick

 

Gegens Wundliegen

 

Sie will längst sterben

 

 

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