Spirituelle Ausbeutung

Narrenguru ©Mala

Zum späten Mittag, wenn die Sonne schon eine Weile den Zenit passiert hatte, dafür aber die Hitze am drückendsten wurde und Mensch und Tier den Schatten suchten, um eine Weile zu dösen, erwachte der Faun im alten weisen Mann. Seine Sicht auf die Welt flirrte daraufhin ebenso wie die Mittagshitze, und er begann, absonderliche Ideen zu formulieren, als würde er selbst bocksfüßig und flötenspielend durch die Lüfte schwirren. Es war die Stunde, in der ihm seine Schüler träge lauschten, und er so manche Spitzen verteilte, um ihrer Sicht eine andere Richtung anzubieten. Dabei beschwor er so manches Missverständnis herauf; schließlich sah er sich nicht als der Lenker ihrer Weltsicht, sondern meinte von sich, dass er nur spirituelle Brillen anbot. – Eine seinerseits durchaus dünkelhafte Haltung, denn letztlich dressierte er seine Schüler nur in seinem Sinne.

„Die Wahrheit ist ein weites Feld und scheu wie ein Reh. Ihr müsst alles überblicken und euch ihr vorsichtig nähern …“, schwadronierte er. Da überwand ein Schüler seine mittägliche Lethargie und erwiderte mit leichtem Spott: „Wahrheit ist weder Feld noch Reh, weder weit noch scheu. Sie ist schlicht Wahrheit und in jedem Auge eine, doch nie die meine.“

Irritiert über die ungewohnte Unterbrechung seiner gedanklichen Bocksprünge, ranzte der Guru: „Oh, wie scharfsinnig, da sehe ich gleich ein Feuerwerk an Wahrheit blitzen, in dem jede Wahrheit rasch verblasst.“

„Schönes Bild, doch auch eine ausgebrannte Wahrheit, erleuchtet die Dunkelheit. Dazu muss man aber selbst seine eigene Dunkelheit erkennen, um ihr den Raum zu geben, um funkensprühend zu begeistern.“

„Begeisterung aus Umnachtung …“, witzelte der Guru dazu.

Da stand sein Schüler auf und verließ den Kreis. Der Guru aber, wissend, dass er nicht mehr zukehren würde, rief ihm nach: „Gehe und gründe deinen eigenen Ashram. Du bist so weit, die Wahrheit glüht in dir.“

Daraufhin wandte sich der Schüler noch einmal um: „Meine Wahrheit ist so weit, dass auch dein Leichtsinn in ihr Raum hat.“

Der Guru lachte darauf ehrlich und glücklich, denn er wusste in dem Moment, sein einstiger Schüler würde künftig eine weitere Masche im Netzwerk spiritueller Ausbeutung sein; denn seine Replik zeigte, er hatte den Schwindel durchschaut, man musste nur hü und hott gleichzeitig sagen, um die Gedanken der Schüler zu verwirren und selbst als weise zu gelten. Das ging für gewöhnlich so lange, bis sie gingen, um den Ruf ihres Lehrers in der Welt zu verbreiten oder eine eigene Schule zu gründen, worauf sich künftig die beiden Halunken, Guru und Schüler, ob ihrer Weisheit gegenseitig in den Himmel lobten. Denn nichts beeindruckt einen gemeinen Schüler mehr, als wenn sich zwei Toren gegenseitig Weisheit bescheinigen.

Falls Sie meinen, ich übertreibe, dann schauen Sie hinaus in die Welt, dort geschieht es alltäglich, dass sich zwei Nichtsnutze gegenseitig Testimonials ausstellen. Wobei sie nicht einmal etwas wirklich korruptes tun. Nein, sie tun nur, was von ihnen erwartet wird. Sie gaukeln ihren Anhängern nur vor, wie diese sie gerne sehen wollen.

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