Lichtbringer

Ein weiterer Blogbeitrag zum Sinn des Lebens. Er bringt wenig neues, außer ein paar mäandernde Gedanken zur zeitlosen Frage: Gibt es Gott, und wenn nicht, was macht sonst noch Sinn? Wobei ich mich der Gottesfrage enthalte, da sei schon Doktor Google vor, er bietet auf sie binnen 0,46 Sekunden 234.000 Antworten, was so gut wie keine ist. Denn verspricht ein Problem so viele Lösungen, kann es keines sein. Oder anders gesagt, es bleibt sich schnurzegal, ob es einen Gott gibt oder nicht. Hingegen ist es nicht egal, ob es Priester, Mullahs, Popen oder Pfarrer gibt; denn sie sind die Ideologen, die die Gedanken und Herzen der Menschen mit ihrer Vorstellung von Gott und ihren Ihm zugedachten Gesetzen vergiften. Gleich kommunistischer Politkommissare trennen sie die Menschen in Recht- und Ungläubige. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Sie kungeln mit den Mächtigen und segnen deren Waffen, mit denen sie notfalls auch das eigene Volk über den Haufen kartätschen lassen. Die Schandtaten ihrer Gläubigen zu rechtfertigen und ihnen dabei noch ein gutes Gefühl zu vermitteln, ist somit der eigentliche Sinn von Gottheiten.

Allein deswegen macht die Frage nach einem realen Gott so viel Sinn wie die Frage nach dem ewigen Leben. Wir haben nur dieses Leben, und es ist nicht zu übersehen, dass es für jeden von uns endlich ist. Allerdings haben sich einige Gottessucher eine besondere Geschichte ausgedacht. Sie ist so besonders, dass die Kirche sie mit Stumpf und Stiel tilgen wollte, auf dass niemand mehr an sie denken möge; nur es war wie alles, was aus der Büchse der Pandora einmal in die Welt gesetzt wurde, nicht mehr rückholbar. Ich meine die Geschichte von Hephaistos, Vulkan oder Luzifer. Sie waren die Lichtbringer, die dem Menschen das Feuer brachten und somit die Zivilisation stifteten. Hephaistos und Vulkan waren, als das Christentum begann, schon sieche Götter. Luzifer hingegen entstand wie das Christentum für dieselbe Mär aus den Hirngespinsten weltabgewandter Gnostiker. Er war der Lichtbringer, der sich zu weit aus der himmlischen Sphäre lehnte, weil er meinte, sein Licht genüge ihm. So kam es, dass ihn die Dunkelheit einfangen konnte, wodurch es zu einem Weltbeben kam. Denn der Demiurg – der Geist der Dunkelheit – benützte das himmlische Licht, um ein Abbild der strahlenden Schöpfung zu schaffen. So entstand das Universum und mit ihm das Jammertal der Erde. Doch das Licht konnte er nicht tilgen. Es strahlt seitdem als Seelenfunken in jedem Menschen fort. Folglich wären wir Menschen weil luzide Funken alle Teufelsbrut.

Versöhnend ist allerdings, dass wir Kinder Luzifers unser Licht in den Himmel zurücktragen werden. So verspricht es uns jedenfalls das Christentum, das als einzige gnostische Sekte der Zeitenwende überlebte. Jetzt zu Ostern feiern wir wie zu Weihnachten auch ein Lichterfest, das die Überwindung des Demiurgen, der Dunkelheit, symbolisiert. Christus führt die Seelen ins Licht zurück. In dieser Pose wird er in den nordischen Kirchen abgebildet. Christus als Lichtbringer im Strahlenkranz seiner Mandorla. Doch das ist eine täuschende Symbolik; denn er bringt kein Licht, sondern entführt es. Er nimmt es mit. Entsprechend war das Christentum über 2000 Jahre eine Ideologie der Verdummung. Jedenfalls bis in die Renaissance hinein, war die Kirche so mächtig, dass sie das Volk für blöd verkaufen konnte. Und wie reagierte sie auf die dann beginnende Aufklärung? Mit Hexenverbrennung! Einem 150 Jahre anhaltenden Terror gegen die Bevölkerung, denn es brannten 60.000 Frauen wie Männer im Verhältnis 3:2.

Nein, Christus war kein Luzifer, kein Lichtbringer. Er war kein Menschenfreund, der uns Erkenntnis – Gnosis – brachte. Er war nur ein herrschsüchtiger Rebell, der sich nach seiner Scheinhinrichtung nach Kaschmir verzog[1], und somit ein Gott weniger, der auf Erden wandelte. Sein Eklektizismus bediente die Sehnsüchte aller, die durch die römische Herrschaft erniedrigt worden waren, indem er ihnen den Ausgleich ihrer Schmach im Jenseits, also im kühlen Grab versprach. Erkenntnis aber brachte er nicht. Jedenfalls ist von ihm keine naturwissenschaftliche Einsicht oder gesellschaftspolitische These überliefert, die es nicht schon vor ihm gab – außer vielleicht, dass er der Natur trotzte und über Wasser ging und von den Toten auferstand. Die womöglich dahinterliegenden Gesetze der Quantenmechanik behielt er jedenfalls für sich.

Erkenntnis und nicht Glaube oder Dogma ist aber die Eigenschaft, die der mythische Luzifer in die Welt trug. Sie war tatsächlich das Licht der Menschheit und könnte es auch heute sein, wäre der Mensch mitgegangen. Doch er tat es nicht. Die meisten Menschen blieben irgendeiner Ideologie verhaftet, egal wie der Ismus auch heißt, sie folgen dem Satan, dem Seth, dem Gott der Nacht, der Dunkelheit. Schließlich umnachtet jeder Ismus den Geist und die Erkenntnis. Folgerichtig sind auch jene, die sich Satanisten nennen, umnachtete. Ja, erst wenn wir auch den Mythos des Luzifers zerbrechen, haben wir eine Chance frei zu werden. Was bleibt ist lernen, und bereit sein, Gelerntes zu verwerfen, sobald es dank besserer Erkenntnis widerlegt wurde. Allerdings sollten wir auch hier wachsam bleiben, denn unsere Wissenschaften sind inzwischen von Ideologien durchseucht, unsere Hochschulen sind zu einem Hort totalitärer Volkserzieher geworden, wie sie Orwell vor über 70 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg skizzierte. Und es gab seitdem trotz faktischer Erkenntnisse keine Luft, keine bessere Zeit, kein Licht von Erkenntnis. Wir stolperten gut gebildet von einer ideologischen Verblendung zur nächsten: McCarthyismus, Maoismus, Sozialismus, Ökologismus, Neoliberalismus, Islamismus, Feminismus, Genderismus usw. usf.

Jüngst las ich Texte von Jiddu Krishnamurti, die jemand aus dem Kreis seiner Nachlasspfleger ausgewählt hatte, um die Notwendigkeit der Verbreitung seiner Lehre für den Weltfrieden zu untermauern. Ich musste lachen, ob des Dünkels und der Hirnverdreherei, die da durch die Zeilen spukte. Und ich lachte zugleich darüber, mit welch bitterem Ernst ich einst selbst seine Gedanken wie eine Monstranz vor mir her trug. Dabei ist das Leben viel einfacher und umso viel schöner, solange man es schlicht lebt, solange man in seinem Fluss bleibt. Es trägt einen von der Quelle bis zur Mündung. Je weniger Ismen es für einen selbst stauen, umso wilder, tiefer, kräftiger und erquickender ist es in jedem Moment.

Ganz besonders bedeutsam ist, dass wir es von Anfang fließen lassen, also unsere Kinder nicht in unsere Fußstapfen zwingen, sondern ihnen stets die Wahl lassen, das Leben selbst original zu entdecken. Leider tun wir das nicht. Noch im Januar verschreckten wir sie mit der Klimakatastrophe, heute ist es eine Pandemie, morgen wird es die Wirtschaftskrise und übermorgen ein Krieg sein. Vor lauter Phantasmen und vor lauter Angst überantworten wir sie Wahrheitsministerien, die im Grunde wir selbst sind, weil wir sie nicht loslassen wollen, weil wir durch sie unser eigenes sinnentleertes Leben perpetuieren wollen. Ja, wir wollen es nicht dulden, dass andere ihre und nicht unsere Wahrheit leben. Wir brauchen die Mitträger unserer Meme[2], damit wir durch sie Beständigkeit und vermeintliche Fortdauer erhalten. Was letztlich nur verblasener Dünkel ist. Das Leben ist unbeständig, panta rhei, alles fließt. Das zuzulassen macht Sinn. Sich selbst der Sinnlosigkeit anheim zu geben, ist demnach höchster Lebenssinn. Denn nichts ist lebendiger als das Leben selbst. Baden wir in ihm, lassen wir uns forttragen; selbst wenn die äußeren Umstände bitter sind, ist der Lebensstrom die einzige unverfälschte Wahrheit. Ihm dürfen wir vertrauen. Zünden wir an seiner Wahrheit unsere Laterne an.

[1] Jesusgrab Srinagar https://de.wikipedia.org/wiki/Yuz_Asaf

[2] Meme sind soziokulturelle Bewusstseinsinhalte https://de.wikipedia.org/wiki/Mem

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