Religiöse Versprechungen, eine wahre Geschichte kastrierten Mannesmutes

Willi © Matthias Mala

Vor langer, langer Zeit, im Jahre 1881 stand der Ochse Willi auf einer saftigen Wiese bei Berg am Würmsee. Auf der Weide daneben wurde gerade der Stier Schorschi am Nasenring geführt, um eine stierige Kuh zu bespringen. Willi hatte keine Ahnung, was da wirklich vor sich ging, doch an Schorschis rollenden Augen, seinem Schaum vorm Maul und seinem kehligen Muhen schloss er, dass Schorschi gerade etwas sehr beglückendes durchlebte. Also fragte er ihn später, was er tun müsse, um gleichfalls solche Freuden erfahren zu können.

Schorschi blickte Willi spöttisch an und wollte schon einen derben Witz reißen, doch dessen einfältiger Blick stimmte ihn mitleidig und er schaukelte erstmal seine Hoden, vor Willi, ehe er begann, dem Ochsen diesen Bären aufzubinden.

„Weißt du Willi, dir fehlen die Klöten der Glückseligkeit; deswegen kannst du mit deinem Pimmel nur pissen, und deswegen ist er auch nur für den Ochsenziemer gut, mit dem mir der Bauer Paroli bietet, sobald mir die Flinte juckt.“

Willi schaute Schorschi begriffsstutzig an. Also hob der seine Erklärung ins Metaphysische, denn hierfür, das wusste er, hatten alle Ochsen eine Schwäche. „Pass auf, Willi“, fuhr er fort, „wenn du mal stirbst, was passiert dann?“

Willi klotzte zum Himmel hinauf: „Dann ist ausg‘ochst. Ich werde vom lieben Gott wiederkäut und komme als ein Lipizzaner wieder.“ Dabei schob sich aus der Tiefe seines Pansens ein schöner Grasknödel in sein Maul. Somit legte er sich ins Gras, begann wiederzukäuen, und träumte davon, wie er als Pferd über eine Koppel sprang.

„A so a Krampf“, raunzte Schorschi und holte Willi wieder in die Wirklichkeit. „Beim Abdecker wirst landen, und der macht a Stück Leder und a Dutzend Seife aus dir. Außer …“, und damit hielt Schorschi seine Rede bedeutungsschwanger an. Willi sah ihn erwartungsfroh an: „Außer was?“. „Außer du läufst gegen Ende August freiwillig mit dem Metzger mit, dann wirst d‘ a Held, ein Umweltaktivist.“ Die letzten Worte flüsterte Schorschi nur. „Ein Umwelt-akt … Aktivist …?“, flüsterte nun Willi seinerseits. „Was ist denn das?“

„Nun, Willi,“ und der Stier warf sich in Pose, „du weißt doch, dass wir mit unseren Methankopperern und Schörßen den Treibhauseffekt befördern und schreckliche Klima-Hufabdrücke hinterlassen.“

„Wie, was? Klimaklauenabdruck? Du glaubst doch ned, was diese Stadterer daherplappern, wenn sie an der Weide stehen und mit ihren dünnen Zipfeln auf den Elektrodraht brunzen?“

„Doch, doch, Willi, da ist was wahres dran. Wir furzen und rülpsen die Menschheit aus der Eiszeit“, erwiderte Schorschi, „und du, bist da ganz schlimm dabei, weil‘s d‘ a Ochs bist, und a Ochs schoaßt und rülpst nun a mal mehr als a Stier, weil’s a so ist. Host mi?“.

Willi klotzte eine Weile still vor sich hin: „Und jetzt, was hat das mit dem Metzger zu tun. Und wieso bin ich dann ein Klima Aakaaa…“, er hatte das Wort schon wieder vergessen. „Nun weil’s halt so is. Indem dass du kein irdisches Rindvieh mehr bist, gehst du ein in den großen Wiederkäuer, der dich dann als hübschen Stier – so wie ich einer bin – ins Paradies setzt. Dir wird dann ein Stierbeutel wachsen, größer als meiner und eine Herde von 72 Färsen wird dir gehören. Und wenn du sie bestiegen hast, werden sie sich wieder verschließen und neue Färsen sein.“

„Ach, du meinst, das wird dann so ein Ding wie mit den 72 Jungfrauen?“

„Ja, so in etwa, nur wächst denen dann wieder eine Vorhaut, weil sie ihre Hoden ja noch haben.“

„Aha, den Jungfrauen?“

„Oh Mann, bis du ein blöder Ochs! Doch nicht den Jungfrauen, sondern den Aktivisten.“

„Ah, jetzt glaub ich, ich hab‘s kapiert. Du meinst, die Ochsen in der Ochsenbraterei auf Minga zum Oktoberfest sind allesamt Märtyrer?“

„Ganz genau, Willi. Also du läufst zum Metzger, drehst am Spieß, wirst aufg‘fressen und nacha gehst als Stier ins Paradies ein. Das hat doch was? Es gibt ned so viel Ochsen, die Märtyrer werden!“

Willi klotzte wieder eine Weile blöd vor sich hin. Dann meinte er schließlich: „Weißt du Schorschi, irgendwie stimmt dein Aakaa …“

„Aktivist!“

„Meinetwegen. Also irgendwie bin ich von dieser Märtyrphysik …“.

„Metaphysik!“, unterbrach ihn der Stier.

„Ist doch das gleiche. Irgendwie bin ich davon überzeugt, dass man für das Klima und den großen Wiederkäuer Opfer bringen muss. Also lege ich jetzt Zeugnis ab und werde Märtyrer. Denn nur wenn ich mich opfere, wird der Glauben wahr; schließlich würde jeder Ochs sagen, ich muss schon ein blöder Ochse gewesen sein, wenn ich mich umsonst geopfert hätte und keinen Stierbeutel samt 72 Jungkühen im Paradies bekommen hätte.“

So also ging der Willi als erster Ochse erhobenen Hauptes zum Metzger, der ihn mit einem wuchtigen Schlag betäubte und ausbluten ließ. Seitdem folgten Willi einige tausend Ochsen nach, die alljährlich auf der Wiesn in der Ochsenbraterei verschlungen wurden. 2018 waren es 130 Stück. Die Klimabilanz verbesserte ihr Märtyrertod allerdings nicht. Die Menschen, die sie auffraßen, furzten und rülpsten selbst wie Ochsen und in der Kläranlage Großlappen gasten die verdauten Reste aus. Allerdings soll es alljährlich noch viel mehr Ochsen geben, die ob der Aussicht auf 72 Jungfrauen, die jede Nacht wieder runderneuert werden und danach richtig stierig sind, als Märtyrer in den Tod gehen. Freilich kam noch keiner dieser Ochsen – auch der Willi nicht – zurück, um die Allmacht seines Gottes zu bezeugen.

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