Blasen, nichts als Blasen

Von Mtag – Eigenes Werk, CC0,

In der Ludwigskirche in München findet sich das zweitgrößte Altarfresko der Welt. Es wurde von Peter von Cornelius gemalt, der bei den Nazarenern, einer romantische Künstlergruppierung, maßgebend war. Das Fresko zeigt das Jüngste Gericht, oder auf die sozialen Internetmedien übertragen die Filterblase Jesus, samt seiner Trolle. Denn zu seiner Rechten fahren die Guten, vorwiegend Frauen und Kleriker in den Himmel, während zu seiner Linken die Sünder in die Hölle fallen. Dazu ein illustratives Aperçu, zur Linken des Herrn, fährt auch der Geheimrat Goethe (zweite Reihe von unten rechts) ob seiner Völlerei ins Fegefeuer. Allerdings ist sein Körper gut definiert, was wohl eher als eine zynisch paradoxe Anspielung auf seine tatsächliche Leibesfülle zu verstehen ist.

Jedenfalls ist in diesem Fresko alles enthalten, was der Heiland für seine funktionierende Welt brauchte: Jünger und Feinde. Feinde waren alle, die nicht seine Anhänger waren, also Römer und bibeltreue Juden, die sich von seinen kruden Ideen unbeeindruckt zeigten. Krude waren seine Ideen aus jüdischer Sicht allemal. Als Prophet hätte man ihn womöglich noch toleriert, aber als Gottessohn niemals. Das war Blasphemie.

Dazu fällt mir ein, dass das „Heilandsalter“ bei 33 Jahren liegt. Damit meint der Volksmund, dass ein junger Mann spätestens mit 33 den jugendlichen Sturm und Drang samt der revolutionären Rechthaberei ablegt und zur Verwirklichung der eigentlichen Dinge des Lebens schreitet, das heißt häuslich wird, Familie gründet und die verbliebenen Flausen an der Realität misst. – Demnach könnte man auch sagen, dass das Neue Testament im Grunde die Geschichte eines Heißspornes ist, der sein junges Leben seiner reinen Lehre wegen in den Sand gesetzt hatte. Jedenfalls denke ich mir, sähe heute das Christentum anders aus, wäre der Gesalbte 66 Jahre oder älter geworden.

Egal, was ich skizzieren will, ist dass wir Menschen uns gerne zusammenrotten. In einer Rotte fühlen wir uns geborgen, anerkannt und zugehörig. Die Rotte verleiht dem einzelnen Schutz und Macht. Dazu braucht es aber auch den Fremden, jenen, der nicht zur Rotte zählt. Jetzt im Sommer können wir dieses Verhalten auf jeder Liegewiese beobachten, da rotten wir uns zu Gruppen zusammen, bilden Kreise, die Gesichter nach innen, das ist kommunikativ, die Rücken nach außen, das ist abgrenzend und abwehrend. Jeder Mensch versteht dieses Verhalten und wird sich nur mit Bedacht einer solchen Gruppe nähern. Streitigkeiten entstehen dann, wenn Fremde diese Kreise stören, oder wenn die eine Rotte, das Bier einer anderen aus deren Träger im Bach nimmt.

Einerseits bietet eine Rotte Annehmlichkeiten, andererseits werden sie nur zum Preis der Einordnung gewährt. Nur wer ihre Hierarchie anerkennt und den gleichen Trommelschlag, sprich Zungenschlag beherrscht, darf in der Rotte bleiben. Andernfalls wird er ausgegrenzt und kann, sofern er die Bindung nicht aufgibt, unter Umständen als Schamane oder seltsamer Heiliger am Rande überdauern. In der Antike waren es die Säulenheiligen, später in der Kirche die Einsiedler, die ihrerseits durch ihre karge Existenz, indirekt zumindest in ihrer Feigenblattfunktion das Wohl der Gemeinschaft belebten. Schließlich konnte sich so die Rotte ihrer Toleranz rühmen, ihr Image pflegen und zugleich unruhigen Geistern zeigen, was ihnen blüht.

Aktuell können wir dieses redundante Verhalten an den Konflikten zwischen Einwanderern und Einheimischen ablesen. Wann immer es ein Verbrechen gibt, wird es instrumentalisiert, um seine eigene Gutmenschlichkeit zu demonstrieren, wobei sich links wie rechts dabei in nichts nachstehen. Dabei erhellt derlei Vereinnahmung im Grunde nur die Intoleranz der Rotte und ihren Willen zur Ausgrenzung, um ihrer inneren Befriedung willen. Man rückt ob der äußeren Feinde zusammen, wodurch die eigene Weltsicht noch wahrer wird, denn der Feind nimmt das Gesicht an, das man von ihm zeichnete. Falls er es nicht tut, ist es ebenfalls recht, denn durch seine erkennbare Reaktanz, durch die er seinem Image widerspricht, zeigt er nur seine besondere Hinterhältigkeit.

Nirgendwo lässt sich dieses destruktive Verhalten besser beobachten, als bei den Religionen. Bei ihnen geht es im Grunde nie um das wahre Leben, sondern immer nur um theologische Blasen, um Glauben und somit um vollkommenes Unwissen, das allerdings als Wissen blutig verteidigt wird. Sie sind nichts weiter als Luft, Luftblasen, Gedankenblasen, die zur geistlichen Realität werden. Indessen geschieht dabei wundersames: aus dem Nichts der Gedankenblasen, entstehen Götter, Tempel, Klöster, Macht und Reiche. Menschen verdienen und überleben, verarmen und sterben an dieser Nichtigkeit. Es im Grunde eine Geisterwelt, die so entsteht. Eine Welt für Geister, getragen von echten Menschen, die durch derlei Ideologie ihr wahres Leben leugnen und zu Untoten werden.

Helfen könnten sich solche Menschen nur selbst, indem sie Einsicht zuließen. Doch das ist schwer, denn der Glaubensgegenstand ist für den Gläubigen nicht nur eine Trost und Hoffnung spendende Wirklichkeit, sondern auch Teil seiner Identität. Er ist Christ, Muslim, Hindu oder Buddhist und jeder Verweis auf die Nichtigkeit seines Gottes ist für ihn Gotteslästerung, und die kann für den Lästerer tödlich enden.

Interessant ist dabei für mich vor allem das Zusammenspiel, das hierbei der Gläubige kreiert. Er braucht den Ungläubigen, um in seinem Glauben stark zu sein. Er braucht die Bedrohung, um standhaft zu bleiben. Er malt sich seinen Feind selbst hinter den Altar in den Osten hinein. Dort im Osten im Sonnenaufgang waltet Gott in seiner Herrlichkeit und von dort aus jagt er seine Feinde zur Hölle … und so kreist der Wahnsinn inzwischen säkularisiert, zwischen Klimarettern und Hedonisten, zwischen Linken und Rechten, zwischen FC Bayern und Borussia Dortmund und er wird kein Ende haben, denn der Wahnsinn ist identitätsstiftend. Vielleicht sollten wir eine Kirche des Wahnsinns stiften, ihr Gott wäre ein Idiot und wir Menschen ihm ebenbildlich.

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