Ich werd‘ dann mal pfäffisch

Hinblick © Matthias Mala

Pfarrer beziehen sich in ihren Predigten gerne auf kleine Begebenheiten, die das Leben schrieb; etwa die Geschichte von der armen alten Frau – alte Frauen, sind immer arm, während alte Männer stets weiß und toxisch sind, so jedenfalls die feministischen Topen – egal, Pfarrer sind um Gleichnisse bemüht. Das haben sie von ihrem Heiland, der laut Neuem Testament ein Gleichnis ums andere erzählte, um hierdurch das Falsche vom Richtigen zu unterscheiden. Also versuche ich mich auch in dieser Disziplin und greife den Schwank von der Tempelreinigung auf.

Die Geschichte erzählt, wie Jesus mit einer Geißel durch die Vorhallen des Tempels stürmte, dabei auf die Opferhändler und Geldwechsler einschlug und ihre Stände umstieß, weil er der Ansicht war, dass sie durch ihr Gewerbe den Tempel entweihten. Deswegen auch die stehende Redensart, „jemanden zum Tempel hinausgeißeln“, um die Reinigung einer Organisation von ihr schädlichen Elementen zu umschreiben. Jesus war als gnostischer Jude ein Revolutionär, der die hergebrachte Ordnung für Teufelswerk hielt. Aus dieser moralischen Selbsterhöhung zog er das Recht, andere Menschen auszupeitschen und ihre Lebensgrundlage zu zerstören.

Soweit die gleichnishafte Vorrede, denn nun werde ich pfäffisch, indem ich einen weit hergeholten Sachverhalt verwende, um gleichermaßen zu moralisieren. Allerdings moralisiere ich politisch unkorrekt, denn meine Philippika richtet sich gegen den Lobgesang zugunsten der heiligen Greta Thunberg, der Lichtgestalt aller Schulschwänzer und sich um die politische Mitte scharender Populisten und ihrer Apologeten. Jedenfalls scheint es derzeit eher politisch korrekt und durch die eigene Moral gerechtfertigt zu sein, gleich dem Heiland für eine gerechte Sache zu wüten, indem man Polizisten die Knochen zertrümmert und sie mit Fäkalien, Brandsätzen und Pflastersteinen bewirft; zumal man dazu von Beifall skandierenden Medien gar als Aktivist und nicht als Randalierer oder Terrorist bezeichnet wird.

Derlei Angriffe sind zudem nicht neu. Sie wurden seit 1968 eingeübt und verfeinert, so dass Polizisten heute Demonstrationen in Rüstungen aus trümmerfestem Plastik „schützen“ müssen. Wobei sie weniger Demonstranten als sich selbst und Unbeteiligte vor den handfesten Attacken dieser „Demokraten“ schützen müssen. Danach ging es gegen Nachrüstung, Wackersdorf, Startbahn West, Stuttgart 21 bis hin zum gleichnishaften Einsatz für eine schadstoffarme Welt, indem man das Mohrrübenfeld von Bauer Willi niedertrampelte und ihn ob seiner Klage darüber kollektiv verhöhnte. All diese Ereignisse offenbarten für mich die immergleiche Fratze der moralisch Überlegenen. Um keinen allzu schrägen aktuellen Vergleich zu bemühen, greife ich  deshalb als Beispiel auf die Missionierung Lateinamerikas vor 500 Jahren zurück. Damals ließen die Missionare unbekehrbaren Indios die Nase abschneiden, um die wankenden zu überzeugen, dass es für sie gesünder wäre, sich taufen zu lassen. Sie machten sich darüber kein Gewissen, empfanden sie sich doch derart moralisch überlegen, dass sie gar daran zweifelten, ob Indios auch Menschen seien.

Die gnostische Dichotomie dieses moralischen Rigorismus ist unübersehbar. Er rechtfertigt für die gute, moralisch überlegene Sache jede Einschränkung und Gewalt. Es geht um Gut oder Böse, und das Böse muss radikal bekämpft werden, soll das Gute nicht auf der Strecke bleiben. Interessant ist, dass die Kirchen sich den überkommenen Zeitgeist der 68er zu eigen gemacht haben. Sie tun dies aktuell, um sich dem vermeintlich rotgrünen Mainstream anzudienen und hierdurch ihre schwindende Bedeutung zu überwinden. Muslimische Geistliche tun dies, um durch den aktuellen Hang zu moralisch politisch korrekter Diversität als starke Minderheit mehr Rechte und mediale Anerkennung zu erhalten. Es geht dabei der Geistlichkeit insgesamt weder um Moral noch Spiritualität, sondern um profane Macht.

Allerdings muss ich an dieser Stelle erkennen, dass ich mit meinem pfäffischen Versuch, die Tempelreinigung als Gleichnis für die Wiederkehr der Moral in den Alltag durch soziale Krieger zu begrüßen, einmal mehr mein Ziel verfehle und beim schlichten Defätismus ende. Jedenfalls ist Moral das falsche Instrument, die Welt zu verbessern. Moral war schon immer das enge Korsett, in das die Obrigkeit Menschen schnürte, damit sie funktionieren und sich dabei selbst kontrollieren und sanktionieren, während die Moralaposteln Wasser predigen und Wein trinken. Gerade grüne Politiker blamierten sich in den letzten Tagen, als man ihnen ihre von ihnen selbst stolz im Internet dokumentierten Ausflüge an alle Enden der Welt vorhielt. Auch unser heutzutage vermeintlich locker geschnürtes moralisches Korsett ist ein eng geschnürtes, was jeder schmerzhaft erfährt, der gegen die neuen moralischen Standards verstößt.

Wer andere schurigeln muss und möchte, um seine moralische Überlegenheit zu zelebrieren, hat ein Problem mit sich, mit anderen Menschen und seinem Verständnis vom Miteinander. Er ist zumindest autoritär und respektlos. Er möchte mit einer schwarz-weißen Konstruktion herrschen und zugleich den Beherrschten ein schlechtes Gewissen implementieren. Er ist im Grunde selbst ein böser Mensch; denn niemand zwingt einen anderen in ein psychisches Korsett, wenn er nicht selbst voller Unzulänglichkeit ist. Selbstverständlich sieht das kein Moralist so; schließlich ist er unfähig zur Selbstreflektion. Vielmehr will er eine äußere Welt schaffen, die seinen eigenen Makel überblendet. Ja, so geht die maligne Magie der Macht seit wir begannen, Bilder an Höhlenwände zu malen. Wir haben seitdem kaum wesentliches dazugelernt.

Dabei wäre es so einfach, könnten wir dem uralten ethischen Prinzip: „Liebe deinen nächsten wie dich selbst“, folgen, das schon im Alten Testament zu finden ist (3. Mose 19,18). Nur müssten wir dazu mutig in uns hineinschauen, um zu erkennen, dass wir ‑ außer vielleicht einem übermächtigen narzisstischen Komplex ‑ wenig Eigenliebe und Zutrauen zu uns selbst besitzen. Lieber bändigen wir uns selbst, indem wir andere bändigen. Nur wenn wir dieser Selbstkasteiung Einhalt gebieten und die Geißel, mit der wir uns und andere ziemen, beiseitelegen, schaffen wir den Raum, in dem Wandlung geschehen kann. Es sind Momente der Innenschau, die sich zur Außenschau weiten. Wir schauen von innen nach außen ohne etwas verändern zu wollen, wir lassen nur unser Inneres frei, damit es sich im Raum verlieren kann und als Einsicht in uns zurückkehrt. Es folgt ohne Tun dem, was wir sonst verbissen tun; und sofern wir es recht tun, dürfen wir darauf alsbald über uns mitleidig lächeln …

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