Freigeist

Wolkenbrücke © Matthias Mala

Irgendwann wird es einem jeden, der kritisch in die Welt blickt, zuviel. Was er sieht, ist immer wieder das gleiche Elend. Seit Beginn der Menschheit herrschen Einfalt und Gier, gibt es Kriege und Not. Die Zeiten, in denen es für eine Generation Frieden gab, sind rar und wenn, gab es dafür meistens Gewalt und Unterdrückung im inneren des Landes. Wer also von der Dummheit in der Welt und um einen herum genug hat, nimmt sich irgendwann die Freiheit, frei zu sein. Häufig geschieht das wie eine Infektion, die sich gesellschaftlich ausbreitet. Plötzlich verändern immer mehr Leute ihren Lebensstil, rotten sich zusammen und proklamieren einen „alternativen“ Lebensstil. Das war schon in der Antike so und ist heutzutage nicht anders. Meistens haben diese Bewegungen einen religiösen oder zumindest heilsbringenden Charakter. Allerdings kann dieses Heil für viele tödlich enden. Mit Luther begann nicht nur die Reformation, sondern auch die Hexenverfolgung. Marx‘ Theorien führten zum kommunistischen Massenmord, und der euphorischen Hatz in den ersten Weltkrieg folgte der Faschismus in Europa.

Daneben gab es ein paar versponnene Auswüchse wie die Romantik, die Wandervögel oder der Auszug der Esoteriker zum Monte Verità nach Ascona. In der Hippie- und alternativen Bewegung wiederholten sich die Spinnereien überdrüssiger Bürger und ihrer Kinder zum hundertsten Mal, seit wir Menschen begannen, unsere Höhlen auszumalen; und dieser Zug zur Avantgarde hält an. Freiheit ist nicht nur das Gefühl, von gesellschaftlichen Zwängen frei zu sein, sondern auch keiner überkommenen Gemeinschaft mehr anzugehören.

Setze ich also man mein Freiheitsverlangen um, ist dies zunächst einmal meine private Angelegenheit. Dabei werde ich verwundert feststellen, dass mein Aussteigen aus Verpflichtungen und Zwängen tatsächlich ein enormes Glücksgefühl mit sich bringt. Allerdings verrauschen Glücksgefühle relativ rasch, sobald das Leben in Freiheit alltäglich wird. Folglich suche ich nach Belebung meiner Glückshormone, indem ich andere dazu anstifte, gleichermaßen auszusteigen; denn in der Gemeinschaft lässt es sich leichter glücklich sein. Jedoch wird es dann mit der gewonnenen Freiheit schon problematisch; denn jede Gemeinschaft zwingt zum aufeinander zugehen und damit zur Beschränkung von Freiheit durch Rücksichtnahme und Regeln und endet schließlich in altbekannter Hierarchie.

Vermeide ich diese Gefahr, indem ich alleine bleib oder mich in der überschaubar trauten Runde einer wirklich guten Familie aufhalte, kann ich mir meine Freiheit bewahren. Freilich muss ich sie dazu auch pflegen und verteidigen. Freiheitspflege ist Selbstdisziplin und die basiert ihrerseits auf Selbstreflexion. Mir klar zu sein, wann ich mich korrumpieren lasse, wann ich mich um eines Vorteils wegen selbst verrate oder jemand anderen despektierlich abfertige, zeugt von Verantwortung für sich und seine Freiheit; schließlich befreite ich mich nicht, um mich in neue Knechtschaft zu begeben. Wobei insbesondere jede ideologische Knechtschaft, egal ob politisch, religiös oder philosophisch, zurück zur Unfreiheit führt.

Freiheit hat aber auch ihre Neider. Gebärde ich mich frei, bin ich eine Bedrohung für die Herrschenden und ihre Untertanen. Ja, der Untertan hasst den Freien noch mehr als der Mächtige. Der Mächtige ist zwar nicht frei, weil Teil seines Systems, gleichwohl besitzt er die Freiheit, hierzu widersprüchlich zu leben. Nur kann er es sich nicht erlauben, jemand anderen die gleiche Freiheit zu gewähren, weshalb er ihn in seine Schranken weisen muss. Ja, sein Untertan drängt ihn mehr als er sich selbst, denjenigen zu sanktionieren, der gegen die Regeln verstieß, indem er sich von der gesetzten Ordnung lossprach.

Bin ich allein, werde ich physisch und psychisch bedrängt und gegebenenfalls vernichtet. Bin ich in einer Gruppe, wird die Gruppe so bedrängt, dass sie zusammenrückt und damit ihre tatsächliche Freiheit zugunsten dem Ideal ihrer Freiheit aufgibt. Sie verrät sich also selbst, ohne sich bewusst zu verraten. Derlei Täuschung ist im übrigen die Grundlage jeder Demokratie. Letztlich ist Freiheit ein Privatissimum. Nur in der individuellen Freiheit vermag sie sich zu erhalten. Dies bedeutet, solange ich geistig unabhängig bin, bin ich frei; selbst wenn ich physisch gefangen wäre. Ein Freigeist bleibt ein lebendiger Geist – aber eben auch ein Geist!

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