Ideologiefreiheit

Religionsfreiheit © Matthias Mala

Das Wort Ideologiefreiheit kennt kaum einer, doch als Religionsfreiheit ist es heute allüberall im Munde jener, die sich die Freiheit herausnehmen im Auftrag ihrer Religion andere zu kujonieren. Es ist aber auch im Munde derer, die meinen, andere in ihrer Entfaltung einzuschränken, sobald sie sie daran hindern, ihre Mitwelt, die ihr Bekenntnis nicht teilt, zu schikanieren. Anscheinend ist Ideologie und insbesondere Religionsfreiheit eine komplizierte Angelegenheit.

Dabei ist es relativ einfach mit der Religionsfreiheit. Vom Standpunkt einer Religion aus gesehen, ist kein Gläubiger frei, sondern an seinen Gott, an den er glaubt oder zweifelt, gebunden. Seine Religion zu verlassen ist eine Todsünde. Gut, die Katholiken begnügen sich inzwischen mit dieser Feststellung und exkommunizieren den Abtrünnigen nicht einmal mehr. Die Protestanten laden den Flüchtigen womöglich noch zum Mandala ausmalen ein. Arg ist es hingegen bei den Muslimen, hier kann es dem Apostaten tatsächlich an den Kragen gehen, denn die nehmen es mit der Todsünde noch wörtlich. Entsprechend eifrig sind sie auch bei der Verfolgung ihrer Freiheit, ihre Religion ausüben zu dürfen.

Allerdings verstehen die religiösen Eiferer meist nicht, was Religionsfreiheit hierzulande wirklich bedeutet. Der Art. 4 GG benennt die Freiheit wie folgt:

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

Demnach meint Religionsfreiheit etwas ähnliches wie Meinungsfreiheit, nämlich das Recht seiner Ideologie zu folgen, egal ob sie weltlicher oder geistlicher Natur ist. Gleichzeitig stößt diese Freiheit dort an ihre Grenzen wo sie die Ideologiefreiheit einer anderen Person beschränkt. Das geht so weit, dass Kreuze im Klassenzimmer abgehängt werden müssen, während tibetanische Gebetsfähnchen über der Eingangstüre hängen dürfen, weil sich an denen niemand stört. Ich konnte das dieser Tage wieder einmal selbst beobachten. Dabei ist der Dalai Lama ein Freund der Faschisten. Unter anderem pflegte er Umgang mit seinem so wörtlich „nicht vollkommenen Freund“ Shoko Asahara, der für den Giftgasanschlag auf die Tokioter U-Bahn verantwortlich war, bei dem 13 Menschen starben und über 6.000 verletzt wurden.

Religionsfreiheit ist heute vielfach ein eher provokantes Spiel, bei dem Intolerante die Toleranzgrenze der Toleranten ausloten, um sich Bereiche des öffentlichen Lebens anzueignen und hierdurch letztlich religiöse Ansprüche zu etablieren. So sind inzwischen etwa Badetage nur für Frauen in öffentlichen Schwimmbädern eine Selbstverständlichkeit, die keine der christlichen Kirchen oder Feministinnen je allein hätte durchsetzen können.

Dabei ist Religionsfreiheit an sich ein passives Grundrecht, das jenem gewährt wird, der seine Weltanschauung leben möchte. Eingefordert werden kann sie nur, solange man an ihrer Ausübung gehindert wird. Dass die Ausübung der Religion häufig öffentlich geschieht, hat etwas mit dem Missionsbedürfnis aller Ideologen zu tun, egal ob Kommunist, Buddhist oder Feminist, sobald jemand von einer Idee durchdrungen ist, will er sie mit anderen Menschen teilen und diese überzeugen; denn geteilte Ideen verleihen jeder Ideologie und Religion Grund und Wahrheit. Erst dadurch wird man zu dem, an was man glaubt.

Das ist auch der Grund, warum so viele charismatische Personen oder jene, die sich dafür halten, sobald sie sich einen esoterischen Hintergrund angelesen haben, zum Guru werden. Eine Jüngerschar ist ihnen meist gewiss; denn Glauben braucht Glaubensunterweisung und Führung. Die Freiheit seinen Guru zu verehren und die Freiheit, seine Jünger zu kujonieren zählen darum unbedingt zur Religionsfreiheit. Grenzwertig ist hingegen, die Freiheit des oder der Guru, ihre Jünger sexuell zu belästigen. Häufig zählt das Bäumchen-wechsel-Spiel zum Kult und basiert auf fragwürdiger Einvernehmlichkeit; denn ein Abhängigkeitsverhältnis besteht in Kulten allenthalben. Es mag als Gegenseitigkeit verstanden werden, doch die psychische Macht des Gurus über seine Anhänger bleibt als Herrschaftsanspruch von erkennbar subtiler Dominanz.

Sexueller Missbrauch geschieht in allen Religionen und in allen Ideologien, Frau Parteisekretär wählt sich ihre Beischläfer aus und Herr Parteisekretär steht ihr nicht nach. So wurden Mao Zedong minderjährige Mädchen zugeführt; Sathya Sai Baba – nach dessen Tod in Andhra Pradesh eine viertägige Staatstrauer verkündet wurde – beliebte es, minderjährige Jungen zu vergewaltigen. Hingegen ging der Aktionskünstler Otto Muehl, Gründer der AAO-Kommune, für sieben Jahre ins Gefängnis, weil er Kinder beiderlei Geschlechts in seiner Kommune sexuell missbrauchte. Da also hatte die Freiheit des weltanschaulichen Bekenntnisses einmal ein Ende; was Muehl aber nicht verstehen wollte.

Aber auch Sektenführerinnen sind nicht ohne, das erfuhr die Moderatorin Michelle Hunziker, die sich über mehrere Jahre in den Fängen der Kriegerin des Lichts Clelia befand, zu deren Psychomethoden auch die sexuelle Kontrolle ihrer Anhänger zählte. Eine andere Sektenführerin, Slyvia Dorn aus Hanau, beutete ihre Jünger nicht nur psychisch und physisch aus, sondern soll auch wegen Mordes an einem vierjährigen Jungen angeklagt werden. Die Ermittlungen dazu ziehen sich schon lange hin.

 

Dagegen hat die Religionsfreiheit der Kirchen im Zusammenhang mit fortgesetztem Kindesmissbrauch noch immer kein Ende gefunden, schließlich dürfen sie nach wie vor Ermittler und Richter in eigener Sache sein. Das mutet mich so an, als würde die Mafia in Sachen Geldwäsche gegen sich selbst und ihre Mitglieder ermitteln. Gut, die Mafia erledigt dann etwaige Verfehlungen wenigstens blutig, während die Kirchen ihre Pfarrer und Priester nur zu Gebet und Buse verdonnern.

Allein der Fakt, dass Religion und Weltanschauung im Grundgesetz im selben Absatz genannt werden, profaniert die Religion und schrumpft sie auf irdisches Maß. Sie ist eine Idee. Und da Gott, wenn es ihn gibt, keine Idee ist, bleibt die durch die Religion verehrte Gottheit nur eine menschliche Idee, egal wie theologisch verschachtelt sie auch sein mag. Das profaniert aber auch gleichzeitig alle Gottessuche oder jedes Streben nach Erleuchtung. Sie bleiben eine Nachdenklichkeit oder Spekulation über metaphysische Zusammenhänge. Indes wollen wir Menschen – eine besonders talentierte Spezies von Primaten – uns nicht mit unserem Nichtwissen begnügen, sondern verleugnen es gerne, indem wir uns ein Wissen vorgaukeln, das wir aus irrealen Zusammenhängen ableiten.

Damit aber nehmen wir uns die Freiheit, wahrhaft religiös – und zwar im Sinne des Wortes bedachtsam[1] – zu sein. Wir nehmen uns damit auch die Freiheit, das Mystische zu beobachten, ihm zu lauschen, es zu schmecken und zu atmen und es in uns wahrzunehmen. Wir bleiben verschlossen und halten diesen geistigen Kerker für Freiheit. Und warum? Weil wir Es besitzen wollen, weil wir durch Ihn mächtig sein wollen, so wie es seit Menschheitsgedenken immer wieder geschieht. Wir sind für wahre Mystik zu menschlich, eben gierig, besitzergreifend, ichbezogen und eitel. Also behaupten wir lieber Religionsfreiheit, missionieren und schlagen denen, die nicht mitgehen wollen, wie einst Kain dem Abel den Schädel ein. – Stimmen Sie mir bitte nicht zu, ich bin nicht ihr Guru; wenn überhaupt sind Sie es, so wie sie sich selbst ihr Licht sind … glauben Sie niemanden, nicht einmal sich selbst, nur dann bleiben Sie offen und frei für das Mystische; nur dann gewähren Sie sich buchstäblich Religionsfreiheit.

[1] Kluge Ethymologisches Wörterbuch: relegere = bedenken, achtgeben. Gemeint ist ursprünglich die gewissenhafte Sorgfalt in der Beachtung von Vorzeichen und Vorschriften.

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